Gitta Beimfohr
· 17.08.2026
So wie Gravelbiker heute „Lost Places“ aufspüren, entdeckten Mountainbiker einst die Alpen – immer auf der Suche nach dem besten Trail, dem größten Erlebnis. Und mit diesen Touren-Ikonen fing die Reise in den 90er-Jahren an.
Sehr unwahrscheinlich, dass ein Mountainbiker, der schon mal am Pasubio oder durch die Dolomiten getourt ist, einen Krieg anzetteln würde. Zwar sind es gerade die Militärstraßen aus dem Ersten Weltkrieg, die sich in den Alpen besonders gut pedalieren lassen, die spektakulär in senkrechten Felswänden kleben und die meist zu den schönsten Späher- bzw. Aussichtspunkten führen. Aber man passiert dabei eben auch hautnah alte Stellungen, Tunnels und Granattrichter, in welchen Tausende von Soldaten ihr Leben ließen. Soldatenfriedhöfe, abgesprengte Gipfel und Monumente entlang der damaligen Kriegsfront erinnern stets daran, wie brutal und am Ende doch sinnlos Kriege schon immer waren und sind.
Touren mit Geschichte haben es uns Bikern schon immer angetan. Zunächst, weil ein gewisser Elmar Moser uns die besten Militärstraßen in seinen Moser-BIKE-Guides präsentierte. Später galt es Trails zu entdecken, die ein Moser noch nicht verraten hatte. Als sich schließlich die ersten Seilbahnen auch für Mountainbiker öffneten, taten sich plötzlich noch mal ganz neue Horizonte auf. Hier zeigen wir sechs echte Meilensteine des alpinen Bike-Sports – eine Hommage, die wir auf bike-magazin.de jeden Sonntag um eine Tour verlängern werden.
2400 Höhenmeter am Stück! Das Ganze steil, steiler und immer schwieriger zu kurbeln: Das 2909 Meter hohe Eisjöchl in Südtirol gehört seit den 90er Jahren zu den härtesten MTB-Herausforderungen der Alpen. Bevor die Seilbahnen halfen, lautete die Challenge nämlich: Die härtesten, längsten Anstiege der Alpen finden und möglichst ohne Fußabsetzen und Pausen bezwingen. Wobei „Eisjöchl komplett gefahren“ bis heute wohl nur die Fittesten von sich behaupten können. Die Auffahrt startet schon mit steilen Asphaltrampen und nervenaufreibenden Tunneln.
Danach stapeln sich im Talschluss die Serpentinen auf felsigem Untergrund. Bei immer dünner werdender Luft, schärfer zerrendem Wind und hochalpinem Geröll lauern auf den letzten 1000 Höhenmetern Haarnadelkehren mit bis zu 20 Prozent Steigung. Vier bis fünf Stunden bastelt man hier locker allein am Aufstieg. Oben muss man wegen der Höhe mit eisigen Böen, Schauern oder Restschneefeldern rechnen. Doch seit 2022 kann man sich in Passnähe wieder aufwärmen: Die durch eine Lawine zerstörte Stettiner Hütte wurde hochmodern und mit 80 Gästebetten wieder aufgebaut. In Angriff nehmen lässt sich das Eisjöchl von beiden Seiten, doch als Tagestour ist die Runde eher von Naturns aus zu empfehlen. Prädikat: Muss man sich als echter Alpen-Biker einmal im Leben in die Beine gepumpt haben. Mehr zur Tour mit Höhenprofil.
Der 2909 Meter hohe Übergang vom Passeiertal ins Schnalstal ist Teil des Meraner Höhenwegs und wird daher gut gepflegt. Oberhalb der Lazinser Alm ist er sogar mit Steinplatten gepflastert. Die scharfkantigen Wasserrinnen, die einst für wenig Fahrspaß und Platten gesorgt haben, wurden inzwischen eingeebnet!
