Antiblockiersystem für E-MountainbikesDas Bosch ABS im Test

Adrian Kaether

 · 01.11.2022

Antiblockiersystem für E-Mountainbikes: das Bosch ABS im TestFoto: Max Fuchs
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Das neue Bosch Antiblockiersystem fürs E-Bike ist die Innovation des Jahres. Und ein Quantensprung für die Fahrsicherheit beim E-MTB. Ob das ABS auch Schwächen hat, und welche Fahrer davon profitieren, klären wir auf dem Trail und im Labor.

„Jetzt gehst Du über den Sprung und greifst im Flug voll in die Vorderradbremse.“ Fahrtechnikexperte Stefan Schlie muss verrückt geworden sein. Landen mit durchgezogener Bremse, das kann nicht gutgehen. Oder doch? Wir konnten das neue Bosch Antiblockiersystem für E-Bikes ausführlich testen – in der Praxis und auch im EMTB-Testlabor. Und der Ausflug mit Bosch-Experte Stefan Schlie treibt mir erst mal den Angstschweiß aus den Poren. Also: springen, Bremshebel bis zum Anschlag durchziehen, Landung. Innerhalb von Millisekunden registrieren die ABS-Sensoren das rutschende Vorderrad. Das Regelsystem reagiert, das Vorderrad stottert kaum spürbar, der Reifen greift. Dann kommt mein Bike sicher zum Stehen. Geschafft!

Verlagssonderveröffentlichung

Souverän und unauffällig hat das ABS ein Desaster verhindert. Die ganze Technik, die am Auto mehrere Kilo wiegt, passt am E-MTB in ein kleines Kästchen, das an der Federgabel klemmt. Beeindruckend: Das Steuergerät wiegt nur 227 Gramm, der Aufpreis bei Neu-Bikes mit ABS soll in der Größenordnung um 500 Euro liegen. Damit ist dieses Antiblockiersystem leicht, unauffällig und günstig genug, um erstmals für eine breite Masse von Bikern interessant zu werden. Ist der Siegeszug also vorprogrammiert?


Das erwartet Sie im Testbericht des Bosch-E-Bike-ABS:


Bosch-E-Bike-ABS: klein und unauffällig sitzt die Steuereinheit am Bike.Foto: Max Fuchs
Bosch-E-Bike-ABS: klein und unauffällig sitzt die Steuereinheit am Bike.

Geländetauglich: Die 2. Generation des Magura-Bremshebels

Für die schwäbische Connection Bosch-Magura ist es bereits die zweite Generation eines Antiblockiersystems für E-Bikes. Doch der Vorgänger war klobig und nicht für den Geländeeinsatz gedacht. Mit der neuen Generation soll sich das ändern. Selbst im Trail-Einsatz verspricht das System echte Vorteile. Das Bike-ABS regelt übrigens nur vorne. So bleibt die Technik kompakt, und Verbremser im Heck führen ohnehin viel seltener zu gefährlichen Situationen und Stürzen.

Die ABS-Bremse selbst basiert auf dem bekan­nten Magura-Vierkolben-Sattel, der auch in der MT5 zum Einsatz kommt. Um ihn ABS-tauglich zu machen, hat Magura einen neuen Bremshebel entworfen, der mit einem größeren Ölvolumen arbeitet. Das ist notwendig, um die korrekte Funktion des ABSs sicherzustellen. Die restlichen Komponenten, von den Sensoren an den Bremsscheiben bis hin zum Regler selbst, kommen von Bosch. Sie sind nahtlos in das Smart-System eingebunden. Der Nachteil: Auf dem Nachrüstmarkt wird es das ABS nicht geben – auch nicht für Smart-System-Bikes. Dafür ist das Bosch ABS direkt ab Werk mit dem Antriebssystem verbunden, bezieht aus dem E-Bike-Akku kleinste Strommengen, die für die Funktion benötigt werden und lässt sich auch direkt im Kiox-Menü oder über die Bosch-eigene Flow-App bedienen.

Im Kiox-Menü oder in der eBike-Flow-App lässt  sich zwischen den ABS-Modi Allroad und Trail wählen.  Man kann das ABS auch ganz abschalten.
Foto: Max Fuchs

Der Praxistest des Bosch Antiblockiersystems

Auf einem Parkplatz wagen wir die ersten Versuche. Auf Asphalt und Schotter traut man sich bald, voll in den Hebel zu greifen. Selbst auf den Wechsel von griffigem Asphalt zu losem Schotter oder umgekehrt reagiert das Antiblockiersystem zuverlässig und schnell. Der hohen Abtastrate der beiden Sensoren an den Bremsscheiben sei Dank. Das Sicherheitsgefühl ist im sportlichsten ABS-Modus „Trail“ bereits so hoch, dass wir den ABS-Modus „Allroad“ im Geländeeinsatz nicht empfehlen. Er verlängert den Bremsweg nur unnötig. Und Schreckmomente gibt’s auch im sportlichen Trail-Modus nicht. Auch hier schafft man es erst, das Vorderrad zu überbremsen, wenn man bewusst in einer engen Kurve auf Schotter in die Eisen greift. Eine Kurvenerkennung bietet das ABS für E-Bikes nämlich nicht.

