BIKE Project EuropeIntend baut das Fahrwerk für das Projekt Europa-Bike

Jan Timmermann

 · 20.10.2022

BIKE Project Europe: Intend baut das Fahrwerk für das Projekt Europa-BikeFoto: Georg Grieshaber

Cornelius Kapfinger - der Kopf hinter Intend - tut etwas, was sonst keiner tut: Er baut Federgabeln und Dämpfer in Deutschland. Exklusive Kleinserienteile, vor denen Technik-Nerds niederknien. Im Herzen Freiburgs entsteht bei Intend nun das Fahrwerk für unser MTB für das BIKE Project Europe Bike.

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Das Projekt-Europe-BikeFoto: BIKE Magazin
Das Projekt-Europe-Bike

Firmenbesuch bei Intend

An der Freiburger Schwabentorbrücke geht es zu wie in Peking zur Rushhour. Hitze, Lärm und Gewusel beherrschen diesen Sommertag. Inmitten polternder Straßenbahnen und hektischer Passanten steht ein vierstöckiger Altbau. Der Putz bröckelt, und die hölzernen Fensterläden könnten einen Anstrich vertragen. Auf dem Klingelschild steht „Intend BC“ – wir sind also richtig. Mit der Tür öffnet sich ein Portal in ein Paralleluniversum. Ein Schritt über die Schwelle, und man steht sprichwörtlich mitten drin im Himmel der Liebhaber von Highend-Bikeparts. Der Himmel ist klein. In gerade einmal zweieinhalb Zimmern geschieht etwas bislang deutschlandweit Einzigartiges: Hier werden Federgabeln gebaut. Mastermind und Firmengründer Cornelius Kapfinger steht an der Filtermaschine. „Wie wär’s mit Kaffee?“, fragt er grinsend.

Verlagssonderveröffentlichung
Längst ist aus der ehemaligen One-Man-Show in einer Freiburger WG ein kleines, aber weltweit bekanntes Unternehmen geworden. Die familiäre Atmosphäre ist Intend erhalten geblieben.Foto: Georg Grieshaber
Längst ist aus der ehemaligen One-Man-Show in einer Freiburger WG ein kleines, aber weltweit bekanntes Unternehmen geworden. Die familiäre Atmosphäre ist Intend erhalten geblieben.

An den Wänden des Altbaus stapeln sich Rohre und Frästeile deckenhoch auf Ikea-Regalen. Davor vier Werkbänke, an denen gerade Gabeln montiert werden. In jeder Ecke Kartons und zerlegte Bike-Teile. Ein Hund wuselt herum. Zwischen den Fensterbögen hängt ein zwei Meter hohes Whiteboard voll mit wilden technischen Zeichnungen. Es sieht mehr nach Studenten-WG als nach Bike-Firma aus. Als Kapfinger hinter einem Regal eine Prototypengabel hervorholt, legen die Kollegen schlagartig ihre Arbeit nieder und lauschen gespannt den Erklärungen des Tüftlers. Nach den in Freiburg handgebauten Upside-down-Gabeln lecken sich Bike-Freaks die Finger. Der Kundenkreis von Intend besteht vor allem aus technisch affinen Bikern und verlangt nach extrem hochwertigen Produkten. Auf die Einzigartigkeit seiner Teile legt Kapfinger großen Wert: „Es kommt auf Kleinigkeiten an. Unsere Gabeln sind so simpel, wie nötig und so perfekt, wie möglich.“

Dass er in der Bike-Branche landen würde, war dem studierten Wirtschaftsingenieur immer klar. „Am besten was mit Pneumatik. Da bewegt sich was, das ist geil!“, schwärmt Kapfinger. Angefangen hat alles als One-Man-Show in einer Freiburger Wohngemeinschaft. Als das WG-Zimmer zu klein wurde, mietete er ein zweites dazu und übernahm das Kellerabteil für die Metallarbeiten. Den Großteil der Entwicklungsarbeit leistete er weiterhin auf der WG-Couch. Inzwischen ist aus der Bastelbude des Lebenskünstlers jedoch ein kleines Unternehmen von weltweiter Bekanntheit erwachsen, und seine Mitarbeiter sollen dann doch nicht neben dem Bett ihres Bosses arbeiten müssen. Deshalb zog das Intend Team letztes Jahr ein paar Straßenzüge weiter. Direkt an die Freiburger Dreisam. Hier entstehen und lagern jetzt die Produkte, bei denen die Anhänger exklusiver Kleinserienteile feuchte Hände bekommen.

