Sea Otter Europe32 Zoll vor dem Durchbruch?

Adrian Kaether

 · 26.09.2026

Das KTM Scarp 32 Zoll ist noch ein Prototyp, aber schon mit den Regenbogenfarben von Marathon-Weltmeister Andi Seewald geschmückt.
Foto: Adrian Kaether
32 Zoll kommt und zwar mit Riesen-Schritten. Laufräder und Reifen gibt es längst, jetzt stehen auch massentaugliche Serienbikes von Avona und Megamo kurz bevor. Einige Rennsiege auf den großen Laufrädern tun ihr übriges um den Laufradhype anzuheizen. Eine Analyse.

Wir sind an einem Wendepunkt angekommen. 32 Zoll ist nicht mehr das Hirngespinst einzelner Tuning-Spinner sondern steht an der Schwelle zu Serienproduktion und Massentauglichkeit. Mit diversen Reifen und Laufrädern im großen Format sind die Voraussetzungen für den Marktstart jetzt geschaffen. Es wird nur noch eine Frage von wenigen Monaten sein, bis 32 Zoll auch in der Breite einschlägt. Zumindest bei hochpreisigen Bikes. - Adrian Kaether, Redakteur Test & Technik

32 Zoll ist sowas wie der DJI/Avinox der Motorlosen (hier die spannendsten Avinox-Highlights von Sea Otter). Jeder, ja wirklich jeder der auf dem Sea Otter Festival in Girona Ende September etwas auf sich hielt, stellte ein 32 Zoll Bike als Blickfang in den Eingangsbereich seiner Ausstellungsfläche - garniert mit Assoziationen über Zukunft, Speed und Rollverhalten.

Mit Erfolg. Überall sammeln sich die Menschenmassen um die Monster-Laufräder. Und auch umgekehrt. Wer das Spiel nicht mitspielte, blieb links liegen. Egal wie spannend das Rad auch sein mochte: Wenn an einem Rad ohne Motor keine großen Laufräder verbaut waren, verschwendete kaum jemand einen zweiten Blick darauf.

Unterm Radar: Pinarello, Focus, Origine und andere

Egal ob die neuen Cross-Country-Bikes von Pinarello, bei denen sogar das Original-Bike von MTB Weltmeister Tom Pidcock am Stand stand, ein neuer Aero-Renner vom französischen Hersteller Origine, ein unveröffentlichter Focus Graveller oder auch die neuen Rennräder und Gravelbikes von Ducati mit edlem Sichtcarbon im Eingangsbereich des Festivals. Keiner konnte so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wie noch der grobschlächtigste und unfertigste 32 Zoll Prototyp.

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Machen wir es uns zu leicht?

Das dürfte auch daran liegen, dass der Sensations-Wert der großen Laufräder so leicht zu erkennen ist. Im aktuellen Wettrüsten um die ersten 32er Serienbikes geraten Neuheiten, die Fachwissen und einen zweiten Blick erfordern im wahrsten Sinne des Wortes unter die Räder. Erst recht in der Reizüberflutung einer großen Bike Expo mit fast 80.000 Besuchern und 500 Ausstellern.

Ganz selbstkritisch gesprochen: Wir machen uns die Welt zu einfach. Bike-Medien genauso wie normale Besucher erkennen den USP von 32 Zoll als neu und anders und wenden keine Energie mehr auf, um vielleicht auch anderen spannenden Ideen eine Bühne zu geben. Dieses Effizienz-Denken, das man gerade auch in Bezug auf E-MTBs und Avinox beobachten kann, ist nur menschlich. Aber es führt dazu, dass wir uns kaum noch für die Räder selbst, sondern nur noch für 32 Zoll oder nicht interessieren.

Innovation vs. Umsatz um jeden Preis

Kritiker sagen: Das neue Laufradmaß ist nur ein Hirngespinst der Bike-Industrie. Gerade bei Mountainbikes ohne Motor sinken die Verkaufszahlen seit Jahren ins Bodenlose. Vielleicht auch weil entscheidende Innovationen fehlen, die sonst zu einem neuen Bike-Kauf motivieren, wie wir schon an anderer Stelle analysiert haben. 32 Zoll sei nur teurer, schwerer und bringe aufgrund der größeren Laufruhe nur neue Probleme und weniger Fahrspaß mit sich.

Viele Hersteller halten dagegen. 32 Zoll biete unbestreitbare Vorteile gerade durch mehr Grip und mehr Laufruhe, gerade am Gravelbike ohne Federung. Und: Auch das Rollverhalten soll so deutlich profitieren, das selbst mit gestiegenen Widerständen durch schlechtere Aerodynamik und größere rotierende Massen immer noch eine bessere Effizienz bleibt.

Auf deutsch gesagt: 32 Zoll ist schneller. Immer mehr Rennsiege bei großen und wichtigen Rennen sprechen dafür. Robin Gemperle gewann das Unbound Gravel als inoffizielle Gravel-WM auf einem 32 Zoll Scott Prototypen, Andi Seewald wurde MTB Marathon Weltmeister auf einem großen KTM Scarp. Auch beim UCI Gravel Rennen im Rahmen des Sea Otter Girona stand mit Leon Kaiser auf einem 32 Zoll Avona Callis ein Fahrer mit großen Laufrädern ganz oben auf dem Treppchen.

Die Zeit ist reif: 32 Zoll wird kommen

Warum sich gerade jetzt die Rennsiege häufen? Sicher auch, weil jetzt die Lücken in der Produktionskette langsam gefüllt sind. Gerade ausgereifte Reifen und Laufräder in 32 Zoll waren lange ein Problem und nähern sich jetzt mit Riesenschritten einer breiten Marktverfügbarkeit. Reifen gibt’s zum Beispiel von Maxxis und Schwalbe, auch Pirelli und Vittoria sind schon mit seriennahen Prototypen am Start. Laufräder bauen nicht mehr nur High-End Carbon-Schmieden wie BikeAhead sondern auch Marken wie DT Swiss und Newmen haben zumindest schon fahrfertige Prototypen im Programm.

Auch wenn Debatten über technische Details wie etwa der Nabenbreite anhalten: Wahrscheinlich ist, das jetzt schon alles ganz schnell geht. Schon 2027 werden 32 Zoll Bikes längst mehr als nur ein Nischen-Phänomen sein. Schlägt der Speed-Boost und die höhere Fahrsicherheit auch tatsächlich so ein, wie unser 32 Zoll Duell gezeigt hat, dürften längst nicht nur Riesen und Racer bei 32 Zoll zuschlagen.

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Adrian Kaether fährt am liebsten Mountainbikes auf rumpeligen Enduro-Strecken. Der Tech-Experte und Bike-Tester kennt sich aus mit Newtonmeter und Wattstunde, High- und Lowspeed-Dämpfung. Als Testleiter bei MYBIKE schaut Adrian auch gerne über den Tellerrand und testet Cargo-Bike und Tiefeinsteiger ebenso, wie die neuesten (E-)MTBs.  

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