Das Everest-Experiment: 8848 Höhenmeter in einem Rutsch Das Everest-Experiment: 8848 Höhenmeter in einem Rutsch

Das Everest-Experiment: 8848 Höhenmeter in einem Rutsch

Kann man im heimischen Revier 8848 Höhenmeter fahren?

Henri Lesewitz am 26.08.2016

Vor der Haustür auf den Mount Everest: Kann man im heimischen Revier 8848 Höhenmeter fahren? In einem Rutsch? Obwohl der längste Anstieg nur 100 Höhenmeter hat? Man kann es zumindest mal versuchen.

Ich stehe mitten im Wald am Strand, und auf dem Mount Everest liegt ein Cheeseburger. Bio-Beef (medium gebraten), kross getoastete Semmelhälften, Cheddar Cheese, BBQ-Soße. Soweit die Ausgangslage.

Es ist vier Uhr morgens, ein Freitag. Die Kälte lässt meinen Körper schlottern, als würde ich auf einer Rüttelplatte stehen. Nur drei Grad über Null. Lautlos und wabernd mischt sich mein kondensierter Atem mit dem Schwarz der Nacht. Geil realistisch, denke ich. Genau so muss es für Edmund Hillary und Tenzing Norgay gewesen sein, als sie im Morgengrauen des 29. Mai 1953 zum Gipfel des Mount Everest aufbrachen. Tatendurstig und angewidert zugleich starre ich in den diffusen Lichttunnel, den meine Lenkerlampe in die Finsternis brennt. Schon irre, was für seltsame Dinge man sich einfallen lässt, um sich als knallharter, unerschrockener Abenteuer-Biker zu fühlen. 8848 Höhenmeter in einem Ritt. Vom Meeresstrand mittenrein in die Todeszone. Nur, um einen Cheeese­burger zu essen. Was für ein Wahnsinn!

Natürlich ist alles Quatsch. Der Wald, in dem ich stehe, ist nur gedanklich der Strand. Der Nullpunkt, der den Beginn der Höhenmeter-Jagd auf den Mount Everest markiert, auf dessen Gipfel auch nicht wirklich ein Cheeseburger auf mich wartet, sondern nur symbolisch. Sobald die 8848 Höhenmeter auf dem Computer-Display stehen, will ich mir die vor BBQ-Soße triefende Belohnung gönnen. In der Bulettenbude "Bandito Grill", direkt auf meinem Heimweg gelegen. Das menschliche Gehirn funktioniert ja in seiner Grundstruktur wie das von Nachbars Lumpi. Es lässt sich nur mit Leckerli aus der Reserve locken. Dass ich nicht durch den Himalaja, sondern durch mein Heimrevier kurble, verleiht der Sache zusätzlich Würze. Auf dem längsten Anstieg summieren sich gerade so 100 Höhenmeter. Was aber auch seine guten Seiten hat: Lungenembolie, Erfrierungstod, Höhenkrankheit – zumindest das wird mich nicht dahinraffen.

Das Everest-Experiment: 8848 Höhenmeter in einem Rutsch

Von sämtlichen Arten der Freizeitgestaltung ist diese hier wahrscheinlich die speziellste: einen Hügel hoch- und runterfahren, bis man schielt.

Ob der Gipfelsturm funktioniert? Keine Ahnung. Aber darum geht es ja. Einfach machen. Es gibt nichts besseres, als wenn Neugier und Irrsinn aufeinander treffen. Also in die Pedale geklickt und los.

7:19 Uhr, 69 Kilometer, 1830 Höhenmeter: Der Tremalzo-Pass ist erreicht.