Im Alleingang entstand Intend 2015.
Foto: Georg Grieshaber

Intend: Aus der WG zu einem international bekannten Unternehmen

Kapfinger stellt sich an eine der Werkbänke, wo Gabelkronen und Gabelschäfte auf ihre „Verheiratung“ warten. Fahrräder und Komponenten aus heimischer Fertigung sind gerade schwer gefragt. Ein Glück für den Tüftler, dem von Anfang an klar war, dass seine hohen Ansprüche an Qualität und Nachhaltigkeit nur durch eine lokale Fertigung zu befriedigen sind. Für den gebürtigen Niederbayern ist Biken mehr als nur ein Hobby. Es geht ihm um die Community und die technische Faszination. Als Nerd würde er sich, ganz im Gegensatz zu seiner Freundin, aber nicht bezeichnen. „Wobei das andere bestimmt auch sagen würden“, überlegt Kapfinger und schaut verstohlen zu seinen Mitarbeitern. Die lachen nur und nicken.

Jetzt streicht der 35-Jährige fast zärtlich mit dem Finger etwas Sicherungspaste auf einen Gabelschaft. Dann spannt er ihn in eine Maschine, die ihn quietschend mit der Gabelbrücke verpresst. Es riecht nach Metall. In der schmierigen Hand hält Kapfinger ein einzelnes Blatt Papier. Der Laufzettel mit den fettigen Fingerabdrücken geht mit der fertigen Federgabel später zum Kunden. Intend lebt von dieser Art Authentizität. Es gibt kein schickes Office und keine große Produktionslinie. Jedes Federelement wird bei Intend erst auf Bestellung gefertigt. Bei den Gabeln sind das zwischen drei und 15 Stück pro Woche. Viele davon montiert Kapfinger noch selbst. Aufträge zu erledigen, bereitet ihm Genugtuung: „Das brauche ich einfach neben der Arbeit am PC.“

Kapfinger hat schon vor Langem eine Lösung für die Probleme gefunden, die zur Zeit die Bike-Industrie vor extreme Herausforderungen stellen. Seine Werkstatt liegt nur drei
Minuten zu Fuß von seiner WG entfernt. Hier kann er die sozialen und ökologischen Standards seiner Firma überblicken. Bis vor Kurzem noch hat sich Intend sogar die Mülleimer gespart. Alles sollte wiederverwendet werden. Mit den Gabeln landen deshalb auch gebrauchte Kartonagen als Polstermaterial im Versandkarton. Eine Klopapierrolle schützt die Achse beim Transport – besonders zur Corona-Hochphase ein Gag, der gut ankam. Inzwischen gibt es Mülleimer. Seine Kollegen haben Kapfinger darauf hingewiesen, dass man der Seriosität zuliebe nicht alle Verpackungsreste zum Kunden schicken könne.

„Wie geht’s mit meiner Firma weiter?“ Diese Frage stellt sich Cornelius oft und übt sich im Spagat. Intend-Fahrwerke an Komplett-Bikes wären toll. Dafür müsste jedoch der Preis sinken, ohne Qualität und Image zu beeinträchtigen.
Echte Handarbeit ist das Zusammensetzen der Intend-Gabeln.Foto: Georg Grieshaber
Echte Handarbeit ist das Zusammensetzen der Intend-Gabeln.

Nach 45 Minuten Handarbeit hat der Entwickler die Intend-Gabel fertig zusammengesetzt. Sie besteht aus gerade einmal 103 Einzelteilen. Bei der Auswahl der Zulieferer ist Kapfinger besonders kritisch: Zu jeder kleinen Gummidichtung hat er die Herkunft und den Einkaufspreis im Kopf. „Ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich Teile aus Asien bestelle“, gesteht er leise. Das lasse sich nur schlecht mit dem eigenen Image vereinbaren. Andererseits sei der Preis für ein Intend-Fahrwerk derzeit noch jenseits jeder Konkurrenzfähigkeit. Deshalb sind Intend-Produkte bislang auch an kaum einem Komplett-Bike zu sehen. Gerade spezialisierte Firmen aus Taiwan und China böten Spitzenqualität zu unschlagbaren Preisen – ein Dilemma! „Am Ende ist es vielleicht doch wichtiger, dass man liefern kann, als dass wirklich alles aus der EU kommt“, wägt Kapfinger ab und legt die Stirn in Falten. Man merkt, dass ihn das Thema beschäftigt, auch wenn es dabei nur um ein paar Kleinteile geht. Die Fertigung könnte er nie aus der Hand geben.

