Bosch E-EMTB Challenge 2026Das Ego stirbt zwischen Wurzeln

Dimitri Lehner

 · 09.06.2026

„Ja, der Papa hat ne Goldmedaille!“ : Johannes Fischbach, der frisch gebackene Deutsche Meister E-Enduro.
Foto: Miha Matavz
Bei der Bosch E-MTB Challenge in Willingen wollte ich entspannt mitrollen. Dann meldete sich mein innerer Rennfahrer zu Wort. Es wurde schmerzhaft. Ein Erlebnisbericht über Wurzeln, Wahrheit und weshalb Demut manchmal schneller macht.

Themen in diesem Artikel

„Man sollte unbedingt mal ein Rennen fahren.“

Das hatte ich wenige Stunden zuvor noch großspurig auf der Bühne des BIKE Festivals in Willingen verkündet. Jeder solle das machen. Einfach starten. Locker bleiben. Die Zeitmessung ignorieren. Das Ganze als Abenteuerspielplatz betrachten und nicht als Bewerbungsgespräch.

Ein paar Stunden später stehe ich im Sauerländer Wald vor der ersten Wertungsprüfung und merke: Ich habe mich selbst belogen.

Mein Puls steigt. Meine Hände werden feucht. Irgendwo zwischen Birkenstämmen und Buchenlaub übernimmt das Ego die Kontrolle.

Natürlich will ich schnell sein.

Natürlich will ich gut aussehen.

Natürlich will ich besser sein als die anderen.

Willkommen im Rennsport.

Das Problem mit der olympischen Idee

Die Bosch E-MTB Challenge ist eigentlich ein sympathisches Format. Ein Enduro-Rennen für normale Menschen, zumindest in der Amateur-Wertung. Keine Weltcup-Stars, keine Profi-Attitüde. Stattdessen viel Gelächter, Slapstick und lange Transfers durch die grünen Hügel des Sauerlands. Dazwischen: sogenannte Stages – kurze Wertungsprüfungen bergauf, bergab oder beides.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

4

5

Bei manchen Uphill-Sektionen steht sogar ein Wettkampfrichter mit wachen Augen und checkt, wer den Fuß vom Pedal nimmt. Wer absetzt, kassiert Strafsekunden. In diesen „No Feet Zones“, gilt es technisch so sauber zu fahren, dass… richtig: Der Fuß auf dem Pedal bleibt. Das ist natürlich schier unmöglich, außer man ist Trial-Star Stefan Schlie, der überall hoch kommt und nur 0,8 Bar in seinen Reifen fährt für maximale Traktion. Am Ende landet Stefan Schlie auf Platz 3 der Advanced-Wertung.

Der Clou: Niemand kennt die Strecke.

Keine Trainingsläufe. Keine Streckenbesichtigung. Keine Insider-Vorteile.

Blind Date statt Generalprobe.

Eigentlich ist das genau mein Ding. Schließlich verbringe ich einen guten Teil meiner Freizeit damit, unbekannte Trails in den Alpen hinunterzufahren. Schauen, lesen, reagieren. Improvisation statt Perfektion.

Doch Theorie und Praxis sind bekanntlich entfernte Verwandte.

Vor mir macht sich mein Kumpel Florian warm. Kniebeugen. Froschsprünge. Mobilisationsübungen. Ein Mann mit Plan.

Ich schwinge daraufhin mein Bein ein paarmal durch die Luft wie Bruce Lee und komme mir dabei sehr albern vor. Flori startet vor mir, prescht zwischen den Bäumen davon. Meine Easy-Rider-Attitude ist jetzt ganz weg. Puls hoch. Killerblick. Volle Entschlossenheit.

Der Startposten schaut auf sein Klemmbrett, notiert meine Startnummer und sagt: „Go!“

Harakiri auf nassen Wurzeln

Der Bosch-Motor schiebt an.

Turbo-Modus.

Vor mir glänzen Wurzeln im Morgenlicht. In der Nacht hatte es geregnet. Die Dinger sehen aus wie Anakondas. Glatt, tückisch, nachtnass.

Eine vernünftige Person würde jetzt vorsichtig fahren.

Ich nicht.

Ich fahre schneller, als ich eigentlich kann. Overpacing nennt das der Fachjargon. Komplette Selbstüberschätzung nennt es selbst der Laie.

Das YT Decoy liegt satt auf dem Trail. Die Conti-Kryptotal-Reifen kleben am Boden. Noch! Mein Selbstvertrauen wächst, meine Feinmotorik kommt kaum hinterher.

Dann eine Bodenwelle. Ich ziehe ab!

Die Idee: über den Wurzelteppich springen, dahinter landen, Zeit sparen. Das ist die Theorie.

Die Praxis: Flugphase, Landung, Chaos. Irgendetwas rutscht weg. Vielleicht das Hinterrad. Vielleicht das Vorderrad. Vielleicht mein gesamter Lebensplan. Einen Augenblick später sehe ich nur noch Waldboden.

Mein Gehirn schaltet auf Alarmstufe. SOS. Sturz. Überschlag.

Dann folgt der zweite Gedanke: Aufstehen. Weiter. Keine Zeit verlieren. Noch ist alles möglich!

Das Ego ergibt sich schließlich nicht kampflos. Ich zerre das Bike aus dem Gebüsch. Die Brille sitzt schief. Der Bremshebel zeigt Richtung Himmel. Am Arm klebt Blut.

Der Turbo bringt mich wieder auf Touren. Ich schanze über eine Wurzel. Diesmal klappt’s bestimmt.
Tut es nicht! Ich stürze. Zum zweiten Mal. Bämm! Vollkontakt mir dem Boden. Autsch! Wurzel prallt gegen Rippe, Knie bohrt in den Boden. Schmerz. Im Kopf schreit eine Stimme: Gibt es doch nicht!

