All Mountain ShootoutCannondale, Rocky Mountain und Haibike bis 9000 Euro

Adrian Kaether

 · 03.12.2022

Rocky vor Cannondale? Wer lässt im Edel-Shootout am Ende wen hinter sich? Oder geht der Sieg ans Haibike? (nicht im Bild)
Foto: Markus Greber
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Gute Funktion gibt’s auch schon für wesentlich weniger Geld. Was rechtfertigt da noch die Investition in ein teures Premium All Mountain Bike bis 9000 Euro? Wir ließen drei Top-Modelle von Cannondale, Haibike und Rocky Mountain zum Edel-Shootout antreten.

Drei Kontrahenten, die zum Aktuellsten gehören, was der E-MTB-Markt zu bieten hat. Cannondales abfahrtsorientierter Allrounder Moterra Neo wurde erst im Frühling 2022 neu vorgestellt, auch bei Rocky Mountains verspieltem Instinct Powerplay und Haibikes neuem Bosch-Bike All Mtn kommen jetzt erst die ersten Bikes bei den Händlern an. Wie so häufig, sind die Topmodelle zuerst verfügbar - sowohl für uns im Test als auch für die Endkunden am Markt - günstigere Modelle werden noch folgen.

Cannondale Moterra Neo Carbon 1 // Bosch Smart System (750 Wh) // 8499 Euro // 24,79 kg (Größe L) // 29 Zoll // 150 mm
Foto: Markus Greber
Die drei Testbikes von Haibike, Cannondale und Rocky Mountain im Überblick.

Cannondale, Rocky und Haibike: Auch bei Topmodellen nicht nur Top-Parts

Obwohl zwei von drei Herstellern gleich ihr Top-Modell anliefern können: Am Anfang dieses Tests steht erstmal die Ernüchterung. All Mountain Bikes bis 9000 Euro, das war einst die Nonplusultra-Klasse. Silbrig glänzende XTR-Parts, golden schimmernde Kashima-Beschichtung. Dazu Vollcarbonrahmen, Carbon-Felgen, Carbon-Lenker. Zugegeben, das ist schon ein paar Jahre her. Jahre, in denen sich das E-MTB in atemberaubender Geschwindigkeit weiterentwickelt hat. Stichwort: größere und im Rahmen integrierte Akkus, mehr Vernetzung, mehr Federweg, breiterer Einsatzbereich. Von allgemeinen Preistreibern, wie Inflation und Pandemie, einmal ganz abgesehen.

Echte Highend-Parts, wie die kabellose Sram AXS X01 Schaltung am Cannondale, sind trotz der hohen Preise eher selten. Alu-Hinterbauten an Cannondale und Haibike versprühen wenig Glanz. Foto: Marlus Greber
Echte Highend-Parts, wie die kabellose Sram AXS X01 Schaltung am Cannondale, sind trotz der hohen Preise eher selten. Alu-Hinterbauten an Cannondale und Haibike versprühen wenig Glanz.

Doch Fakt ist: Auch in dieser Preisklasse ist vom Prunk früherer Tage nicht viel übriggeblieben. Allerdings gehören Hersteller, wie Rocky Mountain und Cannondale, seit jeher zu den Marken, die am oberen Limit der Preisskala rangieren. Wohlmeinende sagen: Hier wird einfach mehr in die Rahmen-Entwicklung als in die bloße Ausstattung investiert. Die spannende Frage also lautet: Können diese Bikes ihren hohen Preis auch dann noch rechtfertigen, wenn sündteure Parts und edle Werkstoffe nicht allgegenwärtig sind?


Alle Details zu den Tests von Cannondale, Haibike und Rocky Mountain gibt es in den ausführlichen Einzeltestberichten:


Teuer heißt leicht? Der Blick aufs Gewicht:

Zumindest beim schlichten Blick auf die Fakten zeigt sich also noch kaum ein Mehrwert der drei Premium-Bikes. Das gilt - mit leichten Einschränkungen - auch für das Gewicht. Denn offenbar heißt teuer nicht gleich leicht. Cannondales Moterra Neo Carbon 1 und Haibikes All Mtn CF SE wiegen so viel, wie wir es von den meisten Bikes mit Carbon-Hauptrahmen und Bosch Smart System gewohnt sind. Knappe 25 Kilogramm.

Mit leichtem Akku und leichtem Rahmen setzt sich Rocky Mountain beim Gewichtsranking spürbar ab. Foto: EMTB Magazin
Mit leichtem Akku und leichtem Rahmen setzt sich Rocky Mountain beim Gewichtsranking spürbar ab.

Nur das Rocky Mountain schlägt sich hier besser. Der Vollcarbonrahmen ist nicht nur gut verarbeitet, sondern scheint auch richtig leicht und verhilft dem Rocky Mountain Instinct Powerplay C70 zu einem deutlich besseren Gewicht von 22,91 Kilogramm. Daran hat auch der verhältnismäßig leichte Akku seinen Anteil. Die Rocky-Batterie bietet nominell 720 Wattstunden, ist aber trotzdem über 700 Gramm leichter als Boschs 750er Powertube in Cannondale und Haibike.

