Faszination Dreambuild Videos

Jan Timmermann

 · 13.12.2022

Faszination Dreambuild VideosFoto: Georg Grieshaber
In Dreambuild Videos setzen fähige Mechaniker echte Traumbikes zusammen. Ihre Ästhetik zieht Hunderttausende in den Bann.

Auf Youtube generieren die Dreambuilds von Gee Milner oder Dangerholm hunderttausende Klicks. Die charismatischen Schrauber setzen vor der Kamera Schritt für Schritt Traumbikes zusammen. Warum fasziniert das so viele Menschen?

Hobbys sind zum Träumen da. Während Auto-Fanatiker vom neuesten Porsche schwärmen, bekommen Biker bei edlen Fahrrädern feuchte Augen. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Kaum jemand baut sich seinen Porsche selbst zusammen. Biker hingegen haben die Möglichkeit, ihr Traumrad Stück für Stück selbst zusammenzusetzen – vorausgesetzt die nötigen Schrauber-Fähigkeiten sind vorhanden. Ein Dreambuild MTB nach und nach aus Einzelteilen aufzubauen, ist zweifellos ein Erlebnis, das jeder Bike-Freak gemacht haben muss. Wenn aus Lenker, Vorbau, Sattel, Reifen, Schaltwerk, Kurbel, Federgabel und natürlich dem Rahmen ein individuelles Traumbike entsteht, liegt Magie in der Luft.

Verlagssonderveröffentlichung
Der Brite Gee Milner betreibt den wohl bekanntesten Dreambuild Youtube Kanal. Foto: Gee Milner
Der Brite Gee Milner betreibt den wohl bekanntesten Dreambuild Youtube Kanal.

Dreambuild zwischen Fluch und Segen

Emotional ist ein Bike keine kalte Maschine. Liebevolles Kümmern wird da schnell zum Bedürfnis. Selbstverantwortlich ein Tretlager zu wechseln, gibt uns das Gefühl, etwas zu bewegen. Andere zimmern ein Vogelhaus oder verzieren Christbaumkugeln, Biker schrauben eben. Der technische Aspekt ihres Hobbys ist für viele Biker genauso wichtig, wie das eigentliche Fahren. Wohl auch deshalb ist BIKE-Kollege Stefan Frey mit seinem Youtube-Video zum Schaltungeinstellen inzwischen Klick-Millionär. Doch anderen beim Schrauben zusehen? Wo liegt da der Reiz? Fast jeder Mountainbiker stand schon hoffnungslos frustriert und in sich hineinschimpfend vor seinem zerlegten Bike. Fluchen gehört zum Schrauben wie der Donner zum Blitz.



Der Weg zum Traumbike, wie dieses Nicolai Kinder-Fully, kann mit Flüchen gepflastert sein. Foto: Jörg Spaniol
Der Weg zum Traumbike, wie dieses Nicolai Kinder-Fully, kann mit Flüchen gepflastert sein.

Dreambuild-Mastermind Gee Milner schimpft niemals. Ruhig und geduldig hantiert er mit hochwertigem Werkzeug an hochglanzpolierten Traumbikes. Statt eines wüsten Schreianfalls ist im Video stimmungsvolle Ambiente-Musik zu hören. Diese scheinbare Mühelosigkeit beim Schrauben hat eine unwiderstehliche Wirkung. Jeder Handgriff sitzt und alles scheint im Flow zu sein. In Dreambuild Videos wird jede Schraube eines Bikes stimmungsvoll inszeniert. Menschen lieben es Profis bei der Arbeit zuzusehen. Es erweitert das Träumen über Materielles hinaus auf die Handlungen der Mechaniker: “Wenn ich doch bloß selbst so schrauben könnte.” Zusätzlich hat es eine Art meditative Wirkung anderen dabei zuzusehen, wie sie etwas erschaffen. Die Videos dauern gerne 15 Minuten und länger. Mit der Ästhetik der perfekten Schrauber-Situation ziehen sie Bike-Fans unwillkürlich in ihren Bann und blenden die Schnelllebigkeit des Alltags aus. Dreambuilds sind Urlaub fürs Biker-Gehirn.

