​Gravel-Abenteuer DeutschlandAb nach Hause!

Dimitri Lehner

 · 23.08.2026

Eher Grusel-Abenteuer als Gravel-Abenteuer: der Rabenfelsen im Donautal.
Foto: Fabian Kleiner
Frankreich war die Mission. Dann kamen Streit, Bruderstress und Waldbrände. Also ging es von der Heimat nach Hause – quer durch Süddeutschland. Was als Notlösung begann, wurde zum Beweis: Für ein Abenteuer braucht man weder Patagonien noch 1100 Kilometer. Manchmal reichen zwei Räder, wenig Plan und eine Parkbank.

Themen in diesem Artikel

Unser Trip startet übel. Der Gravel-Segen hängt schief. Brüder im Knatsch. Wir rollen wortlos nebeneinander her.

Eigentlich sollte es groß werden: Nachdem wir im vergangenen Jahr von München an die Ostsee gegavelten waren, wollte ich dieses Jahr nachlegen – quer durch Frankreich, über das Massif Central bis Bordeaux. Ein Sommermärchen auf Schotter.

Mein Bruder Laurin war dagegen. Er führte eine Armada von Argumenten ins Feld: zu lang, zu heiß, zu steil. Und überhaupt: französisches Bier! Sein Gegenvorschlag: drei Tage durch Süddeutschland. Von der Heimat, wo Mama wohnt, zurück nach München.

Ich: „Was?!“
Er: „Allein wenn ich 1100 Kilometer höre, tut mir der Arsch weh. Ich will auch mal unter einem Apfelbaum liegen. Nicht immer nur ‘Kette rechts’.“

Ich versuchte ihn umzustimmen. Vergeblich.

Dann gingen in Frankreich die Wälder in Flammen auf. Meine Tour war endgültig Geschichte. Also „pimmeln“ wir jetzt von Laufen im Markgräflerland nach München: vom Rhein an die Alpen.

„Ist doch super“, sagt Laurin. „Überschaubare Strecke, zwei Übernachtungen. Abenteuer Deutschland.“

Abenteuer: Deutschland

Ja, ja. Er hat ja recht. Ich brauchte nur ein bisschen, um das einzusehen. Erst muss ich innerlich Abschied nehmen: „Aux Revoir, Frankreich!“
Meine persönliche ’Tour de France’ hatte ich mir schließlich ziemlich abenteuerlich ausgemalt.

Im Münstertal kehrt die gute Laune zurück. Auch weil Laurins Tubeless-Reifen auf dem Asphalt walken, quietschen und furzen. Die 45er verlieren Luft. Herrlich wie er sich aufregt und die Scheiß-Milch verflucht. So sehr er mit der „kleinsten Dreckspumpe der Welt“ – so nennt er meine Luftpumpe – nachpumpt: Die 45er verlieren weiter Luft.

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Die Tourenbiker aus Duisburg überholen uns zum dritten Mal: „Ihr schon wieder!“

Beim Wirt im Gasthaus Sonne bekommen wir schließlich eine richtige Standpumpe. Drei Bar. Ventil neu ausgerichtet. Hoffen.

Die Luft entweicht trotzdem.

War klar.

Steiler Schwarzwald

Aus der Rhein-Ebene klettern wir Richtung Feldberg, immer wieder über Singletrails. „Bei uns heißen die Wegele“, titelte die Badische Zeitung einst über die badische Abneigung gegen den Mountainbike-Slang. Die Wege sind steil. Dann steiler. Irgendwann fahren wir mit Schrittgeschwindigkeit.

Schließlich schieben wir.

Moos auf Felsen, Bäche, tiefer Wald, der rauscht und knurrt. Es riecht nach Erde und Pilzen.
Kein schlechter Ort, um neben dem Bike herzugehen. Der Feldberg ist mit 1493 Metern der höchste Berg des Schwarzwalds, kein Wunder, dass es steil nach oben geht.

Hier habe ich Ende der Achtziger das Snowboarden gelernt. Damals traute ich mich kaum ins Fahler Loch, die einzige schwarze Piste im Schwarzwald. ​Da müssen wir hoch. Danach wieder runter – zum Schluchsee.

