Light E-Bike-MotorFazua Ride 60 im Test

Florentin Vesenbeckh

 · 05.11.2022

Ganz neu am Markt ist der Ride 60 von Fazua. Gewicht: 2,02 kg (EMTB-Labormessung), Drehmoment: 60 Nm (Herstellerangabe).
Foto: Markus Greber
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Der Motorenhersteller Fazua war Begründer der Light-Kategorie. Jetzt haben die Bayern endlich den lang ersehnten Ride 60 herausgebracht. Das Warten hat sich gelohnt! Unser Test in Labor und Praxis deckt auf, was den Fazua Ride 60 zum großen Wurf macht - und welche Schwächen er noch hat.

Lange vor dem aktuellen Fazua Ride 60 Antrieb hat das bayerische Unternehmen mit dem Evation-Antrieb schon 2017, damals als kleines Startup, gewissermaßen die Kategorie minimalistischer Antriebe begründet. Doch am E-Mountainbike konnte sich dieser Motor nie so richtig durchsetzen. Denn mit 250 Wattstunden fällt die Akku-Kapazität sehr gering aus, gleichzeitig erschwert die spezielle Konstruktion richtig leichte E-MTBs. Der Ride 60 soll das grundlegend ändern, denn er wurde kompromisslos auf den Einsatz an leichten E-Mountainbikes ausgelegt. Dass die Ottobrunner Marke inzwischen unter dem Dach von keinem geringeren als dem Automobilriesen Porsche agiert, dürfte dem Antrieb zusätzlich Aufwind geben. Wir haben den brandneuen Fazua Ride 60 ausführlich in Labor und Praxis getestet. Warum der Motor das Zeug hat, die Kategorie der Light-E-MTBs auf das nächste Level zu heben, zeigt unser ausführlicher Testbericht und der Vergleich mit den anderen leichten Aggregaten.

Verlagssonderveröffentlichung

Die technischen Daten: Fazua Ride 60

  • Gewicht Motor: 2,02 kg
  • Gewicht Akku: 2,22 kg (430 Wh)
  • Akku-Optionen: 430 Wh, entnehmbar; optionaler Range Extender: 210 Wh
  • Fahrstufen: River, Breeze, Rocket (+Boost-Funktion)
  • Dichtigkeit: k. A.
  • Connectivity: Bluetooth, ANT+

Der Akku des Fazua E-Bike-Motors

Zum Marktstart des Ride 60 gibt es den Antrieb ausschließlich mit einem 430-Wattstunden-Akku. Im Vergleich der Light-Klasse ist das verhältnismäßig viel. Dabei bleibt die Batterie bei Fazua kompakt und mit 2,2 Kilo auch recht leicht. Im direkten Vergleich zur Konkurrenz, z. B. von Specialized und Forestal, die kleinere Akkus verbauen, bedeutet das allerdings ein Mehrgewicht von rund 400 Gramm. Die Batterie von Fazua gibt es in zwei Varianten. Eine Version ist für die klassische Entnahme aus dem Unterrohr vorgesehen. Das Klick-System funktioniert ohne Schlüssel und macht die Entnahme sehr einfach.

Der Akku lässt sich einfach aus der Fazua-Spange herausklicken. Diese Entnahme erfordert allerdings ein großes Loch im Unterrohr. Das bedeutet mehr Materialeinsatz, um den Rahmen dennoch steif und haltbar zu konstruieren.Foto: Wolfgang Watzke
Der Akku lässt sich einfach aus der Fazua-Spange herausklicken. Diese Entnahme erfordert allerdings ein großes Loch im Unterrohr. Das bedeutet mehr Materialeinsatz, um den Rahmen dennoch steif und haltbar zu konstruieren.

Die zweite Variante des Fazua-Akkus ist für den festen Einbau im Unterrohr gedacht. So lassen sich noch leichtere E-MTBs realisieren. Haibike hat bei seinem Lyke SE diese Akku-Version so im Unterrohr verbaut, dass sie dennoch entnehmbar ist. Einen Range Extender soll es bei Fazua übrigens auch geben. Details dazu gibt es allerdings noch nicht. 2023 soll der Zusatz-Akku auf den Markt kommen.

