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Rockshox: neues, elektronisches Automatik-Fahrwerk

Rockshox Flight Attendant: Ready to fly

  • Peter Nilges
 • Publiziert vor 2 Monaten

Nach E:i-Shock und Fox Live Valve kontert Rockshox nun mit einem drahtlosen, elektronischen MTB-Fahrwerk. Verleiht das neue Flight-Attendant-System wirklich Flügel?

Einfach nur biken und sich auf nichts anderes konzentrieren müssen. Ein simpler Wunsch. Da Komfort und Effizienz beim Fully aber nicht immer im Einklang stehen, kommt dem Mountainbike-Fahrwerk eine Schlüsselrolle zu. Je nach Fahrsituation und Untergrundbeschaffenheit müssen sich Federgabel und Dämpfer im Idealfall anpassen. Maximal sensibel, wenn es gilt, Wurzelteppiche zu glätten, aber auch straff und effizient beim Pedalieren auf Schotter oder Straße und im welligen Gelände irgendetwas dazwischen. Wer immer das richtige Setup wollte, musste bislang ständig den Plattformhebel – soweit vorhanden – an Gabel und Dämpfer bemühen. Irgendwie umständlich.

Die Vorstellung und erste Testeindrücke vom neuen AXS-Fahrwerk von Rockshox im Video.

Das muss doch irgendwie einfacher gehen, dachte sich bereits 2012 die Accell-Gruppe, die zusammen mit Trelock als Entwicklungspartner Elektronik ans Fahrwerk brachte. Das E:i-Shock-System wurde bei Haibike, Ghost und Lapierre eingesetzt und sollte dank Sensorik in Tretlager, Steuersatz und Gabel automatisch den passenden Modus am Dämpfer einstellen. Das gelang durch die niedrige Geschwindigkeit von Sensoren und Stellmotor nur bedingt, weshalb das System nach einigen Jahren auch wieder verschwand. Mit Live Valve zündete Fahrwerksgigant Fox die nächste Evolution in 2018. Durch die fortgeschrittene Sensorik und die um Welten kürzere Reaktionsgeschwindigkeit von Kontrolleinheit und Ventilsteuerung in Gabel und Dämpfer konnte Live-Valve in der Praxis voll überzeugen. Der saftige Aufpreis von rund 2000 Euro, die zusätzliche Verkabelung und speziellen Aufnahmen am Rahmen machten das System aber zum absoluten Nischenprodukt, ohne eine nennenswerte Verbreitung.

Dennis Stratmann Die Bestandteile des neuen AXS-Fahrwerks von Rockshox.

Flight Attendant: Kabellos und Teil des AXS-Systems

Mit der drahtlosen AXS-Technologie sorgte Sram/Rockshox in den letzten Jahren für einen smarten Einzug der Elektronik am Mountainbike. Teleskopstütze und vor allem AXS-Schaltung erfreuen sich dank einfacher Montage und zuverlässiger Funktion einer größer werdenden Beliebtheit. Es war also nur eine Frage der Zeit, wann Rockshox mit einem elektronischen Fahrwerk, das selbstredend kabellos arbeitet, nachzieht. Nach sieben Jahren Entwicklungszeit erfüllt Rockshox mit Flight Attendant genau diese Erwartungen. Anders als beim Live-Valve-Fahrwerk von Fox kommunizieren die vier einzelnen Elektronik-Komponenten in Gabel, Dämpfer, Tretlager und dem optionalen Controller am Lenker drahtlos über das AXS-Netzwerk miteinander. Jedes Bauteil benötigt daher eine eigene Stromquelle.

Hersteller Sensoren: Auf der Dämpfungsseite der Gabel und im Dämpfer sitzen Beschleunigungs- und Lagesensoren, die Erschütterungen registrieren und zwischen Up-, Downhill und Flachpassagen sowie Schräglage unterscheiden. Der zusätzliche Pedaliersensor in der Kurbelwelle erkennt Tret- und Rollphasen. Auf Grundlage dieser Informationen werden Gabel und Dämpfer unabhängig voneinander in die Modi: Open, Pedal oder Lock versetzt.

Dennis Stratmann Die Kontrolleinheit sitzt in der Topcap der Gabel und kann mit Hilfe von drei Tasten eingestellt werden. Über den optionalen Controller am Lenker kann der Automatik-Modus an- und ausgeschaltet und ein vorprogrammierter Override-Modus gewählt werden.

