Focus Jam² NextCarbon-Recycling-Revolution?

Adrian Kaether

 · 04.03.2026

Im doppelten Sinne grün: Das Jam² Next sollte das erste Bike mit recycelbarem Carbon-Rahmen werden.
Foto: Adrian Kaether
(E-)Mountainbikes werden besser und besser, auch dank Carbon. Die Umwelt hat dabei kaum einer im Blick. Über ein E-Bike, das hätte zeigen können, wie es anders geht. Und das auf der Zielgeraden doch noch an der Realität gescheitert ist.

Fazit zum Test des Focus Jam2 Next

Mit dem ersten recyclingfähigen Carbon-Rahmen und den bewährten Fahreigenschaften des Erfolgsmodells Jam² zeigt das Jam² Next, wie das E-MTB der Zukunft hätte aussehen können. Nach der Insolvenz des Carbon-Herstellers Rein4ced wird das Bike leider auf ewig ein Prototyp bleiben.

Daten und Fakten zum Focus Jam2 Next

Gewicht23.62 kg
GabelFox 36 Float Factory
DämpferFox Float X Factory
SchaltungShimano XT Di2
MotorBosch Performance CX
AkkuBosch Power Tube 600
Bremse vorneShimano XT BR-M 8220

Carbon ist für Vieles bekannt. Das Verhältnis aus Gewicht und Steifigkeit ist unerreicht, die Formensprache maximal organisch. Doch Carbon hat auch ein dickes Problem: Fasern und Epoxidharz werden bei der Fertigung fest miteinander verbacken. Am Ende kann der Rahmen nur noch geshreddert, aber nicht mehr recycelt werden.

Recycling-Carbon: Die Technik

Gemeinsam mit dem belgischen Unternehmen Rein4ced will Focus nun dem Grundsatz vom Sondermüll Carbon ein Schnippchen schlagen. Die Idee ist ein ganz neues “thermoplastisches” Carbon, das sich den Gesetzen klassischer Produktion widersetzt.

Anders als bei konventionellem Carbon kann die Verbindung von Fasern und Bindemittel hier mithilfe von Hitze wieder aufgelöst werden. Die Vorteile: Nach dem Ende der Lebensdauer lässt sich das thermoplastische Carbon besser in seine Einzelteile zerlegen und wäre damit erstmals recyclingfähig.

Thermoplastisches Carbon kann maschinell verarbeitet werden. Die Platte, auf der der Rahmen liegt, wird speziell auf das gewünschte Layup hin angefertigt und muss nur noch mit Hitze in Form gepresst werden. Gut sichtbar: Der verstärkte Bereich unter dem Rahmen, der hinterher das Steuerrohr bildet.Foto: Adrian KaetherThermoplastisches Carbon kann maschinell verarbeitet werden. Die Platte, auf der der Rahmen liegt, wird speziell auf das gewünschte Layup hin angefertigt und muss nur noch mit Hitze in Form gepresst werden. Gut sichtbar: Der verstärkte Bereich unter dem Rahmen, der hinterher das Steuerrohr bildet.

Weiterer Vorteil: Statt in Mühevoller Handarbeit auf -10 Grad heruntergekühlte Matten zu einem Modell zusammenzulegen kann thermoplastisches Carbon maschinell verarbeitet werden. Focus spricht von rund acht Stunden weniger Handarbeitsaufwand pro Rahmen. Durch die maschinelle Fertigung soll außerdem die Präzision im Rahmenbau verbessert werden. Zuschnitte und überschüssiges Material können direkt dem Recycling zugeführt werden.

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Nur mit Qualitätsverlust?

Zwar verliert auch das thermoplastische Carbon beim Recycling etwas an Qualität. In weniger anspruchsvollen Anwendungen, die nicht ganz so lange Carbon-Fasern benötigen, soll das recycelte Carbon aber weiterhin klare Vorteile mit sich bringen.