Dass seine ursprüngliche Spinnerei einmal zu einem Business werden und ihn vor solche Überlegungen stellen würde, hätte Kapfinger nie gedacht. Er trägt Verantwortung für seine Mitarbeiter und für die Wirtschaftlichkeit von Intend. Doch der junge Ingenieur hat für sich einen Weg gefunden, wie er damit umgehen will. Vom Erfolg seiner Produkte möchte er sich nicht vereinnahmen lassen. Daher hat er beschlossen, nicht mehr als 90 Prozent seiner persönlichen Energie in die Firma zu stecken: „Mehr mache ich einfach nicht.“ Kein Firmenauto, kein Messestand – so bleiben Zeit und Geld für andere Dinge.

Damit ist vor allem Biken gemeint. Obwohl noch viel zu tun wäre, legt das Team die nur halb montierten Einzelteile aus den Händen. Kapfinger stößt die Tür auf und tritt aus seinem kleinen Paralleluniversum hinaus auf die Straße. „Zusammen Rad fahren ist wichtig. Das macht richtig Bock!“, schwärmt er, klickt ins Pedal ein und verschwindet hinter der polternden Straßenbahn ums nächste Häusereck.

Intend - im Herzen FreiburgsFoto: Georg Grieshaber
Intend - im Herzen Freiburgs

Firmen-Historie: Das ist Intend

2013, während seiner Zeit als Entwickler bei Trickstuff, setzte Cornelius Kapfinger die Einzelteile einer alten Manitou-Dorado-Upside-Down-Gabel, eine Marzocchi-Kartusche und die Standrohre einer White-Brothers-Federgabel zusammen. Das Ergebnis funktionierte zwar, stellte den Ingenieur aber noch nicht zufrieden. Angetrieben vom Interesse für Pneumatik wollte er die hohe Längssteifigkeit einer Doppelbrückengabel mit dem niedrigen Gewicht einer Gabel mit Einfachbrücke kombinieren. Es folgte die erste Eigenentwicklung, welche Cornelius 2014 an einem Leser-Bike in BIKE präsentierte. Die nötigen CAD-Zeichentechnik beherrschte er dank einer Getriebekonstruktionsübung während des Studiums in Wien.

Gabel-Puzzle: Aus Drei mach EinsFoto: Georg Grieshaber
Gabel-Puzzle: Aus Drei mach Eins

2015 meldete Cornelius das erste Kleingewerbe an und suchte auf Google nach einem Namen für seine neue Firma. „Intend“ sollte fortan für wohlüberlegte Bike-Produkte stehen. Heute umfasst das Intend-Portfolio neben acht Upside-down-Modellen auch eine Right-Side-up-Gabel, einen Dämpfer, Kurbeln, Bremsscheiben, Vorbauten und viele funktionelle Kleinteile.

Für die Zukunft wünscht sich Cornelius weniger Aufmerksamkeit um seine Person und mehr für sein Unternehmen. Noch ist Intend aber eng mit dem Namen Kapfinger verbunden.Foto: Georg Grieshaber
Für die Zukunft wünscht sich Cornelius weniger Aufmerksamkeit um seine Person und mehr für sein Unternehmen. Noch ist Intend aber eng mit dem Namen Kapfinger verbunden.

Das Fahrwerk von Intend fürs Europa-Bike

Federgabel und Dämpfer für unser BIKE Project Europe haben Cornelius Kapfinger und sein Team von Intend in Handarbeit zusammengesetzt. Rund 90 Prozent des Fahrwerks entstehen so in Europa.