Der Performance auf dem Trail tut das keinen Abbruch. Stattdessen erledigt das Bosch-ABS seine Aufgabe geschmeidig und ermöglicht kräftige Bremsmanöver auch in kniffligen Wurzelpassagen oder direkt nach Sprüngen – Situationen, in denen man sonst höchstens zaghaft verzögern würde. Ruckeln oder Pulsieren im Hebel, wie man es von Auto oder Motorrad kennt, konnten wir übrigens kaum bemerken. Wie souverän das Bosch-ABS in jeglichen Geländesituationen agiert, ist wirklich beeindruckend. Zumal all das nur mit den zwei Rotationssensoren an vorderer und hinterer Bremsscheibe und einem entsprechenden Algorithmus funktioniert. Beschleunigungs- und Neigungssensoren, all das braucht Bosch offenbar nicht.



Hohe Stoppies lässt das ABS aber nicht zu, doch wer aus den Beinen arbeitet, kann in Spitzkehren nach wie vor das Hinterrad umsetzen. Was versierte Biker überhaupt auf E-MTBs mit ABS zu suchen haben? Diese Frage gehört sicher zu den spannendsten. Kurzum: Auch sehr gute Biker profitieren vom Sicherheitsgefühl, gerade auf unübersichtlichen und steilen Trails mit wechselnden Untergründen. Warum? Weil das Bremsen keine Aufmerksamkeit mehr erfordert. EMTB-Testleiter und Fahrtechniktrainer Florentin Vesenbeckh formuliert es nach intensiven Testfahrten auf
anspruchsvollen Trails so: „Die Synapsen sind frei, man kann sich voll aufs Gelände und die Körperposition beim Fahren konzentrieren.“

Und die weniger guten Fahrerinnen und Fahrer? Die gaben nach dem Trail-Einsatz zu Protokoll, dass sie weniger Angst vor dem Bremsen mit der Vorderradbremse hatten, besonders auf rutschigem Untergrund. So trauten sich alle Testfahrer leichter in eine aktive Fahrposition mit viel Druck auf der Front. Traktion und Kontrolle verbessern sich.

Hart anbremsen, lange schnell sein. Das ABS übernimmt die Aufgabe des sensiblen Bremsfingers. So konzentriert man sich ganz auf den Trail und eine aktive Fahrposition.Foto: Max Fuchs
Hart anbremsen, lange schnell sein. Das ABS übernimmt die Aufgabe des sensiblen Bremsfingers. So konzentriert man sich ganz auf den Trail und eine aktive Fahrposition.

ABS fürs E-Bike hat auch Nachteile

Das Bosch-ABS hat aber auch seine Tücken – zum Beispiel, wenn man auf rutschigem Untergrund das Gewicht zu weit nach hinten verlagert. Freilich kann einem in solchen Manövern ohne ABS das Vorderrad wegrutschen. Fakt ist aber: Mit ABS ist der Bremsweg dann viel länger. Wer das Antiblockiersystem effektiv nutzen will, muss also lernen, das Vorderrad aktiv zu belasten. In der Praxis kann das gerade in unvorhersehbar auftretenden Schreckmomenten, wenn das Gewicht zu weit nach hinten wandert, kritisch werden.

Ebenfalls auffällig: In unseren ersten Tests blockierte das Hinterrad verhältnismäßig oft. Der Körper gewöhnt sich wohl nur schwer daran, voll in die vordere, aber nur dosiert in die hintere Bremse zu greifen. Für die Trail-Etikette nicht optimal. In langen Abfahrten tendiert man außerdem dazu, für die maximale Bremskraft mit ABS oft zu stark in den Hebel zu greifen. Bei viel Handkraft verpufft diese einfach im Regelsystem, sorgt aber auf Dauer für schmerzende Unterarme.

Dass ein kurzer Bremsweg ohnehin nicht die Stärke des Systems ist, zeigte ein kleiner Feldtest. Drei Biker von der Anfängerin bis zum EMTB Tester versuchten, aus 25 km/h das Bike auf losem Untergrund möglichst schnell zum Stehen zu bringen. Trotz Variablen, wie dem ungleichmäßigen Reibwert auf Schotter, ist die Tendenz klar: Ohne ABS steht das Rad schneller. Alle Probanden meldeten jedoch auch zurück, dass sie sich bei der Vollbremsung mit Bosch ABS sicherer gefühlt haben. Ausweichmanöver wären hier noch denkbar, ohne dagegen nicht. Abschließend traute sich Testerin Alisa, dank ABS, auch in einen kniffligen Trail. Steil und mit rutschigem Untergrund. Neuland für die Gelegenheits-Bikerin. „Ohne ABS wäre ich das nicht gefahren“, gab sie zu Protokoll.

