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Als der erste Irakkrieg begann, eroberte plötzlich ein Muster die Fußgängerzonen: Flecktarn.
Kurz: Camo.
Camo-Mützen, Camo-Hosen, Camo-Jacken. Schüler, Lehrer, Banker und Rentner liefen herum, als würden sie gleich zur Musterung antreten.
Zufall? Wohl kaum.
Mode ist ein empfindlicher Seismograf der Gesellschaft. Sie greift Stimmungen auf, Ängste, Sehnsüchte und Heldenbilder. Vielleicht war Tarnung damals ein Zeichen von Solidarität mit den „Guten“. Die Welt schien einfach: Hier die westliche Welt, dort Saddam Hussein, der Diktator mit seinen Giftgasverbrechen, seiner Killer-Garde und – wie man damals glaubte – Massenvernichtungswaffen.
Heute wissen wir: Die Geschichte war komplizierter.
Die Welt ist nicht einfacher geworden. Im Gegenteil.
Wir leben zwischen Fake News, Halbwahrheiten und Dauer-Alarm. Jeder Konflikt wird gleichzeitig auf dem Schlachtfeld und im Internet geführt. Die Guten sind nicht immer nur gut. Die Bösen nicht immer nur böse. Jeder hat seine Wahrheit. Und wir sitzen davor, scrollen, lesen, zweifeln.
Kommt der nächste Krieg nach Europa? Kommt der Russe wieder? Hatte die Großmutter am Ende doch recht, als sie im Keller Einmachgläser hortete, falls es wieder losgeht?
Keine Ahnung.
Und genau deshalb wirkt Tarnkleidung plötzlich anders.
Vor mir liegt eine neue Troy-Lee-Designs-Kombi: Skyline Pro Camo. Sie passt perfekt zu meinem Specialized Stumpjumper Evo. Sie sieht verdammt gut aus.
Leider.
Denn genau da beginnt das Problem. Das Muster schreit Abenteuer, Wald, Wildnis, Action. Es passt perfekt zum Mountainbike. Schließlich fahren wir durch Unterholz, über Wurzeln und Felsen. Ein bisschen wie ein Kommandotrupp – nur mit deutlich besserer Federung und deutlich mehr Flow. Aber während ich meine Knieprotektoren hochschiebe, denke ich an die echten Soldaten, die in der Ukraine gerade sterben – auf beiden Seiten.
Also: Darf man Camo tragen? Was meint ihr?
Ich sage: Natürlich darf man. Eine Tarnhose macht niemanden zum Krieger. Genau wie ein Fußballtrikot niemanden zum Weltmeister macht.
Aber Symbole verändern ihre Bedeutung. Ein Totenkopf bedeutet in Friedenszeiten etwas anderes als auf dem Schlachtfeld am Kragenspiegel. Und Tarnmuster wirken anders, wenn der Krieg nicht mehr nur eine Nachricht aus einem fernen Land ist.
Vielleicht sollte ich meine Troy-Lee-Kombi deshalb einfach anders nennen.
Keine Tarnflecken.
Kuhflecken. Und mal ehrlich: Sie sehen ein bisschen so aus.
Und wenn mich jemand darauf anspricht, werde ich mit ernster Miene sagen:
„Natürlich. Das ist die neue Alpenkuh-Edition.“
Muuuuh.
Und ab auf den Trail.
Shirt: Troy Lee Designs Skyline Pro LS Jersey Flow Camo Pumice
Preis: 85 Euro in Langarm, 75 Euro in Kurzarm
Gibt es auch in einem dunkleren Camo, genannt Carbon
Hose: TLD Skyline Pro Pant Flow Camo in 4way Stretch. Mit Laserlöchern zur Belüftung, drei Zip-Taschen und leicht zu bedienenden Ratschenverschluss. Preis: 160 Euro >> hier erhältlich
Unregelmäßige Flecken statt klarer Konturen: Das Tarnmuster revolutionierte die Kriegsführung. Entwickelt wurde es ab 1935 – von einem Münchener Professor.
Johann Georg Otto Schick hieß der Mann. Professor, Direktor der SS-Abteilung „Tarnung". Sein Auftrag: ein Muster entwickeln, das Soldaten im Wald verschwinden lässt. Das Prinzip: Farbige Flecken auf Grundton. Die Umrisse verschwimmen optisch. Der Feind sieht – nichts.
Bis Dezember 1936 stand das erste Muster: „Platanen". Ingenieur Wim Brandt konstruierte parallel die Ausrüstung. Ab Mitte 1938 trugen die ersten Einheiten der Waffen-SS die neue Tarnkleidung. Weltweit eine Premiere. Das Muster bewährte sich im mitteleuropäischen Mischwald. Und setzte sich durch: Heute nutzen Armeen weltweit Flecktarn – in unzähligen Varianten, angepasst an Wüste, Dschungel, Gebirge. Eine deutsche Erfindung mit dunkler Herkunft. Und globaler Karriere.
Das Wort Camouflage kommt übrigens aus dem Französischen und bezeichnet „Tarnung“ oder „Verschleierung“. Camouflage, kurz Camo, ist heute das gängige Wort für Flecktarn und bezeichnet den Einsatz von Mustern und Farben um die visuelle Wahrnehmung zu täuschen und mit der Umgebung zu verschmelzen.

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