Der Schwede Gustav Gullholm, a.k.a. <a href="https://www.instagram.com/dangerholm/" target="_blank" rel="noopener noreferrer nofollow">Dangerholm</a>, setzt exklusive Scott-Bikes zusammen und dokumentiert den Prozess auf Social Media. Foto: Dangerholm
Der Schwede Gustav Gullholm, a.k.a. Dangerholm, setzt exklusive Scott-Bikes zusammen und dokumentiert den Prozess auf Social Media.

Profi-Schrauber und Luxus-Bikes

Würde Dangerholm ein rostiges Baumarkt-Rad zusammensetzen, könnte er noch so geschickte Hände haben. Niemand würde seinen Instagram-Account ansehen wollen. Es geht natürlich auch ums materielle Erlebnis – zumindest jenes, das sich beim Anschauen eines Videos mitfühlen lässt. Die Protagonisten der Dreambuild-Videos stehen immer in einer perfekt ausgestatteten Werkstatt. Für jeden Job ist das richtige Werkzeug zur Hand und an der gut ausgeleuchteten Wand über der sauberen Werkbank hat alles seinen Platz. Fein säuberlich liegen alle Einzelteile bereit und warten auf ihren Einsatz bei der großen Show. Verbaut wird ausnahmslos das Beste, was die Mountainbike-Welt zu bieten hat. Luxus verleitet Menschen schnell zum Träumen – ob bei Häusern, Booten, Autos oder eben Mountainbikes.

Eine perfekt ausgestattete Werkstatt gehört ebenso zum Dreambuild-Konzept, wie edle Bike-Parts. Foto: adobestock
Eine perfekt ausgestattete Werkstatt gehört ebenso zum Dreambuild-Konzept, wie edle Bike-Parts.

Sündhaft teure Kleinserienteile von Intend, Chris King oder Tune mischen sich unter die Topmodelle etablierter Hersteller, wie Fox, Rock Shox, Shimano oder Sram. Natürlich müssen die Dreambuild-Mechaniker für die Parts nicht selbst in die Tasche greifen. Im Gegenteil: Die Hersteller zahlen hohe Summen, damit sie für wenige Sekunden in den vielgeklickten Videos auftauchen. “Product-Placement” heißt das Marketing-Zauberwort. Von der Carbonpaste über den Montageständer bis zur Mütze des Mechanikers ist in der Regel alles, was im Clip zu sehen ist, genaustens geplant. Diese Kumulation von vielen kleinen Träumen verfehlt seine Wirkung nicht, sondern löst instinktiv einen starken “Haben-Will”-Reflex aus.

Die Basis jeden Traumrades ist ein edler Rahmen, wie dieses Custom-Kunstwerk von Unique Cycles. Foto: Henri Lesewitz
Die Basis jeden Traumrades ist ein edler Rahmen, wie dieses Custom-Kunstwerk von Unique Cycles.

Kolumne: Die Stimmung ist im Keller

“Slow-TV” heißt der neuste Reißer der Unterhaltungsindustrie. In Skandinavien versammeln sich ganze Familien stundenlang vor den Displays, um zu sehen, wie in Echtzeit ein Brot gebacken oder eine Sauna gebaut wird. Auch BIKE Volontär Jan Timmermann wurde kürzlich in den Bann des extra langsamen Fernsehens gezogen, als er auf Youtube ein Dreambuild-Video von Gee Milner eingespielt bekam.

Das Zusammensetzen eines exklusiven Traumbikes, wie dieses Unno, hat viel mit Kunst und Meditation zu tun. Foto: Georg Grieshaber
Das Zusammensetzen eines exklusiven Traumbikes, wie dieses Unno, hat viel mit Kunst und Meditation zu tun.