Da alle Flight-Attendant-Komponenten direkt in/an Gabel und Dämpfer verbaut sind und der Pedaliersensor mit den meisten DUB-Kurbelwellen kompatibel ist, fällt die Integration am Bike extrem einfach aus. Sofern der Rahmen einen Dämpfer mit Ausgleichsbehälter aufnehmen kann, sind alle Hürden genommen. Wie auch Fox vertraut Rockshox bei seinem neuen Fahrwerk auf das Zusammenspiel von Beschleunigungs- und Lagesensoren, die Gelände- und Fahrsituationen erkennen und dementsprechend automatisch das richtige Fahrwerks-Setup wählen. Durch den zusätzlichen Pedaliersensor bei Flight Attendant weiß das System jedoch auch, ob der Fahrer tritt oder rollt und kann sich entsprechend vorbereiten. Auch die Logik unterscheidet sich zum zweistufigen System von Fox, das nur zwischen Auf und Zu beim Fahrwerk umschaltet. Während beim Live Valve das blockierte Fahrwerk nur bei Bedarf blitzschnell öffnet, arbeitet Flight Attendant grundsätzlich mit offenem Fahrwerk und schaltet situativ in einen Plattform- oder Lockout-Modus.

Nur an Komplett-Bikes von YT, Canyon, Specialized und Trek

Da auch bei Flight Attendant der Dämpfer (Super Deluxe) auf den jeweiligen Hinterbau eines Fullys abgestimmt werden muss, wird es das gesamte System zunächst nur in ausgewählten Komplett-Bikes zu kaufen geben. Canyon, YT, Specialized und Trek heißen die Marken, die exklusiv Bikes mit Flight Attendant anbieten. Für jeweils 7999 Euro sind das Canyon Neuron und das Spectral die günstigsten Bikes auf dem Weg in die Zukunft. Das Jeffsy und das Capra von YT liegen mit 8999 Euro knapp darüber. Die beiden Enduros von Specialized und Trek dürften wesentlich teurer ausfallen, da bereits die beiden aktuellen Topmodelle (Enduro S-Works und Slash 9.9) mit 13500 und 11999 Euro jenseits von gut und böse liegen. Man kann von einem Aufpreis von mindestens 2000 Euro ausgehen. Neben dem Super Deluxe Dämpfer im Heck gibt es seitens der Gabeln drei Modelle zur Auswahl. Rockshox bietet Flight Attendant in den Plattformen Pike, Lyrik und Zeb an und deckt damit den Federwegsbereich von 120 bis 190 Millimeter ab.

Erster Test: So fährt sich das Rockshox-Fahrwerk Flight Attendant

Mit dem Einlegen der Akkus erwacht das System unter deutlich hörbarem Surren der Stellmotoren. Bevor es zum allerersten Mal auf die Trails geht, erfolgt die kurze, einmalige Kalibrierung des Systems. Wenn Gabel und Dämpfer wissen, in welcher Lage sie zueinander stehen – was bergauf, was bergab und Schräglage bedeutet – kann es losgehen. Die grüne LED an der Gabel signalisiert mir den Automatikmodus. Ich sprinte auf Schotter bergauf, das Fahrwerk strafft sich und jegliches Pumpen entfällt. Oben angekommen versetzt die erste Wurzel das Fahrwerk in Alarmbereitschaft. Die Stellmotoren öffnen umgehend Gabel und Dämpfer, die Hindernisse werden geschluckt. Sobald der Trail wieder zahmer wird, geht das System in den Plattform-Modus. Zuerst hinten, dann vorne. Je nach Setup der Bias-Einstellung (Empfindlichkeit) wird bevorzugter die Plattform oder das Lockout genutzt. Das Fahrwerk macht das was es soll und zwar unfauffällig, ohne Haken oder Ruckler. Im rauen Gelände fällt auf, das man deutlich weniger im Federweg versackt. Das System hält mich höher im Federweg, ohne dass ich auf Komfort verzichten muss. Aktive Fahrer, die gerne das Gelände zum Pushen nutzen, bekommen mehr Unterstützung. Aber: Auch wenn die Signale in nur fünf Millisekunden verarbeitet werden, arbeiten die Stellmotoren in den Dämpfungseinheiten langsamer als beispielsweise die Magnetventile im Fox-System. Wenn man kurbelnd mit gelockten Fahrwerk auf ein Hindernis trifft, öffnet der Stellmotor zwar augenblicklich, aber man bekommt zumindest an der Gabel etwas mehr vom Hindernis mit, als würde man mit offener Forke dagegen fahren. Das lässt sich jedoch absolut verschmerzen, da der Lockout der Gabel weniger straff als am Dämpfer ausfällt.

Dennis Stratmann Wir konnten das Rockshox Elektro-Fahrwerk bereits an einem YT Jeffsy testen. Das neue AXS-Fahrwerk bringt 308 Gramm Mehrgewicht auf die Waage.

