Es war die Mutprobe schlechthin: die Steilwand-Abfahrt vom Mezzocorona. Für diesen Trail sind einst sogar ein Hans Rey und ein Wade Simmons über den Atlantik ins Trentino gereist. Nun wurde die historische Seilbahn dort hinauf am 14. Juni leider für immer geschlossen.
Finde eine Transalp-Route, die fahrtechnisch so schwer ist, dass nur ein Trial-Meister wie Hans “No Way” Rey sie wirklich fahren kann. So lautete Ende der 90er Jahre der Auftrag an Uli Stanciu. Was gar nicht so leicht war. Denn wie sollte man als fortgeschrittener Normalbiker beurteilen können, was für einen Akrobatiker wie Hans Rey gerade noch fahrbar ist und was nicht?
Es war seine heutige Frau Giovanna, die Stanciu auf diesen Ausflug auf den Monte Mezzocorona mitnahm. Eigentlich eher wegen der nicht weniger spektakulären Seilbahn, die sich die senkrechte Felswand hinaufzieht und natürlich wegen der extrem schönen Vogelperspektive, die man von dort oben über das Etschtal hat. Doch als sie den felsigen, stufigen und nur sehr dürftig per Drahtseil gesicherten Serpentinen-Weg durch die Wand wieder hinunterkletterten, war der Transalp-Streckenpapst begeistert: Das könnte was für Hans sein!
Im Herbst 1999 war es soweit: Der Trial-Meister reiste aus den USA mit Filmteam an. Similaun-Gletschertrail und Hochjoch hatte er bereits im Kasten, die weitere Route durfte nicht verraten werden - aus Angst Nachahmer und womöglich Abstürze zu provozieren. Auch der Mezzocorona-Trail wurde von den Behörden nur für diese eine Befahrung von Hans Rey öffentlich erlaubt. Natürlich hat er es geschafft. Seine Erkenntnis:
Eine Downhill-Maschine schafft die engen Kurven nicht, mit einem Hardtail bekommt man Kraftprobleme. Ein normales Fully scheint mir der goldene Mittelweg zu sein.
Völlig aus dem Häuschen waren dagegen seine Begleiter. Darunter auch der inzwischen verstorbene Glen Jacobs, Olympia- und Worldcup-Streckendesigner, sowie Produzent der Mudcow-Serie:
Mezzocorona ist der heilige Trail der Downhiller. Hier könnte man das extremste Rennen der Welt veranstalten!
Uli Stanciu fiel dagegen ein Felsbrocken vom Herzen. Die Nummer hätte ja auch schlimm ausgehen können. So aber kehrte auch er begeistert in die BIKE-Redaktion zurück: “Kein anderer Singletrail ist so lang, so schwer und weist eine so interessante Mischung aus Stufen, Felsplatten, Geröll, Serpentinen und Waldpassagen auf! Und das Beste: Der Einstieg ist mit der Gondel erreichbar!”
Doch was die damalige Testcrew des BIKE-Magazins am meisten triggerte, war Stancius Schlusssatz:
Wer diesen Trail, wie Hans Rey, ohne Fußabsetzen schafft, der kann sich zu den Top-Bikern dieser Welt zählen!
Keine 24 Stunden später stehen Markus Greber, Christoph Listmann, Holger Meyer, Rainer Gerster und Karl Platt ungläubig am Fuß des Berges und blicken auf ihre persönliche Eiger-Nordwand. Christoph hatte sich zuhause noch schnell seine Handy-Cam an den Integralhelm gebastelt - jetzt ist sich gar nicht mehr sicher, ob er sie wirklich zum Einsatz bringen soll: “Ich glaub, der Stanciu will uns in die Hölle schicken.” Doch die Seilbahnfahrt kostet nur 8000 Lire - anschauen kann man sich das Ganze ja mal von oben.
Das Knarzen und Knirschen der alten Zwei-Personen-Gondeln heitert die Jungs auf dem Weg zum Schafott auch nicht gerade auf. Oben der Blick in die senkrechte Tiefe - bloß nicht hinschauen. 200 Meter rollen sie über die friedliche Hochebene des Berges, bis ein kleines Holzschild “Mezzocorona” den Weg in die Todeszone weist. Der Pfad balanciert sofort über eine senkrechte Klippe, ein dickes Drahtseil soll das Schlimmste verhindern. Felsstufen, loses Geröll und alle 50 Meter eine Haarnadelkurve. Auch die sind verblockt. Am einfachsten sieht die äußerste Linie aus, also die am Abgrund. Dort, wo ein Drahtseil sichert, quetscht man sich in den Kehren die Hände ein. Orientiert man sich dagegen näher an der Felswand, droht der Lenker einzufädeln. Dann lieber eine gequetschte Hand. Und immer das Vorderrad genau platzieren! Etwas mehr Speed? Kostet Überwindung, hilft aber. Am Ende lautet die Challenge unter den Fünf: Wer schafft die meisten Spitzkehren am Stück, ohne abzusetzen.
Knapp zwei Stunden haben die Jungs damals gebraucht, bis sie - alle unverletzt - wieder unten am Parkplatz standen. Ein Weltmeister-Gefühl stellte sich nicht ein. Eher ein “wow, überlebt”. Aber seither blicken sie heute noch rechts aus dem Seitenfenster, wenn sie auf der Brenner-Autobahn gen Süden unterwegs sind: “Schau, diese Steilwand bin ich schon mehrmals runtergefahren.”
Geheim blieb der Mezzocorona-Trail natürlich nicht. Man sagt, die Innsbrucker Vertrider nutzten die Abfahrt immer mal wieder als Aufwärmprogramm für größere Ausflüge. Ein paar Jahre später wurde der Trail bereits in einschlägigen MTB-Foren diskutiert, filetiert und fachmännisch einsortiert.
Die alte Seilbahn soll übrigens bald durch eine 25-Personen-Gondel ersetzt werden. Ob dann noch Biker mitgenommen werden, ist noch nicht klar. Aber offiziell ist die Abfahrt für Biker ohnehin per Verbotsschild untersagt. FREERIDE-Kollege Dimitri Lehner, der den Trail Jahre später auch gefahren ist, meint aber:
So was wie Fahrspaß wartet da oben nicht. Der Thrill und die massive Optik sind es, die locken. Und ja, auch der Stolz, wenn man heute mit dem Auto dran vorbeifährt.

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