Die spezielle Akku-Entnahme am Haibike Lyke SE. Das geschlossene Unterrohr soll Gewicht sparen. Die Steckverbindungen vom Akku zum Motor sind allerdings nicht für andauerndes An- und Abstöpseln gedacht.Foto: Adrian Kaether
Die spezielle Akku-Entnahme am Haibike Lyke SE. Das geschlossene Unterrohr soll Gewicht sparen. Die Steckverbindungen vom Akku zum Motor sind allerdings nicht für andauerndes An- und Abstöpseln gedacht.

Fahrgefühl und Kraftentfaltung zum Fazua Ride 60

Wer am Fazua Ride 60 den Rocket-Modus aktiviert, bekommt definitiv das Gefühl, auf einem E-Bike zu sitzen. Denn der Schub des Motors ist spritzig und klar spürbar. Dabei schafft es Fazua allerdings, kein unangenehm aufdringliches Gefühl zu entwickeln. Durch die progressive Kraftentfaltung hat man immer noch das Gefühl, auf einem Mountainbike zu sitzen und die Geschwindigkeit über den eigenen Pedaldruck regulieren zu können. Das Fahrgefühl mit dem Ride 60 ist sportlich: Wer gemäßigt tritt, wird natürlich und wohldosiert angeschoben. Erst bei starkem Fahrer-Input gibt der Motor Gas, auch bei sehr hohen Kadenzen. Die Dosierbarkeit ist dabei richtig stark. Allerdings hat die aktuelle Software noch kleine Bugs, die das Fahrgefühl in speziellen Situationen negativ beeinträchtigen.

Das Einsetzen der Motorpower, nachdem man den Schub kurz rausgenommen hat, hat eine zeitliche Verzögerung. Außerdem läuft es wenig gedämpft ab. Das schmälert die Kontrolle und fühlt sich unrund an. Wirklich störend ist das, wenn man bei langsamer Fahrt, zum Beispiel auf einem technischen Uphill, gezielt steuern und reagieren muss, und dabei häufiger mit dem Treten aussetzt. Ein ähnliches Problem besteht bei der Boost-Funktion. Durch langen Druck des Tasters nach oben setzt Ride 60 für 12 Sekunden 100 Watt extra frei. Nach diesen 12 Sekunden fällt der Motorschub allerdings manchmal ganz kurz aus, bevor er normal weiterschiebt. Das stört den Fahrfluss enorm. Diese Bugs sollen, genauso wie die viel zu langsame Schiebehilfe, mit dem nächsten großen Software-Update behoben werden.

Apropos Boost-Funktion: Dieses Gimmick haben wir zu Beginn etwas als Marketing-Gag belächelt. Doch es steckt mehr dahinter. Der zusätzliche Schub ist ganz deutlich spürbar. Ist Boost aktiviert, erklimmt man steile Rampen fast in Power-Bike-Manier. Und in der Praxis lässt sich die Funktion nach kurzer Eingewöhnung auch tatsächlich gut nutzen. Ob für kurze Steilstücke oder auch um eine kurze Verschnaufpause einzulegen. Denn im Boost-Modus wird der volle Schub auch bei fauler Tretweise freigesetzt.

Alle Bikes mit Fazua Ride 60 E-MTB-Motor

Focus stellt mit dem Jam2 SL einen echten Allrounder. Federweg: 160/150 mm, Laufräder: 29 Zoll. Los geht´s bei vergleichsweise fairen 6199 Euro mit Vollcarbonrahmen und entnehmbarem Akku.
Foto: Wolfgang Watzke

