Syntace K.I.S.So funktioniert das neue Lenksystem

Peter Nilges

 · 25.10.2022

Syntace K.I.S.: So funktioniert das neue LenksystemFoto: Henri Lesewitz

Das K.I.S.-Lenksystem von Syntace hat das Zeug, zum neuen Standard zu werden. Es hat nur wenige Teile, aber immense, vor allem positive Auswirkung auf das Lenkverhalten eines MTB. Wie das Syntace-Bauteil funktioniert und was der Erfinder, Jo Klieber, darüber denkt, erfahren Sie in diesem Artikel.

In diesem Artikel erklären wir zunächst die Funktionsweise des revolutionären Lenksystem von Syntace. Weiter unten stellen wir dem Erfinder und Syntace-Geschäftsführer, Jo Klieber, ein paar Fragen zu seiner Idee.

Um zu verstehen, wie die Lenkunterstützung K.I.S. von Syntace funktioniert, müssen wir uns die Lenkgeometrie eines Zweirades genauer anschauen. Aufgrund des an Mountainbikes üblichen Lenkwinkels von 63 bis 70 Grad entsteht ein Nachlauf. Das bedeutet, dass der Radaufstandspunkt ein gutes Stück hinter der (verlängerten) Lenkachse liegt. Dadurch wird das Vorderrad nachgezogen, was der Lenkung Stabilität verleiht. Mit steilerem Lenkwinkel fällt der Nachlauf kürzer aus, und die Lenkung reagiert direkter, aber auch entsprechend nervöser. Es entsteht weniger Laufruhe. Ein flacher Lenkwinkel bietet jedoch nicht nur Vorteile. So kippt das Vorderrad mit abnehmendem Lenkwinkel beim Einlenken stärker ab (Wheelflop).

Verlagssonderveröffentlichung
Nachlauf am MTB ist komplex - und hat ziemliche Auswirkung auf das Fahrverhalten.

Einen ersten Test des im neuen Canyon Spectral verbauten Syntace-Lenksystems gibt es hier - einen ausführlichen Test lesen Sie in BIKE 12/22.


Das spürt man in erster Linie bei langsamer Fahrt, wo die Kreiselkräfte der Laufräder das Rad kaum stabilisieren. Eine Möglichkeit, den Nachlauf trotz flachen Lenkwinkels zu minimieren, erreicht man über das Gabel-Offset. Ein größeres Offset reduziert zwar den Nachlauf und macht die Lenkung dadurch direkter, kann aber nicht den Wheelflop verhindern. Mit dem Einlenken des Vorderrades senkt sich nämlich der Rahmen am Steuerrohr ab. Bei einem Lenkwinkel von 65 Grad reduziert sich der Stack beim starken Einlenken um immerhin elf Millimeter. Will man wieder gerade lenken, muss das Steuerrohr, mit allem, was darauf lastet, mit erhöhtem Krafteinsatz angehoben werden. Bei einem Durchschnittsfahrer sind das immerhin zwei volle Bierkisten, die gut einen Zentimeter hochgedrückt werden müssen.

Lenken bedeutet also eine ständige Hoch-tief-Bewegung und erfordert unterschiedlich starke Kräfte am Lenker. Beim K.I.S.-System von Syntace spannen sich mit dem Einlenken zwei Zugfedern. Im Gegensatz zu einem Lenkungsdämpfer entsteht dabei keine zusätzliche Reibung. Lenkt man wieder gerade, so unterstützt die Federkraft dabei, das Oberrohr anzuheben und die Lenkung zu zentrieren. Das durch den Wheelflop bestehende Ungleichgewicht der Kräfte beim Lenken gleicht K.I.S. aus. Man kann mit gleichförmigerem Krafteinsatz lenken und spürt viel feiner und direkter, was am Vorderrad passiert.

Die präzise Messapparatur misst die Kräfte beim Lenken und ermöglicht so die Feinabstimmung des Systems.

Die Vor- und Nachteile von Syntace K.I.S.

+ Durch die Mittelzentrierung werden unnötige Ausgleichbewegungen und damit Schlangenlinien vermieden. Man muss beim Lenken nicht mehr überdrehen oder überkorrigieren, sondern trifft die Linie auf den Punkt.

