Zwei Hände reichen schon aus, um Reifenhersteller mit Produktion in Europa aufzuzählen. Ernüchternd oder? Auch die Liste der Laufräder, welche in Europa gefertigt werden, ist kurz. Noch kürzer fällt die Übersicht über die Fahrwerksteile Federgabeln und Dämpfer aus, wenn sie aus Europa kommen sollen.
Dafür gibt es natürlich gute Gründe, die aber zumindest diskutiert werden sollten. Wir stellen uns hier die Frage: Welche MTB-Laufräder, Reifen, Federgabeln und Dämpfer werden hier denn überhaupt produziert? Mit unserem fertigen Europa-Bike schlossen wir zwar das BIKE PROJECT: EUROPE, nicht aber die Recherche nach Marken aus Europa ab. Die aktuelle Liste enthält deshalb einige spannende Nachzügler.
Im Bereich Laufräder für Fahrräder gibt es gute Neuigkeiten: Wir konnten weitere Firmen aufspüren, die ihre Teile in Europa produzieren. Neu in der Liste ist zum Beispiel One-K. Die Pfälzer haben sich voll dem Bau leichter Carbon-Laufräder verschrieben und fertigen ausschließlich in Deutschland.
Wir hatten uns fürs BIKE PROJECT: EUROPE eine sehr herausfordernde Aufgabe gegeben und ausschließlich Laufrad- und Reifen-Firmen aus den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union gesucht. Inzwischen haben wir unsere Liste auch um weitere Hersteller aus dem geografischen Europa erweitert. Dazu zählt zum Beispiel der britische Nabenbauer Kom sowie die Briten von Hope, die man bei der Aufzählung europäischer Laufradhersteller nicht vergessen darf.
Das Schweizer Unternehmen Onza lässt seine Schläuche im tschechischen Werk von Rubena produzieren. Onza-Reifen kommen jedoch aus der taiwanesischen Produktion von Maxxis. Tatsächlich hat sich ein gutes Jahr nach Abschluss unseres BIKE PROJECT: EUROPE auf der List der europäischen Reifenhersteller nichts getan. Reifen kommen weiterhin vor allem aus Asien.
Unsere Liste ist nicht abschließend und wir freuen uns über Ihre Ergänzungen. Sie wissen, wo in der EU weitere Teile produziert werden? Dann schreiben Sie uns eine Mail an: j.timmermann@bike-magazin.de
Hersteller / Firmensitz / Produktionsstandort / Bemerkungen
Wer versucht, die Fahrwerkshersteller mit Produktion in Europa aufzuzählen, kommt früh zum Ende. Von allen Listen europäischer Mountainbike-Teile hat sich in der Übersicht zu Federgabeln und Dämpfern am wenigsten getan. Zwar stellte DT Swiss kürzlich eine Serie neuer Gabeln vor, diese entstehen derzeit jedoch noch nicht in der Schweiz, sondern in Taiwan.
Kamemo machte auf der Eurobike 2022 mit einem Luftfederdämpfer aus deutscher Produktion von sich Reden. Zwischenzeitlich ist es um das neue Unternehmen jedoch wieder sehr still geworden. Ein Serienprodukt scheint es noch nicht zu geben.
Chickadeehill hat inzwischen nicht mehr länger nur einen eigenen Luft-Dämpfer, sondern auch einen Stahlfederdämpfer aus Deutschland im Programm. Es bleibt trotzdem eine kurze Liste zu den MTB-Fahrwerken aus Europa.
Hersteller / Firmensitz / Produktionsstandort / Bemerkungen
Um die Frage zu beantworten, warum, es so wenige Laufräder und Reifen made in Europe gibt, muss zunächst eine ganz andere gestellt werden: Was steckt eigentlich drin in Laufrädern und Reifen fürs Mountainbike? Egal, ob Alu oder Carbon: Felgen sind in der Regel einteilig. Hinzu kommen je nach Aufbau des Laufrads zum Beispiel je 32 Speichen und Nippel. Manche Hersteller setzen an den Nippeln wiederum auf Sicherungsmittel oder Unterlegscheiben.
Naben wiederum bestehen aus dem Nabenkörper, einer Achse und zwei oder mehr Lagern, die sich je nach Bauart wiederum aus mehreren Dichtungen, Kugeln, Schalen und Schmierstoffen zusammensetzen. Außerdem können sich in Naben weitere Dichtungen und Distanzstücke wiederfinden. Zur Hinterradnabe gehört zudem der Freilaufkörper, in dem sich neben Lagern je nach System, Ratschenringe, Zahnscheiben, Sperrklinken und Federn befinden können.
In der Hand wirken Fahrradreifen, als würden sie aus nur einem einzigen Stück Gummi bestehen. Doch weit gefehlt. Reifen setzen sich in der Regel aus mehreren Schichten zusammen: der Lauffläche, einer Lage für den Pannenschutz, der Karkasse und einem Wulstkern. Letzterer sorgt für den Halt des Reifens auf der Felge und legt dessen Durchmesser fest. Wie der Name schon sagt, besteht der Wulstkern von Drahtreifen aus Metall. Bei Faltreifen kommt ein flexibler Ring, zum Beispiel aus Aramidfasern, zum Einsatz.