Eine dreiviertel Stunde lang lümmelte ich auf der Couch und beobachtete wie Gee Milner liebevoll die exklusivsten Teile am Markt zu einem Traumbike verheiratete. Gegen dieses Werbeformat sah selbst der zuvor gelaufene Bier-Spot alt aus. Das spannungslösende Gedudel aus den Lautsprechern meines Laptops hatte mich in einen hypnoseähnlichen Zustand versetzt. Die flüssigen Bewegungen und die auserlesenen Parts befriedigten den in meinem Inneren schlummernden Perfektionisten. Als der Brite nagelneue Reifen auf feinste Carbonfelgen aufzog, meinte ich die Stollen an meinen Handflächen spüren zu können. Galeristen sprechen von der “haptischen Wahrnehmung” eines Kunstwerks. Dabei erinnert sich das Gehirn bei der Betrachtung von greifbaren Objekten an Erfahrungen des eigenen Tastsinns. Jeder Schrauber weiß, wie gut es sich anfühlen kann, das Vorderrad in die Gabel einzusetzen und die Steckachse festzudrehen.

Ästhetische Großaufnahmen zeigten, wie sich Titanschraube um Titanschraube in den Vorbau drehte. In meinen Tagträumen hielt ich selbst das edle Werkzeug und bewegte meine rechte Hand langsam mit. Zu sehen, wie das dick eingefettete Pressfit-Tretlager gefühlvoll in den Rahmen glitt, bescherte mir eine fast schon erotische Befriedigung. Ich nahm mir fest vor, das warme Knacken eines Drehmomentschlüssels als Benachrichtigungston auf mein Handy zu spielen. “Du sabberst” riss mich die Stimme meiner Freundin aus der Trance als gerade die regenbogenfarbene Kette schnurrend über die perfekt gefrästen Ritzel flog. Peinlich ertappt nuschelte ich nur: “Ich muss in den Keller” und rauschte aus der Wohnung.

Die wenigsten Hobby-Biker haben für ihren Dreambuild eine so aufgeräumte Werkstatt zur Verfügung, wie Mitch Forbes und Luke Schleppe von Revolution Cycles. Foto: John Gibson
Die wenigsten Hobby-Biker haben für ihren Dreambuild eine so aufgeräumte Werkstatt zur Verfügung, wie Mitch Forbes und Luke Schleppe von Revolution Cycles.

Wie in einem Ikea-Werbespot schloss ich feierlich die letzte Schublade der Werkbank, die nun deutlich mehr Glanz verstrahlte als unser Küchenblock. Ich krempelte die Ärmel hoch, wie es Herzchirurgen in den öffentlich-rechtlichen Vorabendsendungen tun, tunkte den Zeigefinger in die pinke Montagepaste und begann mit Hingabe die Sattelstütze zu liebkosen. Deutlich länger als nötig fingerte ich auf dem matten Carbon herum. Eigentlich hätte sie nun so sanft ins Sattelrohr flutschen müssen, wie Elon Musk in seinen Hyperloop. Stattdessen: garstiges Knarzen und gewaltvolle Drehbewegungen. Wenig später verabschiedete sich eine winzige Madenschraube ins Dunkel des Kellerbodens. Fluchend robbte ich erst auf den Knien umher und betrieb, eine halbe Stunde später, verzweifelten Raubbau an einem meiner anderen Bikes. Die Kette sprang lustlos rasselnd quer über die Kassette, nachdem ich sie erst zu stark gekürzt und dann wieder verlängert hatte. Beim dürftigen Versuch die Bremsen zu entlüften suppte eine Menge Öl auf die Bodenfliesen. Dort vermischte sie sich mit der Dichtmilch, wegen der nun jedes einzelne Werkzeuge klebte, wie die Finger eines Zweijährigen nach dem Milchreis-Essen.

Fluchend knallte ich die Kellertür zu. Dahinter ein Schlachtfeld, erfüllt vom Gestank nach Schweiß und Gummi. “Na, hattest du Spaß?” fragte meine Freundin als ich mit hängenden Schultern das Treppenhaus hochgestapft kam und musterte meine schwarzen Finger misstrauisch. Grummelnd schmiss ich den Fernseher an und antwortete: “Ich muss mir jetzt angucken, wie ein Teppich gewebt wird!”

Vor dem ersten Ausritt mit dem neuen Traumrad, wie dieses Last, hat der Bike-Gott mehrere Stunden geduldigen Schraubens gesetzt. Foto: Robert Niedring
Vor dem ersten Ausritt mit dem neuen Traumrad, wie dieses Last, hat der Bike-Gott mehrere Stunden geduldigen Schraubens gesetzt.

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