Adrian Kaether
· 03.10.2026
Der offenbar flächendeckende Einsatz von Boschs neuem Nabenmotor Hub Line und der damit verbundene günstige Einstiegspreis für E-Bikes auch traditionell teurer Marken bedeutet einen Paradigmenwechsel. Nur das zu Verkaufen, was viele Menschen im Alltag auch wirklich brauchen ist aber in Zeiten von Avinox und schneller-höher-weiter ein mutiger Schritt. Man kann nur hoffen, dass dem Hub-Line damit bessere Erfolge beschert sind als der immer weiter ausgedünnten Light E-Bike Klasse. - Adrian Kaether, Redakteur Test & Technik
Haben-wollen ist menschlich. Unsere Handys fotografieren mit 50 Megapixeln, obwohl wir Bilder nur auf Social Media teilen. Unsere Autos haben Power wie Lastwagen und Allrad, obwohl wir damit vor allem im Stau stehen und zum Einkaufen fahren. Man könnte es ja mal brauchen.
Scheinargumente nennt das die Psychologie und sagt: Der Mensch ist kein rationales Wesen sondern er rationalisiert. Und das hat ein bisschen auch bei unseren E-Bikes Einzug gehalten. Avinox macht Schlagzeilen mit 150 Newtonmetern und 1300 Watt Spitzenleistung. Bosch zieht mit einem Powerupdate nach. Nur: Wir sind am Ende die Leidtragenden. Beziehungsweise unser Geldbeutel ist es.
Was die meisten E-Biker wirklich brauchen ist nämlich von der Spitzenleistung vieler Datenblätter weit entfernt. Wer nur auf vorwiegend flacher Strecke im Alltag oder zur Arbeit fährt, dem reichen 45 statt 150 Newtonmeter. Und Mittelmotoren sind für Performance-orientierte E-MTBs super, bieten aber oft eine Leistung und eine Feinfühligkeit im Ansprechverhalten, die im Alltag völlig übertrieben sind. Speziell die Leistung kann sogar ein Nachteil sein. Stichwort Ketten- und Kassettenverschleiß.
Aus Angst abgehängt zu werden haben in den letzten Jahren trotzdem fast alle relevanten E-Bike Hersteller immer mehr auf den Mittelmotor gesetzt und damit die Preise immer weiter nach oben getrieben. Es war auch alternativlos. Mit Argumenten wie Zuverlässigkeit und Service als Must-Have spätestens ab der Mittelklasse gewann Bosch immer mehr an Marktmacht, bot bislang aber einfach keinen Nabenmotor an. Die Folge: Selbst ein Einsteiger E-Bike mit billiger Schaltung und grottiger Federgabel kostete mindestens 3000 Euro und bot dafür 600 Watt und 75 Newtonmeter in der Spitze, von denen die meisten E-Biker kaum die Hälfte je mal ausgereizt haben.
Das ändert sich jetzt. Im Preisdruck der aktuellen Absatzkrise haben Hersteller und auch Motorenproduzent Bosch eingelenkt. Man könnte fast sagen: Sie schlagen die Konkurrenz aus China mit den eigenen Waffen. Neu ist nämlich nicht etwa ein weiteres Plus an Leistung à la Avinox, sondern eine bedarfsgerechte und dadurch offenbar wirklich günstige E-Unterstützung beim Radfahren.
Bosch Hub Line heißt das Zauberwort, mit dem eine Pressemeldung nach der anderen in unser Postfach flattert und immer noch ein neues, jetzt wirklich bezahlbares E-Bike relevanter Premium-Hersteller ankündigt. Egal ob Trek mit dem neuen Inbound+, Moustache mit dem Lundi oder Scott mit dem Sweep: Sie alle besetzten nun einen Preisbereich um 2500 Euro - bisher war es bei diesen Herstellern schon für 4000 Euro schwierig, überhaupt ein E-Bike zu bekommen. Sogar Preis-Leistungs-Gigant Cube kann seine bisherigen Modelle dank Hub Line Motor nochmal deutlich unterbieten und schnürt stimmige E-Bike Pakete sogar noch unterhalb der 2000-Euro-Marke.
Ist Boschs Hub Line also die perfekte Lösung für alle E-Biker? Nein. Denn das Konzept Nabenmotor hat auch beim neuen Bosch klare Schwächen, wie unser Test des Hub Line gezeigt hat. Der Antritt ist nicht so direkt wie bei einem Mittelmotor. Das Treten wirkt etwas entkoppelt. Und auch am Berg hat der Mini-Bosch Schwächen. Zudem wird der Hub Line oft mit relativ kleinen Batterien ab 360 Wattstunden kombiniert.
Auf richtig langen Touren, in starken Steigungen oder überhaupt im Gelände sind diese Bikes also nicht die richtige Wahl. Dafür punkten sie umso mehr auf Alltagstrecken und im Stadtverkehr, wo ein dezenter Look, ein guter Preis und oft sogar ein angenehm niedriges Rad-Gewicht mehr zählen als knallharte Spitzenleistungen. Statt schneller, höher, weiter kann Innovation eben auch das bedeuten: Eine zufriedenstellende Leistung zu einem besonders fairen Preis. Hinzu kommt: Manche Argumente für die starken Mittelmotoren von Bosch gelten ja auch für den Hub Line. Das dichte Servicenetz, die gute App und viel Auswahls bei den Displays gibt es auch hier.
Ob sich die Idee der bedarfsgerechten Leistung wirklich durchsetzen kann, oder ob dann viele E-Biker doch lieber gleich etwas mehr Geld für ein stärkeres Rad mit Mittelmotor investieren, wird sich frühestens 2027 zeigen. Nicht zuletzt den Händlern kommt dabei eine Schlüsselrolle zu, die Kunden richtig einzuschätzen und Vor- und Nachteile der verschiedenen Motoren-Konzepte richtig zu erklären.
Wer im Alltag fährt aber im Urlaub in Südtirol dasselbe Rad nutzen möchte, fährt vielleicht weiter mit Mittelmotor weiterhin besser. Für alle anderen könnte die neue Leicht-Klasse aber eine spannende Alternative sein und geht im besten Sinne gegen den Avinox-Trend bei den E-Mountainbikes an. Weniger kann eben auch manchmal mehr sein. Zumindest wenn man das “Mehr” dann auch entsprechend bezahlen muss - aber eigentlich nicht braucht.

Redakteur
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.