Gabel + Dämpfer

In der Intend-Edge-Gabel arbeitet eine Luftdämpfung mit halboffenem Ölbad. Das System entlüftet sich selbstständig bei jedem Einfedern und ist leichter, als die Standardkartuschen. Im Hover-Gamechanger-Dämpfer stecken zwei Jahre Entwicklungsarbeit. Das Royal Flush Coating sorgt für besonders wenig Reibung. Gabel und Dämpfer stellen am EU-Bike je 170 Millimeter Federweg bereit.

  • Preis Gabel: 1899 Euro
  • Gewicht Gabel: 2150 Gramm
  • Preis Dämpfer: 1079 Euro
  • Gewicht Dämpfer: 460 Gramm

Schaft + Brücke

Der Gabelschaft stammt aus Taiwan. Die hohe Qualität und der akzeptable Preis machen das Asia-Produkt konkurrenzlos im Vergleich zu europäischen Produkten. Vier Jahre lang hat Kapfinger den Schaft persönlich getestet, um lästiges Knarzen auszuschließen. Die Brücke wird ebenso wie die Ausfallenden in Rosenheim gefräst. Inzwischen haben alle Intend-Gabeln dieselben Ausfallenden. Das sorgt für größere Bestellmengen beim Zulieferer und vereinfacht die Montage. In Rosenheim entsteht auf einer fünfachsigen CNC-Fräse auch der Intend-Grace-Vorbau für unser Projekt-Bike.

BIKE Project Europa: Das Fahrwerk liefert IntendFoto: Georg Grieshaber
BIKE Project Europa: Das Fahrwerk liefert Intend

Rohre + Kolben

Die oberen Rohre werden von einem Produzenten in Österreich aus dem Vollen gedreht. Kaum jemand sonst beherrscht diese anspruchsvolle Technik. Die hartanodisierten und geschliffenen Standrohre werden in Taiwan gezogen. In Europa kann man sie nicht in der benötigten Qualität kaufen. Die zwei Dämpfungskolben bezieht Kapfinger aus China. Taiwan sei derzeit durch die vielen Aufträge aus der Bike-Industrie absolut ausgebucht. China könne deshalb oft schneller liefern. Der Luftkolben, die Luftkammerverlängerung, die Kolbenaufnahme und die Verschraubungsmuttern werden in Deutschland produziert.

Öl + Dichtungen

Den Großteil der Dichtungen in Intend-Gabeln und -Dämpfern fertigt der schwedische Spezialist SKF in Italien. Die übrigen O-Ringe stammen aus Deutschland. Die Kunststoffteile werden ebenso wie die gefrästen Einsteller in Thüringen hergestellt. Auch die Dichtungsköpfe sind Made in Germany. Die Schmierstoffe kommen aus Deutschland, Frankreich und Polen. In Polen entstehen auch die Gleitbuchsen. Dank der Upside-down-Bauweise können diese weit genug kalibriert werden, um einen optimalen Leichtlauf zu erreichen. Das immer an den Buchsen stehende Öl verhindert Buchsenspiel.

Ein Puzzle mit 103 Teilen

Intend besitzt keine eigenen Produktionsmaschinen. Fräsen, Drehen und Eloxieren (wie im Bild unten zu sehen) erledigen externe Anbieter. Die Teile für Gabeln und Dämpfer werden von verschiedenen Zulieferern eingekauft und in der kleinen Freiburger Werkstatt Stück für Stück zusammengebaut. In die Auswahl der Herstellerfirmen investiert Intend-Inhaber Kapfinger viel Zeit und Energie. Immer wieder vergleicht er Produkte aus Europa und Fernost miteinander. Inzwischen hat er ein exzellentes Netzwerk aufgebaut.

Externe Firmen fräsen, drehen und eloxieren für IntendFoto: Georg Grieshaber
Externe Firmen fräsen, drehen und eloxieren für Intend

Klettert man über eine schmale Holztreppe aus der Werkstatt hinunter in den Keller, steht man vor einer Drehbank voller Metallspäne und einer einzelnen Testmaschine. Die meisten Tests finden jedoch außer Haus statt. Intend hat im nordrhein-westfälischen Waltrop mit EFBE Prüftechnik einen Partner gefunden, der Prüfstandtests extra für kleine Kunden aus der Bike-Branche anbietet. Die Praxistests übernimmt eine kleine Auswahl an Testfahrern und das Freiburger Team selbst.

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