Gravelbikes mit 32 Zoll. OderAngriff der Wagenräder. Ein Experiment.

Dimitri Lehner

 · 26.05.2026

„Liebling, hast du meinen Bruder geschrumpft?“ und das Bike gleich mit? Laurin mit dem 32 Zoll Chiru Veldt und Dimi auf dem Wilier Rave mit 28 Zoll.
Foto: Wolfgang Papp Foto: Wolfgang Papp
​Die Industrie stürzt sich auf 32-Zoll. Besonders bei Gravel- Bikes sollen die großen Laufräder Heilsbringer sein. Wir haben einen Selbstversuch gemacht - zwei Brüder, zwei Gravelbikes, zwei Wahrheiten.

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Das eine Rad kommt aus Italien, sieht aus wie ein Espresso auf Speed und fährt sich auch so. Das andere wirkt, als habe jemand einem Gravelbike heimlich Monstertruck-Gene implantiert. 32 Zoll statt 28. Mehr Rad geht derzeit nicht. Wir haben den Selbstversuch gemacht: Laurin auf dem futuristischen Chiru Veldt Titan-Riesenrad, Dimi auf dem rassigen Wilier – und umgekehrt! Und plötzlich fühlt sich selbst Schotter ideologisch an.

Neugier: Was ist das denn?

Dimitri: Vom 32-Zoll-Hype hatte ich natürlich längst gehört. Berufsrisiko Fahrradjournalismus. Im Frühjahr stand bei YT schon ein Enduro-Prototyp herum: vorne 32 Zoll, hinten 29. Mullet nennt man das heute. Früher hätte man gesagt: zusammengewürfelt. Kurz darauf rollte das erste 32-Zoll-Gravelbike in unseren Testkeller. Ein Chiru Veldt aus Titan. Riesige Laufräder aus Carbon von Bike Ahead Composites, riesige Reifen, riesiger Auftritt. Schon im Stand wirkt das Ding, als könne es über Kleinkinder und Bordsteine gleichermaßen hinwegwalzen.

Laurin: Ich erinnere mich noch gut an die ersten 29er-Mountainbikes. Das muss 2011 gewesen sein. Damals fand ich die großen Räder absurd. Heute wirken 26-Zöller auf mich wie Kinderfahrräder. So verschieben sich Maßstäbe. Das 32-Zoll-Bike Veldt von Chiru sieht ebenfalls erst einmal seltsam aus. Als hätte jemand einen filigranen Titanrahmen zwischen zwei Mühlsteine geklemmt. Aber genau das macht den Reiz aus. Man schaut hin. Und zwar länger als höflich wäre.

Das Vergleichsrad: Wilier Rave

Laurin: Das Wilier Rave gehört für mich zu den schönsten Gravelbikes auf dem Markt. Italiener können vieles. Espresso. Oper. Maßanzüge. Und Fahrräder. Seit 1906 baut Wilier Rennmaschinen mit Leidenschaft und leichter Überheblichkeit. Auch das Rave will nicht gemütlich am See entlangrollen. Dieses Rad verlangt Tempo. Es giert nach Attacke. Rennrad-DNA trifft Schotterlust. Trotz Race-Fokus passen Reifen bis 52 Millimeter hinein. Gegen die 2,1-Zoll-Walzen des Chiru Veldt wirken die 50-mm-Pneus trotzdem beinahe asketisch.

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Dimitri: Vermutlich ist das Wilier nicht einmal das ideale Vergleichsrad. Dafür ist es zu sehr Racer. Ein Adventure-Gravelbike wäre fairer gewesen. Aber genau das gefällt mir an diesem Duell. Das Wilier verkörpert alles, was ich an Gravel liebe: leichtfüßig, explosiv, schnell. Ein Fahrrad wie ein Gepard im Jagdmodus. Nur die breiten Reifen verraten, dass hier auch Gelände erlaubt ist.

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Blick in die Zukunft?

Laurin: Die Fahrradbranche braucht ständig etwas Neues. Erst Gravel. Jetzt 32 Zoll. Wer sich durchs Internet klickt, findet sofort Menschen, die Rollwiderstände, Trägheit, Kreiseleffekt berechnen wie NASA-Ingenieure beim Raketenstart. Mich interessiert das alles nur begrenzt. Ich glaube an den Selbstversuch. Zwei Räder. Zwei Brüder. Zwei Meinungen.

Dimitri: Eigentlich ist die Entwicklung logisch. Mountainbikes wurden größer, weil die Technik besser wurde. Rennräder waren dagegen schon immer großrädrig, weil große Laufräder effizient rollen. Nun verlassen Rennräder die Straße und verschwinden im Wald. Also beginnt die Evolution von vorn. Die spannende Frage lautet: Rollen 32-Zöller tatsächlich so souverän über Hindernisse hinweg, wie alle behaupten? Werden Wurzeln plötzlich zu Deko?

