Focus Jam² SLLeichtes Trail E-Bike mit Fazua-Motor

Florentin Vesenbeckh

 · 26.10.2022

Focus Jam² SL 9.9 // 160/150 mm // 29 Zoll // 8499 Euro // 19 kg
Focus Jam² SL: Leichtes Trail E-Bike mit Fazua-Motor
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Keine Kategorie verzeichnet derartige Zuwachsraten wie die Gattung leichter E-Mountainbikes. Focus zeigt mit dem Jam² SL ein E-Bike mit dem neuen Fazua Ride 60, das zwischen den Kategorien Trail, All Mountain und Enduro wandelt. Besonderheit ist eine anpassbare Geometrie.

Wer baute 2017 das erste E-MTB mit Light-Motor der Geschichte? Richtig, es war Focus! Das Hardtail Raven² war das erste E-Mountainbike mit dem damals brandneuen Fazua Evation-Motor. Und blickt man noch etwas weiter zurück, war der Light-Ansatz bei Focus schon früher präsent. Das Jam² setzte schon 2016 auf ein flexibles Akku-System mit fest verbautem 378-Wh-Akku plus optionalem Range Extender. Doch später war es bei den Stuttgartern ruhig geworden um die Light-E-Bike-Kategorie. Jetzt, wo die Gattung mit dem neuen Ride 60-Antrieb, ebenfalls von Fazua, richtig Aufwind bekommt, ist auch Focus wieder mit von der Partie. Das Jam² SL ist ein rassiges Trailbike mit Vollcarbonrahmen, 160/150 Millimetern Federweg, 29er-Laufrädern und einer umfangreichen Geometrieanpassung.

Verlagssonderveröffentlichung

Die Fakten zum Focus Jam² SL

  • Motor: Fazua Ride 60, max. 60 Nm Drehmoment
  • Akku: Fazua Energy, 430 Wh, entnehmbar
  • Federweg: 160 / 150 mm
  • Laufräder: 29 Zoll
  • Vollcarbonrahmen
  • Gewicht: ab 17,9 kg (Topmodell 9.0, Herstellerangabe); Modell 9.9: 19,0 kg (Größe L, EMTB-Messwert)
  • Vier Ausstattungsvarianten zwischen 6199 und 11499 Euro
  • Vier Größen: S, M, L, XL
  • Erste Bikes ab sofort verfügbar (Modell 9.9 und 8.8)
  • max. zul. Systemgewicht: 135 kg

Fazua Ride 60 - der Antrieb des Focus Jam² SL

Wie schon bei seinem ersten E-MTB mit Light-Motor setzt Focus auch jetzt auf den bayerischen Motorenhersteller Fazua. Der brandneue Ride 60 ist für den Einsatz am E-MTB ein enormer Fortschritt gegenüber seinem Vorgänger. In unserem großen Vergleichstest leichter E-Bike-Antriebe konnte er voll überzeugen. Insbesondere das starke Verhältnis aus Leistung und Gewicht lässt den kompakten Motor herausstechen. Im Vergleich der Light-Liga schiebt der Antrieb richtig kräftig. Das könnte manchen Verfechter klassischer E-MTBs ins Grübeln bringen. Auch der verhältnismäßig große Akku mit 430 Wattstunden macht den Ride 60 - und damit auch das Focus Jam² SL - zum starken Allrounder. Vom spitzen Produkt in der Nische werden Light-E-MTBs zu Allroundern mit breiterem Einsatzbereich.

Der Fazua Ride 60 lässt sich super schlank in den Tretlagerbereich integrieren.Foto: Wolfgang Watzke
Der Fazua Ride 60 lässt sich super schlank in den Tretlagerbereich integrieren.

Besondere Bedeutung kommt beim Light-E-MTB der Integration des Akkus zu. Denn hier lässt sich einiges an Gewicht sparen. Auf der Suche nach dem leichtest möglichen E-Bike verbauen viele Hersteller, wie die Vorreiter Specialized beim Levo SL und Orbea beim Rise, die Batterie fest im Rahmen. Das spart Pfunde, schreckt aber auch viele Kunden ab. Denn so lässt sich die Batterie weder zum Laden oder Lagern entnehmen, noch kann man die Reichweite durch einen Wechsel-Akku verdoppeln. Für Focus war das keine Option. Benutzerfreundliches Handling stand bei der Entwicklung ganz oben. So kann das Focus Jam mit einer simplen und schnellen Akku-Entnahme punkten, die man so bei kaum einem Light-E-MTB findet.

