Test Gravelbikes > 3000 €Viel Schotter für wenig Asche

Dimitri Lehner

 · 15.10.2026

Graveller > 3000 € im harten Vergleich: hier Canyon Grizl CF 7 versus Axess Creed CF Pro.
Foto: Wolfgang Papp

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​Gravelbiken muss nicht teuer sein. Bei diesen Bikes stimmen Preis und Leistung. Sie sind hart kalkuliert und solide ausgestattet. Sechs Preisbrecher im Vergleich.

Auf der Suche nach dem richtigen Gravelbike prasseln die Fragen auf einen nieder wie Hagelkörner: Wie teuer?
Wie schwer?
Welche Sitzposition?
Einfach- oder Zweifach-Antrieb?
Elektronisch oder mechanisch schalten?
Breite Reifen oder schmale?
Flare im Lenker oder klassisch gerade?

Die kurze Antwort auf die lange Liste lautet: Es kommt darauf an.

Welches Gravelbike passt zu dir?

Das beste Gravelbike gibt es nicht. Es gibt nur das passende. Wer vom Mountainbike kommt und auch ins Gelände will, wird andere Prioritäten setzen als der Rennradler, der auf Schotter vor allem Tempo machen will. Ich beispielsweise gehöre zur zweiten Gruppe – zumindest beim Graveln. Feldwege, Waldpisten, zahme Singletrails: Ich will die Vorteile eines Rennrads genießen, aber den Verkehr hinter mir lassen. Mein Gravelbike darf deshalb leicht, spritzig und eher sportlich sein.

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Das Testfeld:

In diesem Testfeld passt das Radon Regard ziemlich genau in dieses Beuteschema: 9,1 Kilo leicht, mit schickem Carbon-Cockpit, sehr gut beschleunigenden Laufrädern – und 2199 Euro auf dem Preisschild. Ein ziemlich überzeugendes Gesamtpaket. Wer dagegen regelmäßig richtig ins Gelände abbiegt, braucht mehr Reserven und Komfort. Das Propain mit seinen 50er Reifen und dem breiten, weich gepolsterten Lenker spielt diese Karten deutlich konsequenter.

Schaltung: einfach oder zweifach?

Einfach-Antriebe sind beim Gravelbike angesagt: weniger Teile, weniger Gewicht, weniger Gedanken. Zweifach-Antriebe wie beim Axess bieten dafür eine deutlich feinere Gangabstufung. Wer bergauf auf keinen Fall absteigen will, hat damit mehr Möglichkeiten.

Eine interessante Zwischenlösung fahren Cube, Radon und Rose: Sie kombinieren den Einfach-Antrieb mit einer weit gespreizten Mountainbike-Kassette. So bleibt das Cockpit aufgeräumt, während hinten genügend Bandbreite für steile Rampen wartet. Kein schlechter Trick.

Bei der Schalttechnik scheiden sich ebenfalls die Geister. Cube und Propain setzen bereits hochwertige Funkschaltungen ein, die übrigen Testbikes schalten mechanisch. Elektronische Schaltungen arbeiten präzise und fühlen sich edel an. Mechanische Antriebe funktionieren ebenfalls zuverlässig und kommen ohne Akku-Panik aus. Wem auf der Tour schon mal der Saft ausgegangen ist, der hat irgendwann mehr Akkus als Trinkflaschen dabei.

Gewicht ist nicht gleich Gewicht

Vieles am Gravelbike ist Geschmackssache: Lenkerbreite, Flare, Sitzposition oder Reifenbreite. Beim Gewicht endet die Subjektivität allerdings. 8,8 Kilogramm wie beim Cube oder 9,1 Kilogramm beim Radon machen sich beim Beschleunigen deutlich bemerkbar. Axess mit 9,9 und Canyon mit zehn Kilogramm wirken dagegen spürbar träger.

Besonders entscheidend sind die Laufräder. Jedes Gramm an rotierender Masse muss beim Beschleunigen ebenfalls in Bewegung gesetzt werden. Deshalb kommen leichte Laufräder dem Fahrgefühl mehr zugute als ein paar eingesparte Gramm irgendwo am Rahmen. Im Test haben Cube und Radon bei der Laufradbeschleunigung die Nase vorn, Rose und Propain liegen im Mittelfeld. Axess und Canyon müssen sich hier mit den hinteren Plätzen begnügen.

Und dann wäre da noch der Preis. Die Mittelklasse ist auch bei Gravelbikes der Sweet Spot: Hier passt das Verhältnis von Preis und Leistung meist besonders gut. Darüber wird die Luft schnell dünner. Die Preise steigen deutlich schneller als der spürbare Mehrwert.

Für meinen Geschmack liegt unser Testfeld sogar leicht unterhalb dieses Sweet Spots. Wer etwas mehr investieren kann, sollte auch die jeweils nächsthöhere Ausstattungsstufe in Betracht ziehen. Dort warten leichtere Laufräder, edlere Carbon-Cockpits oder Top-Schaltungen wie die Sram Rival, die bereits am Propain zum Einsatz kommt. Das kostet zwar etwas mehr, kann das Gravelbike aber deutlich näher an die persönliche Wunschvorstellung rücken.