​Wie dämlich kann man sein?

Die Glücksmomente einer Tour sind für mich die Pausen. Wasser fassen am Friedhof in Todtnau zum Beispiel. Die Räder lehnen an der Mauer, wir trinken aus dem Hahn und schauen auf Birkenkreuze. Das kleine „Marterl“ für die Luftwaffenhelferin Anneliese berührt mich. Zwanzig Jahre alt wurde sie nur. Im April 1945 wurde sie getötet, kurz vor Kriegsende.

Später am Schluchsee gibt es Schweinesteak, Pommes und ein Helles. Wir haben es uns verdient.

Dann schwinge ich mich aufs S-Works und gebe ihm die Sporen. Endlich arbeitet die Schwerkraft für uns. Sandwege, Vollgas, Lenker im Untergriff, der Freilauf kreischt, das T-Shirt flattert.

T-Shirt flattert?!

F#*k!

Mein Rucksack liegt noch am Schluchsee.

Mit Pass, Geld und Handy.

„Wie bitte?!“, sagt Laurin. „Oh Boy. Wie dämlich kann man sein?“

Sehr dämlich, wie sich herausstellt. Wir sind mindestens 40 Minuten mit Vollgas bergab gefahren.

Zurück?

Keine Chance.

Jetzt brauchen wir einen Winston Wolfe. Wem der Tarrantino-Film “Pulp Fiction” nicht geläufig ist: Mister Wolfe löst Probleme. Wir rufen Dennis Schwald an, einen Jugendfreund von Laurin, der am Schluchsee wohnt. Dennis muss unser Mister Wolfe werden.

Während wir an einer Tankstelle in Bonndorf herumlungern und auf das WM-Finale Spanien gegen Argentinien schauen, bange ich um meinen Rucksack.

Dann kommt Dennis angebraust.

Er steigt aus und hält den Deuter hoch wie einen WM-Pokal.

Jubel.

Die Reise kann weitergehen.

Glücksspiel: Wo schlafen?

Hoch über Achdorf steht eine Parkbank am Waldrand.
Es ist schon spät. Bleiben oder weiter?

Für Bikepacker ist das keine Kleinigkeit. Der Abend ist Teil der Reise. Mehr noch: ein Höhepunkt, wenn’s gut läuft. Deshalb bewerten wir Schlafplätze von eins bis zehn.

„Maximal eine fünf“, sagt Laurin.

Ich: „So schlecht? Schau doch mal: Abendsonne, niemand da, Blick ins Grüne, ebene Fläche für die Schlafsäcke und eine Bank zum Chillen.“

Wir bleiben.

Landjäger, warmes Bier, Sonnenuntergang. Erst reden wir über 50er-Reifen, ob Sram die besseren Schaltungen macht und die Frage, ob Onepiece-Cockpits tatsächlich „the shit“ sind. Typischer Bike-Nerd-Stuff. Später, als der Rotwein wirkt, kommen wir zum Thema aller Themen: Frauen. Fledermäuse flattern, hinter uns raschelt es im Unterholz, ein Käuzchen ruft und die ersten Sterne funkeln.
Ziemlich romantisch.

„Siehste, siehste, siehste....“, sage ich am nächsten Morgen zu Laurin als wir über die Bundesstraße hoch nach Blumberg strampeln. Da wäre nix Gescheites mehr gekommen an Nachtplätzen. Also alles richtig gemacht.
Wir grinsen und nehmen Kurs auf Tuttlingen.

Strecke machen oder Sightseeing?

Beides geht kaum. Wir lassen die keltischen Baumkreise in Grunern links liegen. Schade. Wir verpassen den Jesus-Tritt im Hochschwarzwald – dort soll Jesus Fuß und Ellbogen in den Stein gedrückt haben. Sichtbar für alle. Die Pilger kamen in Scharen. Die Kirche war schon immer pfiffig im Marketing.

Gerne hätte ich nach der seltenen Aspisviper gesucht, die es in Deutschland nur im Wiesental gibt. Ich bin Schlangenfreund. Laurin kommentiert: „Du spinnst. So kommen wir nie an!“

Auch der Grand Canyon Deutschlands, die Wutachschlucht, bleibt links liegen. Angeblich eine der beeindruckendsten Schluchtlandschaften Mitteleuropas. Wir wissen es nicht. Wir waren nicht dort.

