“2004 saß ich zum ersten Mal in einem Shuttle. In Finale Ligure war das damals, und ich weiß noch, dass ich mein Glück kaum fassen konnte: Wahnsinn, damit kann ich den Trail nachher ja gleich noch mal fahren!” Als Veranstalter für Fahrtechnik- und Touren-Camps war Holger Meyer damals schon immer auf der Suche nach den neuesten Trends und Trails. Social Media und Trail Forks gab es noch nicht. Seilbahnen, in die man mit dem Mountainbike steigen durfte, auch nicht. Man musste also hellwach in der Szene unterwegs sein, um Trail-Tipps aufzuschnappen.
Bozen war bereits ein Thema zu der Zeit: Wahnsinn, da gibt’s rund um die Stadt Seilbahnen, die wie andernorts den Dienst einer S-Bahn übernehmen. Als ganz normales Verkehrsmittel. Das sprach sich ganz schnell herum. “Wenn man da nicht gerade zur Hauptverkehrszeit einsteigen wollte, dann wurde man da als Biker für zwei Euro ohne Probleme mitgenommen!”, erinnert sich Holger. “Danach war klar: Karte aufschlagen und schauen, wo es in Südtirol noch mehr solcher Verkehrsmittel am Berg gibt.”
Weit musste Holger nicht schauen: In Naturns und Aschbach waren ebenfalls Pendler-Seilbahnen eingezeichnet. Doch dann stach ihm auf der gegenüberliegenden Talseite die Seilbahn nach St. Martin im Kofel ins Auge. Im Südhang! Sprich, der sollte doch lange Zeit im Jahr schneefrei sein. Laut Karte gibt es da auch einen Trail, der die Bergflanke mehrmals in voller Breite quert - was für einen besonders langen Trailspaß spricht. Und dann heißt die ganze Talseite auch noch Sonnenberg - was für ein Volltreffer! Aber lassen wir Holger selbst erzählen:
“Irgendwann im Herbst haben wir uns auf den Weg gemacht. Bei schönstem Wetter. Unten an der Seilbahn-Station haben wir uns noch ganz gemütlich einen - oder ich glaub sogar zwei - Cappuccini gegönnt. Die Zeit hätten wir uns niemals genommen, wenn wir die 1000 Höhenmeter nach St. Martin hoch noch hätten selbst kurbeln müssen. So aber fühlte es sich nach purem Luxus an: Schnell mal da hoch schweben, einen richtig langen Trail abchecken und danach - total verrückt: das ganze vielleicht nochmal?!
Als sich oben allerdings die Gondeltüren öffneten, gefror uns fast das Blut im Gesicht, so eisig blies der Wind. Wir waren froh, dass zum Trail-Einstieg an einem Hof doch noch ein paar Höhenmeter fehlten. Auf Betriebstemperatur waren wir da noch nicht. Umso unsicherer fühlten sich die ersten, recht ruppigen Abfahrtsmeter des Trails an. Erst nach mehreren Gegenanstiegen waren wir einigermaßen geschmeidig unterwegs. Aha, das ist also die Kehrseite des Gondelfahrens, dachten wir noch.
Dann die Annaberger Böden mit ihrer Superaussicht auf die schon verschneiten Gipfel gegenüber. Das Steppengras fühlte sich fast schon nach Colorado oder Moab an. Ich weiß noch wie überrascht ich über diesen Sandboden war. Er sah so bröselig aus, hatte aber doch jede Menge Grip - weil es einen Tag vorher geregnet hatte, wie ich später erfuhr. Achtung! Felspassage und - wow - im scharfen Winkel links in eine Hängebrücke: Luft anhalten, bloß nicht einfädeln! Als uns der Trail nach 1100 Tiefenmetern in den Vinschger Apfelplantagen wieder ausspuckte, waren die Unterarme vom Bremsen dick. Wir kurbelten auf dem Radweg zum Gondelparkplatz zurück, aber nur, um das Auto zu holen. Die zweite Abfahrt hoben wir uns für den nächsten Tag auf. Aus heutiger Sicht würde man sagen, ein astreiner Enduro-Trail. Aber den Begriff gab es damals noch nicht.”
Mit der Entdeckung dieses Trails, den Holger “Monte Sole” taufte, starteten wir in BIKE 2/2008 die “Supertrails”-Serie. Leider lockte das auf einen Schlag so viele Biker an, dass das Unheil seinen Lauf nahm: Ganze Biker-Gruppen reisten an, zum Teil mit Fullface-Helmen, und ballerten durch die enge Passage im oberen Hofgut. Ohne Rücksicht auf Fußgänger. So wurde der Trail nach nur wenigen Monaten für Biker gesperrt. Später wurde der Trail im oberen Bereich umverlegt und die Seilbahnnutzung für Biker auf bestimmte Uhrzeiten begrenzt. Inzwischen ist auch die Hängebrücke für Biker gesperrt. Es gibt eine offizielle Umleitung, für die man aber Fahrtechnik-Skills bis S3 benötigt.
Dennoch war es vielleicht die Initialzündung für all das, was im Vinschgau danach entstanden ist: Das erste Trail-Paradies, das mit dem bis dahin unangefochtenen Bike-Mekka Gardasee gleichziehen konnte. Infos zu allen Trails: bikereldorado.com
1. April bis 31. Oktober, täglich von 7 - 9 Uhr und 15 - 19 Uhr

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