Biken im WinterAbenteurer Lukas Stöckli verrät seine Tipps

Henri Lesewitz

 · 17.12.2022

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Foto: Lukas Stöckli
Stubenhocken? Nein danke! Den Schweizer Ex-Profi Lukas Stöckli zieht es auch im Winter aufs Bike. Ist ist er auf seiner legendären Lappland-Tour unterwegs.

Für den Schweizer Ex-Profi Lukas Stöckli hat die kalte Jahreszeit einen besonderen Reiz beim Mountainbiken. “Durch tief verschneite Bergwelten zu biken ist ein Erlebnis voller Mystik und Emotionen”, beschreibt er das Gefühl. Legendär ist seine jährliche Lappland-Expedition mit dem Fatbike, die er als geführte Tour anbietet. Kaum einer kennt sich beim Thema Biken und Kälte so aus, wie Lukas Stöckli. Wie man trotz Minusgraden warm bleibt und Spaß auf verschneiten Trails hat, das verrät er hier.

Die Kälte in Finnlands Norden lässt alles erstarren. Mit einem guten Klamotten-Management bleit man als Biker dennoch schön warm. Foto: Lukas Stöckli
Die Kälte in Finnlands Norden lässt alles erstarren. Mit einem guten Klamotten-Management bleit man als Biker dennoch schön warm.

Tipps von Lukas Stöckli zum Winter-Biken

Spannend ist, bei welchen Temperatur-Differenzen Mountainbiken möglich ist. Beim Pyrenäen-Cross erlebte ich Temperaturen von plus 42 Grad und in Lappland fuhren wir schon bei minus 26 Grad Fahrrad.

Effizienter Kälteschutz bei Minusgraden im Winter

Wintertemperaturen sind bei langen Abfahrten, aber auch bei langen Aufstiegen, eine Herausforderung. Bei meinen kombinierten Bike-Skitouren oder bei den Fatbike-Touren konnte ich viele spannende Erfahrungen sammeln. Gerade in Lappland, wo wir mit den Fatbikes schon bei minus 26 Grad unterwegs waren.

Bei einem Temperaturspektrum zwischen + 5 Grad und - 25 Grad braucht man ein Bekleidungs-Management, wie ich das nenne. Der Fahrtwind ist bei diesen Bedingungen ein entscheidender Faktor. Kann ich mich erfolgreich gegen ihn schützen, gelingt mir auch ein effizienter Kälteschutz.

Dick eingemummelt und das Tempo exakt austariert, das ist das Geheimnis eines perfekten Winter-Mountainbike-Erlebnisses. Foto: Lukas Stöckli
Dick eingemummelt und das Tempo exakt austariert, das ist das Geheimnis eines perfekten Winter-Mountainbike-Erlebnisses.

Strategien fürs Berghochfahren im Winter

  • Knapp nicht frösteln und somit nicht allzu stark schwitzen, denn nasse Kleidung verliert ihre Isolationswirkung! Ich fahre mit Kleidung, die Reißverschlüsse bei allen Schichten hat, die ich dann während der Fahrt öffnen und schließen kann. So lässt sich die Temperatur sehr gut regulieren.
  • Der (Fahrt)wind bläst das aufgebaute Wärmepolster zwischen Kleidern und Körper in Kürze weg. Bei diesen Temperaturen reicht bereits ein Flachstück im Aufstieg oder eine kurze Zwischenabfahrt. Eine Windstopper-Schicht mit Kragen schützt Brust und Hals vor dem bissigen Wind.
Auf Schneeschuh-Trails und Winterwanderwegen durch die tief verschneite Bergwelt zu biken ist ein besonderes Erlebnis voller Mystik und Emotionen. - Lukas Stöckli, Abenteuer-Biker
  • Am Kopf kann man einerseits viel Wärme verlieren und andererseits auch aufbauen. Um einen schweißnassen Kopf zu vermeiden, trage ich meist nur ein Faserpelzstirnband, das die empfindlichen Ohren komplett zudeckt.
  • Die Wangenknochen können bei sehr tiefen Temperaturen zu einer Problemzone werden. Ich streiche sie mit einer stark fettenden Creme ein. Sie hält den Wind ab und isoliert. Hirschtalgcreme, die ich auch als Sitzcreme verwende, oder Melkfett haben sich bewährt.
  • Als zusätzliche Isolation massiere ich auch Füße und Hände mit Hirschtalgcreme ein.
  • Auch die Knie werden üppig eingerieben. Zusätzlich trage ich über den Winterhosen noch Knielinge. Diese kann ich bei Bedarf nach unten schieben, beziehungsweise rollen.
  • Habe ich eine Getränke-Flasche mit, so fülle ich diese unmittelbar vor dem Start mit sehr heißem Wasser oder Tee. So bleibt das Getränk knapp zwei Stunden lang flüssig. Am idealsten ist eine Rahmentasche, wo die Flasche reinpasst. Eine isolierte Flasche ist da sehr nützlich. In Lappland habe ich jeweils eine Thermosflasche mit heißem Tee dabei. Hier würde eine normale Getränkeflasche oder der Schlauch einer Trinkblase umgehend einfrieren.
Einkaufsmöglichkeiten? Gibt es in winterlicher Weite meist nur spärlich. Genügend Proviant ist essentiell. Sowie ein wirksamer Schutz für die Getränke, damit diese nicht gefrieren. Foto: Lukas Stöckli
Einkaufsmöglichkeiten? Gibt es in winterlicher Weite meist nur spärlich. Genügend Proviant ist essentiell. Sowie ein wirksamer Schutz für die Getränke, damit diese nicht gefrieren.

