Bike Project EuropeDT Swiss baut die Laufräder für unser Europa-Mountainbike

Jan Timmermann

 · 11.12.2022

Kunsthandwerk Laufradbau
Foto: Georg Grieshaber

Fast 400 Jahre ist es her, dass man in Biel anfing, Draht für Weidezäune zu ziehen. Neben maschinell gefertigten Drahtspeichen entstehen bei DT Swiss auch heute noch ganze Laufräder in Handarbeit. Eine Geschichte über polnische Laufradbauerinnen mit Schweizer Idealen.

Martin Walther, CTO DT Swiss:

Laufradbau ist ein Kunsthandwerk. Menschen können das einfach besser als Maschinen. Sie lernen schnell und sind flexibel. Die besten Laufradbauer der Welt sind übrigens weiblich.
Martin Walther, CTO DT Swiss Foto: Georg Grieshaber
Martin Walther, CTO DT Swiss

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Das Project-Europe-Bike Foto: BIKE Magazin
Das Project-Europe-Bike

Das DT-Swiss-Hauptquartier in der Schweiz

Groß und mächtig prangen die Schriftzüge Schweizer Luxusuhrenhersteller über der Stadt. Sie klingen danach, wofür die Eidgenossenschaft in der ganzen Welt bekannt ist: Schweizer Präzisionsarbeit. So richtig passt das nicht zu den vielen Oberleitungsbussen, die in Biel zwischen den Nachkriegsbauten ihre Kreise ziehen. Wer trotzdem spontane Lust auf eine edle Uhr verspürt, kann unweit des Omega-Museums im Swatch-Drive-in sein Verlangen direkt vom Autositz aus stillen. Kurz hinter der Grenze des Stadtquartiers Champagne erhebt sich die Tissot-Arena über einem Industriegebiet.

Direkt daneben öffnet eine Schiebetür den Eingang zum DT-Swiss-Hauptquartier, einer Firma, mit der man seit jeher ebenfalls die Schweizer Ideale verbindet. „Wir produzieren schon immer da, wo wir auch verkaufen. Als Zulieferer der Bike-Industrie bedeutet das heute natürlich auch Taiwan. Als Schweizer Firma hieß das für uns aber von Anfang an Europa“, sagt Friso Lorscheider, als die Scheiben der Schiebetüre zur Seite gleiten und rückt seine große, weiße Sportbrille zurecht. Das Design der Innenräume ist aufs Nötigste reduziert und baut auf lediglich vier Farben. An den weißen Wänden stehen rote Sessel und schwarze Tische auf einem grauen Teppich. Zwischen der ganzen Corporate Identity steht etwas verloren eine einzelne grüne Zimmerpflanze. Doch die Inneneinrichtung ist hier nebensächlich, das machen die Naben, Speichen und Glasboxen voller Nippel an den Wänden klar.

“Uns wäre es auch lieber, wenn wir zehn Jahre lang dieselben Räder bauen würden. Die Schnelllebigkeit der Industrie wird oft verteufelt, doch der Druck kommt letztendlich auch vom Kunden.”
Friso Lorscheider, Marketing-Manager MTB DT Swiss Foto: Georg Grieshaber
Friso Lorscheider, Marketing-Manager MTB DT Swiss

Speichen im Sekundentakt

Eine weitere Tür führt direkt in die große Speichen-Werkshalle. Es riecht nach Öl, und das Hämmern der Schmiedemaschinen zerklopft die Unterhaltung in Wortfetzen. Friso versucht es trotzdem: „Es gibt exorbitante Unterschiede in der Speichenqualität auf dem Markt. Speichen müssen sich beim Flex an der Oberfläche genauso verhalten wie in ihrem Inneren. Obwohl die meisten Mountainbiker 64 dieser Teile am Rad haben, wird das oft völlig unterschätzt.“ Damit auch alle Biker ausreichend Speichen bekommen, fallen sie hier im Sekundentakt aus einer Mischung aus brandneuen und uralten Apparaturen. Von 800 Kilo schweren Drahtspulen wickelt sich das Futter für jede der Maschinen für klassische Rundspeichen.

Ausgangsmaterial für alle klassischen 
Rundspeichen ist eine 800 kg schwere Drahtrolle. Foto: Georg Grieshaber
Ausgangsmaterial für alle klassischen Rundspeichen ist eine 800 kg schwere Drahtrolle.

