Discounter-Bike: Fischer EM 1862.1 im harten Renneinsatz Discounter-Bike: Fischer EM 1862.1 im harten Renneinsatz Discounter-Bike: Fischer EM 1862.1 im harten Renneinsatz

Test 2022: Fischer EM 1862.1

Discounter-Bike: Fischer EM 1862.1 im harten Renneinsatz

  • Max Fuchs
 • Publiziert vor 4 Monaten

Eine ausgefallene Form der Selbstbestrafung, oder ein aufschlussreiches Experiment? Wie gut und geländetauglich ist ein Billig-E-MTB vom Discounter?

„Willst Du Dich etwa umbringen?“ Fotograf Thomas Weschta schaut mit entgleister Miene an mir herab. Er hat Recht. Von außen betrachtet könnte man wirklich meinen, ich wolle mich mutwillig in Lebensgefahr begeben: spindeldürre Federgabel, günstigste Antriebskomponenten, windiger Seitenständer – dieses Discounter-Bike soll mich unversehrt durch die schroffe Gebirgslandschaft des Gardasees geleiten? Im Rennmodus? Ich nehme Thomas’ Bemerkung mit Humor. Immerhin war ich der Erste, der „hier“ geschrien hat, als es in der Redaktionskonferenz darum ging, einen Freiwilligen für diese Aktion zu finden.

Meine Mission: Ich soll der Geländetauglichkeit eines E-MTB-Fullys der absolut günstigsten Preisliga auf den Zahn fühlen. Die Frage: Bringt das Billig-Bike vom Discounter am Ende doch mehr Fahrspaß, als wir ihm zutrauen? Unser Proband hört auf den Namen Fischer EM 1862.1, verfügt über dürftige 100 Millimeter Federweg an Heck und Front und rollt auf 27,5-Zoll-Laufrädern. Dazu noch ein Bafang-Motor, den man sonst nur an City- oder Trekking-Bikes findet, ein externer 560-Wattstunden-Akku im Dinosaurier-Style und die einfachsten Shimano-Komponenten. Mehr wird man derzeit für einen Neupreis von 2449 Euro im E-MTB-Markt nicht finden. Teleskopstütze oder 12fach-Schaltung? Fehlanzeige. Klingel und Ständer sind dafür inklusive.

Thomas Weschta Fischer EM 1862.1: Motor Bafang Max Drive | Akku 560 Wh | Laufradgröße 27,5" | Federweg 100 mm | Preis ab 2449 Euro

Fest steht auch: Mit unserer standardisierten Testprozedur würden wir bei diesem Experiment scheitern. Denn normalerweise schneidern wir unsere Teststrecken dem Einsatzbereich der Bikes auf den Leib. Würden wir das Fischer jedoch gemäß seiner Bestimmung auf befestigten Waldwegen fahren, wäre die Suche nach Fahrspaß und Grenzbereich vergebens. Deswegen musste etwas Anspruchsvolleres her. Unsere Wahl fiel auf die Bosch E-MTB-Challenge beim BIKE-Festival in Riva . Hochprozentige Anstiege, von Geröll übersäte Abfahrten und das Ganze im Renntempo – keine Frage: Hier kommt das Material an seine Grenzen. Der Mensch auch?

Test 2022: Fischer EM 1862.1

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Zurück in Riva stehe ich unter dem Startbogen. Der Transponder ist montiert, das Kartenmaterial im Rucksack verstaut. Da ruft der Sprecher auch schon meine Startnummer auf und schickt mich auf die Transferstrecke zur ersten Stage. „Na toll, das fängt ja gut an“, maule ich vor mich hin. Die erste Stage ist noch nicht erreicht, da liegen bei mir schon die Nerven blank: Jede noch so kleine Unebenheit meint der Hinterbau mit einem jämmerlichen Quietschen kommentieren zu müssen. „Hätte ich der Karre neben gröberen Reifen mal besser auch ein paar Tropfen Öl spendiert“, tadle ich mich selbst. Aber immerhin stimmt die Sitzposition. Schön aufrecht und dank 60er-Vorbau auch mit genug Druck auf dem Vorderrad strample ich entspannt die 300 Höhenmeter der ersten Stage entgegen. Am Start angekommen, staune ich nicht schlecht. Hätte ich besser mal einen Blick in die Karte geworfen – dann hätte ich gewusst, dass die bevorstehende Stage einen nicht unerheblich hohen Uphill-Anteil für mich und das Fischer bereithält. Hätte, hätte, Fahrradkette. Jetzt muss ich mir gut überlegen, auf welche Sattelhöhe ich mich festlege. Auf das Rauf und Runter per Knopfdruck muss ich heute mangels Teleskopstütze verzichten. Ich entscheide mich für die goldene Mitte.