Die befreiende Wirkung eines Abflugs

Zwei Zuschauer schauen mich an. Es ist jener Blick, den Menschen für Leute reservieren, die gerade bewiesen haben, dass Selbstvertrauen keine Qualifikation ist. Sie blicken mich an als sei ich ein Vollidiot. Wie einen, der sich umbringt, weil er nicht weiß, was er tut. Wie Touristen, die in der Monsterwelle Pipeline auf Hawaii zum Baden gehen.

Jetzt fahre ich langsamer.

Viel langsamer.

So langsam, dass man es kaum noch Fahren nennen kann, sondern: stempeln.

Ich stemple ins Ziel.

Und plötzlich passiert etwas Überraschendes.

Es fühlt sich gut an.

Das Ego liegt irgendwo zwischen den Wurzeln der ersten Stage. Die Erwartungen gleich daneben. Der Leistungsdruck hat ebenfalls einen Einschlagkrater hinterlassen.

Zurück bleibt Erleichterung.

Mai, Motoren und kleine Siege

Wir rollen entspannt zur nächsten Stage.

Die Transfers sind lang genug, um die Landschaft wahrzunehmen. Das Upland zeigt sich von seiner besten Seite. Mai-Licht. Blühende Wiesen. Warme Luft. Erich Kästner hatte recht: „O gäb es doch ein Jahr aus lauter Mai.“

Die nächste Wertungsprüfung beginnt mit einer berüchtigten No-Feet-Zone. Wer den Fuß absetzt, kassiert Strafsekunden.

Ein Fahrer kommt uns entgegen.
„Steigt besser gleich ab“, sagt er. „Das ist schneller.“

Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis.
Weil ich nichts mehr erwarte, fahre ich plötzlich gut.

Ich meistere Passagen, an denen andere scheitern. Überhole Fahrer. Sie hängen im Hang, schieben, rutschen, fluchen, keuchen. Diese Stage ist ein kleines, dünnes Pflaster für meine geknickte Biker-Ehre. Geht doch, denke ich, klettere über rutschige Wurzeln und finde meinen Rhythmus wieder.

Nicht schnell. Aber flüssig.
Und erstaunlich zufrieden.

Die schönste Werbung der Welt

Die letzte Stage führt bergauf.
Ausgerechnet bergauf.

Während ich im Turbo-Modus einen steilen Hang hinaufkrabble, kämpft neben mir ein anderer Fahrer mit Schwerkraft und Traktion.

Er blickt auf mein Bike.

Dann ruft er: „Oh, der neue Bosch! Den hätte ich auch gern!“

Ich fahre weiter und muss lachen.

Keine Marketingagentur der Welt hätte diesen Moment besser schreiben können.

Später sitze ich im Zielbereich. Die Rippe schmerzt. Das Trikot trägt einen Blutfleck von bemerkenswerter Größe. Das Ergebnis interessiert mich längst nicht mehr.

Was bleibt, ist etwas anderes.

Die Erkenntnis, dass Rennen tatsächlich Spaß machen können.

Nicht weil man gewinnt. Sondern weil sie einem zuverlässig zeigen, wer man wirklich ist.

In meinem Fall: ein Mann, der auf der Bühne von Gelassenheit predigt und zehn Minuten später versucht, auf nassen Wurzeln den Helden zu spielen.

Nächstes Jahr fahre ich wieder mit.
Allein schon, um dieser ersten Stage nicht das letzte Wort haben zu lassen.

​Die Schnellsten der Bosch E-MTB Challenge

Amateur Men (5 Stages)

  1. Florian Haymann (WoFFM) – 11:20,36 min
  2. Felix Wolff (Screwloose) – 13:10,47 min
  3. Sebastian Schrader – 13:22,01 min

Amateur Women

  1. Elena Martinez Estrada – 16:32,08 min
  2. Anja Leupold – 17:40,68 min
  3. Josephine Georgi (RSV Adler Arnstadt) – 19:34,63 min

Advanced Men (7 Stages)

  1. Jan Schäfer (Bikestore Überwald) – 14:12,08 min
  2. Marcel Schröder (YetiCyclesDe / BadBikes) – 14:43,73 min
  3. Stefan Schlie – 15:20,89 min

Advanced Women

  1. Tanja Jung – 19:53,26 min
  2. Antonia Busch (NoTalentRacing) – 20:22,78 min
  3. Sarah Jahnel – 24:32,43 min

Pro Men (Pro Stages)

  1. Tiago Ladeira – 15:20,48 min
  2. Christian Textor – 15:29,06 min
  3. Erik Emmrich – 15:29,38 min

Pro Women

  1. Helen Weber (Rotwild Schwalbe Gravity Team) – 16:54,85 min
  2. Anna Spielmann – 17:31,31 min
  3. Florencia Espineira – 18:38,76 min

​Deutsche Meisterschaft – Frauen

  1. Helen Weber (Rotwild Schwalbe Gravity Team) – 16:49,85 min
  2. Sofia Lena Wiedenroth – 18:57,80 min (+2:07,95)
  3. Jana Urban – 19:00,25 min (+2:10,40)

Deutsche Meisterschaft – Männer

  1. Johannes Fischbach (Raymon Racing) – 15:27,35 min
  2. Christian Textor – 15:29,06 min (+0:01,71)
  3. Erik Emmrich – 15:29,38 min (+0:02,03)

Artikel teilen:
Kommentare

Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.

Dimitri Lehner ist diplomierter Sportwissenschaftler. Er studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – neben Biken ganz vorne: Windsurfen, Skifahren und Fallschirmspringen. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend!

Meistgelesen in der Rubrik Events