DT Swiss ist Weltmarktführer im Speichen-Business

Nach nur einem Tag sind sie aufgebraucht. Zunächst wird der Draht abgelängt, dann der Speichenkopf kaltgeschmiedet und gebogen. Abschließend rollt die Maschine das Gewinde, bevor die Speiche direkt in einen Versandkarton fällt. Dessen Ziel steht schon fest, denn alles, was hier hergestellt wird, ist bereits verkauft. Gerade der Trend zu 29 Zoll hat einen Produktionsschub für hochwertige Speichen gebracht. Schließlich müssen große Laufräder mehr Kräfte aushalten, sollen dabei aber leicht bleiben. „Die Nachfrage wächst täglich. Das ist super, macht mir aber auch manchmal Angst“, gesteht Friso. DT Swiss ist Weltmarktführer für Speichen, die Konkurrenz giert nach ihrem Knowhow. Deshalb werden die wichtigsten Produktionsprozesse gehütet wie ein Schweizer Nummernkonto.

Es gibt Roboter, aber ohne Fachkräfte geht’s nicht

Dort, wo der Lärm herkommt, hämmern Roboter in durchsichtigen Kästen auf konifizierte Speichen, um deren Durchmesser zu reduzieren. Der gesamte Prozess ist einsehbar und erinnert an ein Erklärstück aus der Sendung mit der Maus. Daneben polieren große Industriewaschmaschinen Zahnscheiben mit Hilfe von Keramikpartikeln. Neben fast allen Maschinen steht ein Mitarbeiter und kontrolliert die Ergebnisse. „Ich bin froh um jeden Kollegen“, redet Friso gegen die Roboter an. „Hier in der Gegend hatten die Fachkräfte schon immer viel Wissen um Feinmechanik. Ganz abgesehen von den hohen Lohnkosten haben wir in der Schweiz aber fast Vollbeschäftigung. Als produzierender Betrieb ist es extrem schwierig, Personal zu finden.“

Bei konifizierten Speichen ist DT Swiss Weltmarktführer. Das Knowhow 
für deren Herstellung ist Kern des Unternehmens.  Foto: Georg Grieshaber
Bei konifizierten Speichen ist DT Swiss Weltmarktführer. Das Knowhow für deren Herstellung ist Kern des Unternehmens.

Das sei auch ein Grund für den Schritt nach Polen gewesen. Dort fertigt DT Swiss geografisch nahe am wichtigen europäischen Markt nicht nur Speichen, sondern auch Naben, Nippel und Felgen. Im polnischen Oborniki sei man auf einen fruchtbaren Arbeitsmarkt, keine Zeitverschiebung und eine westliche Kultur gestoßen, welche die Implementierung der Unternehmenswerte vereinfacht habe. „Wir identifizieren uns als Europäer, aber auch ausdrücklich als Schweizer. Wenn wir zehn Uhr sagen, meinen wir auch zehn Uhr. Damit assoziiert der Kunde Hochwertigkeit und Zuverlässigkeit. Schneller Erfolg ist nicht unser Ziel. Im Leben sieht man sich nämlich immer zweimal.“ In Frisos Stimme schwingt Stolz mit.


Handgebaut in Polen

Für DT Swiss stand es nie zur Debatte, die gesamte Produktion nach Asien zu verlegen. Stattdessen wurde das Unternehmen auf der Suche nach einem wettbewerbs­fähigen Produktionsstandort, um den europäischen Bike-Markt schnell und effizient zu bedienen, in Polen fündig. 2007 wurde die Tochtergesellschaft in Oborniki gegründet. Seitdem werden dort Naben, Speichen, Nippel und Felgen gefertigt. Wie alle Töchter arbeitet auch der polnische Ableger unter einem Schweizer Management. In der Küche steht eine Schweizer Kaffeemaschine. Mit Hilfe von Schweizer Werkzeugen setzen die Laufradbauerinnen in Oborniki alle Modelle von Hand zusammen. Dank der Nähe zu den lokalen Kunden kann das Unternehmen auch in Krisenzeiten flexibel reagieren und konkurrenzfähig Nachschub liefern.

DT Swiss Laufräder: Polnische Handarbeit ist gefragt.  Foto: Hersteller
DT Swiss Laufräder: Polnische Handarbeit ist gefragt.

