Neuheiten 2019: Fox Live Valve

Fox Live Valve: die Zukunft des Fahrwerks?

  • Peter Nilges
 • Publiziert vor 2 Jahren

Mit dem E:i Shock-System von Rock Shox gab es bereits 2012 ein automatisches, elektronisches Fahrwerk. Jetzt legt Fox mit dem Live Valve System nach. BIKE hat das neue MTB-Fahrwerk ausgiebig getestet.

Auf dem Akku gibt es nur zwei Knöpfe zur Bedienung des Live-Valve-Systems. An- und Aus sowie die Setting-Taste, mit der die Unterstützungsstufen fünffach verstellt werden können. Zudem wird die Akkukapazität angezeigt.

Woraus besteht das Fox Live Valve-System?

Es gibt einen Beschleunigungssensor (einachsig) an der Gabelbrücke und einen an der Kettenstrebe auf der Scheibenbremsseite. Beide leiten ihre Infos über die Untergrundbeschaffenheit per Kabel an eine Recheneinheit (Controller), die am Hauptrahmen sitzt. Im Controller befindet sich ein zusätzlicher 3-Achsen-Beschleunigungssensor, der registriert, ob sich das Bike gerade im Uphill, Downhill oder im Flachen befindet. In der Dämpfungseinheit der Gabel und im Dämpfer sitzt ein Ventil mit Elektromagnet, das vom Controller geöffnet oder geschlossen wird. Das ganze System wird von einem 72 Gramm leichten Lithium-Ionen-Akku versorgt, der eine Fahrzeit von 16 bis 20 Stunden ermöglichen soll.

Ein Sensor sitzt am ungefederten Teil der Gabel und registriert 1000 Mal pro Sekunde die Untergrundbeschaffenheit.

Was registriert das System und was macht es?

Das Live-Valve-System von Fox ersetzt vom Prinzip ein mechanisch angesteuertes Lockout, indem es automatisch die vom Bike-Hersteller vorgewählte Plattform an Federgabel und Dämpfer unabhängig voneinander öffnet oder schließt. Dazu registriert das System die Untergrundbeschaffenheit über die Beschleunigung an Vorder- und Hinterrad und misst die Neigung des Mountainbikes. Zusätzlich erkennt das System, ob sich das Bike gerade beim Sprung in der Luft befindet und kann entsprechend die Dämpfung öffnen. Je nach Höhe der Beschleunigung, Bike-Neigung und vorgewählter Intensitätsstufe wird die Dämpfung verschieden lange geöffnet.

Der hintere Sensor sitzt an der Kettenstrebe und liefert alle notwendigen Infos mit einer Geschwindigkeit von 1000 Hertz an den Dämpfer.

Wie schnell arbeitet das System?

Die beiden Einachs-Beschleunigungssensoren arbeiten mit einer Abtastrate von 1000 Hertz, also 1000 Mal pro Sekunde. Das Ventil in Gabel und Dämpfer kann in nur drei Millisekunden geöffnet oder geschlossen werden (100 Mal schneller als ein Augenzwinkern). Das System öffnet die Plattform in Gabel und Dämpfer somit schneller, als der Fahrer ein Ruckeln oder einen Schlag vom Untergrund bemerken kann. Um die hohe Geschwindigkeit gewährleisten zu können, scheidet eine kabellose Lösung z. B. mit Bluetooth oder ANT+ aus.

Bis auf das zusätzliche Kabel sieht der Dämpfer recht normal aus.

Was kann man alles einstellen?

Die Handhabung des Live-Valve-Systems wurde sehr einfach gehalten. Die Bedieneinheit mit zwei Knöpfen sitzt auf dem Akku. Es gibt nur einen An/Aus-Schalter und einen Knopf zum Einstellen der Intensität/Unterstützungsstufen. Fünf Leuchtdioden geben Infos über Akkukapazität und vorgewählte Stufe. Neben der Elektronik lässt sich die Druckstufe an Gabel und Dämpfer klassisch, in 18 Klicks mit einem 3-Millimeter-Inbus für den offenen Modus verstellen.

Der bislang einzige Live-Valve-fähige Fox-Dämpfer basiert auf einem DPX2-Gehäuse. Die Druckstufe lässt sich nach wie vor für den offenen Modus mit 18 Klicks verstellen.

Wie schwer ist das System?

Im Vergleich zu einem mechanisch angelenkten Lockout für Gabel und Dämpfer soll das Fox Live-Valve-System etwa 144 Gramm mehr auf die Waage bringen.

