Die perfekte Bike-WerkstattJulia Schäfer im Schrauberhimmel

BIKE Redaktion

 · 04.01.2023

Die perfekte Bike-Werkstatt: Julia Schäfer im SchrauberhimmelFoto: Georg Grieshaber

Eine funktionell eingerichtete, eigene kleine Werkstatt potenziert den Spaß am Schrauben. Für Profi-Bikerin Julia Schäfer dient sie sogar als Rückzugsort vom Alltagsstress. Sie verrät uns ein paar gute Tipps.

Deutschland, Land der Heimwerker! Baumärkte boomen – nicht erst seit der Corona-Pandemie. Wenn’s ums Schrauben am Fahrrad geht, ist das nicht anders. Sich sein Mountainbike selbst aufzubauen, adelt den Besitzer. Selbst das Fahrgefühl scheint ein anderes zu sein. Ein erhabeneres, befriedigenderes und stolzeres, als auf
einem schnöden Bike von der Stange zu sitzen. Bisweilen scheint die innere Versenkung in das Reich der Schrauben, die Welt der Fahrwerkseinstellung und den Kosmos ergonomischer Optimierungen Zen-artige Züge anzunehmen. Schrauben als Quelle des Glücks – zumindest, wenn’s gut läuft in der Werkstatt und spontane Wutausbrüche ausbleiben, wegen ungeeigneter Werkzeuge, nicht standardkonformer Anbauteile oder Hirn- und Fingerkrämpfe verursachender Kleinarbeit.

Damit es tatsächlich flutscht beim Schrauben und der Glückshormonspiegel sich auf einem permanenten Hoch einpendelt – wie auf einem flowigen Singletrail – muss das Umfeld stimmen. - Rocky-Mountain-Team-Fahrerin Julia Schäfer.

“Was im Bikepark ein frisch geshapter Anlieger-Trail ist, ist beim Werkeln in heimischen Wänden eine aufgeräumte Werkstatt mit funktionellen Werkzeugen, die, ohne lange zu suchen, griffbereit sind.” Platz für die eigene Werkstatt ist mit etwas Phantasie in der kleinsten Bude. Mancher Biker transportiert seine Werkstatt gar im Bully oder Wohnmobil. Mehr Raum ist im Zweifel natürlich besser. Noch wichtiger aber sind die richtige Ausstattung und Ordnung. Wer ist nicht schon beim Versuch, die Bremse zu entlüften, die Schaltung einzustellen oder einen innenverlegten Schaltzug zu wechseln, schier verzweifelt, weil das entscheidende Werkzeug unauffindbar war? Oft liegen Fluch und Segen beim Selbstschrauben dichter zusammen als die Kolben einer verklemmten Scheibenbremse.

Schrauber-Sessions sind für Team-Fahrerin und Mutter Julia Schäfer ein perfektes Mittel, um nach anstrengenden Tagen zur Ruhe zu kommen. Foto: Georg Grieshaber
Schrauber-Sessions sind für Team-Fahrerin und Mutter Julia Schäfer ein perfektes Mittel, um nach anstrengenden Tagen zur Ruhe zu kommen.

Für viele Biker sind Do-It-Yourself-Reparaturen auch nicht ausschließlich Quell der Genugtuung, sondern schlichtweg wirtschaftliche Notwendigkeit. 62 Prozent aller BIKE-Leser kaufen Ersatz- und Verschleißteile im Internet. 32 Prozent lassen sich sogar ganze Bikes nach Hause schicken, die mal mehr, mal weniger Knowhow bei der Endmontage erfordern. Große Online-Shops locken zwar mit Tiefpreisen, haben aber keine helfende Hand parat, wenn es an den finalen Aufbau des Bikes geht. Ein Großteil der Biker kommt also nicht umhin, als Nebeneffekt des Schnäppchenrauschs selbst Hand anzulegen.

Damit aus dem Muss ein Vergnügen wird, gilt es, ein paar Regeln zu beachten: Herzstücke der Heimwerkstatt sind eine stabile Werkbank mit Schraubstock und im Idealfall eine Werkzeugwand, an der die wichtigsten Tools übersichtlich und jederzeit griffbereit sortiert sind. Reiniger, Schmierstoffe und Ersatzteile lassen sich im Unterschränkchen der Werkbank lagern – oder in Regalen und Boxen. Eine clevere Lösung sind Rollkontainer, die sich variabel arrangieren lassen. Spartipp: Eine gebrauchte Werkbank, zum Beispiel aus einer Firmenauflösung, kostet nur einen Bruchteil einer neuen. Ist die Arbeitsfläche ramponiert, lässt sie sich meist recht einfach durch eine neue aus dem Baumarkt ersetzen. Oder man baut sich die Werkbank ganz einfach selbst.