„Was soll denn der Pasubio in dem Guide? Der liegt doch gar nicht am Gardasee.“, wollte BIKE-Chefredakteur Uli Stanciu von Elmar Moser wissen, als dieser 1990 seinen ersten „Band 3“ herausgebracht hatte. „Frag nicht, fahr’ diese Tour, dann weißt du Bescheid.“, war die Antwort. Tatsächlich löste diese Tour unter Moser-Jüngern einen wahren Hype aus. Allerdings nicht lange. Nachdem zwei Mountainbiker in den Tod gestürzt waren, wurde die Tour 1994 für Biker gesperrt. Wer trotzdem fuhr, wurde am Ausgang des letzten Tunnels von Carabinieri abkassiert. 400 D-Mark Strafe kostete das Erwischtwerden. So geriet die Tour bald in Vergessenheit. Doch einer, der sich an die Tour noch gut erinnert, ist Uli Stanciu: „Vom Passo Pian delle Fugazze (1162 m) kurbelt man die Strada degli Erol Richtung Rifugio Papa hinauf. Mitten in einer senkrechten Felswand – das ist schon spektakulär. Doch die Tunnel-Abfahrt toppte wirklich alles. Nicht, weil der Weg besonders toll zu fahren war – die Tunnels sind ja stockdunkel und ruppig wie das Val d’Uina. Auch dazwischen haben wir uns nicht viel getraut, weil der 300-Meter Abgrund im Nebel nur zu erahnen war. Nein, es sind die Tunnels selbst, die Gänsehaut machen. Einer dreht sich sogar wie ein Korkenzieher bergab. Unglaublich, zu welchen Bauwerken man im Ersten Weltkrieg fähig war.” Wie Uli Stanciu seine erste Tour auf der Strada delle 52 Gallerie bei Gewitter erlebte, beschreibt er hier.
Der Tunnelweg ist noch immer für Biker tabu – Absturzgefahr! Besser das Bike am Eingang abstellen und zu Fuß den oberen Teil der Strada erkunden. Am besten bei guter Fernsicht.
Als Holger Meyer mit dieser Trail-Entdeckung aus dem Vinschgau zurückkehrte, starteten wir 2008 die „Supertrail“-Serie in BIKE. Mit dem Erfolg, dass der Trail wenige Monate später gesperrt wurde. Ein Bauer war von einigen rowdyhaften Nachfahrern genervt. Solch einen langen Trail mit Seilbahn kannte man bis dahin noch nicht. Holger: „Wir haben uns an der Seilbahn noch gemütlich einen Cappuccino gegönnt. Das hätten wir niemals gemacht, wenn wir die 1000 Höhenmeter nach St. Martin hinauf noch hätten kurbeln müssen. Das war Luxus pur: Bergauf schweben, langen Trail abchecken und danach – total verrückt, das Ganze einfach nochmal? Holger Meyer erinnert sich an seine Erstbefahrung.
Der Trail ist wieder freigegeben, wurde im oberen Bereich aber umverlegt. Seilbahn: für Biker von 7 – 9 Uhr und 15 – 19 Uhr. Dafür ist die Hängebrücke nun gesperrt. Umleitung auf Weg Nr. 5 (S3).
Goldgräberstimmung in den 2000er-Jahren: Wer findet rund um den Gardasee einen Trail, der noch nicht im Moser-Guide steht? Der damalige BIKE-Tourenautor Marco Toniolo entdeckte die ultimative Herausforderung in den Flanken des Monte Stino am Idrosee. Auch hier verlief im Ersten Weltkrieg die Frontlinie, weshalb die Berge rund um den hübschen kleinen See über unzählige Militärwege miteinander vernetzt sind. Am Monte Stino ist der Pfad allerdings in so viele und enge Kehren verlegt, dass Toniolo auf der 1100 Tiefenmeter langen Abfahrt einfach mal mitzählte: 136 Switchbacks! Deutlich einfacher ist es aber, man zählt einfach die Kurven, die man nicht gekriegt hat. Toniolos Rat damals: „Spitzkehren-Fahren sollte man wirklich im Schlaf beherrschen, denn das entscheidet am Monte Stino über Himmel und Hölle.“ Zur genaueren Beschreibung.
