Hope 1000: Jochen Böhringer gewinnt Ultra-MTB-Marathon

Mit Schlafentzug im Streckenrekord zum Sieg

  • Lisa Gärtitz
 • Publiziert vor 4 Monaten

Erneut konnte Jochen Böhringer den Ultra-MTB-Marathon Hope 1000 für sich entscheiden und gleichzeitig einen neuen Streckenrekord aufstellen. Im Interview hat er BIKE von seinem Abenteuer berichtet.

1000 Kilometer, 30 000 Höhenmeter und alles in einem Ritt - das ist das Hope 1000. Für Jochen Böhringer genau das Richtige. Der 41-Jährige aus Baden-Württemberg ist immer auf der Suche nach der besonderen Herausforderung. Je länger, desto besser, gilt seine Devise. Nach der langen Corona-Auszeit konnte er Mitte Juni an dem Ultra-MTB-Marathon durch die Schweiz teilnehmen.

Nach seinem Vorjahressieg konnte er das Rennen auch dieses Jahr wieder für sich entscheiden und den bestehenden Streckenrekord um ganze elf Stunden (!) verbessern. Gerade einmal drei Tage, 17 Stunden und 30 Minuten benötigte Böhringer von Romanshorn am Bodensee bis nach Montreux am Genfersee! Das bedeutete: nur gute zwei Stunden Schlaf in drei Tagen. Mit BIKE hat der diesjährige Sieger des Hope 1000 sein Abenteuer noch einmal Revue passieren lassen.

Die diesjährige Strecke des Hope 1000. Knapp 1000 Kilometer und rund 30 000 Höhenmeter heißt es bei diesem Ultra-MTB-Marathon zu absolvieren.


BIKE: Wie hast Du Dich auf das Hope 1000 vorbereitet?

JOCHEN BÖHRINGER: Mir sind neben dem Radfahren auch Job und Familie sehr wichtig. Deshalb bleibt fürs Training nur ein sehr begrenztes Zeitkontingent. Um trotzdem auf ein entsprechendes Leistungsniveau zu kommen, liegt der Schwerpunkt hier auf kurzen Trainingseinheiten mit intensiven Intervallen. Dies kombiniere ich dann in der Vorbereitungsphase von Zeit zu Zeit mit richtig langen Einheiten, um die körperliche Ermüdungsresistenz und auch die mentale Komponente zu entwickeln. Gerade für Gelenke, Sehnen und Bänder ist das sehr wichtig.

Dieses Frühjahr habe ich z. B. die Hin- und Rückfahrt zum Familienskiurlaub nach Österreich mit dem Fahrrad absolviert und auch zwei Everestings (Everesting:  8848 Höhenmeter in einem Rutsch , d. Red.) in die Vorbereitung integriert. Abgerundet habe ich das Training mit einer großen 700-Kilometer-Runde durch den Schwarzwald, das Saarland und die Pfalz.


BIKE: Mit welchen Ambitionen bist Du an den Start gegangen?

JB: Ich konnte das Hope 1000 bereits im vergangenen Jahr gewinnen (damals hieß es noch Navad 1000). Deshalb war für mich klar, dass ich wieder im Kampf um die Topplatzierungen mitmischen möchte. Da die konkrete Platzierung aber nicht nur von der eigenen Leistung abhängt, sondern auch von der Leistung der Konkurrenten, habe ich mir persönlich Ziele gesteckt, die ich maßgeblich selbst beeinflussen kann. Zum einen eine deutliche Reduzierung der Standzeiten durch kürzere Schlafpausen. Zum anderen habe ich auch auf den bisherigen Streckenrekord geschielt und die Zwischenzeiten des bisherigen Rekordhalters als Orientierung während des Rennens genutzt.

Jochen Böhringer war beim Hope 1000 auf sich allein gestellt. Die Konzentration auf die eigenen Stärken, die Reflektion über das bereits Erreichte und die Fan-Unterstützung an der Strecke oder über das Internet lassen den 41-Jährigen schier Unmenschliches schaffen.


BIKE: Hattest Du eine bestimmte Taktik? Wenn ja, konntest Du diese im Rennen wie geplant umsetzen?