Uphill, Downhill, Tour und Fahrspaß: Was ein gutes All Mountain Bike können muss

Können die drei E-MTB in der Praxis endlich punkten? Die Chancen dafür stehen gut, denn in keiner anderen Bike-Klasse müssen die Kandidaten in so unterschiedlichen Wertungen Top-Leistungen abrufen, wie bei den All Mountain Bikes: Sie will man auf lange Touren mitnehmen, sie sollen steilste Uphills ebenso souverän erklettern, wie sie ihre Piloten ruppige Downhills hinabgeleiten. Und auf launigen Trails sollen sie Spritzigkeit und Fahrspaß vermitteln. Mit einem Sammelsurium glänzender Anbauteile allein wird das nicht gelingen. Ausschlaggebend sind vielmehr eine gelungene Geometrie und ausgereifte Kinematik. Haben Cannondale, Rocky Mountain und Haibike hier in die Entwicklung investiert? Die Stunde der Wahrheit schlägt auf dem Trail.

Dem Haibike gelingt ein gelungener Kompromiss aus guten Fahreigenschaften, anständiger Reichweite und hohem Fahrkomfort. Foto: Markus Greber
Dem Haibike gelingt ein gelungener Kompromiss aus guten Fahreigenschaften, anständiger Reichweite und hohem Fahrkomfort.

Uphill: Haibike souverän und unkompliziert

Untermalt vom Surren des Bosch-CX-Antriebs und vom etwas aufdringlicheren Rattern des Rocky Mountain stürmen die drei Kontrahenten die ersten Rampen und Wurzelstufen hinauf. Eine souveräne Vorstellung, allerdings: Ein echter Aha-Effekt bleibt aus. Denn im Uphill sammeln auch günstigere Bikes viele Punkte, und ganz frei von Schwächen sind auch die Edel-All-Mountain Bikes nicht. Das Rocky steigt etwas früher und eckt mit den Kurbeln an Wurzeln und Stufen bereits an, wo man mit den beiden Kontrahenten noch locker durchpedaliert.

Beim Cannondale maßen wir zwar einen sehr steilen effektiven Sitzwinkel (78,8°), das Sitzrohr ist allerdings weit vors Tretlager versetzt und verläuft flach nach hinten (71,5°). In der Praxis heißt das: Je höher der Sattelauszug, desto ungünstiger weil hecklastiger die Sitzposition. Im technischen Gelände bergauf dürfte der Hinterbau zudem etwas feinfühliger ansprechen. Dass sich das Cannondale in steilen Anstiegen trotzdem gut schlägt, hat es hauptsächlich den längeren Kettenstreben zu verdanken. Die überzeugendste Vorstellung im Uphill gibt das traktionsstarke Haibike ab. Das Fahrverhalten ist unkompliziert, die Front steigt nicht zu früh und der Hinterbau des Bikes aus Schweinfurt gibt bei Hindernissen sensibel nach, ohne zu tief in den Federweg zu sacken. Punkte gibt’s nicht zuletzt auch wegen des gelungenen Motors, der natürlich ebenso im Cannondale zum Einsatz kommt.

Der Bosch Performance CX in Haibike und Cannondale bietet bis zu 85 Newtonmeter Drehmoment.
Foto: Markus Greber
Bosch Performance CX und Rocky Mountain Dyname 4.0: Die Motoren im Vergleich.

Cannondale, Haibike und Rocky Mountain: Die Motoren im Vergleich

Boschs Performance CX, der in seiner neuesten Ausbaustufe mit Smart System in Haibike und Cannondale steckt, ist der Platzhirsch unter den E-MTB-Antrieben. 85 Newtonmeter maximales Drehmoment bietet er nach Herstellerangabe, bei einem Gewicht von 2,96 Kilogramm (EMTB-Messung). Die großen Stärken des Bosch: Die gute Dosierbarkeit und seine Ausrichtung auf das E-MTB. Für sportliche Uphills ist der Bosch daher nicht zu toppen. Kein Antrieb geht bei begrenzter Traktion bergauf sensibler zu Werke, der E-MTB-Modus mit dem bewusst langen Nachlauf hilft über technische Schlüsselstellen, in denen kaum pedaliert werden kann. Mit rund 550 Watt Spitzenleistung ist immer genug Power vorhanden. Leider ist das Gesamtsystem mit den hauseigenen Akkus schwer, auch die Kommunikation mit Geräten von Drittanbietern könnte noch besser sein. Das Getriebe klappert beim Bosch CX bergab deutlich, das wirkt wenig wertig.

