Jan Timmermann
· 25.06.2026
Wer glaubt das Fahrrad sei fertig entwickelt, wird auf der Eurobike eines Besseren belehrt. Futuristische Materialien, schnelle Räder und eine stetig verbesserte Systemintegration machen Bikes fit für alles von Fahrspaß bis Verkehrswende. Große Hersteller geben mächtig Gas und kleine Unternehmen steuern jede Menge mutige Details bei. Auch am zweiten Tag der Eurobike 2026 ist unsere Redaktion wieder auf aufsehenerregende Produkte gestoßen.
Intend ist bekannt für die lokale Entwicklung und Produktion in Freiburg. Für die erste Dropper-Post der kleinen Brand geht Firmenchef Cornelius Kapfinger neue Wege. Aus der Kooperation mit einem Hersteller in Taiwan entstand eine Teleskopstütze mit spezieller Progression. Wenn sich der Biker in den Hub fallen lässt, fängt die Technik im Innern den harten Durchschlag ab und ermöglicht ein schonenderes Absenken. Auch beim Ausfahren kann das Unterstützungs-Potential der Stütze etwas Kraft sparen. Der untere Teil der Variostütze ist vollständig abgedichtet. Durch die Verwendung von Öl anstatt Fett soll die Funktion besonders geschmeidig laufen. Die Zusammenarbeit mit dem asiatischen Partner läuft laut Kapfinger seit Jahren und eine Dropper Post müsse nicht von Grund auf neu erfunden werden. Intend passte den asiatischen Entwurf an und steuert präzise Einzelteile mit geringen Toleranzen bei. Montiert wird die Stütze natürlich in Freiburg.
TOOT ist Spezialist für Aero-optimierte Bahnrad-Racer. Das Entwicklungsbüro am Gardasee setzt aber auch hochspannende Custom-Projekte, wie dieses Titan-Rennrad namens Eris um. Dabei wird das Bike vollständig um die individuellen Bedürfnisse des Fahrers herum entwickelt. Die Ergonomie von Kunde Stefan zeichnete sich durch einen langen Oberkörper aus. Ziel war es ein Titan-Bike zu bauen, das sowohl bei hohen Geschwindigkeiten als auch bei langen Touren Freude bereitet. 3D-gedruckte Teile ermöglichen die präzise Optimierung der Wandstärken. Dabei wird Titanpulver punktgenau per Laser verschmolzen. Kostenpunkt für Stefans TOOT Eris: rund 9000 Euro. Lediglich 60 bis 70 TOOT Bikes werden jährlich produziert.
Frustriert von der Performance existierender Federgabeln entschloss Ingenieur Simon ein eigenes Startup zu gründen. Seine Nachrüst-Kartusche soll besonders viele Setup-Optionen einfach zugänglich machen. Custom-Tunes sowohl für Zug- als auch Druckstufe können einfach über einen Einsteller an der Gabelkrone realisiert werden. Außerdem bietet das Tuning-Teil eine hydraulische Bottom-Out-Anpassung. Zum Preis von 579 Euro ist die Kartusche für Fox 38, Rockshox ZEB und Intend Federgabeln erhältlich. Der Name Zeta leitet sich von einer physikalischen Maßeinheit für den Dämpfungsgrad ab.
Für Iumentum müssen Lastenräder leicht und agil sein. Das hier gezeigte Modell soll mit 14,8 Kilo das leichteste Cargobike der Welt sein. Möglich machen den Traumwert an der Waage ein leichter Aluminiumrahmen und Anbauteile aus Carbon. Auch der elektrifizierte Bruder ist mit lediglich 19,8 Kilo richtig leicht. Am E-Lastenrad drückt ein Bosch SX Motor mit kleinem Akku das Gewicht. Je nach Setup sind bis zu 100 Kilo Zuladung erlaubt. Komplettbikes kosten ab 2300 Euro, Rahmensets ab 1499 Euro. Natürlich reiste das Iumentum-Team auf den eigenen Bikes zum Eurobike-Messegelände an.
Rohloff kehrt mit der E14 Solo zurück zu den eigenen Stärken. Die Nabenschaltung wird zwar elektronisch gesteuert, verzichtet jedoch vollständig auf App-Anbindung, Cloud-Daten und Anmelde-Zwang. Stattdessen steht die wartungsarme Getriebe-Schaltfunktion im Mittelpunkt. Gangwechsel sollen auch im Stand blitzschnell von der Hand gehen und können sowohl über Flatbar-Trigger als auch über Rennlenker-Schalthebel kontrolliert werden. Gespeist wird das System aus einer länglichen Batterie, welche entweder intern oder extern am Rahmen montiert werden kann. Beim Messe-Bike handelt es sich um ein superleichtes Bike Ahead The Superfast Gravelbike aus Carbon. Typisch Rohloff lassen sich die E14 Solo Einzel-Komponenten an allen jemals produzierten Speedhub Naben nachrüsten. Für die E14 Solo gewann Rohloff gleich mal einen Eurobike-Award in Gold.
Stoll konnte mit dem P32 das erste 32-Zoll-Fully in Serie bringen. Die Schweizer glauben fest an die Vorteile der großen Laufräder und titeln: “The future is big.” Dank Leichtbau-Expertise bringen es die Carbon-Bikes auf Gewichte ab 10,2 Kilo. Am Messestand von Intend gibt es ein Showbike mit Bremsen und Fahrwerk der Freiburger zu bestaunen. Nach unseren Informationen wird das Konzept gut angenommen und die Nachfrage nach dem P32 sowie den passenden 32-Zoll-Gabeln ist groß. Bislang bietet nur Intend eine kompatible Federgabel in Serie an.
Sieht nicht aus, wie ein E-Bike, ist aber eines: Das Leichtbau-Rennrad Origine Newton(e) baut auf einen Mahle X20 Nabenmotor. Bis zu 65 Newtonmeter und 275 Watt liefert der Mini-Antrieb. Das komplette Antriebssystem wiegt nur 1,4 Kilo und ermöglicht dem E-Rennrad ein Traumgewicht von 9,83 Kilo. Das soll dem Bike ein natürliches Fahrverhalten und authentisches Tretgefühl bewahren. Auch andere Rennräder, wie das Ponomarets Eidolon (9,9 kg) oder das Wilier Filante Hybrid (10,3 kg) belegen den Branchentrend zu integrierten Leichtbau-Systemen.
Orange zeigt das Phase Avinox Factory mit 160 Millimetern Federweg vorne und hinten. Typisch Orange ist das E-Enduro mit dicken Schweißraupen und Eingelenker-Hinterbau “very british”. Die Traditionsmarke entwickelt und produziert ihre Rahmen nach wie vor in Großbritannien. Natürlich ist das Showbike mit Hope-Parts von der Insel aufgebaut. Für Vortrieb sorgen die bis zu 1500 Watt Unterstützungsleistung des Avinox M2S Motors.
Die Eurobike mag als Messe geschrumpft sein, die verbleibenden Hersteller zeigen jedoch keine Anzeichen von Entschleunigung. Stattdessen spannende neue Bikes und Parts wohin das Auge blickt. Der technische Fortschritt beschränkt sich dabei nicht auf einen Bereich. Ob E-, Gravel- oder Mountainbike, elektronisch, mechanisch oder hydraulisch: Die Eurobike 2026 zeigt, dass Fahrräder noch besser werden können. - Jan Timmermann, BIKE-Redakteur

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