Strategien fürs Bergabfahren im Winter

  • Der Fahrtwind ist bergab um ein Mehrfaches höher. Das mehrschichtige Bekleidungssystem (Zwiebelprinzip) ist bekannt und bewährt. Die Bekleidungsschicht, die auf der Haut liegt, muss jetzt trocken sein. Ist die Abfahrt länger, lohnt es sich, ein frisches Funktionsunterhemd anzuziehen. Am besten mit Kragen, damit auch der Hals geschützt ist. Damit das angeschwitzte Thermo-Trikot nicht mit dem trockenen Funktionshemd in Berührung kommt, ziehe ich dazwischen eine dünne Windjacke an. Diese Zwischenschicht hält die Nässe ab, isoliert zusätzlich gegen Wind und hat ein sehr kleines Packmaß. Als letzte Schicht folgt eine Daunenjacke. Sie schützt gegen den Wind und hat die beste Isolationswirkung gegen die Kälte. Meine Daunenjacke hat ein so kleines Packmaß, dass ich sie mit etwas Geschick sogar in der Trikottasche verstauen könnte.
  • Ein Kopfstrumpf (nur mit Augenöffnung), eine zusätzliche windabweisende Mütze sowie die Brille (bei sehr kalten Temperaturen eine Skibrille), schützen gegen Fahrtwind und halten am Kopf (auch dank Mehrschichtprinzip) viel Wärme zurück.
  • Spätestens jetzt bewähren sich richtige Bike-Winterschuhe mit Isolationssohlen. Ich habe damit bessere Erfahrungen gemacht als mit den dicksten Schuhüberzügen. Mit zwei Paar Socken kann auch hier das Mehrschichtenprinzip angewendet werden.
Das A und O: Ein isolierender, maximal wasserdichter Winterschuh. Die Northwave X-Celsius Arctic GTX sind perfekt und räumten den Sieg beim aktuellen BIKE-Test ab. Foto: Georg Grieshaber
Das A und O: Ein isolierender, maximal wasserdichter Winterschuh. Die Northwave X-Celsius Arctic GTX sind perfekt und räumten den Sieg beim aktuellen BIKE-Test ab.
  • Dasselbe gilt an den Händen. Ich empfehle Winterhandschuhe und drüber windabweisende und isolierende Skitouren-Fäustlinge. Zusätzlich wickle ich die Bremsgriffe mit einem dünnen Isolations-Schaumstoff ein. Denn der kalte Bremsgriff überträgt die Kälte auch durch die dicksten Handschuhe hindurch. In Lappland fahre ich mit Pogies, also zusätzlichen Lenkerstulpen. Diese schützen so gut, dass ich auch bei minus 10 Grad noch locker mit mitteldicken Handschuhen fahren kann.
Auf dem Foto gut zu erkennen: Die Lenkerstulpen, die den stärksten Fahrwind von Händen fernhalten und das Tragen normaler, nicht zu fetter Winterhandschuhe ermöglichen. Foto: Lukas Stöckli
Auf dem Foto gut zu erkennen: Die Lenkerstulpen, die den stärksten Fahrwind von Händen fernhalten und das Tragen normaler, nicht zu fetter Winterhandschuhe ermöglichen.
Mollige Handschuhe sind im Winter obligatorisch. In unserem aktuellen Handschuhtest überzeugten die Chiba 2nd Skin am meisten und holten den Sieg. Foto: Georg Grieshaber
Mollige Handschuhe sind im Winter obligatorisch. In unserem aktuellen Handschuhtest überzeugten die Chiba 2nd Skin am meisten und holten den Sieg.
  • Shorts über den Winterhosen halten zusätzlich die Oberschenkel und bei tiefen Temperaturen auch den empfindliche Genitalbereich warm.
  • Regen-Überhosen oder Windstopper-Hosen halten den Wind von Beinen und Knien ab. Der Vorteil des mehrschichtigen Bekleidungsprinzips beruht darin, dass zwischen den Kleidungsschichten insgesamt mehr Luft als Wärmeisolator gespeichert wird. Ausserdem lassen sich Feuchtigkeitstransport, Dampfdiffusion, Isolation und Windschutz durch die passenden Schichten- bzw. Materialwahl positiv beeinflussen.
Der Schweizer Ex-Profi  Lukas Stöckli liebt Mountainbiken und ist für seine besonderen und teilweise auch ausgefallenen Touren bekannt. Foto: Lukas Stöckli
Der Schweizer Ex-Profi Lukas Stöckli liebt Mountainbiken und ist für seine besonderen und teilweise auch ausgefallenen Touren bekannt.