Der Akku ist klassisch ins Unterrohr integriert. Zum Abnehmen des Covers reicht ein Inbusschlüssel.
Foto: Wolfgang Watzke

Das Gewicht des Focus Jam² SL

Bei Light-E-MTBs, der Name sagt es schon, ist das Gewicht eine Schlüsselgröße. Bei exakt 18,98 Kilo checkt unser Testbike in Größe L ein. Ein Rekordwert ist das bei Weitem nicht. Doch das Gewicht muss man natürlich in die passende Relation setzen. Bikes wie das Levo SL waren schon vor Jahren deutlich leichter. Allerdings spielt das Specialized auch in einer anderen Klasse, was Motor- und Akku-Power angeht. Das Fazua-Paket ist diesbezüglich deutlich potenter, was sich unweigerlich beim Gewicht bemerkbar macht. Das zeigt auch unser aktueller Vergleichstest der Light-Antriebe. Und auch die Ausstattung am abfahrtsorientierten Focus Jam 9.9 lässt deutlich Luft nach oben. Carbon-Parts sucht man vergeblich. Das gewichtsoptimierte Topmodell soll nochmal über ein Kilo leichter sein. Außerdem geht die komfortable Akku-Entnahme auf die Pfunde. Bezieht man diese Punkte bei der Bewertung des Gewichts mit ein, hängt Focus durchaus ein attraktives Paket an die Waage. Dazu haben die Stuttgarter dem Rahmen einige Sparmaßnahmen aufgedrückt. Einen externen Ladeport am Bike gibt´s nicht. Das soll rund 200 Gramm bringen. Der Akku muss zum Laden also zwingend aus dem Rad entnommen werden. Außerdem haben die Focus-Ingenieure ihre FOLD-Dämpferanlenkung auf Diät gesetzt. Die Vielzahl an schweren Umlenkhebeln ist einem deutlich simpleren Design gewichen.

Das Besondere der Focus-Kinematik war in den letzten Jahren eine komplizierte, mehrfach umgelenkte Dämpferanlenkung. Aus Gewichtsgründen wurde das System für das Jam SL-Bike deutlich vereinfacht und schlanker gestaltet.Foto: Wolfgang Watzke
Das Besondere der Focus-Kinematik war in den letzten Jahren eine komplizierte, mehrfach umgelenkte Dämpferanlenkung. Aus Gewichtsgründen wurde das System für das Jam SL-Bike deutlich vereinfacht und schlanker gestaltet.

Weiteres zum Thema Gewicht: Focus hat für die Modellpalette zwei unterschiedlich hochwertige Carbonrahmen im Angebot. Die beiden teureren Modelle 9.9 und 9.0 setzen auf hochwertigere Carbonfasern, die Gewicht einsparen, ohne die Steifigkeit des Bikes einzuschränken. An den Modellen 8.8 und 8.7 kommt ein Rahmen mit etwas günstigerem Carbon-Layup zum Einsatz. Dieser soll in Größe M etwa 300 Gramm schwerer sein. Fun-Fact: Unser letztes Jam²-Testbike mit Shimano-Antrieb und 720-Wh-Akku bringt fast sieben Kilo mehr auf die Wage als das SL-Modell. Und das bei ähnlichem Preis!

Voll variabel: die Geometrie des Focus Jam² SL

Um die Geometrie an unterschiedliche Einsatzbereiche, Geschmäcker und Körperproportionen individuell anzupassen, spendiert Focus dem Jam² SL zwei Verstelloptionen. Dadurch soll sich der Charakter vom abfahrtsorientierten Bike mit viel Laufruhe bis hin zum wendigen Allrounder trimmen lassen. Erste variable Größe ist die Kettenstrebenlänge. Dafür setzen die Stuttgarter Ingenieure auf zwei Flipchips. Einer davon sitzt in der Kettenstrebe vor dem Ausfallende, der andere in der Sitzstrebe. Warum es dafür zwei Flipchips braucht? Weil so die Kettenstrebenlänge isoliert verändert werden kann. Bei herkömmlichen Flipchip-Verstellungen ändern sich auch andere Parameter wie der Sitzwinkel und die Tretlagerhöhe mit. Insofern ist der Ansatz, den Focus gewählt hat, super. In der Umsetzung hätten wir uns allerdings eine klarere Kennzeichnung der Flipchips bzw. der Stellungen “lang” und “kurz” gewünscht. So kann die doppelte Verstellung für Verwirrung sorgen. Die zwei Optionen beim Jam² SL: kurze 440 Millimeter oder moderate 447 Millimeter. Ausgeliefert werden die Größen S und M in der kurzen, L und XL in der langen Einstellung.