Also quasi, doch irgendwie hatte ich mir den Moment aufregender vorgestellt. Wuchtiger, glamouröser. Kein Panorama. Nur halbkahle Laubbäume, durch deren Geäst sich lustlos die ersten Sonnenstrahlen des Tages quälen. Seit Stunden kreise ich im selben Planqua­drat, denn es gilt, jeden sinnlosen flachen Meter zu vermeiden. Mein Gehirn fängt bereits an zu murren. Es scheint die Veräppelung zu ahnen. Mein Kumpel "Kante" hatte mir mal verraten, dass er sich beim Rumknutschen mit seiner Freundin Corina manchmal vorstellt, in seinen Armen räkle sich die finnische Gothic-Metal-Queen Tarja Turunen in einem nietenbesetzten, fledermausschwarzen Ballkleid aus Nubukleder. In einem suburbanen, deutschen Mischwald so zu tun, als würde man dem Everest entgegenstürmen, ist so ähnlich. Aber was will man machen, wenn man nur Miniberge vor der Haustür hat, seine Beine aber mal so richtig feist mit Höhenmetern mästen will?

Fotostrecke: Das Everest-Experiment: 8848 Höhenmeter in einem Rutsch

10:18 Uhr, 110 Kilometer, 2962 Höhenmeter: die Zugspitze! Höchster Berg Deutschlands.

Was für ein elendes Höhenmeter-Gekröse. Ich habe mich für die legendäre Everst-Südroute entschieden. Khumbu-Eisbruch, Tal des Schweigens, dann die Lhotse-Flanke hoch zum Cheeseburger. Doch obwohl ich schon sechseinhalb Stunden im Sattel schwitze, ist selbst das 5364 Meter hoch gelegene Everest-Basecamp noch in weiter Ferne. Bei der Everest-Challenge der Trainings-App Strava haben Teilnehmer zwanzig Tage Zeit, um 8848 Höhenmeter zu sammeln. Bei der Aktion von everesting.cc muss man es an einem Tag durchziehen. Und zwar auf ein und demselben Weg, den man pausenlos hoch- und runterfährt. Offenbar wird die Website von Sadisten betrieben, um sich am psychischen Niedergang der Teilnehmer zu weiden. Da würde ich ja durchdrehen. Es reicht schon, wenn die Beine die Krise bekommen. Ich will fahren, wo es mir gefällt. Kreiseln, pendeln, queren. Hauptsache, auf der Anzeige des Computers tut sich was.

14:58 Uhr, 171 Kilometer, 4810 Höhenmeter: Mont Blanc, höchster Gipfel der Alpen.

Ich habe mich in einen ekstatischen Höhenmeterrausch gekurbelt. Jeder Meter Strecke ist in Fleisch und Blut übergegangen. Der kurvige, wunderbar verwilderte Trail bergab. Das zähe Schotterstück, das jedes Mal einen Laktatschwall durch meine Oberschenkel jagt. Der sich hinwindende Pfad, der zurück zur Abfahrt führt. Alles ein großer Spaß. Naturwunder Mensch! Man stopft oben eine Banane rein, und dann strampeln die Beine los. Ich weiß gar nicht, was das mit diesen E-Bikes soll. Mit ausgeknipsten Schweißdrüsen bergauf surren, um sich dann als taffer Gipfelheld zu wähnen. Biken für Heulsusen. In Kürze werde ich eine Trikot-Kollektion auf den Markt bringen mit dem Slogan "Stromkraft? Nein, danke!". Überhaupt: Alle zittern wie Espenlaub, sobald sie vor einem Anstieg stehen. Shuttle, Seilbahn, Motoren. Es geht bergab mit dem Bergauffahren. Ein schwerer Schlag für meine Beine. Sie hatten sich immer für einen wichtigen Teil der Bike-Bewegung gehalten. Hätten Edmund Hillary und Tenzing Norgay die Rolltreppe genommen?, grüble ich, während ich mit den Zähnen gierig eine Gel-Tüte auffletsche.

17:03 Uhr, 187 Kilometer, 5642 Höhenmeter: Elbrus, höchster Berg Europas.

