Kollmann-Forstner: Doping in Marathon-Weltspitze „gang und gäbe“ Kollmann-Forstner: Doping in Marathon-Weltspitze „gang und gäbe“ Kollmann-Forstner: Doping in Marathon-Weltspitze „gang und gäbe“

Doping-Prozess Operation Aderlass

Kollmann-Forstner: Doping in Marathon-Weltspitze „gang und gäbe“

  • Stefan Loibl
 • Publiziert vor 2 Monaten

Im Aderlass-Prozess war die österreichische Ex-Marathon-Bikerin Christina Kollmann-Forstner als Zeugin geladen. Sie war Kundin des Erfurter Doping-Arztes, wurde 2019 gesperrt und erhebt schwere Anschuldigungen gegen die Marathon-Weltspitze.

Im Doping-Prozess zur „Operation Aderlass“ gegen den Erfurter Sportarzt Mark Schmidt war am Dienstag eine Ex-Mountainbikerin als Zeugin geladen: die österreichische Marathon-Fahrerin Christina Kollmann-Forstner. Die ehemalige Staatsmeisterin war Kundin von Schmidt und im Juli 2019 von der Österreichischen Anti-Doping-Rechtskommision zu einer vierjährigen Doping-Sperre verurteilt worden. Der Grund: Im Zeitraum von November 2016 bis zum Ende 2018 hatte sie Eigenblut-Doping angewandt und 2018 auch das Wachstumshormon Norditropin erworben, besessen und an sich verwendet. Durch das Urteil wurden Kollmann-Forstners Ergebnisse ab 1.11.2016 gestrichen, ihre Titel aberkannt (darunter die WM-Silbermedaille von 2018) und sie musste Start- und Preisgelder zurückzahlen. Zudem wurde die 32-Jährige im August 2019 wegen „schwerem gewerbsmäßigem Betrugs und des Verstoßes gegen das Anti-Doping-Gesetz“ vom Landesgericht Ried im Innkreis zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Schmidt testete Dopingpräparat an Kollmann-Forstner

Im Aderlass-Prozess trat die bis 2023 gesperrte Österreicherin als Zeugin auf, da die Münchner Staatsanwaltschaft dem Hauptangeklagte Mark Schmidt neben jahrelangem Blutdoping auch gefährlichen Körperverletzung vorwirft. Wie am Dienstag bei der Zeugenvernehmung bekannt wurde, hatte Schmidt bei der Marathon-Bikern nicht nur mit Blutdoping-Kuren nachgeholfen, sondern ihr im Jahr 2017 auch getrocknete Blutkörperchen injiziert. Die Wirkungsweise des Präparats aus den USA sollte ähnliche Effekte haben wie Blutdoping und den Sauerstoffgehalt im Blut erhöhen. Nachdem Kollmann-Forstner aber nach der ersten Behandlung mit Nebenwirkungen wie weiß angelaufenen Fingern und Zehen zu kämpfen hatte, blieb es bei der einmaligen Anwendung. Mit ihren weiteren Aussagen zu dem Vorfall (siehe Bericht der Süddeutschen Zeitung ) hat die Zeugin den Hauptangeklagten weiter belastet.

Kollmann-Forstner ließ sich bei Mark Schmidt nicht nur Blutdoping-Kuren verabreichen, sondern ließ sich im September 2017 auch getrocknete Blutkörperchen spritzen. Zu dieser Methode wurde sie beim Doping-Prozess zur Operation Aderlass in München befragt.

Kollmann-Forstner erhebt schwere Anschuldigungen

Doch für Zündstoff sorgen weitere Aussagen und Anschuldigungen von Kollmann-Forstner während des Prozesses. Als ihr der Durchbruch in die Weltspitze gelang, seien neun von zehn der Top-Fahrerinnen schon einmal gesperrt gewesen oder würden gerade eine Sperre absitzen. Wer vorne mitfahren will, hätte also keine andere Wahl gehabt. Schaut man auf die Ergebnisliste der WM 2016, tauchen so prominente Namen wie Jolanda Neff, Sally Bigham, Ariane Lüthi oder Annika Langvad auf. Bezieht man Kollmann-Forstners Aussage auf den Zeitpunkt ihres größten Erfolgs – Silber bei der Marathon-WM 2018 – sind die Top 10 ebenfalls geprägt von über Jahre hinweg erfolgreichen Top-Fahrerinnen wie Maja Wloszczowska, Gunn-Rita Dahle-Flesja oder Esther Süss. Allesamt Sportlerinnen, die über Jahre hinweg in der Weltspitze vertreten waren und nie mit konkreten Dopinganschuldigungen konfrontiert, geschweige denn überführt wurden. Nur die Italienerin Mara Fumagalli und die Slowenin Blaza Pintaric (früher Klemencic) sind oder waren überführte Dopingsünderinnen und zu diesem Zeitpunkt aktiv.

Doch Kollmann-Forstner geht sogar noch einen Schritt weiter, wie die Süddeutsche Zeitung vom Prozess berichtet :

Chemische Nachhilfe sei in dieser Preisklasse nun mal Gang und Gäbe, die Athleten würden offen darüber sprechen. In manchen Teams aus gewissen Ländern werde die gewisse medizinische Betreuung sogar mit angeboten.

In der Marathon- und Rennsport-Szene sorgen solche Aussagen und Pauschalverurteilungen für Unmut. Wir haben mit dem dreifachen Marathon-Weltmeister Alban Lakata gesprochen, der die Aussagen seiner Landsfrau verfolgt hat und dazu klar Stellung bezieht: „Ich finde es schwach von ihr, dass sie so eine Aussage jetzt im Nachhinein tätigt. Aber das ist genau das Muster, dass viele Dopingsünder später als Legitimation für ihr Handeln bringen.“ Dennoch sieht der Osttiroler auch den Sport und die Organisationen in der Pflicht, um im Anti-Doping-Kampf ein härteres Vorgehen zu etablieren und Dopingsündern keine Bühne zu bieten. Denn warum werden überführte Athletinnen wie Fumagalli und Pintaric, oder der Russe Alexey Medvedev nach dem Absitzen ihrer Dopingsperren wieder von ihren nationalen Verbänden für internationale Wettkämpfe nominiert? Die pauschalen Verurteilungen der kompletten Weltspitze will Lakata aber so nicht stehen lassen: „Es mag sein, dass die ein oder andere, die zu dieser Zeit in der Marathon-Weltspitze mitgefahren ist, eine Doping-Vergangenheit hat. Aber in ihre Anschuldigungen schließt sie auch einige große Namen ein, die sich nie etwas zu Schulden haben kommen lassen. Eine so pauschale Aussage wirft kein gutes Licht auf unseren Sport! Ich hoffe, dass sie die noch einmal gerade rückt.“

Themen: DopingDopingsünderMarathonMünchenProfi-Sport


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