Interview mit Lukas Stöckli zum Fatbiken im Winter

BIKE: Was macht Fatbiken für Dich so reizvoll?

Lukas Stöckli: Auf Schneeschuh-Trails und Winterwanderwegen durch die tief verschneite Bergwelt zu biken ist ein besonderes Erlebnis voller Mystik und Emotionen. Schneeschuh-Trails sind für uns oftmals temporäre Trails, die es ab dem Frühling nicht mehr gibt. Auf ihnen entdecke ich eine Welt, die mir im Sommer verborgen bleibt. Das Fatbiken ermöglicht mir, den Winter auf eine neue Art zu entdecken. Flache Landschaften sind mit Bergen kombinierbar, genauso wie gepresste Winterwege, Tiefschnee und apere Trails. Dies alles ist nicht möglich mit den gängigen Wintersportgeräten wie Schneeschuhen, Tourenski oder Langlaufski. Auch eine banale Schotterstraße bekommt ihren Reiz, wenn die Äste der Sträucher durch die Schneelast tief in die Straße hängen und daraus plötzlich ein schmaler Trail wird. Auch kann ich in dieser Zeit über Felder und Weiden abfahren und so meine Spur in den Tiefschnee legen.

Das Polarlicht, ein beindruckendes Naturschauspiel: Für Momente wie diesen lohnt es sich jede Anstrengung, auch wenn die Temperaturen eisig sind. Foto: Lukas Stöckli
Das Polarlicht, ein beindruckendes Naturschauspiel: Für Momente wie diesen lohnt es sich jede Anstrengung, auch wenn die Temperaturen eisig sind.

Mit dem Bike über gefrorene Seen zu fahren, die absolute Ruhe einer verschneiten Landschaft zu spüren oder ein Schneeschuhpfad zu rocken ist ein Erlebnis, welches mir die Vielfalt des Mountainbikens aufzeigt. Wenn ich diese Fatbike-Emotionen noch kombiniere mit einer Tour bei Vollmond, einem Fondue-Essen in einer urigen Berghütte oder einem Night Ride hoch über dem Talboden, dann ist das pures Glücksgefühl.

Romantik pur: Frisch gebrühter Tee am offenen Feuer haucht auch durchgefrorenen Bikern wieder Energie ein. Es sind vor allem Momente wie dieser, die im Gedächtnis bleiben. Foto: Lukas Stöckli
Romantik pur: Frisch gebrühter Tee am offenen Feuer haucht auch durchgefrorenen Bikern wieder Energie ein. Es sind vor allem Momente wie dieser, die im Gedächtnis bleiben.

Deine Fatbike-Expedition durch Lappland bietest du als geführte Tour an. Ist das für einen Normalsterblichen überhaupt zu schaffen?

Auf jeden Fall. Das klingt erst mal extremer als es ist. Auf dieser Tour vergisst man Raum und Zeit. Man taucht ab und lebt im Hier und Jetzt. Man saugt die Momente dieser Landschaft und unglaublicher Naturschauspiele auf. Die Gefühle, die ich dabei jedes Mal erlebe, überwältigen mich. Ein Erlebnis, das mich nachhaltig prägt, und für mich in dieser Art und Intensität einmalig ist. Und meine Kunden erleben es ähnlich.

300 Kilometer nördlich vom Polarkreis startet unser Abenteuer. Nur wenige tausend Menschen leben weltweit und dauerhaft oberhalb dieses Breitengrades. Über sanfte Hügel, durch lichte Föhrenwälder und über zugefrorenen Seen biken wir durch das größte naturbelassene Gebiet unseres Kontinents bis ans nördlichste Ende des europäischen Festlandes. Wir fahren durch die Heimat des letzten indigenen Naturvolks Europas mitten hinein in den höchsten Norden von Finnland und Norwegen.

Wir erleben emotionale und faszinierende Naturschauspiele wie das zartblaue Leuchten des Schnees in der langen Dämmerung. Oder wenn die tief am Horizont stehende Sonne ihr goldenes Licht über die dick eingeschneiten Tannen zaubert. Ungewohnt lange Schattenwürfe beeindrucken genauso wie die Fernsicht in der klaren Polarluft. Abends in der traditionellen, finnischen Sauna regenerieren wir uns. Und mit etwas Glück erleben wir dann in der Nacht nicht nur einen gewaltigen Sternenhimmel, sondern auch das Tanzen der mystischen Nordlichter.

Platz ist in der kleinesten Hütte: Bei der Lappland-Tour wird unter anderem in idyllisch gelegenen, kleinen Blockhütten übernachtet. Foto: Lukas Stöckli
Platz ist in der kleinesten Hütte: Bei der Lappland-Tour wird unter anderem in idyllisch gelegenen, kleinen Blockhütten übernachtet.

Lust, die Tour zu fahren? Infos und Anmeldung unter lukasstoeckli.ch

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