Warum alle nur noch E-Bikes kaufenMountainbikes ohne Motor sind zu gut

Jan Timmermann

 · 20.07.2026

Warum alle nur noch E-Bikes kaufen: Mountainbikes ohne Motor sind zu gutFoto: Max Fuchs
Mountainbikes ohne Motor sind so gut wie nie. Ihnen fehlen die Verkaufsargumente. Derweil überschlagen sich E-Bike-Hersteller im Neuheiten-Strudel.
Jeden Tag überschlagen sich die News-Meldungen zu noch stärkeren, noch besseren E-MTBs. Alle wollen eins von Avinox und Co. haben. Mountainbikes ohne Motor dagegen setzten in den Shops Staub an. Warum kauft in Deutschland eigentlich niemand mehr klassische Muskel-Bikes? Vielleicht sind Mountainbikes heute einfach zu gut.

Themen in diesem Artikel

Die Zahlen lassen keinen Zweifel zu: Mountainbikes ohne Motor wollen immer weniger Deutsche kaufen. Nach Daten des Zweirad-Industrieverbandes (ZIV) wurden 2025 ganze 741.000 E-MTBs verkauft. Dem gegenüber stehen gerade mal 52.500 verkaufte Mountainbikes ohne Motor. Ungeachtet des elektronischen Rückenwinds suchen Kunden doch alle dasselbe. In Umfragen nennen Mountainbiker mit und ohne E-Antrieb stets gleiche Motive: Naturerlebnis und Stressabbau, Spaß und Abenteuer, Fitness und Gesundheit. Wie kann es da sein, dass sich aus 15 Menschen nur ein einziger für ein Bike ohne Motor entscheidet?

​Fazit

Beruflich fasziniert mich die galoppierende Entwicklung bei E-MTBs. In meiner Freizeit bin ich aber ausschließlich ohne Motor unterwegs. Biker dürfen sich meiner Meinung nach nicht vom Vergleich zwischen einem guten Muskel-Bike und dem Neuheiten-Wahn im E-Bereich irritieren lassen. Die Branche muss sich derweil dringend etwas einfallen lassen, um das Mountainbike vom wirtschaftlichen Aussterben zu bewahren. - Jan Timmermann, BIKE-Redakteur

Der Opportunist: Fortschritt durch Elektrifizierung

Der zusätzliche Motorschub erlaubt mehr Höhenmeter in kürzerer Zeit. Gerade Freizeit ist etwas, das Menschen in Deutschland in der eigenen Wahrnehmung eigentlich immer zu wenig haben. Also Knöpfchen drücken, Turbo-Modus rein und in wenigen Minuten steht man auf dem Berg. Das ermöglicht mehr Trails, mehr Aussichtspunkte, mehr Abwechslung pro Zeiteinheit. Das E-MTB schlägt voll in die Kerbe der Steigerungslogik unserer Zeit. Hinzu kommt ein Kumulationseffekt. Besitzen bereits zwei von drei Bike-Kumpels ein Modell mit Motor, wollen die womöglich nicht auf den dritten warten. Soziologen sprechen von der modernen Ergebnis- und Erlebnis-Gesellschaft. Möglichst viel will in begrenzter Lebenszeit erlebt, dokumentiert und mit anderen geteilt werden.

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Der Kritiker: Die Menschen werden faul

Früher war alles besser! Die Beziehung zwischen E- und Bio-Bikern ist seit jeher angespannt. Ein häufiger Vorwurf mit konservativer Rhetorik: Menschen haben keine Lust mehr sich anzustrengen. Schwitzen und keuchen ist ihnen zu unangenehm. Lieber lassen sie sich vom Motor zur Almeinkehr am Gipfel schieben und knipsen dort ein Selfie, frisch wie der Morgentau. Bequemlichkeit als Turbo für den E-Bike-Boom? Vielleicht steckt in dieser These ein Quäntchen Wahrheit. Wahr ist aber auch: Niemand sollte sich quälen müssen. Das Bedürfnis nach körperlicher Anstrengung ist hochindividuell. Der anhaltende Gravelbike-Trend zeigt, dass gerade junge Menschen durchaus Freude an sportlich-flottem Radfahren ohne Motorunterstützung haben.