Nur einige Beispiele auf dem Weg nach Osten.

Erst im Naturpark Obere Donau sagt Freund Fabi: „Nee, Burschen, so nicht!“

Umwege willkommen!

Unser Coros-Navi hat die Route wieder mal missverständlich angezeigt.
Falsch abgebogen. Glück gehabt.

Wir holpern über Trails durch Flussauen. Gassi-Gänger warnen uns: „Da geht’s nicht weiter, außer ihr wollt schwimmen!“

Wir wollen.

Leider ist es Sumpf.

Also über den Bahndamm. Eidechsen zucken über Schottersteinen. Rostrote Gleise.

„Laurin, leg doch mal das Ohr auf die Schiene, ob ein Zug kommt – Indianertrick!“

Wir albern rum, wühlen uns durch Dornengestrüpp, finden zurück zur Route. Bienen summen, Libellen schwirren. Leben im Jetzt. Gedankenmühle: aus! Genau dafür liebe ich Bikepacking.

Alle fallen runter

Bei Kloster Beuron übernimmt unser Freund Fabi Kleiner die Führung. Kurzhaarschnitt, D’Artagnan-Bart, flinke Augen voller Unternehmungslust. Der Profi-Filmer ist hier aufgewachsen, er kennt sich aus. Mehr noch: Fabi ist ein wandelndes Heimatmuseum. Er nimmt uns mit ins Reich der Mythen und Legenden.

Zu jedem Felsbrocken kennt er eine Geschichte.

„Seht ihr den dort? Das ist der Knopfmacherfels. 1823 ritt der ehrbare Knopfmacher Fidelis Martin vom Markt in Tuttlingen nach Hause. Die Nacht brach herein. Mitten im Wald begegnete er einer schönen, leicht bekleideten Frau. Sie führte den Knopfmacher auf den steilen Fels – und Mann und Ross stürzten in die Tiefe. Tot!“

Der nächste Fels heißt Tuchmacherfels.
Richtig: Tuchmacher runtergefallen.

Es gibt auch Metzgerfels, Bischofsfels, Fürstin-Amalien-Fels. Das Donautal war offenbar kein gutes Pflaster für Menschen mit Höhenangst. Wenn niemand runtergefallen ist, stehen Burgen drauf. Mehr als 40 gibt es. Die bekannteste: die Höhenburg Wildenstein.

Fabi kennt auch die Geologie dazu: Vor rund 100 Millionen Jahren zog sich das Meer zurück, das weiche Gestein begann zu verkarsten, Höhlen entstanden. Steinzeitmenschen nutzten sie. Heute ragen die hellen Muschelkalkfelsen wie Zähne aus dem Tal.

Fabi führt uns über versteckte Trails und durch Höhlen. Unten stehen Störche auf Feuchtwiesen. Wir trinken Quellwasser aus dem Wald, später Espresso aus Fabis Siebträgermaschine.

Dann kommen die wilden Ungarn, Hexenverbrennungen und der Neutempler-Orden, eine Art schwäbischer Ku-Klux-Klan, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts in den Höhlen traf und seine eigenen, ziemlich kruden Theorien pflegte. Wir hören zu, staunen – und springen anschließend von einer Brücke in die flaschengrüne Donau. Algenverschlungen und müde bummelt sie vor sich hin.

Sommer 2026!

Weit sind wir heute nicht gekommen. Aber oben über dem Tal steht die Burgruine Falkenstein. Ich sehe schon das Bild vor mir: Lagerfeuer, Rotwein, Genusszigarette, Sternenhimmel.

Laurin rollt mit den Augen.

„So schaffen wir’s nie nach Hause.“

Vielleicht hat er recht.

Aber genau darum geht es ja.

Nicht darum, möglichst weit zu kommen.

Sondern möglichst viel zu erleben.

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Dimitri Lehner ist diplomierter Sportwissenschaftler. Er studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – neben Biken ganz vorne: Windsurfen, Skifahren und Fallschirmspringen. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend!

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