Karkassen sind textile Gewebe, die dem Reifen seine Form geben. Die meisten Hersteller setzen dazu auf beidseitig gummiertes Nylon-Gewebe. Auch die Pannenschutzlage besteht bei den meisten Reifen aus speziellen Geweben, wie etwa Kevlar. Die Lauffläche selbst ist meist eine Mischung aus Natur- und Synthetik-Kautschuk, dem zusätzlich Weichmacher, Fette, Füllstoffe (Ruß oder Kieselsäure), Vulkanisationsmittel und -Vulkanisationsbeschleuniger (Schwefel und Zinkoxid) sowie Farbstoffe beigemischt werden.
Damit der Reifen auch die Luft hält, braucht es entweder einen Schlauch aus Butyl, Latex oder anderen Kunststoffen oder für das Tubeless-Setup eine Dichtmilch aus Latex, Ammoniak und Farbstoffen. Beide Systeme brauchen ein Ventil, das aus einem dichtenden Fuß, einer Mutter, dem Ventilkörper und dem mehrteiligen Ventileinsatz besteht. Tyre-Inserts zum Schutz der Felge sind optional, Felgenbänder sind obligatorisch.
Dass die Rohstoffe für Kautschuk, Stahl, Aluminium, Fett, Gummi, Kunststoff und andere mineralölbasierte Rohmaterialien nicht vollständig aus Europa zu beziehen sind, ist offensichtlich. Russland zum Beispiel macht seinem Namen alle Ehre: Der überwiegende Anteil des in Fahrradreifen enthaltenen Rußes kommt von dort. Dass Firmen wie Schwalbe begonnen haben, mit dem Recycling von Ruß zu experimentieren, liegt nicht zuletzt am angespannten Verhältnis zu Russland seit Beginn des Ukraine-Krieges.
Gerade einmal zehn in der EU produzierende Hersteller von Federelementen kamen unserer Redaktion beim Brainstorming in den Sinn. Hinzu kommt eine Handvoll Zubehörfirmen. Beschränkt man sich auf spezielle Fahrwerks-Bauweisen, sind es noch weniger europäische Hersteller. Bei den Luftfederdämpfern bleiben mit BOS (Frankreich), Intend, Chickadeehill und dem Newcomer Kamemo (alle drei aus Deutschland) nur noch vier Dämpfermodelle zur Auswahl. Das ist, neben der Übersicht zu europäischen Reifen, de facto die kürzeste Liste unserer Recherche im Rahmen des BIKE PROJECT: EUROPE.
Woran liegt das? Nun, Federgabeln und Dämpfer sind extrem kleinteilige Produkte. Hält man eine Gabel in der Hand, würde man wahrscheinlich nicht denken, dass in ihr hunderte teils winziger Einzelteile stecken würden. Rohre, Dichtungen, Buchsen, Kolben, Fräs- und Spritzteile, Federn, Unterlegscheiben, Schrauben, Ventile, Schmierstoffe und vieles mehr sorgen dafür, dass ein Mountainbike-Fahrwerk federn und dämpfen kann. Diese Komplexität war auch der Grund dafür, dass wir uns beim BIKE PROJECT: RIDE GREEN für eine Aluminium-Starrgabel aus einem Hamburger 3D-Drucker entschieden haben. Der Bau einer nachhaltigen Federgabel war im Rahmen des Projektes nicht gemäß unseren Ansprüchen zu realisieren.
Federelemente sind zusammen mit Rahmen und Laufrädern die teuersten Parts an einem Bike. Die Hersteller sind deshalb darauf bedacht, all die vielen Kleinteile preisgünstig einzukaufen, um wirtschaftlich konkurrenzfähig zu sein. Gerade China und Taiwan produzieren die benötigten Güter in hoher Stückzahl und zu unschlagbar günstigen Preisen.
Und warum dann nicht auch alles dort zusammensetzen lassen? Dass das nicht zwingend zu Lasten der Qualität gehen muss, liegt an der jahrzehntelangen Expertise der asiatischen Bike-Industrie. Auch die europäischen Produzenten von Gabeln und Dämpfern kommen nicht vollständig um diese Dominanz herum. Sie bauen ihre Federelemente zwar in Europa zusammen, beziehen die Einzelteile jedoch von vielen unterschiedlichen Zulieferern. Längst nicht alle von diesen wiederum produzieren in der EU.
“Assembled in Europe” wäre wohl der genauere Slogan. Die Weiterentwicklung von Schlüsseltechnologien, wie die des 3D-Drucks, könnte dazu führen, dass auch in Europa wieder Einzelteile zu niedrigeren Preisen hergestellt werden. Bislang ist eine europäische Massenfertigung aber noch Zukunftsmusik.
Noch internationaler sieht es auf der Ebene der Rohstoffe aus. Bauxit für Aluminium, Erze für Stahl und die Kohlenstoffverbindungen für Polymere, wie zum Beispiel Erdöl, werden in den verschiedensten Ländern der Welt abgebaut oder gefördert.
Wie bei den meisten anderen Bikeparts auch gibt es noch keine Federgabeln oder Dämpfer, die zu 100 Prozent in Europa entstanden sind. Bei Intend (Deutschland) sollen immerhin rund 90 Prozent der Teile aus Europa stammen. Auch der französische Hersteller Fast gibt an, seit 2017 vor allem auf Zulieferer vom europäischen Kontinent zu setzen.
Nachvollziehbar sind diese Angaben aufgrund der kleingliedrigen Bauweise nur schwer. Europäische Handarbeit ist auch wegen der gesetzlich geregelten Umwelt-, Sozial- und Arbeitsstandards teurer als in den meisten asiatischen Ländern. Der Preis für die 29-Zoll-Federgabel Intend Edge liegt derzeit bei 1899 Euro. Fast ruft für den Enduro-Dämpfer Fenix Evo 950 Euro auf.