Fazit Peter Nilges, BIKE Ressortleiter Test und Technik

Im Gegensatz zur elektronischen Schaltung, wo im Prinzip nur ein mechanischer Schaltbefehl durch ein Funksignal ersetzt wird, bietet das Flight Attendant Fahrwerk einen echten Mehrwert für den Fahrer. Nach acht Wochen im Einsatz steht fest: So schnell, zuverlässig und unauffällig wie im Automatikmodus könnte man manuell niemals sein Fahrwerk anpassen. Unterm Strich ist man effizienter unterwegs und kann sich voll und ganz aufs Biken konzentrieren. Akkus/Batterien an allen einzelnen Komponenten und der anfangs noch sehr hohe Preis sind die Kehrseite des gelungenen Systems.

Dennis Stratmann Der Controller ist das Spiegelbild des bekannten AXS-Schalters der Schaltung. Eine Taste kann die Reverb-AXS bedienen, die andere das Fahrwerk. Durch den Automatikmodus könnte man auch komplett auf den Controller verzichten.

Dennis Stratmann Das Flight Attendant Modul sitzt auf der Dämpfungkartusche der Gabel. Über drei Knöpfe kann das System bedient und eingestellt werden. Im Inneren befindet sich die Sensorik und der Stellmotor, der die Dämpfung einstellt.

Dennis Stratmann Analog zur Gabel sitzen auch im Dämpfer ein Beschleunigungs- und Lagesensor. Die drei Fahrwerksmodi: Open, Pedal, Lock regelt ebenfalls ein Stellmotor.

Dennis Stratmann Damit das System weiß, wann der Fahrer kurbelt, steckt in der Kurbelwelle ein Pedaliersensor. Hört der Fahrer auf zu treten, geht das Fahrwerk bereits in Alarmbereitschaft.

Welche Akkus sind verbaut und wie lange halten sie?

Während die Knopfzelle im Controller und die AAA-Batterie im Pedaliersensor 200 Stunden halten sollen, verfügen Gabel und Dämpfer über den identischen, von AXS-Schaltung und -Telestütze bekannten Akku. Rockshox gibt für den Dämpfer 30-40 Stunden Fahrzeit und für die Gabel 20-30 Stunden an.

Die AXS-App: Alle Einstellungen können auch über die AXS-App vorgenommen werden. Je nach Wahl der Empfindlichkeit des Systems (Bias) wird häufiger der Pedal- oder Lock-Modus verwendet. Im Open-Modus lässt sich zusätzlich die Lowspeedruckstufe an Gabel und Dämpfer zehnfach einstellen. Die Einstellung der Druckstufe sowie die Pedal-, als auch Lock-Funktion wird über jeweils einen Stellmotor in Gabel und Dämpfer bedient. Im offenen Modus reguliert ein Nadelventil den Ölfluss. Im Pedal- und Lock-Modus fährt die Nadel jeweils weiter zu einem anderen Ventilsegment.

Hersteller Über die AXS-App lässt sich das Flight-Attendant-Fahrwerk justieren und anpassen.

Dennis Stratmann Flight Attendant wird es in den Rockshox-Federgabeln Pike, Lyrik und ZEB geben. Als Dämpfer steht der Superdeluxe zur Wahl. Zunächst ist das System auf vier Komplettbikemarken beschränkt.

Interview mit Jon Cancellier, Rockshox Produktmanager

BIKE: An wen richtet sich Flight Attendant und was soll das neue Fahrwerk leisten?

Flight Attendant ist für jeden Mountainbiker interessant, der seine Effizienz verbessern will. Statt jedes Mal manuell das Fahrwerk an die Fahrsituation anzupassen, nehmen wir dem Fahrer diese Entscheidung ab und entlasten ihn.

Was waren die größten Herausforderungen bei der Entwicklung und wie lange hat es insgesamt gedauert?

Eine der größten Herausforderungen ergibt sich daraus, dass wir kein Elektronik-Produzent sind. Wir konnten nicht auf vorhandene Stellmotoren, Schnittstellen und Getriebe zurückgreifen, sondern wollten alle unsere Ideen von Grund auf selbst umsetzen. Die Entwicklung hat daher sieben Jahre gedauert, auch wenn wir bereits mit der drahtlosen Rennradschaltung eTap und den Quarq-Powermetern einiges an Erfahrung sammeln konnten.

SRAM Jon Cancellier, Rockshox Produktmanager

Wie lief der Entwicklungsprozess ab, wo ihr doch schon 2012 beim elektronischen Fahrwerk E:i-Shock beteiligt wart?

