Schweizer Doppelsieg im XC – Überraschungen im Downhill Schweizer Doppelsieg im XC – Überraschungen im Downhill Schweizer Doppelsieg im XC – Überraschungen im Downhill
Seite 1: UCI Mountainbike WM 2017 Cairns

Schweizer Doppelsieg im XC – Überraschungen im Downhill

  • Stefan Loibl
  • Adrian Kaether
 • Publiziert vor 4 Jahren

Zum Saisonhöhepunkt tummeln sich die schnellsten Biker der Welt vom 5.-10. September im australischen Cairns. Hier lesen Sie, wer von der MTB-Weltmeisterschaft 2017 mit einer Medaille heimfliegt.

Die Downhill-WM in Cairns war ein Wettbewerb der Extraklasse. Die Erwartungen an die vielen Australier im eigenen Land Klasse zu zeigen waren extrem hoch, insbesondere die Geschwister Mick und Tracey Hannah hatten im Vorfeld keinen Hehl daraus gemacht, dass sie sich schon seit mehr als einem Jahr intensiv für genau dieses Rennen vorbereitet hatten. Der Druck vor dem Rennen auf die australischen Favoriten wuchs damit ins schier Unermessliche. Die Strecke war ungewöhnlich für einen Downhilltrack – tretlastig am Ende und flach, doch immer wieder unerwartet tückisch, das Wetter typisch tropisch, heiß und feucht, die Hindernisse auf der Strecke wurden von einer teils 20 Centimeter hohen Staubschicht verdeckt.


Kein Wunder, dass da alles anders kam, als vorher gedacht. Überraschungen beleben den Rennbetrieb ungemein und erhöhen die Spannung, doch was am vergangenen Wochenende in Australien seinen Lauf nahm, war beinahe etwas viel des Guten. Ein erster Schock aus Cairns: Rachel Atherton war im Training gestürzt und hatte sich das linke Schlüsselbein gebrochen. Schon in einer der ersten, eigentlich unspektakulären Kehren geschah das Unglück, doch der tiefe Sand hat eben seine Eigenheiten. Die Titelverteidigerin würde also gar nicht starten können.


Im Timed Training dann waren die Australier wie erwartet extrem schnell, doch bei der Weltmeisterschaft hat das meistens nicht viel zu bedeuten. Erst recht nicht, weil es sowieso keine Qualifikationsrunde gibt: gestartet wird aufsteigend nach der UCI Punktezahl. Am Renntag wurde alles nur noch schwieriger. Durch die vielen Trainingsläufe war der Staub tiefer und tiefer geworden, die Sonne brannte unbarmherzig auf die Finish-Area herunter, doch die Zuschauer hielt das nicht ab.

Miranda Miller: Schnell und sauber


Los ging es im Damenrennen mit einer Phalanx von etwas unbekannteren australischen Fahrerinnen, doch die erste echt konkurrenzfähige Zeit brannte die Kanadierin Miranda Miller in den Staub. Ausgerechnet auf flacheren, flüssigen Strecken wie etwa auch in Leogang konnte die Kanadierin  in der Vergangenheit immer wieder bis ganz nach vorne fahren, erst seit diesem Jahr genießt sie den offiziellen Werksteam-Support ihres Hauptsponsors Specialized. In Cairns zahlte sich das aus und als Emilie Siegenthaler stürzte und Marine Cabirou und Eleonora Farina die Zeit von Miranda Miller nicht schlagen konnten, begann Millers Zeit wirklich stark zu wirken.

UCI Miranda Miller leistete sich keine Fehler.


Genug für den Weltmeistertitel? Sauber und schnell war Miranda Miller gewesen, doch nie über dem Limit wodurch ihr Run von außen betrachtet täuschend langsam wirkte. Mit massiver Sprintstärke holte sie auf den letzten zweihundert Metern noch einmal einige Sekunden auf die Konkurrenz heraus, doch dass ihre Zeit für den Titel tatsächlich reichen würde, das hätte wohl zu diesem Zeitpunkt niemand ernsthaft geglaubt.

Tahnee Seagrave stürzt


Marine Cabirou und Eleonora Farina folgten, waren aber deutlich langsamer, Emilie Siegenthaler stürzte. Tahnee Seagrave war auf einem völlig anderen Level. Ganze fünf Sekunden schneller als Miranda Miller, doch die junge Britin musste im unteren Teil der Strecke eine Wurzel übersehen haben und sie stürzte heftig auf die linke Schulter. Sie brauchte einen Moment um sich wieder aufzurappeln, der Vorsprung war dahin, über 25 Sekunden Rückstand zeigte die Zeittafel im Ziel an.