Der Akku lässt sich schnell und einfach über die beiden Halteklammern entfernen und wiegt nur 72 Gramm. Die Akkukapazität soll 16 bis 20 Stunden Fahrzeit ermöglichen.

Wie fährt es sich auf dem Trail und braucht man es wirklich?

Das System arbeitete bei unseren Testfahrten absolut überzeugend. Die Geschwindigkeit, mit der Gabel und Dämpfer geöffnet werden, beeindruckt. Im Vergleich zu mechanischen Systemen wie Terralogic oder dem ähnlich funktionierenden Brain-System von Specialized ist kein störendes Ruckeln oder Hakeln zu spüren. Aber braucht man das System wirklich? Diese Frage lässt sich nicht einfach beantworten und hängt stark von den eigenen Bedürfnissen ab. Ich persönlich habe noch nie ein automatisches Lockout vermisst. Nach einigen Ausfahrten muss ich jedoch zugeben, dass das System so gut funktioniert, dass man sich sehr schnell an die komfortable Funktion gewöhnt. Ausgiebige Tests mit EWS-Profi Greg Callaghan sollen zudem bestätigt haben, dass man im Enduro-Einsatz mit Fox Live Valve schneller unterwegs ist. Auf einer vierminütigen Stage war die Rede von zwei Sekunden Zeitersparnis. Ob das jedoch 2000 Euro Mehrwert rechtfertigt, muss jeder Fahrer selbst entscheiden.

Bei Schlägen öffnet die geschlossene Dämpfung innerhalb von nur drei Millisekunden. Das geschieht so schnell, dass der Fahrer kein Ruckeln bemerkt.

Je nach Rahmendesign wird die Recheneinheit, auf der der Akku sitzt, platziert. Der Rahmen muss jedoch für das System vorbereitet sein.

Wie zuverlässig arbeitet das System?

Mit jedem zusätzlichen Elektronik-Bauteil am Bike steigt natürlich auch die Gefahr eines potenziellen Ausfalls. Außerdem besteht die Notwendigkeit, den Akku regelmäßig zu laden. Ein leerer Akku kann in 1,5-2 Stunden voll geladen werden. Fährt man den Akku während einer Fahrt leer, schaltet das System automatisch in den offenen Modus. 15 Minuten laden reichen bereits für eine Fahrzeit von zwei Stunden aus. Sollte man ein Kabel an Gabel oder Hinterbausensor abreißen, bleibt das System im bis dahin aktuellen Modus. An unserem Testbike machte die Akkukapazität jedoch Probleme. Der volle Akku entlud sich beim ausgeschalteten System innerhalb von unter einer Woche von selbst. Auch die angegebene Fahrzeit von etwa 16 Stunden konnte nicht erreicht werden. Der Grund war ein geknicktes Kabel. Nach dem Austausch funktionierte es einwandfrei.

Zusätzlich zu den Beschleunigungssensoren an Gabel und Kettenstreben registriert der Controller am Hauptrahmen die Neigung und weiß so, ob das Bike klettert, in der Ebene fährt oder im Downhill gen Tal brettert.

Was wird es kosten?

Scott, Pivot und Giant werden die ersten Bike-Firmen sein, die ein Komplettbike mit Fox Live Valve anbieten werden. Laut Aussage von Scott wird das System etwa 2000 Euro Aufpreis kosten. Der Rahmen muss bereits für das System und die Verkabelung vorbereitet sein. Es ist daher nicht nachrüstbar.

Maximale Effizienz: Das System nutzt jeden Bruchteil einer Sekunde, um eine Dämpfungsplattform zuzuschalten. Damit schlägt es jedes manuelle Remote-System um Längen.

Interview mit Everet Ericksen (Fox Engineering Manager)


BIKE: Was war die größte Herausforderung bei der Entwicklung von Live Valve?

Everet Ericksen: Es gab unterschiedliche Herausforderung. Mit die größte war es wohl, ein System zu entwickeln, dass eigenständig die Dämpfung so kontrolliert, dass es sich möglichst natürlich für den Fahrer anfühlt. Abgesehen davon war es nicht so einfach, ein sehr effizientes und zusätzlich sehr schnelles System zu realisieren, das mit einer kleinen Batterie auskommt.


Für welche Bike-Kategorie macht Live-Valve am meisten Sinn?

