Fox-Gabeln, Shimano-XT-Schaltungen und sogar der ein- oder andere Carbonrahmen. Wenn ich so über unsere Testgruppe schaue, kann ich es kaum glauben: Das hier ist die Einstiegsklasse? Rund 5000 Euro nach Listenpreis – das sagt unsere Erfahrung – muss man für ein gutes E-MTB mindestens in die Hand nehmen. Immerhin: Dank Preiskampf und Katerstimmung nach dem Bike-Boom bekommt man mittlerweile auch wieder etwas für sein Geld. Mühelos zischen die sieben Kandidaten unseren Testanstieg im Bikepark Oberammergau hinauf. Mit erwachsenen Geometrien und langen Federwegen kann man die Bikes auch bergab von der Leine lassen. Vom ein oder anderen Fauxpas bei den Reifen mal abgesehen. Bremse auf und reinhalten, dafür sind moderne E-MTBs schließlich gemacht.
Worauf es dabei besonders ankommt, hängt auch vom Einsatz ab. Unsere sieben Kandidaten setzen hier verschiedene Akzente. Das Bulls und in geringerem Maße auch Scott und Cube wollen bei der Touren- und Alltagstauglichkeit punkten. Ein Rücklicht gibt’s teils schon ab Werk. Auch ein Frontscheinwerfer oder ein Seitenständer könnte leicht nachgerüstet werden. Bevor jetzt die Trail-Fans die Nase rümpfen: Die Ständer-Aufnahmen sitzen versteckt in der Sitzstrebe und sind bei E-MTBs längst keine Seltenheit mehr.
Santa Cruz und Canyon bilden das andere Extrem und setzen voll auf Fahrspaß im Gelände. Überrascht hat uns dabei das Santa Cruz. Die Edel-Marke ist nicht gerade für ihr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bekannt, setzt bei der Ausstattung aber gekonnt die richtigen Akzente. Zwar ist das Vala das teuerste Rad im Vergleich und das einzige mit kleiner, fest verbauter 600er Batterie, auf dem Trail fehlt es dem Rad der Kalifornier dafür an nichts. Das Scott hat deutlich mehr mit dem Preislimit zu kämpfen, bietet aber den größeren Akku – auch ein Argument. Und wo steht DJI? Das Steppenwolf wird als einziges Bike in der Bosch-dominierten Testgruppe mit dem Super-Motor von Avinox angetrieben. Das Gewicht von nur 22 Kilo beeindruckt allerdings noch mehr als die schier unfassbare Leistung. Mit dem M2S setzt DJIs Motorenmarke Avinox für die Zukunft übrigens nochmal einen drauf. Viele Bikes werden sukzessive auf die neue Hardware upgedatet. Das gilt auch für Steppenwolf.
Auf dem Trail zählt der Motor alleine aber nur wenig. Das Steppenwolf ist zwar mit seinem niedrigen Gewicht das leichtfüßigste Rad der Testgruppe, Heckfederung und Geometrie verschenken aber im Gelände zu viel Potential. Die Chance für das schon erwähnte Santa Cruz, das beim Fahrwerk die Bestmarke setzt. Viel Traktion im Uphill, bergab fahrstark und komfortabel und trotzdem noch mit Reserven für mehr gesegnet. So zeigt das Vala AL, was eine gute Geometrie in Verbindung mit einer sauber abgestimmten Federung ausmacht. Damit steht und fällt fast alles, wenn man in erster Linie auf die Fahreigenschaften achtet. Kein Wunder also, dass selbst der deutliche Punktabzug bei der Reichweite dem Vala kaum gefährlich werden kann. Rang zwei geht an das ausgewogene und leicht zu fahrende Xyron ST von Conway. Cube und Steppenwolf teilen sich mit Vielseitigkeit auf der einen und Leichtbau auf der anderen Seite den dritten Platz im Testfeld.
Die Mehrheit setzt in der 5000-Euro-Klasse noch auf den bewährten Bosch CX, aber auch Optionen mit Avinox gibt es bereits. Shimano verliert an Boden.
Mit 120 Newtonmeter und 1000 Watt Spitzenleistung bietet schon der M1 eine nie dagewesene Power, bei exzellenter Modulation und geringem Gewicht. Dazu gibt es Features wie die gute App, optionales GPS Tracking und vieles mehr. Die Charakteristik ist spritzig, dynamisch. Die Power kommt nie überfallartig. Nur eineinhalb Jahre nach dem M1 steht schon der M2S in den Startlöchern. Viele Hersteller wechseln im laufenden Betrieb auf den neuen Motor.