Die Power meiner Oberschenkel ist merklich geschwunden. Ein Gefühl schleichender Entsaftung durchzieht jede Faser meines Körpers. Zudem macht der Kopf Stress. Die Psychoabteilung will nachverhandeln. Ein Cheeseburger als Gipfelprämie ist zu wenig, informieren mich die Kollegen Moral und Wille. Ich stelle einen kompletten Schlemmerabend beim Griechen in Aussicht und leide weiter – einsam und stumm.

Das Everest-Experiment: 8848 Höhenmeter in einem Rutsch

Leiden wie in Nepal, nur ohne Flugstress, Höhenkrankheit und Schneesturmgefahr: coole Sache, findet unser Reporter. 

17:28 Uhr, 194 Kilometer, 5895 Höhenmeter: Kilimandscharo, höchstes Bergmassiv Afrikas.

Dieser verdammte Anstieg. So niedlich er auch ist, er lässt keine Milde walten. Die Sonne macht sich schon langsam auf den Weg in den Feierabend. Und ich kreise immer noch im Wald herum, ohne mich der 8000-Höhenmeter-Marke nennenswert zu nähern. Der Opa, an dessen Doppelhaushälfte ich mittlerweile fast sechzig Mal vorbeigehechelt bin, schaut mir schon ganz komisch hinterher. Ohgottohgott. Bis zum Cheeseburger werde ich womöglich noch Tage unterwegs sein. Wahrscheinlich werde in eine Art Kreisel-Delirium fallen und bis zum Ende meiner Tage weiterstrampeln. Einfach weiter und weiter. Hochrunterhochrunter. Mein Körper wird sich den rauen Bedingungen im Wald anpassen und seine Energie aus Luftfeuchtigkeit gewinnen. Irgendwann wird der Doppelhaushälften-Opa die Presse informieren, woraufhin jeden Freitag ZDF-Labertasche Sandra Maria Gronewald samt Kamerameute vorbeikommt, um sich für "hallo deutschland" nach dem aktuellen Höhenmeterstand zu erkundigen. Menschen in fernen Ländern werden von dem rauschebärtigen Verrückten erzählen, der in einem Wald bei München mit dem Mountainbike im Kreis herumfährt – in den Wahnsinn getrieben von der Gier nach Cheeseburgern. So wird’s kommen.

20:50 Uhr, 223 Kilometer, 6962 Höhenmeter: Aconcagua, höchster Berg außerhalb Asiens.

Aus einer Corina wird auch mit geschlossenen Augen keine Tarja Turunen. Es ist wieder stockfinster. Die Beine fühlen sich tatsächlich so an, als hätte ich in einem ungezügelten Parforceritt das Dach der argentinischen Anden erklommen. Doch mein Kopf durchschaut den Bluff. Für ihn bin ich nur den ganzen Tag lang auf demselben Hügel herumgeeiert. Dieser verdammte Quälgeist. Aber recht hat er. Ich fahre runter, um wieder hochzufahren, nur, um sogleich wieder nach unten zu sausen. Ich trinke Wasser, um es wieder herauszuschwitzen. Ich gare im Hamsterrad des Teufels! Die Runde ist top, aber ungeeignet. Nur 400 Höhenmeter pro Stunde. Um es jetzt noch auf den Everest zu schaffen, müssten mir schon die Chicago Bulls ihre Puschel schwingenden, sexgöttinenhaften Cheerleader vorbeischicken, um mich zu den Klängen entspannungsverneinender Wummer-Beats zur 8848-Meter-Marke zu jubeln. Und selbst dann würde ich die Datumsgrenze durchstoßen. Die psychische Todeszone! Hasserfüllt starre ich auf den Höhenmesser. Wo hört Ehrgeiz auf, und wo fängt Schwachsinn an? Da fällt mir ein: Auf dem Aconcagua gibt es ja auch leckere Cheeseburger. In einer Bulettenbude namens "Bandito Grill". Ja, wirklich! So ein Zufall aber auch. Nichts wie hin. 

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Henri Lesewitz am 26.08.2016
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