Drama um Tracey Hannah


Noch schneller war Tracey Hannah im oberen Teil der Strecke. Schier unglaublich wie die australische Lokalheldin durch den Rock-Garden raste doch dann auch hier ein Crash: In einer Off-Camber Rechtskurve versuchte Hannah die hohe Line zu halten, ihr Vorderrad rutschte auf einer Wurzel weg, Hannah wurde über den Lenker geschleudert und blieb auf dem Rücken liegen. Wahrscheinlich, weil sie wie auch alle Zuschauer dachte: "Jetzt ist es vorbei!" Gut eine Sekunde rührte sie sich überhaupt nicht, dann rappelte sie sich auf, kletterte auf ihr Bike, rückte den Helm zurecht und rollte los in Richtung Ziel. Schneller und schneller wurde sie, doch sie glaubte nicht mehr an ihren Sieg und sie konnte die Split-Zeit nicht sehen, die nach gut zwei Dritteln der Strecke unglaublicherweise nur zwei Sekunden Rückstand anzeigte. Hätte sie das gewusst, wäre sie schneller wieder auf ihr Bike gesprungen, oder hätte sie auch nach dem Crash und im Zielsprint noch alles gegeben - sie hätte trotz ihres Crashs gewinnen können. So zeigte die Zeittafel im Ziel 1,9 Sekunden Rückstand auf Miller, Tracey Hannah ging auf Platz zwei.


Die letzte Dame des Tages war Myriam Nicole. Die Französin fuhr schnell doch weitestgehend unauffällig, das Risiko scheute sie eher, doch erreichte sie mit dieser Taktik das Ziel wenigstens ohne Sturz. Vielleicht einfach die richtige Taktik für Cairns. So fuhr Nicole mit lediglich einer Zehntelsekunde Rückstand auf Miranda Miller über die Ziellinie und sicherte sich damit die Silbermedaille, während Bronze an Tracey Hannah ging.

UCI Das Podium der Damen: Myriam Nicole, Miranda Miller und Tracey Hannah (von links).

Downhill-WM auf dem Enduro: Sam Hill und das Nukeproof Mega


Ein erstes Highlight des Männerrennes gab es gleich zu Beginn. Sam Hill war dieses Jahr nur beim Worldcup in Fort William angetreten, er startete damit wegen der geringsten UCI Punktezahl als Erster im Rennen der Männer. Und zwar auf seiner Enduro-Waffe, dem Nukeproof Mega, mit der er gerade auf dem besten Wege ist die Enduro World Series zu gewinnen.

UCI Greg Minnaar hatte wieder Pech. Es ist nach Val di Sole schon der zweite platte Reifen für ihn in Folge.


Ein Enduro auf einer Downhillstrecke? Vielleicht nicht jedermanns Sache, doch Sam Hill beherrschte sein Arbeitsgerät einfach perfekt. Statt über alle Hindernisse einfach drüberzubügeln, wie man das mit einem Downhiller machen würde, hob Sam Hill das Bike ständig in die Luft und flog mehr durch die Rockgardens, als dass er fuhr. Eine Zeit von knapp über 3:32 Minuten spricht für sich, keine zwei Sekunden langsamer als die schnellste Zeit im Timed Training.

Mick Hannah mit Wahnsinns Zeit

UCI Mick Hannah fuhr eine Wahnsinns-Zeit ein.


Sam Hill würde nach dieser Wahnsinns-Leistung lange im Hot Seat sitzen, das war klar. Und so kam es auch. Am Ende würden sich selbst Größen wie Danny Hart, Gee Atherton, Neko Mulally, Connor Fearon, Loris Vergier, Mark Wallace und Laurie Greenland hinter Sam Hill und seinem Enduro einreihen müssen. Der erste, der Hills Zeit schlagen konnte war Favorit Mick Hannah. Er hatte aus den Fehlern seiner Schwester gelernt und hielt sich mit dem Risiko etwas zurück, das zahlte sich mächtig aus. Sauber und schnell auf der direktesten und der höchstmöglichen Linie jagte Mick Hannah über die Strecke, seine Wattleistung im Zielsprint würde sicher so manchen Bahnrennfahrer neidisch machen. 3:26,9 Minuten zeigte die Anzeigetafel, ob diese Zeit noch jemand würde schlagen können blieb fraglich.

UCI Loic Bruni sprintete am Ende noch einmal kräftig. Die entscheidenden Sekunden holte er jedoch in der Mitte der Strecke.


Luca Shaw stürzte, Greg Minnaar hatte schon wieder einen Platten, Danny Hart hielt sich vielleicht ein bisschen zu sehr zurück. Aaron Gwin, Troy Brosnan und Jack Moir waren extrem schnell, schneller als Sam Hill, doch nicht schneller als Mick Hannah. Dieses Kunststück gelang nur einem einzigen Fahrer und auch ihm nur knapp: Loic Bruni. Nach einer durchwachsenen Saison drehte der Franzose am Ort seines ersten Worldcupsieges vor gut eineinhalb Jahren noch einmal richtig auf. Beim ersten Split lag Bruni lediglich fünf Hundertstelsekunden hinter Mick Hannah, sein mittlerer Abschnitt der Strecke war dann jedoch richtig schnell, auch im Sprint gab Loic alles und verlor so nur wenig Zeit auf den Lokalhelden. 0,339 Sekunden Vorsprung für Loic Bruni blinkten am Ende auf, diese Zeit konnte niemand mehr schlagen und Loic Bruni ist damit der neue Weltmeister im Mountainbike Downhill.

UCI Loic Bruni lässt sich feiern.

UCI Das Podium der Herren: Mick Hannah, Loic Bruni und Aaron Gwin (von links).

Das Rennen wurde live auf Red-Bull.tv übertragen. Dort können sie es auch noch in der Wiederholung sehen. Die offiziellen Ergebnisse finden sie auf der Website der UCI.

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