Rein in den Schotter

Laurin: Wir rollen entlang der Isar. Schotter, Kies, feine Wellen. Unter mir das 32-Zoll-Bike. Oder besser gesagt: um mich herum. Man sitzt nicht auf diesem Rad, sondern eher darin. Zunächst fährt es erstaunlich normal. Fast enttäuschend normal. Bis man merkt, wie viele Leute starren. Andere Graveller schauen verstohlen herüber, als würde ich mit einem Hochrad aus der Kaiserzeit vorbeifahren. Dimi auf seinem schönen Wilier interessiert dagegen niemanden. Das Schicksal aller stilvollen Räder: Schönheit wird erwartet. Monstrosität nicht.

Dimitri: Das Wilier auf Schotter zu fahren, fühlt sich fantastisch an. Raus aus dem Sattel – und das Ding schießt los wie ein F-18-Kampfjet auf dem Flugzeugträger. Gegen diese Spritzigkeit wirkt das 32-Zoll-Bike zunächst etwas behäbig. Physik eben. Große Laufräder haben mehr Trägheit. Doch mit zunehmendem Tempo kippt der Eindruck. Das Bike Ahead läuft stoisch geradeaus, ruhig und majestätisch. Wie ein Dampfer auf Langstrecke. In der Schifffahrt sagt man: Länge läuft. Stimmt offenbar auch beim Fahrrad. Ich fühle mich wie mein Landsmann, der Badener Karl von Drais auf seiner Laufmaschine: ein Rad vorne, ein Rad hinten, ich in der Mitte.

Rein ins Gelände

Laurin: Dann biegen wir auf die Isar-Trails ab. Wurzeln, Felsen, enge Kehren. Eigentlich Mountainbike-Terrain. Hier sollen die Riesenvorderräder glänzen. Und tatsächlich: Das Chiru Veldt walzt über Hindernisse hinweg, als hätten sie ihre Aggressivität verloren. Mehr Komfort. Mehr Traktion. Mehr Ruhe. Kurzzeitig fühle ich mich wie der Fahrer eines Monstertrucks. Erst in engen Kurven zeigt die Physik ihre zweite Seite. Die großen Räder verlangen Nachdruck. Wer nicht beherzt lenkt, verliert.

Dimitri: Was ich mit dem Wilier gerade mache, grenzt an Misshandlung. Dieses Rad gehört auf schnellen Schotter, nicht in verblockte Trails. Der Boden verteilt Schläge wie Conor McGregor im Titelkampf. Natürlich ist das 32-Zoll-Bike hier überlegen. Die dicken Reifen bügeln vieles glatt. Trotzdem bleibt die Sinnfrage: Muss ein Gravelbike wirklich alles können? Manche Menschen rudern auch über den Atlantik. Vernünftig wird es dadurch nicht.

Die Sinnfrage

Laurin: Mountainbiker diskutierten diese Frage schon vor zwanzig Jahren. Damals entstanden Fullys, weil niemand freiwillig Tritte in den Rücken wollte. Warum also sollten wir heute wieder ungefedert durchs Geröll prügeln – nur weil der Lenker jetzt gebogen ist?

Dimitri: Ich liebe Gravelbikes, weil sie Freiheit bedeuten. Waldwege statt Bundesstraße. Ruhe statt Verkehr. Aber echtes Gelände? Dafür gibt es Mountainbikes. Und das ist auch gut so.

Unser Urteil

Laurin: 32 Zoll bietet echte Vorteile: mehr Komfort, mehr Laufruhe, besseres Überrollen. Gleichzeitig steigt die Trägheit. Beschleunigen kostet Kraft, Einlenken ebenso. Große Räder verlangen nach kleineren Kettenblättern und größeren Bremsscheiben. Kein Vorteil ohne Nebenwirkung. Meine Prognose trotzdem: 32 Zoll wird kommen. Nicht unbedingt, weil wir es brauchen. Sondern weil die Industrie beschlossen hat, dass wir es brauchen.

Dimitri: Die Vorteile überraschen mich tatsächlich. Entscheidend ist allerdings das Gewicht. Schwere 32-Zoll-Laufräder wären fahrende Betonmischer. Die sündhaft teuren Carbonräder von Bike Ahead retten das Konzept. Trotzdem bleibe ich vorerst bei 28 Zoll. Und wenn in fünf Jahren alle Gravelbikes nur noch auf 32 Zoll rollen? Dann fahre ich eben auch 32. Ganz nach meiner Lebensphilosophie: Hauptsache Bewegung. Hauptsache Fahrrad.

Dimitri Lehner ist diplomierter Sportwissenschaftler. Er studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihn fasziniert fast jede Disziplin des Funsports – neben Biken ganz vorne: Windsurfen, Skifahren und Fallschirmspringen. Seine neueste Leidenschaft: das Gravelbike. Damit fuhr er kürzlich von München an die Ostsee – und fand es herrlich. Und anstrengend. Herrlich anstrengend!

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