Fazit von Adrian Kaether, EMTB-Redakteur:

“Das neue ABS von Bosch agiert mit beeindrucken-der Souveränität. Es steigert die Kontrolle beim Biken nachhaltig – weniger gute Fahrer profitieren von mehr Fahrsicherheit, versierte Piloten von mehr Fahr-Performance. Ein Ein-Finger-Hebel für die Bremse selbst und ein noch sportlicherer ABS-Modus, der kürzere Bremswege zulässt, würden die Technik auch für geübte Trail-Biker noch attraktiver machen. In jedem Fall ist das Bosch-ABS eine der fundamentalsten Entwicklungen der letzten Jahre und liefert einen essenziellen Beitrag zur Sicherheit beim Biken.”
Adrian Kaether, EMTB-RedakteurFoto: privat
Adrian Kaether, EMTB-Redakteur

Harte Test-Fakten: Messungen der Bremswege und Handkraft mit ABS

Wie verändert sich der Bremsweg auf losem Untergrund durch den Einsatz vom ABS? Steigt durch das Antiblockiersystem und den neu kons­truierten Bremshebel die Handkraft?

Bremswege¹

Kann ein sensibler Bremsfinger das ABS schlagen? Mit drei Testerinnen und Testern rückten wir zum Feldversuch auf einem Schotterparkplatz aus. Überraschend: Alle – von der Anfängerin (Tester 1) bis zum EMTB-Testprofi (Tester 3) – erreichten sowohl den absolut kürzesten Bremsweg als auch den deutlich besseren Schnitt (zehn Messungen) mit abgeschaltetem Regelsystem. Trotz des variablen Reibwerts auf Schotter ist damit klar: Ohne ABS steht man schneller.

Messung der Bremswege: Tester 1 = Anfänger, Tester 3 = EMTB-TestprofiFoto: EMTB-Testabteilung
Messung der Bremswege: Tester 1 = Anfänger, Tester 3 = EMTB-Testprofi

Handkraft²

Damit das ABS funktioniert, muss die zugrunde liegende Magura-MTC-Bremse mehr Öl bewegen und ist dafür auf einen größeren Geberkolben angewiesen. Eine clevere Umlenkung soll verhindern, dass dadurch die Handkraft stark ansteigt. In unserem Laborvergleich mit der MT5 fällt auf, dass die MTC vor allem bei mittleren Handkräften etwas weniger Bremsleistung liefert. Die Maximalleistung bei einer echten Vollbremsung ist dagegen tadellos.

Damit das ABS funktioniert, muss die Bremse mehr Öl bewegen: Die Handkraft steigt.Foto: EMTB-Testabteilung
Damit das ABS funktioniert, muss die Bremse mehr Öl bewegen: Die Handkraft steigt.

¹ Die Bremswege wurden über 10 Messungen gemittelt. Gebremst wurde auf Schotter, der spezifische Reibwert kann daher von Bremsung zu Bremsung etwas variieren. Reifendruck 1,6 Bar, Ausgangsgeschwindigkeit 25 km/h, Sitzposition neutral.

² Messwerte ermittelt auf dem Bremsenprüfstand im EMTB-Labor. Bremsung ohne ABS-Regelung. Die horizontale Achse zeigt die Handkraft, die vertikale Achse die Bremskraft in Newton.

Das sagen die Tester:

Adrian Kaether, EMTB-Redakteur:

“Auch erfahrene Biker profitieren vom ABS, gerade in unübersichtlichen Passagen. In einer besonders steilen Abfahrt konnte ich ohne ABS aber stärker bremsen und wiederholt eine andere Linie fahren. Vor solchen Passagen mit wenig Auslauf würde ich das ABS abschalten.”
Adrian Kaether, EMTB-RedakteurFoto: privat
Adrian Kaether, EMTB-Redakteur

Alisa Rathke, Gasttesterin:

“Im Gelände habe ich mit dem ABS mehr Sicherheit verspürt. Das kam mir als unerfahrene Bikerin auf den Trails zugute. Ich hatte die Sicherheit und das Eingreifen des ABS im Kopf und traute mich am Ende in rutschige Abfahrten, die ich ohne ABS nicht gefahren wäre.”
Alisa Rathke, GasttesterinFoto: Georg Grieshaber
Alisa Rathke, Gasttesterin