In diesem Punkt sind wir sehr neutral und lassen die Produktmanager der Bike-Firmen entscheiden. Wir glauben, dass das System für die meisten Bikes und Fahrer Vorteile bringen kann.  Natürlich haben wir einen Fokus auf dem Profi-Sport (Cross Country und Enduro) und wir werden das System für Erstausrüster, aber auch den Nachrüstmarkt anbieten. Ich persönlich sehe den größten Benefit an Bikes zwischen 130 und 160 Millimeter Federweg und für durchschnittliche Fahrer, die nicht immer die Zeit haben an ihrer Fitness zu arbeiten. Diese Fahrer werden mit Live-Valve deutlich spüren, dass sie effizienter unterwegs sind.


Warum sind mechanisch angesteuerte System auf einmal nicht mehr gut genug?

Ich würde nicht sagen, dass sie nicht mehr gut genug sind. Für solche Fahrer, die Elektronik oder Batterien am Bike hassen, ist ein mechanisches System sicherlich eine großartige Lösung. Live-Valve übertrifft die Funktion eines manuellen Lockouts jedoch um Längen, vor allem wenn der Fahrer müde ist oder bei maximaler Belastung auf dem Bike sitzt. Es ist ein riesiger Vorteil, nicht über seine Fahrwerkseinstellung nachdenken zu müssen. Du musst nur noch dein Bike fahren und dir über nichts mehr Gedanken machen. Wie oft kommt es vor, dass man mit geschlossener Gabel oder Dämpfer eine Abfahrt runter fährt. Das passiert mit Live Valve nicht mehr.


Ein Bike mit Live-Valve fühlt sich schneller an, aber ist es das auch wirklich?

Wir haben dazu verschiedene Messungen durchgeführt. Unter anderem mit Enduro-Profi Greg Callaghan. Auf den üblichen Enduro-Stages in Finale Ligure konnte er seine Zeiten mit Live-Valve um zwei Sekunden verbessern. Zusätzlich war sein Feedback, dass er für manche Kurven jetzt zu viel Geschwindigkeit hatte und seine Bremspunkte neu wählen musste.


Elektronik am Bike erhöht auch immer die Gefahr eines Ausfalles. Wie robust ist das System?

In der Tat bestehen solche Risiken. Wir haben unser System nach IPX7-Standard getestet. Es ist also in einem Meter Wassertiefe für 30 Minuten dicht. Wir haben zusätzlich den IPX6-Standard für Hochdruckreiniger sowie für Schmutz und Staub bestanden, auch wenn man das Waschen mit einem Hochdruckreiniger eher vermeiden sollte.


Vom Prinzip könnte man auch sagen, das Fox Live Valve macht Bikes mit einer miserablen Kinematik erst fahrbar. Ist es mehr ein Instrument, um Schwachstellen auszumerzen oder das Bike noch besser zu machen?

Ich denke, dass Live Valve den Kompromiss aus Antriebseffizienz und Schluckvermögen deutlich verbessert. In Zukunft könnten Bikes mit Live Valve deutlich mehr auf Downhill-Performance ausgelegt werden, ohne bergauf Nachteile in Kauf nehmen zu müssen.


Aktuell sind die Bauteile des Live-Valve-Systems und die Verkabelung noch sehr stark sichtbar. Wir wird die Integration in ein paar Jahren aussehen?

Das hängt natürlich davon ab, wie das System am Markt ankommt und die Bike-Firmen über Live-Valve-spezifische Rahmen-Designs von Mountainbikes nachdenken. Bis die Funktechnik sich weiterentwickelt, sind wir auf jeden Fall auf Kabel angewiesen.


2000 Euro Aufpreis für ein Bike mit Live Valve sind eine Menge Holz. Kann das System in Zukunft wesentlich günstiger werden?

Wie bei allen Elektroprodukten hängt der Preis stark von den Stückzahlen ab. Kommt das System gut an, kann also auch der Preis in Zukunft sinken. Am Anfang sprechen wir natürlich nur von Bikes im Highend-Bereich auf Shimano-XTR-Level. Unser Drei- bis Fünf-Jahres-Plan sieht aber auch einen Preispunkt für Bikes auf XT-Level vor.

Im Freefall-Modus erkennt das System, das das Bike gerade in der Luft ist und öffnet die Dämpfung bereits für die Landung.

Schlagwörter: ei-shock elektronisches Fahrwerk Eurobike_2018 Fahrbericht Fahrwerk Fox Live Valve Neuheiten 2019


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