Der Fazua E-Bike-Motor im Labortest

Der umfangreiche Labortest bestätigt unsere positiven Eindrücke aus der Praxis. Mit 344 Watt maximaler Leistung und einem Drehmoment von 59 Newtonmetern gehört der Fazua Ride 60 zu den absoluten Kraftpaketen der Light-Klasse. Und damit nicht genug: Im Boost-Modus, der immer nur kurzzeitig aktiviert werden kann, packt der Antrieb tatsächlich nochmal satte 100 Watt obendrauf. 454 Watt spuckt der Prüfstand aus, das ist deutlich mehr als alle anderen Light-Motoren. Und mit diesem Wert ist der Ride 60 sogar recht nahe an einem klassischen Shimano EP8 dran. Weitere Erkenntnis: Der Boost-Modus erhöht nur die maximale Leistung, nicht das maximale Drehmoment. Entsprechend entfaltet diese Funktion ihre Wirkung erst ab einer Trittfrequenz um 50 U/Min. Entgegen der grundlegenden Charakteristik des Fazua Ride schiebt der Boost übrigens gänzlich unabhängig vom Fahrerinput, was die mäßige Modulation in diesem Modus erklärt. In der Werkseinstellung des Rocket-Modus ist die Kraftentfaltung hingegen progressiv. Heißt: Bei niedrigem Tretimpuls setzt der Motor nur wenig Power frei. Vollen Schub gibt es erst bei stärkerem Tritt. Stark ist die absolut ausgewogene Leistungskurve. Die maximale Leistung liegt über ein sehr breites Drehzahlband an. Auch bei sehr hoher Kadenz über 110 konnten wir keinerlei Power-Abfall feststellen.

Leistung & Drehmoment – Motorkennlinien des Fazua Ride 60: Ausgewogene Leistungskurve mit der maximalen Leistung über ein breites Drehzahlband. Auch bei sehr hoher Kadenz kein Power-Abfall. Hohes Drehmoment.Foto: EMTB Magazin
Leistung & Drehmoment – Motorkennlinien des Fazua Ride 60: Ausgewogene Leistungskurve mit der maximalen Leistung über ein breites Drehzahlband. Auch bei sehr hoher Kadenz kein Power-Abfall. Hohes Drehmoment.

Der Fazua E-Bike-Motor im Dauerlast-Betrieb

Enorme Power in einem kleinen Paket! Kann das gut gehen? Nachdem wir mit einem anderen Light-Motor zuletzt deutliche Hitzeprobleme und Derating im Dauerlast-Betrieb hatten, waren wir skeptisch, ob der kleine Ride 60 seine beachtliche Power auch auf Dauer verträgt. Doch der Ottobrunner Tausendsassa hat uns im Test eines Besseren belehrt und keinerlei Schwächen gezeigt. Bei unseren standardisierten Testfahrten erkletterte der Fazua Motor den steilen 410-Höhenmeter-Anstieg im Rocket-Modus zügig und ohne jegliche Leistungseinbuße. Am Ende des Berges ließ sich auch noch die Extra-Leistung der Boost-Funktion aktivieren. Die außenliegende Gehäusetemperatur erreichte zu keinem Zeitpunkt einen kritischen Wert. In diesem Modus erkletterten wir 1241 Höhenmeter in einer Fahrzeit von 51 Minuten. Hinzu kamen 92 Höhenmeter und 8 Minuten Fahrzeit im gedrosselten Modus auf den letzten Akku-Prozent. Die Fahrerdaten dazu: Fahrergewicht 89 Kilo, 150 Watt Tretleistung, Kadenz 80 U/min. Die erreichten Höhenmeter und die gute Standfestigkeit sind für einen Light-Antrieb absolut beachtlich. Der Fazua Ride 60 eignet sich daher auch für etwas schwerere Fahrer, lange Anstiege und alle, die auch ein Light-Bike gerne mit viel Motorschub in den hohen Modi fahren.