Vor dem Ausfallende sitzt ein Flipchip zur Verstellung der Kettenstrebenlänge. Dieser soll allerdings nur in Verbindung mit dem zweiten Flipchip genutzt werden.Foto: Wolfgang Watzke
Vor dem Ausfallende sitzt ein Flipchip zur Verstellung der Kettenstrebenlänge. Dieser soll allerdings nur in Verbindung mit dem zweiten Flipchip genutzt werden.
Flipchip Nummer zwei Befindet sich an der Verbindung von Sitzstrebe und Dämpferanlenkung. Eine klarere Kennzeichnung der Chips wäre hilfreich, um eine “falsche” Einstellung zu verhindern und die Einstelloptionen dem Biker besser zu erklären.Foto: Wolfgang Watzke
Flipchip Nummer zwei Befindet sich an der Verbindung von Sitzstrebe und Dämpferanlenkung. Eine klarere Kennzeichnung der Chips wäre hilfreich, um eine “falsche” Einstellung zu verhindern und die Einstelloptionen dem Biker besser zu erklären.

Auch die Winkel des Focus Jam sind variabel. Dafür sorgt eine drehbare Lagerschale am Steuersatz, die den Lenkwinkel um ein Grad abflacht bzw. aufsteilt. 65,5 oder 64,5 Grad gibt Focus für die beiden Positionen an. In Summe variiert der Radstand zwischen den beiden Extrempositionen kurz/steil und lang/flach um 27 Millimeter. Das ist eine ganze Menge und im Praxiseinsatz ein deutlich spürbarer Unterschied.

Im Steuersatz stecken drehbare Lagerschalen von Acros. Zur Verstellung des Lenkwinkels um 1 Grad muss der Vorbau gelockert werden, dann lassen sich die Einsätze um 180 Grad drehen. Auch hier wäre eine klarere Darstellung der gewählten Position hilfreich.Foto: Wolfgang Watzke
Im Steuersatz stecken drehbare Lagerschalen von Acros. Zur Verstellung des Lenkwinkels um 1 Grad muss der Vorbau gelockert werden, dann lassen sich die Einsätze um 180 Grad drehen. Auch hier wäre eine klarere Darstellung der gewählten Position hilfreich.

Der Radstand des E-Bikes nimmt in der kürzesten Einstellung in Größe L kompakte 1247 Millimeter ein. Das ist moderat und klassisch für ein wendiges E-Trailbike. Flacht man den Lenkwinkel ab und verlängert den Hinterbau, landet der Radstand bei 1274 Millimetern. Ein Wert, der selbst an einem Full-Power-Enduro-E-Bike kaum unterdimensioniert wäre. Der Reach fällt mit 485 Millimetern in Größe L erwachsen und modern aus.

Die Geometrie des Focus Jam² SL im Überblick. Die Werte bei Radstand und Kettenstrebenlänge zeigen die Variationen durch die Geometrieverstellung.Foto: Hersteller
Die Geometrie des Focus Jam² SL im Überblick. Die Werte bei Radstand und Kettenstrebenlänge zeigen die Variationen durch die Geometrieverstellung.

Das Focus Jam² SL 9.9 - auf Abfahrt getrimmt

Unser Testbike, das Jam² SL 9.9, nimmt in der Modellpalette eine Sonderrolle ein. Die Produktmanager haben dem Bike eine Extraportion Nehmerqualitäten eingehaucht und die Ausstattung auf Abfahrt ausgelegt. Als einziges Bike der Linie setzt das 9.9er auf einen Dämpfer mit Ausgleichsbehälter. Auch der überbreite 820er-Lenker mit 35 Millimetern Rise dreht den Regler in Richtung Enduro. Unser Testbike brachte in Größe L knapp 19 Kilo auf die Wage. Das gewichtsoptimierte Topmodell soll laut Focus über ein Kilo leichter sein.

Die Fox 36 Performance Elite Gabel arbeitet mit Grip2-Dämpfung hervorragend und schluckt mit 160 mm auch gröbere Brocken.

Modelle, Preise und Verfügbarkeit

Vier Ausstattungsvarianten des Jam² SL wird es geben. Der Einstiegspreis von 6199 Euro ist dabei für ein E-MTB mit Vollcarbonrahmen absolut fair. Das Topmodell ist mit 11.499 Euro hingegen das - soweit wir uns entsinnen können - teuerste Focus aller Zeiten. Ab sofort sollen einige Bikes bei Focus-Händlern verfügbar sein. Wenn auch erstmal in überschaubarer Stückzahl. Doch die nächste Produktionscharge soll nicht lange auf sich warten lassen. Zuerst im Handel sind die Ausstattungsvarianten 9.9 und 8.8.

Das Topmodell Jam² SL 9.0 ist voll auf geringes Gewicht ausgelegt und mit edlen Carbon-Parts bestückt. Gewicht laut Hersteller: 17,9 Kilo. Preis: 11499 Euro. Dafür gibt es ein Fox-Factory-Fahrwerk, kabellose Sram Eagle AXS-Schaltung und Mavic-Crossmax-Laufräder mit Carbonfelgen.

