Warum Elmar Moser diesen Trail nicht entdeckt hat, wird wohl ein Rätsel bleiben. Der Touren-Papst aus den 90er Jahren war für seinen Gardasee-Band 12 zwar am Lago di Ledro unterwegs, aber er beschrieb stattdessen den “Bocca Cocca-Trail” als den “wohl feinsten Trail weit und breit”. Ein Waldpfad, den man auf der Mission 136-Kehren bergauf nehmen muss, um zum Gipfel des Monte Stino, und damit zum Einstieg des Kult-Trails zu gelangen.
In der Karte entdeckt hat er das nicht enden wollende Zickzack-Band am Ostufer des Ledrosees bestimmt, aber wahrscheinlich konnte er sich in den 90er-Jahren noch nicht vorstellen, wie man da mit dem Bike runterkommen sollte. Den Fahrtechnik-Move des Hinterrad-Versetzens konnte damals noch niemand. So blieb diese Kurven-Challenge lange Zeit ein Geheimtipp der Locals.
Bis in den 2000er Jahren eine ganz andere Challenge ausbrach, nämlich: Wer findet Trails am Gardasee, die noch nicht im Moser-Guide stehen? Goldgräber-Stimmung unter all denjenigen, die bereits alle Moser-Touren mehrfach abgefahren waren! Und tatsächlich hatte Moser noch ein paar weiße Flecken in der Landkarte hinterlassen. Vor allem am Idrosee, in den Valli Giudicarie, 45 Autominuten westlich von Riva del Garda. Auch hier verlief im Ersten Weltkrieg die Frontlinie, weshalb die Berge rund um den hübschen kleinen See über unzählige Militärstraßen miteinander vernetzt sind.
Einer der das Potenzial dieser Berge und besonders das des Monte Stivo früh erkannt hatte, war ein gewisser Marco Toniolo. Ihn faszinierten diese Kehren so, dass er beim Fahren einfach mal mitzählte: Einhundertsechsunddreißig. Glücklicherweise war der Italiener damals gerade als freier Tourenautor beim BIKE Magazin beschäftigt und so stellte er den 136-Kehren-Trail am Monte Stino in der Ausgabe 9/2007 der Öffentlichkeit vor. Allerdings nicht ohne zu warnen: “Spitzkehren-Fahren sollte man wirklich im Schlaf beherrschen, denn das entscheidet am Monte Stino über Himmel und Hölle.”
Toniolo startete seine Tour noch in Anfo, am Westufer des Idrosees. Allerdings muss man von dort erst den halben See umrunden, um in den Anstieg Richtung Bondone einzufädeln. Da liegt der Campingplatz Baitoni am Nordufer strategisch deutlich günstiger. Hier geht es mit den Höhenmetern direkt los: Die ersten 400 auf asphaltierter Bergstraße, die nächsten 400 auf Schotter, dann erreicht man den “Bocca Cocca”-Trailabschnitt aus dem Moser-Guide. Knapp 200 Höhenmeter muss man hier durch teils loses Geröll und Wurzeln manövrieren. Mit dem E-MTB ist das kein Problem, alle anderen werden sich eine Linie für den runden Tritt suchen müssen.
Kurz vor dem Gipfel wartet das Rifugio Monte Stino (1415 m). Selbst wenn man nach 1200 Höhenmetern noch keinen Hunger auf wirklich gute Pasta hat, sollte man sich die Aussicht von der Hüttenterrasse wenigstens ein Getränk lang gönnen: Von hier oben überblickt man den kompletten Idrosee und all die feinen Trail-Linien in den Bergflanken gegenüber.
Nach der Einkehr kann man hinter der Hütte noch einen Spaziergang durch die alten Schützengräben machen,, bevor es hinauf zum Gipfel und zum Startpunkt des Trails geht. die Abfahrt startet tatsächlich mit einer Steintreppe und einem eng anliegenden Geländer. Die letzte Stufe entlässt direkt in die erste, recht ausgesetzte Rechtskehre. Das muss man sich schon trauen. In der anschließenden Linkskehre muss man das Hinterrad versetzen können, obwohl die Felswand dahinter kaum Platz dafür lässt. Kehre 3 zieht im Steilhang verdammt eng zu - also wer die ersten 5 Kehren schiebt, muss sich wirklich nicht schlecht fühlen. Oder Angst haben, dass er jetzt den kompletten Berg runterschieben muss. Ab Kehre Nummer 6 wird der Berghang flacher und die Kurven geben sich runder. Theoretisch kann man fast alle Kurven auch mit viel Balancegefühl schaffen oder man nutzt die 1100 Tiefenmeter nach Vesta hinunter zum Hinterradversetzen-Üben. Wer das schon kann, probiert sich vielleicht auch im Auf-dem-Vorderrad-Durchrollen. Tipp: Statt der 136 Kehren zählt man besser die Anzahl der Kurven, die man NICHT geschafft hat. Das ist einfacher und danach wird man später häufig gefragt.
Wichtig noch zu wissen: In Vesta gibt es einen fünf Kilometer langen Uferpfad, der theoretisch zum Campingplatz zurückführt. Der ist allerdings seilgesichert, weil er so ausgesetzt und teils felsig-steil bergauf über dem See dahinklettert. Besser man steigt in Vesta ins Schiff und tuckert gemütlich über den See zurück!
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