Einst auf Augenhöhe mit Bosch hat der Shimano deutlich an Verbreitung eingebüßt. Das dürfte auch daran liegen, dass die Konstruktion im Grunde sechs Jahre alt ist – im E-Bike-Kosmos sind das Welten. Die Leistung reicht mit 85 Nm und 600 Watt Spitze immer noch gut aus, bei Dosierbarkeit, Lautstärke und Features ist die Konkurrenz dem Shimano aber deutlich enteilt. Eher ein Auslaufmodell, dafür oft mit attraktivem Preis-Leistungs-Verhältnis.
Pünktlich zur Veröffentlichung dieses Heftes zündet Bosch das nächste Software-Update: Bis zu 120 Newtonmeter und eine Unterstützung von bis zu 600 Prozent liefert der CX jetzt, die Spitzenleistung bleibt bei 750 Watt und damit deutlich hinter dem Avinox. Für den Test fuhren wir noch ohne dieses Update. Top Modulation und Klapperfreiheit zeichnen den CX aus. Bedienteile und App sind bewährt, die Reichweite über jeden Zweifel erhaben.
Bei vielen Bikes kann man mit leichten Umbauten noch deutlich mehr rauskitzeln. Gerade bessere Reifen machen im Gelände den Unterschied. Lange Sitzrohre und kurze Tele-Stützen (Bulls, Steppenwolf) schränken die Bewegungsfreiheit ein. Für mich ein No-Go. - Max Fuchs
Viele Kandidaten dieser Testgruppe sind nicht auf Trails ausgelegt, sondern eher für gemäßigte Touren. Das ist in dieser Preisklasse nicht unüblich. Das Santa Cruz sticht als Mini-Enduro heraus und macht auch harte Einsätze mit. Auch Canyon hat einen klaren Trail-Fokus. - Florentin Vesenbeckh
So sehr mich die DJI-Power im Steppenwolf technisch beeindruckt: Bei einem Kauf würde ich andere Prioritäten setzen. Die Leistung ist bergauf oft ohnehin too much. Ein leises Rad bergab mit möglichst guten Fahreigenschaften ist mir wesentlich wichtiger. - Adrian Kaether
Für viele immer noch das A und O beim E-Mountainbike-Kauf. Aber wir können beruhigen: Sogar in relativ günstigen Preisklassen bieten moderne E-MTBs Reichweite satt. 800er Batterien sind mittlerweile fast Standard. Im Bosch-System erkurbeln wir damit in unserem standardisierten Feldtest gut 2000 Höhenmeter im Turbo Modus. Auch in der Realität sind lange Touren bis etwa zu dieser Höhenmeter-Marke bei mittlerer Unterstützung möglich. Wer noch mehr will, muss leicht sein, oder im Eco-Modus viel selbst treten. Klar ist: Wer viel Power abruft, mit dem Bosch-Update oder auch bei DJI, der saugt den Akku schneller leer. Das Steppenwolf mit Avinox schafft daher bei Vollgas nur gut 1600 Höhenmeter, bei allerdings fast 21 km/h Durchschnitt im Vergleich zu 14 km/h beim Bosch. Drosselt man die Leistung auf vergleichbare Werte, liegen beide Kontrahenten fast gleichauf. Der 600er Akku im Santa Cruz reicht ebenfalls noch für lange Touren bis etwa 1600 Höhenmeter, der Canyon-Akku im Spectral:On liegt mit rund 1800 Höhenmetern zwischen den Extremen, ist aber der mit Abstand schwerste im Test.
| Gewicht (kg) ohne Pedale | Gewicht (g) Akku | Gewicht (g) Laufräder | Maximales Systemgewicht (kg) | |
| Steppenwolf | 22,1 | fest verbaut | 5912 | 150 |
| Santa Cruz | 24,0 | fest verbaut | 5963 | 159 |
| Cube | 24,2 | 3966 | 5879 | 150 |
| Canyon | 24,3 | 4660 | 5656 | 130 |
| Conway | 24,9 | 3968 | 4968 | 140 |
| Bulls | 25,8 | 4028 | 6243 | 130 |
| Scott | 25,9 | 3965 | 5906 | 130 |
Carbon ist gleich leicht? Jein. Denn das geringe Gewicht des Steppenwolf hängt nur zum Teil am Vollcarbonrahmen, den zum Beispiel auch ein Canyon hat. Zum anderen Teil wirkt sich der fest verbaute Akku positiv aus. Und auch das schlanke Avinox-Antriebssystem bringt leichte Gewichtsvorteile, wenn die Räder damit auch noch lange nicht echten Light-Bikes Konkurrenz machen. Und Stichwort Carbon: Auch das zweitschwerste Bike von Bulls hat einen Carbon-Hauptrahmen. Kohlefaser alleine richtet es also wohl nicht. Das Canyon mit dem zweiten leichten Vollcarbonrahmen leidet unter dem schweren Akku. Das Santa Cruz ist zwar für die kleine, fest verbaute Batterie nicht superleicht, dafür überzeugt die üppige Gewichtsfreigabe samt lebenslanger Rahmen-Garantie für das Alu-Chassis.