Mit bebendem Puls und triefenden Handflächen warte ich auf meinen Start. In 30-Sekunden-Abständen schickt uns der Streckenposten auf den Kurs. Die Wertungsprüfungen werden im Blindflug ohne Training absolviert. Ehe ich mich versehe, bin ich an der Reihe. Unmittelbar vor mir bäumt sich eine mächtige Geröllrampe auf. Ich will noch schnell meine Schoner zurechtzupfen, da gibt mir der Kommissär schon das Start­signal. Unter tobendem Surren schiebt mich der 80 Nm starke Motor in den Anstieg hinein. Doch was ist das? Der Teufel scheint in den Hobel gefahren zu sein. Wie von Geisterhand verweigert mir der Motor seine Unterstützung, sobald ich den Schalthebel betätige. Dieser Mechanismus ist gewollt und soll die Schaltung langfristig schonen, erfahre ich im Nachhinein. Mich dagegen lässt der Technik-Gag im eigenen Schweiß baden. Bei jedem Schaltvorgang will das 24,5 Kilo schwere Fischer mit reiner Muskelkraft in Schwung gehalten werden. Aber auch die stramme Übersetzung (11–42) mit großem 38er-Kettenblatt stellt rigorose Anforderungen an die Beinmuskulatur. Technische Schlüsselstellen, die man sonst im Schlaf hinaufschaukelt, verwandeln sich so in Schiebepassagen.

Thomas Weschta Zwischen rumpeligen Trails und steilsten Anstiegen sorgte hin und wieder ein idyllischer Blick auf den Gardasee für Abwechslung.

Angefressen rolle ich durch die Zeitnahme. So hatte ich mir die erste Stage meiner E-Racing-Karriere nicht vorgestellt. Auch wenn sich das

E-Fully um 2500 Euro in Sachen Handling, Traktion und Steigfähigkeit ganz passabel schlägt, raubt die Motorcharakteristik dem Bike bergauf die gesamte Geländetauglichkeit. Die nächsten Stages stellen bis auf kurze Gegenanstiege ausschließlich die Downhill-Qualitäten meines Gefährten auf die Probe. Und genau an dieser Stelle muss man unserem Versuchskaninchen ein Lob aussprechen: egal, ob kleinere Drops, Spitzkehren oder wildes Highspeed-Geknatter – das Fischer überstand diese Herausforderungen bis auf einen Platten ohne Schaden.

Thomas Weschta Als Motor kommt beim Fischer-E-Bike ein Bafang Max Drive zum Einsatz.

Ganz im Gegensatz zu mir. Jeden Schlag, den die mickrige Gabel vom unerbittlichen Gardasee-Geröll empfängt, scheint sie fast ungedämpft an meine Handgelenke weiterzuleiten. Vom hysterischen Gehüpfe des Hinterbaus ganz zu schweigen. Die wilde Eigendynamik des Fischer nimmt meine gesamte Konzentration in Anspruch. Die Angst vor dem Einschlag im scharfkantigen Schotter hängt mir ständig im Nacken. Ein Gefühl, das sich durch die schwache Bremsanlage nur noch verstärkt. Selbst, wenn man aus den Stoppern mit zwei Fingern die nötige Bremskraft herauswürgen will, nuckeln die Beläge nur zahnlos an den unterdimensionierten Bremsscheiben.

Es ist später Nachmittag, als ich komplett durchgeschüttelt das Ziel der E-MTB-Challenge erreiche. Ich schmeiße mich auf eine Wiese am See, strecke Beine und Arme von mir. Alles schmerzt. Die Schultern. Die Handgelenke. Die Oberschenkel. „Und“, fragt Fotograf Thomas Weschta, „alles glücklich überstanden?“ Ich überlege: „Eher nur überstanden.“

Thomas Weschta Der externe 560-Wattstunden-Akku sieht nach Dinosaurier-Style aus.

Test-Fazit zum Discounter-E-MTB von Fischer (Max Fuchs, EMTB-Volontär)

Logischerweise kann das Fischer in extremen Fahrsituationen oder gar im Renneinsatz keinesfalls mit ausgereiften E-Fullys mithalten. Wer allerdings einen günstigen Begleiter für gelegentliche Ausflüge in zahmes Gelände sucht, liegt mit einem Bike wie dem Fischer nicht falsch. Allerdings muss man sich dann mit sehr eingeschränktem Komfort und Fahrspaß begnügen. Denn dem Bike fehlt es an bissigen Bremsen, ordentlichen Federelementen, griffigen Reifen und einer Teleskopstütze. Der größte Spaßverderber am Fischer ist der Motor, der seine Arbeit bei Gangwechseln unter Last einstellt – das macht technische Uphills zum schweißtreibenden Kraftakt.

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