Kein Verschleiß mehr und stets die perfekte Trittfrequenz: Wenn Avinox und Gobao ihre Versprechen wahr machen, dürften ihre eCVTs die E-Bike-Welt grundlegend verändern. Den Gobao X1P konnten wir auf der Eurobike bereits fahren, und das Potenzial ließ sich bereits erahnen. Sollten diese Motoren bezahlbar sowie halbwegs effizient und leise sein, wird das das nächste große Ding. - Adrian Kaether, Redakteur Test & Technik
Seit E-MTBs auf den Trails dieser Welt unterwegs sind, sind sich Experten einig: Die Zeit des Schaltwerks ist angezählt. Enorme Motorpower und filigrane Kettenschaltungen, das verträgt sich einfach nicht. Schon mit 85 Newtonmetern auf dem Antriebsstrang verrauchten Kettenschaltungen an E-MTBs im Zeitraffer. Mit dem von DJI-Tochter Avinox angestoßenen Power-Wettrüsten mit bis zu 150 Newtonmeter starken Aggregaten gilt das umso mehr.
Die Lösung? Verschleißfreie Schaltgetriebe wie beim Auto oder Motorrad. Idealerweise gleich in Kombination mit einem leistungsstarken Mittelmotor in einem Gehäuse. Diese Kombination nennt man Motor-Gearbox-Unit, kurz MGU. Und genau so eine MGU hatte Pinion auf der Eurobike 2023 vorgestellt. Die Schwaben hatten damals den Hype um diese Technik mit angefacht. MGUs können mit robusten Einfach-Ketten oder sogar mit wartungsarmen Antriebsriemen kombiniert werden. Weil die Schaltvorgänge im Motor selbst stattfinden, entfällt der wesentliche Verschleißtreiber und auch jeglicher Schräglauf im Antriebssystem. Sogar im Stillstand oder automatisches Schalten sind möglich. Die geringe ungefederte Masse im Hinterrad kommt zudem der Federung zugute.
Pinions MGU hätte die Motorenentwicklung von E-MTBs revolutionieren können. Doch die E1.12 kämpft bis heute mit einigen Problemen: Lautstärke, Schaltsprünge, Gewicht und Akku-System. Vor allem der Preis hat den Durchbruch bislang verhindert. Nicht jeder kann und will für sein E-Bike 7000 Euro und mehr ausgeben.
Mit Gobao und Avinox wagen nun zwei chinesische Firmen einen neuen Versuch, dem Schaltwerk den Garaus zu machen. Beide Hersteller setzen auf eine andere Funktionsweise wie Pinion. Ein sogenanntes eCVT, das die Übersetzung stufenlos anpasst.
Ohne zu sehr in technische Details abzudriften: Wo bei Pinion ein klassisches 3x4-Getriebe mit Zahnrädern für die Übersetzung sorgt, kombinieren Avinox und Gobao in ihren eCVT-Systemen gleich zwei E-Motoren und den Pedalinput in einem fest verbundenen Planetengetriebe miteinander – wie in einem Hybrid-Auto à la Prius oder auch wie beim Owuru-Motor von Decathlon (hier im Test).
Durch die clevere Anordnung der Komponenten kommt das System ohne ein klassisches Schaltgetriebe aus und benötigt deutlich weniger Bauteile. Das spart Geld und Bauraum. Und dennoch lässt sich durch die zwei separaten E-Motoren eine unendliche Vielzahl an möglichen Übersetzungen realisieren.
Das eCVT hat also den Effekt eines stufenlosen Automatikgetriebes. Das ist fürs Fahrradfahren deswegen praktisch, weil Menschen ziemlich festgelegt auf eine bestimmte Trittfrequenz sind: 60 bis 100 Pedalumdrehungen pro Minute, dort fühlen wir uns beim Treten wohl.
Dank der stufenlosen Technik kann der Algorithmus eines eCVT stets eine vorgegebene Trittfrequenz einhalten. Die Übersetzung wird kontinuierlich auf den Fahrer angepasst. Das klingt kompliziert, benötigt jedoch verhältnismäßig wenige Bauteile. Gangsprünge oder Lastwechsel entfallen komplett und könnten allenfalls für ein vertrauteres Fahrgefühl künstlich simuliert werden.
Nachteile gibt es allerdings auch: Das eCVT kann systembedingt E-Motoren und Pedalinput nie vollständig voneinander entkoppeln. Über 25 km/h oder bei ausgeschalteter Unterstützung laufen die E-Motoren im Inneren also weiter, bloß eben so, dass am Antriebsstrang nicht mehr Energie herauskommt, als man hineingegeben hat. Für diesen Regelvorgang muss immer etwas Restenergie im Akku verbleiben. Auch bei Hitzebeständigkeit und Wirkungsgrad sehen Experten noch offene Fragen. Das Fahrgefühl wird zudem maßgeblich von der Qualität der Software abhängen – und genau hier gilt Avinox beziehungsweise DJI als besonders stark.
>> Was einige führende Köpfe der Bike-Industrie über MGUs mit eCVT-Technologie denken, lest ihr hier
Avinox und Gobao setzen beide auf diese Technik. Die Antriebe sind sich also, soweit bekannt, mechanisch relativ ähnlich. Ein entscheidender Unterschied: Gobaos X1 und X1P stehen bereits kurz vor der Marktreife. Mit einem brutal starken Fast-Charger sind bis zu 30 A (!) Ladestrom drin. Anders gesagt: 10 auf 80 Prozent Laden geht in unter 20 Minuten.
Gobao sitzt im chinesischen Shenzen direkt gegenüber der DJI-Tochter Avinox und wird als zentraler Konkurrent wahrgenommen. Die Daten zu Gobaos X1 und zur Sport-Variante X1P: bis zu 1500 Watt Spitzenleistung und 150 Newtonmeter. Das eCVT soll im X1P eine Übersetzungsbandbreite von 500 Watt realisieren können. Damit läge der X1P in Sachen Power auf Augenhöhe mit dem Avinox M2S und bei der Übersetzungsbandbreite nur leicht unter klassischen Zwölffach-Kettenschaltungen.
Laut Gobao sollen 2027 einige sehr relevante Bikes erscheinen. Gerüchte gibt es bereits, offiziell bestätigt sind die Partnerschaften mit namhaften Bike-Herstellern aber noch nicht.
Diesen Trumpf kann dafür Avinox ausspielen. Mondraker, Megamo, Forbidden, Commencal und Canyon haben bereits Prototypen mit dem neuen MG Concept gezeigt. Die Eckdaten sollen wie beim Gobao bei 1500 Watt und 150 Nm liegen, mit 520 Prozent gibt es noch etwas mehr Übersetzungsbandbreite. Der Avinox hat aber noch klar Konzept-Status. Auf der Messe kündigte auch Avinox an: 2027 soll es erste fertige Bikes zu kaufen geben. Ob das realistisch ist, oder eher eine taktische Kampfansage an den Nachbarn Gobao? Das Wettrennen ist auf jeden Fall eröffnet.

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