JB: Im vergangenen Jahr habe ich bewusst jede Nacht nur zwei bis drei Stunden geschlafen, um nicht am dritten oder vierten Tag komplett einzubrechen. Das hat zwar wunderbar funktioniert, aber mir war bei der starken Konkurrenz klar, dass damit keine Platzierung ganz vorne möglich sein würde. Deshalb habe ich mich bewusst dafür entschieden, nur kurze Schlafpausen einzulegen. Das war riskant. Zum Glück hat es funktioniert. Nachdem ich mich an die Spitze des Feldes vorgearbeitet hatte, habe ich versucht meine eigenen Stopps so zu timen, dass ich nicht währenddessen eingeholt werde.


BIKE: 1000 Kilometer und 30 000 Höhenmeter am Stück. Das ist eine gewaltige Hausnummer. Loszufahren und zu wissen, nun kommen mehrere Tage körperliche und psychische Anstrengung auf mich zu, das verlangt eine Riesenportion Entschlossenheit. Wie hast Du Dich während des schier endlosen Rennens immer weiter motiviert?

JB: Ich bin zwar grundsätzlich ein positiv denkender Mensch, aber mentale Downs gab es tatsächlich immer wieder, schon wegen der körperlichen und psychischen Erschöpfung. Ein paar "Tricks" helfen mir während des Rennens, wieder in bessere Stimmung zu kommen. Wenn ich mentale Durststrecken hatte, habe ich beispielsweise den Fokus ganz bewusst auf die wundeschöne Schweizer Berglandschaft gerichtet. Außerdem habe ich mir in den langen, zehrenden Anstiegen immer wieder die belohnenden Downhills ins Gedächtnis gerufen.

Dass die Herausforderung für alle Fahrer gleich ist und die anderen auch zu kämpfen haben, macht es auch leichter. Vor allem, wenn ich mir dann meine eigenen Stärken bewusstmache, wie meine gute Fahrtechnik oder mein geringes Körpergewicht, dass mir in steilen Anstiegen zugutekommt. Im letzten Drittel des Rennens hilft es mir, das bereits Erreichte zu reflektieren.

Top vorbereitet, voll motiviert: Und aus mentalen Tiefs zieht sich Jochen Böhringer selbst. So konnte er seine Laune unter anderem mit dem herrlichen Anblick der Schweizer Berglandschaft aufpeppeln. 

Ein großer Motivator sind für mich auch die positiven Nachrichten auf den Social-Media-Kanälen oder Fans (bekannte oder unbekannte), die extra an die Strecke zum Anfeuern kommen. Ich bin allen dankbar, die mich auf diese Weise unterstützt haben! Und wenn gar nichts mehr hilft, kann ich noch in die mentale Trickkiste greifen und mechanisch vor mich hinlächeln und darauf hoffen, dass die dazu passenden Glückshormone ausgeschüttet werden.


BIKE: Eine Regel des Hope 1000 ist, dass nur Unterstützung angenommen werden darf, die allen Teilnehmern zur Verfügung steht (z. B. Restaurants, Cafés). Private Unterstützung ist also tabu. Wie bzw. wo hast Du Dich verpflegt? 

JB: Verpflegt habe ich mich zum einen von einer Basisration Gels und Pulver, von denen ich jeweils circa ein Kilogramm im Gepäck hatte. Zum anderen von hochkalorischen Getränken wie Cola und Fruchtsäften und süßem Gebäck, Sandwiches und allen möglichen Keksen und Schoko- oder Nussriegeln, die ich unterwegs an Automaten, Tankstellen, Berghütten oder Bäckereien gekauft habe.

Dabei habe ich versucht, möglichst diszipliniert zu sein und immer nur kurz für den Einkauf anzuhalten und das Essen selbst während der Fahrt unterzubringen. Nur einmal habe ich mir auf dem Gipfel der Kleinen Scheidegg als Zwischenbelohnung einen entspannten Panorama-Eis-Stopp gegönnt.


BIKE: Und wie sah es mit dem Schlafen aus?

JB: Die kurzen Schlafpausen habe ich immer direkt an der Strecke auf dem Boden in einer Rettungsfolie verbracht. Manchmal in einem kleinen Seitenweg, manchmal aber auch einfach direkt auf der Grasnarbe neben einem Schotterweg. Zum Glück kann ich ab einem gewissen Müdigkeitslevel wirklich überall innerhalb weniger Minuten einschlafen.

Ein typisches Nachtlager für Böhringer während des Hope 1000. Lange Schlafpausen aber gönnte sich der motiverte Ultrasportler nicht. 