“Mindestens genauso wichtig wie die Werkbank ist ein stabiler Montageständer, um das Bike beim Schrauben sicher in Idealposition zu fixieren”, weiß Julia Schäfer. Platz für diese zusammenklappbaren Bike-Butler ist in jedem Kellerabteil und jeder Abstellkammer. Ideal sind freilich Räumlichkeiten mit rund sechs bis zehn Qua­dratmetern. Am besten mit Fenster, um beim Arbeiten mit Reinigern und Schmiermitteln auch mal durchlüften zu können. Wer seine Schrauber-Sessions abends oder im Keller nicht gerade bei schummrigem Kerzenlicht zelebrieren will, benötigt natürlich einen Stromanschluss. Der lohnt sich auch für elektrische Werkzeuge oder zusätzliche Scheinwerfer, die ausreichend Licht ins Dunkel der Technik bringen. In ungeheizten Kellerräumen empfiehlt sich für den Winter ein Heizlüfter oder Heizstrahler. In der Luxusvariante hat der Werkraum auch noch ein Waschbecken oder zumindest einen Wasseranschluss. Eine mobile Sound-Anlage macht die eigene Werkstatt endgültig zur Oase fürs Abschalten vom Alltag. Fast noch wichtiger: WLAN-Empfang, um Anleitungen und die neuesten Schrauber-Hacks googeln zu können. Dann steht ultimativen Schrauberstunden nichts mehr im Wege. Im Vergleich zum Termin in der Werkstatt des nächsten Bikeshops sparen Sie so nicht nur jede Menge Geld, sondern tun auch der Seele etwas Gutes.

Schluss mit Chaos in der Schrauber-Werkstatt

Ordnung sei das halbe Leben, predigen Großeltern gerne. Zumindest in der heimischen Bike-Werkstatt ist sie der Schlüssel zu erfolgreichen Schrauber-Sessions.

Kein Platz, kein System, keine Ordnung. Das Werkzeug wild über einem wackligen Schreibtisch verteilt, die Bikes zu unüberwindbaren Barrieren im Raum verkeilt. Nicht selten ist das die Realität im heimischen Bike-Keller. Um sich und sein Werkzeug zu sortieren, gibt es zwei Lösungen: Entweder geht man bei Freunden mit Putz- und Ordnungsfetisch in die Lehre und lässt sich bei der Werkstatteinrichtung assistieren. Oder man wird selbst kreativ und sieht sich nach Ordnungshilfen und -systemen um, die es zuhauf im Baumarkt gibt. Hier ein paar Anregungen:

Ausrangiertes Mobiliar aus dem Büro oder Kinderzimmer lässt sich prima zweitverwerten. Mit einer verstärkten Platte sind Schreibtische schnell zur Werkbank umfunktioniert. Bei Platzmangel sind Klapplösungen, wie die Pedro’s Workbench, eine Alternative.

Span- oder Sperrholzplatten sind günstig und funktionell – perfekt für eine Werkzeugwand. Einfach passende Nägel zum Aufhängen der Tools einschlagen. Im Gegensatz zum Werkzeugkoffer hat man die wichtigsten Werkzeuge so schnell zur Hand, ganz ohne zu kramen.

Haken dran – so lassen sich die Bikes platzsparend an der Wand befestigen.

Große Kunststoffboxen sind nicht teuer und bieten eine Menge Stauraum für Schläuche, Reifen und größere Ersatzteile.

Einfache Regale sind nicht nur etwas für Leseratten. Fläschchen und Dosen mit Schmiermittel*, Ölen*, Bike-Reinigern und Co.* stehen hier stets griffbereit.

Im Eifer einer Schrauberorgie darf es schon mal wild zugehen. Doch hinterher ist Aufräumen angesagt – wie einst im Kinderzimmer. Foto: Georg Grieshaber
Im Eifer einer Schrauberorgie darf es schon mal wild zugehen. Doch hinterher ist Aufräumen angesagt – wie einst im Kinderzimmer.

Bike-Check zu Hause

  1. Bike reinigen: Schrauben am verschlammten Bike macht keinen Spaß. Gönne dem guten Stück vorher eine Dusche und eine Behandlung mit dem Putzlappen.
  2. Reifen-Check: Sind die Reifen spröde, fehlen gar Noppen im Profil – dann nichts wie runter und neue drauf. Luftdruck und Dichtmilch prüfen.
  3. Kette prüfen: Rost und Schmutz haben an der Kette nichts verloren. Die Kette mehrmals durch einen Lappen laufen lassen, etwas Öl dazu. Kettenlänge mit Verschleißlehre überprüfen.
  4. Bremstest: Reichen die Bremsbeläge noch für die nächste Tour oder das nächste Rennen? Im Zweifel lieber vorher wechseln. Packen die Bremsen trotzdem nicht richtig zu, oder haben sie keinen klaren Druckpunkt? Ab in die Werkstatt. Denn Bremsen sind hoch sicherheitsrelevante Bauteile.
  5. Schaltung einstellen: Flutschen die Gänge butterweich und präzise? Falls nicht, lässt sich mit den Stellschrauben am Schaltgriff und am Schaltwerk die Performance schnell optimieren.
  6. Schrauben locker? Lockere Schrauben können böse Folgen haben. Unbedingt checken: alle Schrauben an Lenker und Vorbau.
  7. Gabel und Dämpfer: Eine Dämpferpumpe gehört in jede Bike-Werkstatt. Mit ihr lassen sich Federgabel und Dämpfer individuell anpassen. Funktioniert die Federung trotzdem träge, hilft ein Ölwechsel oder der Service beim Profi.

Rocky Mountain Profi-Bikerin Julia Schäfer hört gerne Musik - gerade bei der Arbeit. Sie hat uns ihre Top 10-Favoriten verraten:

  1. Highway Star - Deep Purple
  2. Danger and Dread - Brown Bird
  3. Film Noir - The Gaslight Anthem
  4. Polaroid - Imagine Dragons
  5. White Rabbit - Jefferson Airplane
  6. Bohemian Rhapsody - Queen
  7. Rock & Roll Queen - The Subways
  8. Don’t forget me - Red Hot Chilli Peppers
  9. Paint it Black - Rolling Stones
  10. Gipsy - Uriah Heep

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