Eine Eigenschaft, die Rockys hauseigener Dyname-Antrieb im Instinct Powerplay zum Glück nicht teilt. Hier bleibt bergab zumindest motorseitig alles ruhig. Allerdings hat Rocky Mountains Kraftprotz, der bis zu 700 Watt und 108 Newtonmeter (Herstellerangabe) freisetzt, bergauf etwas mit der Geräuschkulisse und einem rauen Tretgefühl zu kämpfen. Durch die vielen Umlenkungen vibrieren Kurbel und Pedale im Betrieb leicht und der Motor geht auch etwas ungestümer und weniger geglättet zu Werke als ein Bosch. Ob das stört oder in seiner Direktheit sogar gefällt, sollte man im Idealfall vorher selbst ausprobieren. Den vollen Schub setzt der starke Motor übrigens erst frei, wenn der Fahrer selbst kräftig in die Pedale tritt. In unseren Messfahrten legt der Rocky-Antrieb auch über 200 Watt Tretleistung noch spürbar zu. Dadurch fährt der Rocky Mountain E-Bike- Motor bei moderater Tretleistung etwas langsamer als ein Bosch, lässt den Schwaben-Antrieb bei sportlichem Tritt aber deutlich hinter sich. Leider wird der Rocky-Motor dann recht schnell heiß.

Alle Messwerte, wie Gewicht und Geometrie, werden in unserem hauseigenen Testlabor ermittelt. Dabei setzen wir vor allem auf Prüftechnik des renommierten Zedler-Instituts.
Foto: Georg Grieshaber
Von der Geometrie und dem Gewicht bis hin zur Reichweite: So ermitteln wir alle Messdaten bei EMTB.

Beim Thema Reichhöhe geben sich die Edel-Bikes keine Blöße – alle drei Kandidaten empfehlen sich für lange Touren. Boschs Smart-System performt gewohnt gut, das Cannondale erklettert sogar leicht über 2000 Höhenmeter im Turbo-Modus. Die Durchschnittsgeschwindigkeit an unserem standardisierten Testanstieg liegt dabei bei sportlichen 14,7 km/h. Das Rocky ist in Sachen Ausdauer nicht weit weg, bringt den Piloten mit 12,3 km/h aber deutlich langsamer auf den Berg. Der Grund: Der kraftvolle Motor setzt die volle Leistung erst deutlich oberhalb der 150 Watt Tretleistung unserer Reichhöhen-Messfahrten frei.

Downhill: Rocky punktet mit Fahrspaß und Nehmerqualitäten

Geht es nach dem langen Anstieg in die ruppigen Abfahrten, für die diese Bikes ausgelegt sind, leistet sich keiner der Kandidaten eine echte Schwäche. Rocky Mountain, Cannondale und Haibike: Alle drei Bikes punkten mit leistungsfähigen Fahrwerken und modernen Geometrien, Haibike und Rocky können sich dennoch etwas absetzen. Das Haibike münzt den satten Federweg in enormen Federungskomfort um, ohne dabei zu undefiniert zu werden. Das macht das All Mountain Bike aus Schweinfurt zum unkomplizierten Tourer, der auch sportliche Trails bei hohen Geschwindigkeiten noch gut bewältigt.

Bergab und in der Kurve ist das handliche Rocky Mountain Instinct Powerplay in seinem Element. Foto: Markus Greber
Bergab und in der Kurve ist das handliche Rocky Mountain Instinct Powerplay in seinem Element.

Die echten Lorbeeren bergab erntet aber das Rocky Mountain Instinct. Dieses E-MTB saugt sich richtiggehend am Trail fest, lässt sich aber auch trotzdem leicht in die Luft und aufs Hinterrad ziehen. Dabei fährt es sich lebendig, lässt sich handlich durch die Kurven schleudern und bleibt bei Highspeed auch mit wenig Federweg im Heck sehr souverän. In Sachen Trailhandling schrammt es damit nur knapp an der Bestnote vorbei. Das Cannondale bietet auf schnellen Downhills eine solide Leistung, auf wendigen Trails wirkt es aber etwas sperrig und fällt im Vergleich mit den beiden anderen Kandidaten etwas ab.

Die Bewertung im Detail: Rocky vor Haibike und Cannondale

Rocky Mountain punktet bei den Fahrleistungen, vor allem bergab. Damit sichert sich das Bike aus Canada den Testsieg. Haibike gelingt mit dem All Mtn ein toller Kompromiss aus Komfort und Sportlichkeit. Foto: EMTB Magazin
Rocky Mountain punktet bei den Fahrleistungen, vor allem bergab. Damit sichert sich das Bike aus Canada den Testsieg. Haibike gelingt mit dem All Mtn ein toller Kompromiss aus Komfort und Sportlichkeit.
EMTB Redakteur Adrian Kaether Foto: Jérémie Reuiller
EMTB Redakteur Adrian Kaether

Fazit Adrian Kaether, Redakteur EMTB

Lohnt sich die Investition in ein Edel-All-Mountain Bike? Der Mehrwert gegenüber günstigeren Optionen ist nicht riesig, aber spürbar. Vor allem bergab können Haibike und Rocky Mountain punkten und machen daher das Duell um den Testsieg unter sich aus. Wer auf Spieltrieb und Trail-Handling Wert legt und über den etwas ungeschliffenen Antrieb hinwegsehen kann, greift zum Rocky. Das Haibike bietet eine sehr ausgewogene Performance und den Bosch-Motor, es kann auf dem Trail mit dem Rocky aber nicht Schritt halten.

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