BIKE: Wie haben Dein Körper und Deine Psyche auf den Schlafentzug regiert?

JB: Körperlich, besonders musklulär, war es überraschenderweise kein Problem. Selbst am letzten Tag musste ich nicht mit Krämpfen oder ähnlichem kämpfen, da ich sehr darauf geachtet habe, nie für längere Abschnitte an oder über meiner Schwelle zu fahren. In extrem steilen Abschnitten habe ich sogar lieber ein paar Meter geschoben.

Mental war es allerdings schon eine zusätzliche Belastung. Da ich über die drei bis vier Tage in Summe nur auf zweieinviertel Stunden Schlaf gekommen bin, war meine Wahrnehmung deutlich gedämpft. Das ging z. B. in der dritten Nacht bis hin zu Wahrnehmungsstörungen. Ich dachte einmal, es würde leicht bergab gehen, musste aber unheimlich treten, um vorwärts zu kommen. Nachdem ich angehalten habe, um zu überprüfen, ob z. B. die Bremse schleift, habe ich erst realisiert, dass der Weg eigentlich ansteigt. Da habe ich sofort einen kurzen Powernap eingelegt, um mein Gehirn wieder auf Spur zu bringen.


BIKE: Schlechtes Wetter, Pannen, Stürze … Bei einer solch langen Tour passiert sicher einiges. Welchen Widrigkeiten hast Du Dich im Rennen stellen müssen?

JB: Die Strecke war dieses Jahr wegen intensiver Regenfälle vor Beginn abschnittsweise sehr schlammig und rutschig, was besonders in den technischen Trails und Abfahrten herausfordernd war – vor allem nachts. Der größte Schockmoment war allerdings, als ich am letzten Tag circa 120 bis 140 Kilometer vor dem Ziel in einer Abfahrt auf einer schmalen Bergstraße mit einem entgegenkommenden PKW kollidiert bin.

Der Regen vor Beginn des Rennens hatte einige Streckenteile in rutschige Schlammpartien verwandelt. Das verdreckte Rad war aber kein Problem, die schmierigen Trailpassagen schon eher – allein wegen des Schlafmangels oder der Dunkelheit. Doch erst der unangenehme Kontakt mit einem PKW sollte das Schicksal des Orbea-Rahmens besiegeln.

Nach einem kurzen Bikecheck dachte ich zuerst, dass ich mit ein paar unkritischen Prellungen und kleineren Schnitten bzw. Schürfwunden davongekommen bin und habe meine Fahrt nach Austausch der Personalien mit dem Unfallgegner gleich fortgesetzt. Nach kurzer Weiterfahrt habe ich dann aber mit Schrecken festgestellt, dass der Rahmen am Sitzrohr komplett gebrochen war. Ich konnte den Rahmen zwar mit einem Ast und Kabelbindern notdürftig stabilisieren, aber die komplette restliche Strecke mit mehr als 4000 Höhenmetern auf diese Art zu absolvieren, war ausgeschlossen.

Zu meinem großen Glück konnte ich in einer nahegelegenen Ortschaft bei einer hilfsbereiten Anwohnerin ein altes 26-Zoll-Mountainbike ausleihen. Das Rad war ohne funktionierende Federung, mit Felgenbremsen und uralten Semislicks zwar weit entfernt von einem perfekten Untersatz, aber in der Situation ein Segen! Da das Pedalsystem nicht kompatibel war, hat mir meine Retterin sogar noch ihre MTB-Schuhe ausgeliehen. Die zu kleinen Schuhe und das ungewohnte Rad haben mir auf der restlichen Strecke zwar einen blauen Zeh, eingeschlafene Füße und Downhills wie auf rohen Eiern beschert, aber das Rad hat bis ins Ziel durchgehalten, und ich werde meiner Helferin auf ewig dankbar sein!

Bei einem Sturz brach der Rahmen an seinem Carbon-Fully, ein Weiterfahren war unmöglich. Hier das geliehene Rad: Nicht das allerneueste Modell, aber Böhringers Rettung: ein 26-Zoll-Bike mit Felgenbremsen, dafür ohne funktionierende Federung aber mit uralten Reifen.


BIKE: Gab es Momente, in denen Du ans Aufgeben gedacht hast?