Mit 22 Kilo setzt das Steppenwolf mit Avinox eine klare Bestmarke beim Gewicht. Alle anderen sind mindestens zwei Kilo schwerer. - Hans Ettenberger, BIKE-Labor
Um E-MTBs objektiv zu beurteilen, treiben wir bei BIKE einen beispiellosen Aufwand. Diese Kriterien sind ausschlaggebend für die Bewertung:
Der wichtigste Punkt im Bewertungssystem macht die meisten Prozentpunkte der Endnote aus. Wir unterscheiden, wie gut sich ein Bike bergauf und bergab fahren lässt und wie das Fahrwerk dabei arbeitet. Bergauf bewerten wir unter anderem die Geometrie: Passt der Komfort? Stimmt die Kraftübertragung, und übersteht man auch lange Tage im Sattel? In technischen Uphills gibt es Strafpunkte für ein früh steigendes Vorderrad und mangelnde Kontrolle in Schlüsselstellen. Bei E-MTBs legen wir hierauf ein besonderes Augenmerk.
Beim Handling bergab unterscheiden wir in zwei Disziplinen. Die Spieltrieb-Wertung ist dem Fahrspaß gewidmet. Hier punkten handliche und spritzige Bikes. Modelle mit hohem (Laufrad-)Gewicht, trägen Fahrwerken und sperrigen Geometrien sind im Nachteil. Bei der Downhill-Wertung unterscheiden wir zwischen den Fahreigenschaften und den Fahrwerks-Qualitäten. In der ersten Kategorie legen wir besonderen Wert auf die Fahrposition: Steht man gut integriert im Bike, lässt es sich intuitiv steuern, und wie viel Sicherheit vermittelt die Geometrie im steilen Gelände oder bei hohen Geschwindigkeiten? Zum Punkt Fahrwerk zählen Schluckvermögen und Ansprechverhalten der Federelemente: Harmonieren Front und Heck, fangen Gabel und Dämpfer auch schnelle Schlagabfolgen ab, wie steht’s um die Traktion?
In der Benotung berücksichtigen wir das Gesamtgewicht. Auch Laufradgewicht und Geometrie ermitteln wir nach einheitlichen Standards in unserem hauseigenen Prüflabor. Die Reichweite erkurbeln wir in einem standardisierten Feldtest an ein und demselben Prüfanstieg mit 90 Kilo Fahrergewicht, 150 Watt Tretleistung und voller Motorunterstützung.
Hier verbergen sich insgesamt fünf Bewertungskriterien. Neben der Qualität der Komponenten und Anbauteile bewerten wir Dinge, die für den Fahrer einen Mehrwert schaffen. Das kann beispielsweise ein integriertes Tool oder sinnvolles Zubehör ab Werk sein. Zusätzlich honorieren wir die Größe der Trinkflasche, die am Rahmen transportiert werden kann, die Versenkbarkeit des Sattels sowie die Qualität und Verarbeitung des Rahmens.
Unsere Schrauber-Wertung gibt Auskunft darüber, wie leicht Service- und Wartungsarbeiten am Bike erledigt werden können. Eine hohe Punktzahl verspricht eine gute Servicefreundlichkeit, niedrige Werte warnen vor Stress bei Arbeiten am Bike. Dabei bewerten wir die Zugverlegung, wie leicht der Steuersatz getauscht und gewartet werden kann, ob der Rahmen an Problemzonen ausreichend geschützt ist und ob ein universelles Schaltauge spezifiziert wurde.
Welchen Charakter ein Bike hat, zeigen wir auf einen Blick mit dem Spinnen-Diagramm. Grundsätzlich gilt: Je größer die farbige Fläche, desto besser das Bike. Aber auch die Bewertung in den einzelnen Kriterien wird hier sichtbar. Die Gewichtung passen wir dabei je nach Bike-Kategorie an. So werden wir den unterschiedlichen Anforderungen an zum Beispiel E-Enduros oder Light-Bikes gerecht.

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