Fazua Ride 60: Die Geräuschentwicklung

Das Antriebsgeräusch des Fazua Ride 60 ist eine echte Wohltat. Zumindest im Vergleich zu den allermeisten anderen E-Bike-Motoren. Der Ride 60 ist definitiv nicht geräuschlos und in vielen Fahrsituationen auch wahrnehmbar. Doch die Geräuschkulisse liegt auf einem sehr angenehmen Niveau. Beim Fahren auf grobem Schotter geht das Geräusch zum Beispiel gänzlich in den Umgebungsgeräuschen unter. Im Gegensatz zu den meisten anderen Antrieben fällt beim Ride 60 besonders ein leises Pfeifen auf, das stark an die Trittfrequenz gekoppelt ist. Dieses Geräusch ist zwar nicht gerade angenehm, aber dafür in seiner Lautstärke absolut dezent. Im direkten Vergleich mit den Light-Antrieben von Orbea, Specialized, Forestal und Maxon fährt der Ride 60 in einer eigenen Sound-Liga. Alle Tester schätzten den Fazua-Antrieb als mit Abstand leisesten Motor ein. Lediglich den TQ HPR 50 schätzen wir hier noch stärker ein. Leider konnten wir beide Motoren nicht im direkten Vergleich fahren, da uns TQ kein Bike zum Test zur Verfügung stellen wollte.

Die Bedienelemente des Fazua E-Bike-Motors

Die Ring Control ist der größte Schwachpunkt am neuen Ride-60-System. Ergonomisch passt alles, insbesondere der Schiebehilfendruck nach innen fällt positiv auf. Doch Haptik und Bedienung des wackeligen Kunststoffhebels sind verbesserungswürdig. Das Feedback beim Druck ist mäßig, außerdem blieb der Hebel im Test teils in der Endposition hängen. Der LED-Hub zeigt minimalistisch Ladestand (fünf LED) und U-Stufe (vier LED-Farben) an, außerdem versteckt sich hier eine USB-C-Ladebuchse.

Gute Idee, mäßig umgesetzt. Die Bedienlogik der Ring Control am Lenker ist super. Leider ist der Druck wenig definiert und das Feedback beim Drücken schwach. Der Bedienhebel ist für uns der Schwachpunkt des Ride 60.
Foto: Markus Greber
Fazua Ride 60: Bedienelemente und App

Die Fazua-App dient aktuell ausschließlich der Feineinstellung der Unterstützungsstufen. Diese Funktion erledigt sie mit Bravour. Die schematische Darstellung der Leistungskurven macht die Einstellung der Parameter so verständlich wie bei keinem anderen System. Ebenfalls gut: Es lassen sich beliebig viele Profile anlegen, außerdem stehen diverse Voreinstellungen für verschiedene Einsatzzwecke zur Wahl. Dashboard und Update-Funktionen bietet die Fazua-App aktuell nicht. Laut Fazua sollen diese Funktionen aber folgen.

  • Feineinstellung der U-Stufen
  • Speichern diverser Profile
  • Auswahl aus bestehenden Profilen
  • Dashboard ist in der Entwicklung

EMTB-Bewertung und Messwerte

  • max. Drehmoment: 59 Nm
  • Spitzenleistung: 344 W (Boost-Funktion 454 W)
  • Power: 6/6 Punkte
  • Durchzug hohe Kadenz: 5,5/6 Punkte
  • Fahrt um 25 km/h: 5,5/6 Punkte
  • Motor-Sound: 5/6 Punkte
  • Bedienelemente: 3/6 Punkte

Testfazit zum E-Bike-Motor Fazua Ride 60

“Mit dem Ride 60 ist Fazua ein großer Wurf gelungen. Kraftvoll, standfest und reichweitenstark bei geringem Gewicht und geschmeidigem Fahrgefühl. Der neue Fazua Ride 60 ist ein echter Tausendsassa. Mit seiner hohen Leistung, guten Standfestigkeit und spritzigen Kraftentfaltung enttäuscht er auch power-orientierte E-Biker nicht, die ein leichtes System suchen. Dennoch können Gewicht und Fahrgefühl voll bei den Minimalisten mithalten. Außerdem ist er angenehm leise. Mit dem verhältnismäßig großen 430-Wh-Akku ist auch die Reichweite im Testvergleich sehr stark, Rekordgewichte gibt es mit diesem Power-Paket allerdings nicht.”
EMTB-Testleiter Florentin VesenbeckhFoto: Adrian Vesenbeckh
EMTB-Testleiter Florentin Vesenbeckh

Weitere Light-Antriebe im Test

Der Test des Fazua Ride 60 fand im Rahmen eines großen Vergleichs diverser leichter E-Bike-Motoren statt. Unseren Übersichtsartikel inkl. Vergleichswerten gibt´s hier.

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