Nach wie vor fahrbar: Der Idrosee liegt 45 Autominuten westlich von Riva del Garda. An seinem Nordufer wartet der Campingplatz Baitoni. Von dort steigt man bequem in den Anstieg ein.
Es ist nicht überliefert, wer diese Tour im Val di Susa als Erster gemacht hat – was erstaunlich ist, denn der 3131 Meter hohe Mont Chaberton gilt als der höchste mit dem Bike befahrbare Punkt der Alpen. Und dann auch noch ein Gipfel! Aber wahrscheinlich ging man damals davon aus, dass weitere Gipfelentdeckungen folgen würden. Doch es blieb dabei – und wenn man ehrlich ist: Von kompletter Fahrbarkeit des Mont Chaberton konnte man selbst im E-MTB Zeitalter nicht sprechen. Seine Auffahrt zog sich auf 13 Kilometern Länge knapp 1900 Höhenmeter in den Himmel. Steil, verblockt, bröselig und teils ausgesetzt.
Es warteten geröllige Steilkehren, in denen das Vorderrad bei zu viel Schub einfach weg- und das Hinterrad durchrutschte. Schlüsselstelle bildete der „gespaltene Fels“. Hier zwängte sich der bis auf ein schmales Band weggebrochene Militärweg durch eine Felsformation. Ein Sicherungsseil in der Wand half bei der Querung. Doch dann gingen 2017 und 2019 Muren ab, die große Abschnitte des Weges verschütteten. Seither ist die Auffahrt von Fenils aus nicht mehr möglich. Aber es gibt natürlich Gründe, warum sich Biker von Claviere aus trotzdem noch hier hochkämpfen: Zum einen ist das Gipfelpanorama unschlagbar, doch im Fokus steht die „Krone des Cottischen Königs“. 1898 haben Italiener den Gipfel des Berges abgesprengt, um hier acht riesige Geschütztürme, die höchste Militärfestung Europas, zu installieren. Eine Anlage, die gegen Frankreich im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz kam und auf der man heute herumklettern kann. Mehr Infos.
Seit den Murenabgängen von 2017 und 2019 wurde der Weg von Fenils noch nicht saniert. Daher ist bis auf Weiteres nur eine Stichtour von/bis Claviere möglich.
Es war DIE Mutprobe Ende der 90er. Ursprünglich hatte Uli Stanciu eine Transalp-Route gesucht, die Trial-Legende Hans Rey an seine Grenzen bringen sollte. Danach hieß es: „Wer diesen Trail wie Hans Rey ohne Fußabsetzen schafft, der kann sich zu den Top-Bikern dieser Welt zählen!“ Und wer wollte das damals nicht. Allerdings dürften es sich vor Ort einige noch mal anders überlegt haben. Steht man in Mezzocorona vor dieser knapp 900 Meter hohen Steilwand, wird klar: kein Raum für undosierte Bremsmanöver. Reizvoll aber war diese fast senkrecht nach oben knarzende Seilbahn. Sie nahm damals schon Bikes mit! Der Trail selbst lässt sich beschreiben mit: steil, Felsstufen, loses Geröll, alle 50 Meter eine verblockte Haarnadelkurve – und: Abgrund. Dort, wo ein Drahtseil sichert, quetscht man sich in den Kehren die Hände ein. Etwas mehr Speed soll geholfen haben. Fakt ist: Wer oben war, blickt seither von der Brennerautobahn aus stolz aus dem Seitenfenster und sagt: „Den Trail in der Wand dort hab ich mal gemacht.“ Nach Hans Rey, traute sich auch die BIKE-Testcrew mit recht vollen Hosen an den Mezzocorona. Mit dabei: Markus Greber, Christoph Listmann, Holger Meyer, Rainer Gerster und ein noch recht junger Karl Platt.
Das Bike-Verbotsschild steht noch immer, die urige Seilbahn wurde dieses Jahr im Juli leider abgebaut. Sie soll in absehbarer Zeit durch eine 25-Personen-Gondel ersetzt werden.

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