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Überschüssiges Material wie Zuschnitte aus der Produktion könnten direkt in Vorbauten, Carbon-Schuhsohlen oder kleinräumigen Abstützungen innerhalb des Rahmens selbst recycelt werden. Etwa im Steuerrohrbereich. In weniger stark performance-orientierten Bikes, etwa für Trekking und City würde recyceltes Carbon ebenfalls eine gute Figur machen, so die Entwickler.

Überschüssiges Material oder auch ganze Rahmen können in Carbon-Granulat recycelt werden.Foto: Adrian KaetherÜberschüssiges Material oder auch ganze Rahmen können in Carbon-Granulat recycelt werden.

Warum ein E-MTB?

Klar ist: Mit Motor und Akku ist der ökologische Fußabdruck eines E-MTBs größer als bei einem klassischen Mountainbike. Allerdings sind E-MTBs aktuell am Markt deutlich gefragter.

Das Focus Jam² Next soll ein Leuchtturm-Projekt der Marke sein und kann diese Wirkung wahrscheinlich mit Motor besser entfalten, ohne dass man im ersten Versuch mit dem neuen Carbon gleich die filigranen Strukturen eines Rennrades oder Gravelbikes umsetzen muss.

Beim Jam² Next besteht nur der Hauptrahmen aus dem neuen, thermoplastischen Carbon und wird aus zwei Schalen zusammengesetzt. Beim Hinterbau setzt Focus auf mit grünem Strom produziertes Aluminium. Wie das genau funktioniert? Focus Report aus der Produktion gibt Einblicke.

Focus Jam² Next: Das ist das Bike

Wie der Name schon sagt ist das Jam² Next die Weiterentwicklung des Erfolgs-All-Mountains Jam² (hier im Test). Mit ihm teilt es den Federweg von 160/150 Millimetern und Laufräder in 29 Zoll. Damit deckt es von leichten Trail-Touren bis hin zu schwerem Gelände einen richtig breiten Einsatzbereich ab.

Klare Stärke des Bikes: Das unkomplizierte und intuitive Handling. Vom Einsteiger bis zum Profi hat das Bike im Test viele verschiedene Piloten glücklich gemacht. Das hohe Gewicht des Aluminium-Bikes unterbietet das Jam² Next mit Carbon-Hauptrahmen um fast 1,5 Kilogramm. Allein der Rahmen soll ein Kilo leichter sein. Edle Komponenten tun ihr übriges für das niedrigere Gewicht.

Das Jam² Next orientiert sich in Federweg und Fahreigenschaften stark am klassischen Jam², ist nur leichter dank Carbon.Foto: Adrian KaetherDas Jam² Next orientiert sich in Federweg und Fahreigenschaften stark am klassischen Jam², ist nur leichter dank Carbon.

Pleite auf den letzten Metern: Hersteller Rein4ced

Macht der recycelbare Carbon-Hauptrahmen das Focus Jam² Next jetzt gleich zum perfekten, grünen Bike? Nein. Aber Focus hat als erster Hersteller mit Carbon diesen Schritt gewagt, der das Potential umweltfreundlicher Bike-Entwicklung zeigt. Wenn denn der ökologische Fußabdruck nur konsequent in der Entwicklung mitgedacht wird.

Leider wird das Jam² Next voraussichtlich immer ein Prototyp bleiben. Kurz vor Veröffentlichung hat der Carbon-Hersteller Rein4ced Insolvenz angemeldet. Andere Hersteller, die Rein4ced ersetzen könnten, gibt es aufgrund der speziellen Carbon-Technik aktuell keine. Auch die angedachte Kleinserie von 200 Bikes wird damit wohl nie einen Verkaufsraum erreichen.

Adrian Kaether fährt am liebsten Mountainbikes auf rumpeligen Enduro-Strecken. Der Tech-Experte und Bike-Tester kennt sich aus mit Newtonmeter und Wattstunde, High- und Lowspeed-Dämpfung. Als Testleiter bei MYBIKE schaut Adrian auch gerne über den Tellerrand und testet Cargo-Bike und Tiefeinsteiger ebenso, wie die neuesten (E-)MTBs.  

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