Florentin Vesenbeckh, stellvertretender EMTB-Chefredakteur:

“Als ich das erste Mal vom ABS für E-MTBs gehört habe, konnte ich mir kaum vorstellen, dass das je im Trail-Einsatz relevant wird. Die ersten Tests haben mich extrem positiv überrascht. Die Technologie hat enormes Potenzial, auch für top-versierte Biker.”
Florentin Vesenbeckh, stellv. EMTB-ChefredakteurFoto: Adrian Kaether
Florentin Vesenbeckh, stellv. EMTB-Chefredakteur

Interview mit Claus Fleischer, CEO Bosch eBike Systems:

EMTB: Für welche Biker wurde das Antiblockiersystem entwickelt?

Claus Fleischer: Aufgrund unserer Erfahrung und des vorhandenen Knowhows – über 20 Jahre ABS beim Motorrad, vier Jahre eBike ABS beim Trekkingbike – haben wir uns entschieden, das eBike-ABS auf weitere Nutzergruppen auszudehnen. Im sportiven Bereich vom SUV-Mountain­biker mit Alltagsausstattung, über den Touren-Fahrer bis hin zum Supersportler, der ein Strava-Segment knacken will.

Wird das ABS auch in Rennen zum Einsatz kommen?

Das kann ich mir vorstellen. Wir haben das ABS ausgiebig mit Rennfahrern und professionellen Athleten getestet und konnten so die Performance nochmals verbessern. Später, härter bremsen, länger schnell sein. Das ist die Idee.

Wird es dann noch sportlichere ABS-Modi geben?

Bei solchen Traktionsregelungen gibt es einen Zielkonflikt: Es gilt, die Balance zu finden zwischen Seitenstabilität und Bremsleistung. Der Trail-Modus ist klar performance-orientiert und lässt sehr harte Bremsungen zu – dies geht etwas zulasten der Seitenstabilität. Aber sportliche Biker beherrschen das. Trotzdem ist es denkbar, dass es in Zukunft noch sportlicher ausgelegte Modi geben wird.

In die andere Richtung gedacht: Für weniger versierte Biker sind ja schon kurvige Schotterabfahrten ein Problem. Dort, in der Kurve, kann das ABS aber nicht helfen, oder?

Gehen wir noch vor die Kurve: Gerade aus den Alpen vermelden Bike-Verleiher, dass sie hintere Bremsbeläge viel häufiger tauschen als vordere. Offenbar wird zu wenig am Vorderrad gebremst. Wir wollen, dass die Leute dank ABS immer beide Bremsen nutzen. Allein das würde bei weniger geübten Fahrern schon einen großen Unterschied machen.

Wäre dann nicht auch ein Antiblockiersystem am Hinterrad konsequent?

Zwei Argumente sprechen dagegen: Zum einen kommt beim Bremsen die wesentliche Bremsleistung ohnehin von vorne. Und zum anderen ist ein blockierendes Hinterrad viel leichter zu kontrollieren.

Wird das ABS bald Standard sein an E-MTBs?

In den letzten 30 Jahren haben einige Innovationen das Mountainbiken maßgeblich verändert. Federgabeln, Scheibenbremsen, die Dropper-Post. Und jetzt kommt das ABS. Gerade auch weil es erlaubt, aktiv die Position des Bikers über das Vorderrad zu verlagern, bringt es echte Vorteile. Eine anfängliche Skepsis gegenüber neuen Produkten ist nicht außergewöhnlich, doch diese weicht, wenn der Nutzen erkannt wird. Das haben wir beim Auto gesehen, auch beim Motorrad. Langfristig wird ABS das E-Mountainbiken sicherer und schneller machen.

Claus Fleischer, CEO Bosch eBike Systems: 
Für die Entwicklung des ABS-Systems für E-Bikes konnte Fleischer nicht nur auf die Expertise der Reutlinger Ingenieure und der Bosch-Athleten zurückgreifen. Dank Konzernmacht soll auch das Knowhow aus Yokohama mit eingeflossen sein. Dort hat Bosch vor einiger Zeit sogar ein ABS für die Moto GP entwickelt. Aus Wettbewerbsgründen durfte es jedoch nie eingesetzt werden.Foto: Markus Greber/Skyshot
Claus Fleischer, CEO Bosch eBike Systems: Für die Entwicklung des ABS-Systems für E-Bikes konnte Fleischer nicht nur auf die Expertise der Reutlinger Ingenieure und der Bosch-Athleten zurückgreifen. Dank Konzernmacht soll auch das Knowhow aus Yokohama mit eingeflossen sein. Dort hat Bosch vor einiger Zeit sogar ein ABS für die Moto GP entwickelt. Aus Wettbewerbsgründen durfte es jedoch nie eingesetzt werden.

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