Wir waren damals nicht direkt in die Entwicklung eingebunden, sondern stellten nur den Monarch-Dämpfer für das von Trelock entwickelte System zur Verfügung. Von daher haben wir uns vor sieben Jahren auf Neuland begeben. Wir starteten zunächst mit zwei Fahrwerks-Modi (offen und Lockout), stellten aber schnell fest, das eine dritte Plattform-Stufe eine richtig gute Ergänzung ist. Auch der Pedaliersensor, der den Input vom Fahrer erfasst, macht absolut Sinn und liefert wertvolle Informationen für die Wahl des entsprechenden Modus. Bei jeder Entwicklung müssen wir antizipieren, was die Leute haben wollen und sind durch die Einbettung in die AXS-Welt auch in der Lage, neue Funktionen und Updates hinzuzufügen.

Welche Bike-Kategorien profitieren am stärksten von eurem Fahrwerk?

Vom Prinzip macht das Fahrwerk an allen Bikes Sinn, mit denen man pedaliert. Je mehr Federweg, desto stärker ist die Effizienzsteigerung spürbar.

Bringt Flight Attendant auch einen Vorteil in Rennen?

Unser Ansatz war es in erster Linie, ein effizienteres Bike zu ermöglichen. Dabei hatten wir nicht primär Racer im Fokus. Messungen auf Strava haben jedoch gezeigt, dass das Fahrwerk auch schneller macht.

Wie sieht die Zukunft aus? Arbeiten auch die Bremsen in ein paar Jahren drahtlos und ohne jegliche Leitungen?

Auch wenn es technisch sicherlich möglich ist, wäre die Skepsis im Markt wohl sicherlich viel zu hoch. Wir arbeiten definitiv nicht daran.

Blick zurück: Intelligente Fahrwerke und Analyse-Tools

Auf der Suche nach der optimalen Unterstützung für den Fahrer hat die Bike-Industrie bereits einige Ideen in Sachen Fahrwerk umgesetzt. Nur wenige Helferlein konnten sich durchsetzen und am Markt etablieren.

1. Fox Live Valve ist seit 2018 auf dem Markt. Der hohe Preis und die mäßige Integration verhinderten eine stärkere Marktakzeptanz, des kabelgebundenen Systems. In Fahr- und Langzeittests konnte Live-Valve überzeugen.

Ian Collins Das Fox Live Vale gibt's seit 2018. Allerdings gibt's das Elektro-Fahrwerk nur an einzelnen Komplett-Bikes, die sehr teuer sind.

2. Das Cannondale Simon System in der Lefty-Gabel wurde bereits 2009 auf der Interbike in Vegas gezeigt. Neben verschiedenen Fahrmodi konnte die Gabel sogar abgesenkt werden. Simon schaffte nie den Sprung in die Serie.

3. Auch Bremsenspezialist Magura überraschte 2015 mit dem elektronischen Fahrwerk Elect , das sogar wie Flight Attendant drahtlos funktionierte und bis auf den fehlenden Pedaliersensor ähnlich funktionierte. Durch die Abtastrate von nur zwei Hertz arbeitet das Fahrwerk jedoch ziemlich langsam.

4. Anders als die übrigen Automatik-Fahrwerke kommt das Specialized-Brain-Fahrwerk ohne Elektronik aus. Die rein mechanische Regelung erfolgt über ein Massenträgheitsventil, das beim Auftreffen auf ein Hindernis den Ölfluss in Gabel oder Dämpfer frei gibt. Brain wurde über viele Jahre weiterentwickelt und kommt im Specialized Epic zum Einsatz. Die Funktion kann nicht restlos überzeugen.

5. Das E:i-Shock-Fahrwerk wurde ab 2012 an Bikes von Ghost, Haibike und Lapierre verbaut. Das kabelgebunde System besaß wie Flight Attendant einen Pedaliersensor, arbeitet aber deutlich langsamer und konnte sich nicht am Markt etablieren.

2012 stellte die Accell-Gruppe an Bikes von Ghost, Haibike und Lapierre das E:i-Shock-System vor

6. Beim aktuellen Mondraker Mind-System handelt es sich um ein Analyse-Tool, das die Fahrwerksaktivität aufzeichnet. So werden Federweg sowie Ein- und Ausfedergeschwindigkeit von Gabel und Dämpfer augzeichnet, was als Grundlage für ein optimales Setup dient.

7. Auch das ShockWiz-System aus dem Hause Sram (Quarq) dient als Analyse-Tool für Gabel und Dämpfer. Über die Änderung des Luftdruckes der Luftfedern gibt das System hilfreiche Ratschläge zum Setup. Denkbar ist, dass in Zunkunft auch ShoxWiz in der AXS-Welt mitspielt.

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