Emotionale Momente beim Marketing-Manager Friso Lorscheider

Gleich hinter der Anlage zur elektrochemischen Schwärzung der Speichen weckt ein Schriftzug in roten Lettern große Erwartungen: „DT Swiss Performance Center“ steht über der Flügeltür. Dahinter verbirgt sich eine gut ausgeleuchtete Folterkammer für Laufräder. Im Vergleich zur Werkshalle mit den vielen Schildern und Werkbänken voller Patina wirkt das Ensemble aus Prüfständen und Carbon-Laufrädern auf Transportwagen tatsächlich wie ein steriles Labor. In einer Ecke surrt ein 3D-Drucker, in einer anderen werden gerade Speichenlöcher mit einer Lupe untersucht. „Wenn ich sehe, dass eines unserer Produkte kaputtgeht, nimmt mich das emotional mit. Und es berührt mich ebenso intensiv, nur eben auf positive Art, wenn Nino Schurter mit unseren Laufrädern auf dem Treppchen steht“, verkündet Friso. Am Mountainbike sei es besonders schwierig, die realen Belastungen auf dem Trail einzuschätzen. „Die Kunden sind anspruchsvoller geworden. Sie zahlen hohe Preise und hinterfragen alles“, sagt Friso, der seit Jahrzehnten in der Bike-Industrie arbeitet.

Das Einspeichen der Laufräder ist meist Frauensache

Auf der Dachterrasse des Nachbargebäudes sitzt eine kleine Gruppe in der Sonne. Der Speiseplan der angrenzenden Kantine ist mehrsprachig. Auch auf der Etage der Laufradbauerinnen hängen polnische Instruktionen an der Wand. Was in Biel an einer Handvoll Montageplätzen geschieht, ist die Eins-zu-eins-Vorlage für den Laufradbau in Polen, Taiwan und den USA. Regelmäßig finden Fortbildungen für internationale Mitarbeiterinnen statt. In angenehmer Stille und mit Blick auf die Berge des Schweizer Juras werden hier Laufräder von Hand gebaut. Die einzigen größeren Apparaturen sind Öfen zum Aushärten der Wasserschiebe-Decals. Friso nimmt eine 24-Zoll-Felge vom Regal. „Die hier ist für Fabio Wibmers Trialbike. Eine Maschine müssten wir dafür erst einstellen. Unsere Laufradbauerinnen setzen sich einfach hin und fangen mit dem Einspeichen an. Den Punkt zwischen maximaler Speichenspannung und minimaler Abweichung zu finden, ist eine Kunst, die Menschen besser beherrschen als Maschinen.“ Flexibilität und Authentizität sind die Vorteile einer Manufaktur. Ein Computer kann die eigenen Produkte nach Feierabend auch nicht fahren. Deshalb landet im digitalen Fingerabdruck des Rads immer auch der Name der Laufradbauerin. Bis hin zum allerersten DT-Swiss-Laufrad ist die genaue Spannung jeder einzelnen Speiche zum Zeitpunkt der Auslieferung in einer Datenbank nachvollziehbar.

Behutsam legt Friso den Laufradsatz für unser Europa-Bike in den Kofferraum. „Wer konsequent weiß, was er tut, kann auch Lieferketten präzise nachvollziehen.“ Er blickt hinüber zum Logo der Tissot-Arena und ergänzt grinsend: „Präzise, wie ein Schweizer Uhrwerk.“

DT Swiss Firmenhistorie

   Das Firmenlogo: Der Name der ehemals Vereinten Drahtwerke Biel und der französichen Übersetzung Tréfilerie ist denkmalgeschützt. Foto: Georg Grieshaber
Das Firmenlogo: Der Name der ehemals Vereinten Drahtwerke Biel und der französichen Übersetzung Tréfilerie ist denkmalgeschützt.