Das Focus Jam² SL 9.9 auf dem Trail

Wer auf dem Jam² SL Platz nimmt, hat das Gefühl auf einem großen E-Mountainbike zu sitzen. Neben dem langen Reach verstärkt der sehr breite und hohe Lenker dieses Gefühl. Unangenehm gestreckt ist die Sitzposition aber nicht, denn der steile Sitzwinkel positioniert den Fahrer zentral ins Bike. Uphills kann man so gemütlich angehen. In der langen Kettenstrebenposition klettert das Bike auch steile Rampen recht unkompliziert. Und dank dem kräftigen Fazua-Antrieb verirrt man sich durchaus gerne mal auf anspruchsvolle Uphills. E-Bike-Feeling und Uphill-Flow haben Bike und Antrieb definitiv an Bord. Bei rutschigen Bedingungen schränkt allerdings der mäßige Grip des Hinterreifens die Kletterfähigkeiten ein.

Steile Uphills muss man mit dem Jam² SL nicht fürchten. Wurzeln und Unebenheiten kommen aber deutlich beim Fahrer an. Der Hinterbau steht hoch im Hub und arbeitet dabei eher vortriebs-, denn komfortorientiert.Foto: Wolfgang Watzke
Steile Uphills muss man mit dem Jam² SL nicht fürchten. Wurzeln und Unebenheiten kommen aber deutlich beim Fahrer an. Der Hinterbau steht hoch im Hub und arbeitet dabei eher vortriebs-, denn komfortorientiert.

Bevor es auf den Trail geht, muss man sich für eine der diversen Geometrie-Optionen entscheiden. Oder man startet einfach so, wie man das Focus Jam in die Hände bekommt. In unserem Fall war das die Kombi aus langem Heck und steilem Lenkwinkel. Schon nach kurzer Testphase haben wir auf die kurzen Kettenstreben gewechselt und uns in dieser Kombi deutlich wohler gefühlt. Steiler Lenkwinkel, kurze Kettenstreben: So wird das Bike mit seinem eher kompakten Radstand zum agilen und spaßigen Trail-Flitzer. Einzig der superbreite und hohe Lenker wollte zu diesem Charakter nicht so recht passen. Stimmig gliedert sich hingegen der eher straffe Hinterbau ein, der das spritzige Handling und die Sprungfreude unterstreicht.

Verspieltes Handling auf dem Trail? Ja, das Jam² SL versprüht definitiv den Duft, der Light-E-MTBs so spannend macht. Natürliches Handling statt Panzer-Feeling.Foto: Wolfgang Watzke
Verspieltes Handling auf dem Trail? Ja, das Jam² SL versprüht definitiv den Duft, der Light-E-MTBs so spannend macht. Natürliches Handling statt Panzer-Feeling.

Wird das Gelände rauer, die Abfahrten steiler und die Geschwindigkeit höher, wünscht man sich etwas mehr Radstand und damit verbundene Fahrstabilität. Also ab in den Bikepark. Hier hat uns die lange Geometrie (lange Kettenstreben, flacher Lenkwinkel) am meisten überzeugt. Die Nehmerqualitäten steigen spürbar, trotzdem fühlt sich das E-MTB nicht sperrig oder unhandlich an. Enduro-Feeling will an Bord des Focus Jam² SL 9.9 aber trotz aufgebohrter Ausstattung nicht aufkommen. Der Hinterbau generiert nur mäßig Traktion und beruhigt ruppige Passagen nicht in Enduro-Manier. Das wird zwar besser, wenn man den Dämpfer weicher abstimmt. Doch dann ist das Ende des Hubs zu schnell erreicht und das Heck schlägt durch. Schade: Unser Testbike klapperte auf holperigen Abfahrten.

Foto: Wolfgang Watzke

Fazit von EMTB-Testleiter Florentin Vesenbeckh

“Das Focus Jam² SL spricht eine sehr breite Zielgruppe an. Zum einen passt es mit seiner variablen Geometrie auf viele Fahrertypen. Gleiches gilt für den Fazua-Antrieb mit guter Power und ordentlicher Reichweite bei geringem Gewicht und niedriger Lautstärke. Die komfortable Akku-Entnahme ist an einem Light-E-MTB alles andere als selbstverständlich - auch das macht das Bike sehr vielseitig. Und nicht zuletzt ist der Einstiegspreis für diese Kategorie fair. Uns hat das Bike als spritziges und verspieltes Trail-Bike am besten gefallen. Der Spagat in Richtung Enduro gelingt trotz Geometrieverstellung und viel Federweg nicht so ganz. Hier fehlt es dem Hinterbau an Schluckvermögen.”
EMTB-Redakteur Florentin Vesenbeckh auf dem Jam² SL 9.9Foto: Wolfgang Watzke
EMTB-Redakteur Florentin Vesenbeckh auf dem Jam² SL 9.9

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