Der Insider: Bikes ohne Motor sind zu gut

Experten sehen in der schwindenden Marktbedeutung des klassischen Mountainbikes auch ein hausgemachtes Problem. 1981 gilt als das Geburtsjahr des Serien-Mountainbikes. Das Gelände-Fahrrad ohne Motor hatte 45 Jahre Zeit, um sich zu entwickeln. Mit den Fortschritten bei Fahrwerken und Geometrien sind moderne Mountainbikes heute besser denn je. Kräftige Bremsen, griffige Reifen und versenkbare Sattelstützen gehören heute zum Standard hochwertiger Modelle. Für die Hersteller bedeutet das auch, dass Entwicklungssprünge immer kleiner werden. Um ein bestehendes Bike noch besser zu machen, müssen viele Ressourcen investiert werden. Am Ende wurden hier ein paar Gramm weggespart und dort ein paar Winkel im Wert hinter dem Komma korrigiert. Am Ende ist es schwer ein Produkt als Must-Have zu verkaufen, das der Kunde so ähnlich bereits in der Garage stehen hat.

Den Höhepunkt der Entwicklung guter Mountainbikes sehen viele Branchen-Insider zwischen den Jahren 2020 und 2022. Ein vier bis sechs Jahre altes Bike eignet sich heute bei etwas Pflege noch hervorragend, um eine gute Zeit ohne große Kompromisse zu haben. Zufällig überschneidet sich dieser Zeitraum auch mit der weltweiten Corona-Pandemie, in der Deutsche bekanntermaßen besonders viele Fahrräder kauften. Mit anderen Worten: Deutsche Haushalte sind voll mit guten Mountainbikes. Warum in wirtschaftlich unsicheren Zeiten also ein neues kaufen? Dem Markt für Bikes ohne Motor fehlen die Verkaufsargumente. Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb Hersteller Innovationen, wie 32-Zoll-Laufräder, unbedingt an den Start bringen wollen.

Schon mal auf einem sechs Jahre alten E-MTB gesessen? Die elektrifizierte Riege der Mountainbikes hat im selben Zeitraum eine ganz andere Transformation durchlaufen. Im Gegensatz zu den Bio-Bikes sind E-Bikes über die letzten Jahre erheblich besser geworden. Mehr Drehmoment, mehr Akku-Kapazität, bessere Systemintegration: hier tut sich täglich etwas. Bike-Hersteller können mit wenig Invest große Fortschritte für ihre Produkte erreichen. Sie greifen nach den “low hanging fruits”, überarbeiten ihre E-Bikes schneller als der Kunde hinterherkommt und kurbeln so den Konsum an. Durch den Auftritt großer und nicht selten Mountainbike-fremden Tech-Firmen, wie etwa DJI, beschleunigt sich dieser Prozess zusätzlich. E-MTBs produzieren am laufenden Band Kaufanreize, während klassische Mountainbikes ausgereizt erscheinen.

Meinung: Ich würde kein E-Bike kaufen

Trotz beruflicher Expertise und Neugier gesteht BIKE-Testredakteur Jan Timmermann: Aktuell würde ich nicht auf die Idee kommen mir ein E-Mountainbike zu kaufen. Ich bin halbwegs jung und fit, komme regelmäßig zum Biken, habe eine gute Fahrtechnik-Ausbildung genossen, schwitze gerne und weiß das Handling leichter Bikes zu schätzen. Aus dieser privilegierten Position heraus möchte ich gerade kein E-Bike in meinen privaten Fuhrpark aufnehmen. Zu hoch die Preise für das aktuellste Material, zu hoch das Risiko, dass die komplexe Technik noch nicht ausentwickelt ist, Zicken macht oder in zwei Jahren überholt und nichts mehr wert ist. Welches Bike ich stattdessen kaufen würde? Vermutlich ein zwei bis drei Jahre altes Cross-Country-Fully. Hier waren die Entwicklungssprünge zuletzt am größten und auf dem Gebrauchtmarkt finden sich täglich richtig geile Schnäppchen.

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Redakteur

Jan Timmermann ist ein Mountainbiker aus echtem Schrot und Korn. Dabei deckt sein Interesse von Marathon- bis Trailbikes und von Street bis Gravel fast alles ab. Getreu dem Motto „das Leben ist zu kurz für langweilige Fahrräder“ hängt Herz des Technik-Redakteurs jedoch vor allem an Bikes mit Charisma. Nebenbei leitet Jan auch noch das Fitness-Resort unserer Radsport-Marken.

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