1634 waren die Vereinten Drahtwerke Biel weltweit einer der wenigen Betriebe, die Metalldrähte produzierten. In der Taubenlochschlucht begannen sie, mit Hilfe von Wasserkraft zunächst Draht für Weidezäune und später weitere Metallprodukte herzustellen. Bald war das Unternehmen der größte Arbeitgeber im zweisprachigen Biel. Aus dem Wort Drahtwerke und der französischen Übersetzung Tréfilerie entstand ein Logo mit den beiden Anfangsbuchstaben. Noch heute thront das denkmalgeschützte DT-Sandsteinlogo über der Taubenlochschlucht und kann von einem Wanderweg aus gesehen werden. Als die Drahtwerke 1990 den Betrieb einstellten, waren Speichen und Schrauben die letzten verbliebenen Produktionsbereiche. 1994 wurde DT Swiss als Management-Buyout des Traditionsunternehmens gegründet. Kerngeschäft war von Anfang an die Speichenproduktion für die Fahrradindustrie – bis 2011 in den alten Gebäuden der Drahtwerke. Um geografisch nahe an den internationalen Kunden zu produzieren, entstand 1996 eine Tochtergesellschaft in den USA. Es folgten Töchter in Taiwan und in Polen. Als die Schweizer schließlich alle Laufradeinzelteile im Sortiment hatten, wünschten sich Kunden auch deren Zusammenbau durch DT Swiss. Heute gehören außerdem Gabeln, Dämpfer und eine Teleskopsattelstütze zum Portfolio.

Laufräder werden von DT Swiss in Polen, Taiwan und in den USA gebaut

In der Schweiz entwickelt, in Polen gebaut: Für den Laufradsatz unseres Projekt-Europe-Bikes kratzt die Wertschöpfung in Europa an der 100-Prozent-Marke.

1. Modell

Der Laufradsatz DT Swiss ES 1700 Spline wurde extra für die harten Ansprüche des Enduro-Einsatzes entwickelt. Um die Naben vom Modell 350 drehen sich DT-Swiss-Competition-Straightpull-Speichen und die EX-511-Enduro-Felgen mit 30 Millimetern Innenweite. Für eine stabile Verbindung sorgen DT-Pro-Lock-Squorx-Nippel. An unserem Projekt-Bike ist der Laufradsatz tubeless und im Mullet-Setup verbaut.

Technische Daten

  • Vorderrad: 29 Zoll
  • Hinterrad: 27,5 Zoll
  • Gewicht: 1940 Gramm/Satz
  • Preis: ca. 750 Euro/Satz

2. Naben

Naben- und Freilaufkörper der DT Swiss 350 werden im polnischen Oborniki produziert. Auch die Dichtungen, Federn und Achsen stammen aus Polen. Von europäischen Zulieferern kommen die Kugellager und die Schmiermittel. Die Zahnscheiben des Ratchet-SL-Systems fertigt DT Swiss nur am Hauptsitz in Biel. 36 Zähne sorgen auf der Scheibe für den Freilauf in der Hinterradnabe und für die Kraftübertragung beim Pedalieren. Um sich vor Kopien zu schützen, produzieren die Schweizer ihre Zahnscheiben ausschließlich im eigenen Haus. Zusammengesetzt werden die Naben in Polen.

3. Speichen

Speichen fertigt DT Swiss an allen Standorten in Polen, Taiwan, den USA und der Schweiz. Ausnahme sind flache Aero-Speichen, die mehr Arbeitsschritte erfordern und nur in Biel entstehen. Auch der Ausgangsdraht für konifizierte Modelle wird einzig in der Schweiz produziert. Durch Kaltschmieden wird der Durchmesser im Mittelteil auf 1,8 Millimeter reduziert, während die Enden bei 2 Millimetern verbleiben. Daraus resultieren 62 Gramm Gewichtsersparnis pro Laufrad-Set mit 64 Speichen. Ihre Herstellung ist ein Kerngeschäft für DT Swiss, und die Prozesse werden entsprechend gut gehütet.

4. Felgen und Nippel

Da Nippel dank geringem Packvolumen gut versendet werden können und die Produktionsanlagen besonders investitionsintensiv sind, stellt DT Swiss diese ausschließlich in Polen her. Wer Felgen verschiffen will, packt mehr Luft in den Karton als Material. Deshalb entstehen sie an den beiden wichtigsten Standorten des Laufradbaus in Polen und in Taiwan direkt vor Ort. Gleiches gilt für die Decals und die Felgenbänder. Wer in Deutschland einen DT-Swiss-Laufradsatz kauft, kann fast sicher sein, dass dieser in Oborniki entstanden ist. Zu Ausnahmen kommt es nur in seltenen Fällen der Überproduktion in Asien.

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