+ Bei rutschigen Bedingungen mit kurzem Grip-Verlust am Vorderrad hat man durch die Federkraft des Systems immer noch ein Feedback, wie stark man gerade einlenkt, was die Kontrolle verbessert.

+ Aufgrund der ausgeglichenen Lenkkräfte kann man trotz optimierten Geradeauslaufs dosierter lenken und spürt noch feiner, was gerade am Vorderrad passiert.

+ K.I.S. besteht aus nur wenigen Teilen, ist äußerst haltbar und verursacht nur geringe Materialkosten.

- Das System bringt zwischen 60 und 70 Gramm Mehrgewicht.

- Für den integrierten Einbau benötigt man Platz im Oberrohr.

Erfinder des K.I.S.-Lenksystems und Syntace-Geschäftsführer, Jo KlieberFoto: Henri Lesewitz
Erfinder des K.I.S.-Lenksystems und Syntace-Geschäftsführer, Jo Klieber

„Zwischen Größenwahn und Selbstzweifel“: Interview mit Jo Klieber

BIKE: Wie kommt man auf die Idee, ein vom Prinzip her 200 Jahre altes, etabliertes System zu hinterfragen und damit die Lenkdynamik am Zweirad auf den Kopf zu stellen?

Jo Klieber: Das Ganze hat vor etwa fünf Jahren als Idee angefangen und war zunächst nur ein Nebenprodukt. Mit der Entwicklung unseres Spaceforce-Vorbaus, bei dem sich der Lenker platzsparend um 90 Grad verdrehen lässt, trat das Problem auf, dass das Vorderrad zu instabil ist, einklappt und sich wieder querstellt. Ich suchte nach einer Lösung, die die Lenkung selbst zentriert. Erst im zweiten Schritt kam mir die Idee, dass sich eine Mittelzentrierung beim Zweirad auch positiv auf die Fahrdynamik auswirken könnte. Dabei habe ich mich immer zwischen Größenwahn und Selbstzweifeln bewegt. Denn wieso hat niemand sonst in all den Jahren die Gesetzmäßigkeiten der Lenkgeometrie in Frage gestellt?

Wenn man das fertige Produkt sieht, wirkt alles so simpel und logisch. Die Entwicklung hat sich aber über Jahre gezogen. Gab es auch einen Punkt, an dem Du alles hinwerfen wolltest?

Den gab es vor zwei Jahren, kurz vor Weihnachten. Bei meinen unzähligen Prototypen war entweder die Rückstellkraft der Federn zu gering, oder die Lenkung ist in der Mittelposition zu stark eingerastet. An diesem Punkt wollte ich das Projekt schon beerdigen. Einen neuen Impuls haben mir dann Einmachgummis gebracht und der feste Glaube daran, dass vielleicht doch irgendwo der Heilige Gral der Fahrdynamik auf den Unerschrockenen wartet.

Syntace K.I.S. macht nicht nur an Fahrrädern, sondern an allen Arten von Zweirädern Sinn. Wo wird man das System in Zukunft überall sehen?

Im Bike-Segment hat Canyon die Lizenz für das System gekauft und kann diese neben Liteville im ersten Jahr exklusiv nutzen. Bereits im November werden die ersten Bikes mit K.I.S. zu kaufen sein. Canyon bringt ein Mountainbike mit K.I.S., und von Liteville wird es eine neue Version vom E-MTB 301 CE geben. Ein neues Liteville Enduro 303 mit K.I.S. folgt wahrscheinlich Ende dieses Jahres. Auch im Motorradbereich wird das System zeitnah bei großen Herstellern eingesetzt werden.

Wird Dein Lenkassistent in Zukunft auch Einfluss auf die Geometrie von Mountainbikes haben?

Da K.I.S. die negativen Seiten eines flachen Lenkwinkels eliminiert, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass die Lenkwinkel noch flacher werden. Unter 60 Grad sind sicherlich möglich.


>> Einen ersten Test des in neuen Canyon Spectral verbauten Syntace-Lenksystems gibt es hier - einen ausführlichen Test lesen Sie in BIKE 12/22. <<

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