JB: An eine komplette Rennaufgabe eigentlich nie, aber ans Aufgeben der selbst gesteckten Ziele schon. Es ist verlockend, vom effizienten Rennmodus auf einen Tourenmodus umzustellen, der mehr Raum für Genuss lässt. Zum Beispiel, um sich auf der Terrasse einer Berghütte mit einer zünftigen Hüttenmahlzeit für den langen Anstieg zu belohnen. Oder um für eine lange Schlafpause in ein gemütliches Hotel einzuchecken, statt einen kurzen Powernap in voller Radmontur auf dem Boden einzulegen. In solchen Momenten hilft mir aber immer die Rückbesinnung auf meine Ziele, und warum ich mir diese gesteckt habe. Das Verpasste habe ich dann ganz bewusst in den Tagen nach dem Rennen nachgeholt.

BIKE: Ab wann wussten Du, dass Du gewinnen und sogar einen neuen Streckenrekord aufstellen würdest? Wie hat sich das angefühlt?

JB: Am Morgen des letzten Tages habe ich im Livetracking gesehen, dass ich einen deutlichen Vorsprung zu meinen direkten Verfolgern habe. Da ist mir klar geworden, dass die Chancen wirklich sehr groß sind, es als erster ins Ziel zu schaffen. Vorausgesetzt, es stellen sich keine größeren technischen Pannen oder körperliche Aussetzer ein. Ich hatte immer Sorge, dass ich irgendwann eine lange Ruhepause einlegen muss und Markus Hager oder Sofiane Sehili an mir vorbeiziehen würden. Zu realisieren, dass es mit dem Sieg bei so starker Konkurrenz wirklich klappen könnte, hat mich zusätzlich gepusht.


BIKE: Konntest Du nach dem Rennen den Sieg und den neuen Streckenrekord genießen oder wolltest Du nur noch ganz schnell ins Bett?

JB: Als ich kurz vor Mitternacht im Ziel an der Freddie-Mercury-Statue in Montreux angekommen bin, war ich natürlich super glücklich. Gleichzeitig ist allerdings auch die ganze Anspannung des Rennens von mir abgefallen und eine extreme Müdigkeit hat sich breitgemacht. Da war es super, dass Christine, die Frau des drittplatzierten Markus Hager, im Ziel auf mich gewartet und mich dann auch zu meinem nahe gelegenen Hotel gelotst hat. Aufgrund der Uhrzeit gab es leider weder eine Finisherpizza noch ein Eis am See und ich bin dann nach einer ausgiebigen Dusche erst einmal direkt ins Bett.

Mit den Auswirkungen des Schlafmangels war in den schmalen Trails höchste Aufmerksamkeit geboten. Das zerrte zusätzlich an den Kräften. 


BIKE: Wie lange hast Du nach dem extremen Schlafentzug anschließend geschlafen?

JB: Tatsächlich nur wenige Stunden. Der Hunger hat mich schon am frühen Morgen aus dem Bett und zum Frühstücksbuffet getrieben. Ich glaube das Hotelpersonal hat sich auch gewundert, wie eine halbe Portion wie ich das Frühstücksbuffet nach allen Regeln der Kunst plündert.


BIKE: Welche körperlichen und psychischen Auswirkungen hatte das Rennen? Wie lange hast Du gebraucht, um Dich vom Hope 1000 zu erholen?

JB: Psychisch ist ein solches Rennen eher ein Turbo für mich. Eine solch große Herausforderung anzugehen, dabei die Komfortzone zu verlassen und am Ende dann mit der Erreichung des Ziels belohnt zu werden, machen mich unheimlich glücklich und zufrieden. Der tagelange Fokus auf nichts Anderes sind trotz der körperlichen Strapazen mit einer langen Meditation zu vergleichen. Es ist ein kompletter Ausbruch aus den alltäglichen Gedanken und Verpflichtungen, der mich gestärkt und mental erholt wieder in den Alltag zurückkehren lässt.

Körperlich sieht es dagegen anders aus. Die Dauerbelastung, vor allem der Hände, führt zu tauben Fingern, die mir nach einem solchen Event noch ein paar Wochen erhalten bleiben. Die ersten Tage nach dem Rennen hatte ich wegen der dicken Beine (Wassereinlagerungen) und der Sitzbeschwerden keine große Lust wieder aufs Bike zu steigen. Erst nach fünf Tagen habe ich mich für eine kurze Runde aufs Bike gesetzt.

Themen: BikepackingMarathonSchweizUltrabiker


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