Wer genau wissen will, woher seine Fahrradteile eigentlich kommen, der muss meist lange recherchieren. Das gilt auch für die Bikeparts der Sitzzone und des Cockpits. Welche Sättel, Sattelstützen, Vorbauten, Lenker und Griffe kommen wirklich aus Europa? Unsere aktualisierte Liste verrät, welche Hersteller ihre Anbauteile in Europa produzieren.
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Es gibt sie, die Hersteller, die ihre Mountainbike-Anbauteile in Europa produzieren – man muss sie nur finden. Dabei unterscheidet sich die Vielfalt europäischer Hersteller stark nach dem Aufbau der verschiedenen Teile. Wir hatten uns für das BIKE PROJECT: EUROPE auf die Suche gemacht und eine Liste mit Firmen erstellt, deren Produktion in Europa ansässig ist. Mit unserem fertigen Europa-Bike schlossen wir zwar das Projekt, nicht aber die Recherche nach Marken aus Europa ab. Die aktuelle Liste europäischer Hersteller von Fahrradteilen enthält deshalb einige spannende Nachzügler. Fast alles lässt sich aus europäischer Herstellung beziehen: vom Steuersatz über die Spacer bis zur Sattelklemme.
Foto: Georg GrieshaberFräskunst aus Europa: Vorbauten der britischen Marke Hope.
Bikeparts: Immer mehr Sättel und Sattelstützen stammen aus Europa
Neu in unserer Liste europäischer Hersteller ist unter anderem Coco Design. Die Franzosen haben sich auf super leichte Carbon-Sättel spezialisiert und fertigen ausschließlich von Hand im eigenen Land. Weiter geht die Reise nach Tschechien. Dort sitzt mit Posedla ein Hersteller von 3D-gedruckten Custom-Sätteln, die allerdings im deutschen Ansbach entstehen. In Italien hat die Traditionsmarke Fizik inzwischen ein großes Sortiment an Bike-Zubehör aufgebaut. Die Sättel werden teilweise immer noch in bella Italia hergestellt. Der Herausforderung wegen, hatten wir fürs BIKE PROJECT: EUROPE ausschließlich Firmen aus den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union gesucht. Inzwischen haben wir unsere Liste auch um weitere Hersteller aus dem geografischen Europa erweitert.
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Foto: FizikMit dem Fizik Terra Alpaca X5 haben die Italiener einen Sattel mit Werkzeugmontagepunkt im Sortiment.
YEP sitzt und produziert beispielsweise Variostützen in der Schweiz, macht aber lobenswerter Weise transparent, dass die Zulieferer ihre Teile teilweise in Fernost herstellen. Auch in Großbritannien sind wir auf Hersteller mit lokaler Produktion gestoßen. Darunter Dward Design, die Sattelklemmen aus Aluminium und Titan anbieten. Man kann kaum über britische Bike-Firmen sprechen, ohne Hope zu erwähnen. Auf den CNC-Fräsen der Kultmarke entstehen Sattelklemmen und seit neuestem auch ein Remote-Hebel für Teleskopsattelstützen. Auch Unite fräst auf der britischen Insel bunte Sattelklemmen. Brooks steht für traditionelle Ledersättel wie kein anderer Hersteller und produziert daheim in England. Selbst das Leder kommt von britischen Kühen.
Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?
Foto: Georg GrieshaberInzwischen baut der britische Traditionshersteller Brooks nicht mehr ausschließlich Sättel mit Lederbezug, sondern hat mit dem Brooks Cambium auch einen Sattel mit einer Decke aus vulkanisiertem Kautschuk im Programm.
Diese Fahrradteile der Sitzzone werden in Europa produziert
Unsere Liste ist nicht abschließend und wir freuen uns über Ihre Ergänzungen. Sie wissen, wo in der EU weitere Anbauteile produziert werden? Dann schreiben Sie uns eine Mail an: j.timmermann@bike-magazin.de
Foto: SQlabMade in Germany: Der SQlab 60X Infinergy Ergowave Active 2.1.
Zunehmend kommen auch Vorbauten und Lenker aus Europa
Als britische Unternehmen nicht Teil der EU, aber nun auch Teil unserer Liste der europäischen Hersteller von Cockpit-Teilen sind Hope und Unite. In der Schweiz hat sich Ceetec auf Leichtbau-Komponenten spezialisiert. Rulezmann aus Italien, die man eigentlich eher für Fahrwerkstuning kennt, sind unter die Vorbau-Hersteller gegangen und bauen Spezial-Fahrradteile mit nur 15 oder 18 Millimetern Länge. Der italienische E-Bike-Produzent Agezzini hat neuerdings einen abenteuerlichen Elastomer-Vorbau im Programm. Das Regensburger Dirtbike-Label XPro trat kürzlich mit einen in Bosnien-Herzegowina gefrästen Vorbau an die Öffentlkichkeit. Doch auch in Deutschland werden bei Fraezen aus dem Allgäu neue Vorbauten gefräst.Vecnum hat einen gefederten Vorbau im Angebot, der sich hauptsächlich, aber nicht ausschließlich an Gravelbiker richtet. Im Bereich der Griffe tut sich dagegen wenig. Zu den vier europäischen Griffe-Herstellern ist gut ein Jahr nach Ende des BIKE PROJECT: EUROPE kein weiterer dazugestoßen.