Wie testen wir?

Um die Gravelbikes möglichst objektiv zu beurteilen, betreiben wir viel Aufwand. Diese Kriterien sind ausschlaggebend für die Bewertung.

Labor trifft Fahrpraxis

Ein Gravelbike muss gefahren werden – aber nicht nur. Wir kombinieren die Erfahrung der Tester mit objektiven Messungen im Labor. Ziel ist, den Fahreindruck nicht allein in Worte zu fassen, sondern möglichst belastbar und vergleichbar zu machen. Gewicht, Fahrstabilität, Komfort und Antritt werden deshalb gemessen; Schaltung, Bremsen und Reifen fließen zusätzlich über Funktion und Fahreindruck ein. So entsteht ein Gesamtbild, das weniger von Tagesform und persönlichem Geschmack des Testers abhängt.

Fahrstabilität

Gravelbikes sind längst nicht mehr nur Rennräder mit dickeren Reifen. Auf Schotter, Wurzeln und schnellen Abfahrten müssen sie Kontrolle und Spurtreue bieten. Wir messen deshalb die Systemsteifigkeit von Rahmen und Gabel gemeinsam. Denn beide wirken in der Praxis als Einheit. Reifen und Laufräder werden rechnerisch berücksichtigt. Mehr Quersteifigkeit bedeutet bei schnellen Richtungswechseln, in Kurven oder beim schrägen Überfahren von Unebenheiten mehr Kontrolle. Gleichzeitig darf ein Gravelbike nicht zum Brett werden: Vertikale Nachgiebigkeit kann Komfort bringen, ohne die Fahrstabilität zu ruinieren. Genau dieses Zusammenspiel bildet die Messung ab. Die Systemsteifigkeit von Rahmen und Gabel liegt typischerweise zwischen 5 und 11 N/mm. Werte über 9 N/mm gelten als sehr gut.

Komfort: Wenn der Untergrund nervt

Gravel bedeutet: Der Asphalt endet irgendwann. Dann kommen Schotter, Rüttelpisten und Wurzeln – und mit ihnen Stöße und Vibrationen. Wie viel davon beim Fahrer ankommt, hängt stark von Reifen und Luftdruck ab. Aber auch Rahmen, Gabel, Sattelstütze sowie Vorbau und Lenker prägen den Komfort. Wir betrachten deshalb das gesamte System. Am Heck werden Rahmen und Sattelstütze gemeinsam bewertet, an der Front Rahmen, Gabel, Vorbau und Lenker. Gemessen wird, wie stark sich das System unter Belastung verformt. Bei Gravelbikes erhält der Komfort am Lenker zehn Prozent der Gesamtnote, der Komfort am Sattel weitere 20 Prozent. Ein gutes Gravelbike soll also nicht nur stabil sein, sondern Unebenheiten wegfiltern, bevor sie sich bis in Hände und Rücken durchmelden.

Antritt und Ausstattung

Auch auf Gravel zählt Vortrieb. Die Tretlagersteifigkeit wird deshalb im BIKE-Labor gemessen und geht mit fünf Prozent in die Endnote ein. Dabei interessiert nicht, wie beeindruckend ein Datenblatt klingt, sondern wie effizient das Rad die Kraft des Fahrers umsetzt. Bei der Ausstattung schauen wir genauer hin: Schaltung, Bremsen und Reifen werden jeweils mit fünf Prozent bewertet. Entscheidend sind Funktion und Praxiseindruck aus den Testfahrten sowie Erfahrungen aus den Komponententests. Preis oder Gewicht einzelner Bauteile spielen für diese Teilnote keine Rolle.

Gewicht, Wartung und Einsatzbereich

Das Komplettrad wird ohne Pedale und Zubehör gewogen. Das Gewicht zählt bei Gravelbikes mit 25 Prozent – ein erheblicher Faktor. Denn jedes Gramm muss irgendwann über den nächsten Anstieg bewegt werden. Zehn Prozent entfallen auf Wartung und Einstellung. BIKE bewertet damit, wie unkompliziert sich das Rad anpassen und im Alltag handhaben lässt. Ergänzend werden Geometrie, Sitzposition, Übersetzung, Reifenbreite und Ausstattung erfasst. Daraus ergibt sich der optimale Einsatzbereich: vom schnellen Gravel-Renner bis zum Abenteuer-Graveler für lange Touren.

Die Gesamtnote

Sie entsteht schließlich aus den gewichteten Einzelkriterien. Ein Spinnendiagramm zeigt auf einen Blick, wo das Gravelbike glänzt und wo es Schwächen hat. Denn das perfekte Gravelbike gibt es nicht. Aber eines, das zum Fahrer, zum Gelände und zum geplanten Abenteuer passt.

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Dimitri Lehner ist diplomierter Sportwissenschaftler. Er studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – neben Biken ganz vorne: Windsurfen, Skifahren und Fallschirmspringen. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend!

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