Foto: XProCNC-gefräst in Bosnien-Herzegowina: Der neue XPro Ruckus Vorbau mit 32 Millimetern Länge.
Foto: VecnumDer Vecnum Freequence ist ein in Deutschland gefertigter, gefederter Vorbau für Gravel- und Mountainbiker mit einer Vorliebe für Starrgabeln.
Diskussion: Warum ist es so schwer festzustellen, woher Fahrradteile wirklich kommen?
Wie wir bereits bei anderen Bauteilen unseres BIKE PROJECT: EUROPE feststellen konnten, kommt es bei “Made in Europe” vor allem auf die Definition dieses Slogans an. Die wenigsten Bike-relevanten Rohstoffe kommen aus Europa, sondern werden in China, Japan, Australien, Afrika oder Südamerika abgebaut, beziehungsweise industriell hergestellt. Ein komplettes Fahrrad besteht – je nach Zählweise – aus rund 2000 Einzelteilen. All diese Kleinteile müssen Hersteller entweder selbst produzieren oder – wie in den meisten Fällen – bei Zulieferfirmen einkaufen. Dabei wird zugunsten der wirtschaftlichen Konkurrenzfähigkeit oft scharf kalkuliert.
Foto: Henri LesewitzJe komplexer ein Bauteil, desto schwieriger nachzuvollziehen, woher die Einzelteile dafür kommen. Syntace entwickelt zwar Produkte, wie hier das K.I.S.-System, in Deutschland, produziert Anbauteile aber teilweise auch in Asien.
Werden die Kleinteile zum Beispiel zu einer Bremse zusammengesetzt, könnte man immerhin von “Assembled in Europe” sprechen. Für ein echtes Europa-Teil muss aber auch die Mehrheit der Einzelteile im europäischen Staatenverbund hergestellt werden. Das ist leichter, wenn das Bauteil, wie zum Beispiel im Falle eines Lenkers, nur aus einem einzelnen Stück Aluminium oder Carbon besteht. Bei Griffen können es neben zwei Stück Gummi noch Metall- und Kunststoffteile, Schrauben und Barends sein. Vorbauten setzen sich meist aus einem Corpus, einer Frontplatte und sechs Schrauben zusammen. In einem Steuersatz stecken neben den Schalen und den Kugeln der Lager weitere Kleinteile aus Kunststoff oder Metall, Schmierstoffe und Dichtungen.
Foto: Georg GrieshaberLenker sind vergleichsweise simpel, wenn es um die Menge der Einzelteile geht. Die Carbon-Lenker von Acros werden in Deutschland produziert und fanden ihren Weg auch an unser BIKE PROJECT: EUROPE.
Je komplexer das Bike-Teil, desto schwerer die Herkunftsfrage
Die Einzelteile einer Sattelklemme kann man meist an einer Hand abzählen: Alu- oder Carbon-Korpus, Schraube, Gewindeeinsatz, Unterlegscheibe. Etwas komplexer, aber noch nicht wild, wird es beim Sattel. Für dessen Aufbau braucht es eine Schale aus Carbon oder Kunststoff, ein Gestell aus Titan, Carbon oder Stahl, Polster, Bezug und oftmals weitere Kleinteile aus Plastik, Gummi oder geschäumten Materialien. Starre Sattelstützen bestehen meist aus weniger als zehn Einzelteilen: das Stützenrohr aus Carbon, Titan oder Aluminium, zwei Schrauben mit je einer Unterlegscheibe und einem Gewindestück sowie die zwei Klemmbacken, in denen das Sattelgestell aufgenommen wird.
Foto: Georg GrieshaberSchon bei einem Sattel wird es schwierig festzustellen, woher alle Einzelteile stammen. Zusammengesetzt wird dieser Selle SMP Hybrid Sattel in Italien.
Mit dem Siegeszug der absenkbaren Teleskopstützen findet in der Sitzzone aber ein weit komplexeres Teil seinen Platz. Angesteuert werden sie meist über einen Lenkerhebel, der seinerseits aus mehreren Kleinteilen besteht. Hinzu kommt ein Seilzug mit Außenhülle und Endanschlägen oder eine hydraulische Leitung mit Anschlussteilen, beziehungsweise eine Funkeinheit mit Akku. In einer versenkbaren Sattelstütze selbst finden sich wiederum eine Vielzahl an kleinen Einzelteilen: Rohre, Kolben, Kartuschen, hydraulisch, mechanisch oder pneumatisch gesteuerte Einheiten, Führungsschienen, Bolzen, Stifte, Schrauben, Gewindeteile, Luftkammern, Dichtungen, Lager, Federn, Schmierstoffe und vieles mehr.
Foto: Dagmar DörpholzUnser BIKE PROJECT: EUROPE mag zwar abgeschlossen sein, die Recherche zu Mountainbike-Herstellern aus Europa geht aber weiter.
Jan Timmermann ist ein Mountainbiker aus echtem Schrot und Korn. Dabei deckt sein Interesse von Marathon- bis Trailbikes und von Street bis Gravel fast alles ab. Getreu dem Motto „das Leben ist zu kurz für langweilige Fahrräder“ hängt Herz des Technik-Redakteurs jedoch vor allem an Bikes mit Charisma. Nebenbei leitet Jan auch noch das Fitness-Resort unserer Radsport-Marken.