Josh Poertner, der ehemalige Direktor für Forschung und Entwicklung bei Zipp, entschied sich 2013 für einen Neuanfang und übernahm die italienische Marke Silca. Sein Ziel war es, in einem kleineren, dynamischen Umfeld mehr zu bewirken als in großen Konzernen.
Unter seiner Führung erweiterte Silca nicht nur das Produktportfolio erheblich, sondern brachte auch innovative Technologien auf den Markt, darunter Kettenwachse, die im Fahrradsport zunehmend an Beliebtheit gewinnen. Poertner ist ein Verfechter von High-Tech-Entwicklungen und experimentiert gerne mit neuen Ansätzen, um die Leistung von Fahrrädern zu optimieren.
Im Interview sprach Poertner mit BIKE darüber, warum das Thema Kettenwachs im Mountainbike-Segment noch immer stiefmütterlich behandelt wird, welche Missverständnisse über Kettenwachs kursieren und warum Mountainbiker viel Geld sparen können, wenn sie ihre Kette wachsen.
BIKE: Viele Mountainbiker halten Kettenwachs noch immer für ein Luxusthema für Rennradfahrer. Wo liegen sie falsch und wo könnten sie mit ihrer Skepsis gegenüber dem Wachsen tatsächlich Recht haben?
Josh Poertner: Das ist eine gute Frage. Ich denke, sie irren sich insofern, als dass viele Leute – sogar unsere Profiteams, mit denen wir zusammenarbeiten – glauben, dass Wachs bei Nässe oder Schlamm nicht funktioniert. Wenn man sich aber die Daten ansieht, insbesondere die Daten von Zero Friction Cycling (unabhängiges Testinstitut, das sich auf das Gebiet Fahrradschmiermittel spezialisiert hat, Anm. d. Red.), dann ist Wachs unter diesen Bedingungen sogar viel besser.
Warum wachsen wir dann nicht alle schon längst unsere Ketten?
Das Problem ist, ölbasierte Schmiermittel verbergen, dass sie nicht mehr funktionieren. Mit Öl hast du so etwas wie eine viskoelastische Schalldämpfung. Und so wird Schmutz und Schlamm in die Kette gerührt, aber die Kette bleibt trotzdem leise.
Beim Wachs merkt man, wenn es ein Problem gibt. Damit fährst du vielleicht 10, 12 Stunden im Regen oder im Schlamm und dann hörst du die Kette und denkst: Ah, sie ist kaputt. Doch das Wachs hätte in Wirklichkeit 30 Stunden gehalten. Bei Öl glaubt man, es hätte 30 Stunden gehalten, aber das tut es nicht.
Das Öl verursacht fast sofort Verschleiß und hohe Reibung, aber es ist trotzdem leise. Ich sage dann immer: Wenn du verheiratet bist und Kinder hast, möchtest du dann lieber wissen, dass es ein Problem gibt, oder nicht? Die Kosten für heutige Komponenten sind enorm. Sram bietet eine Kassette für 700 Euro an, da möchte ich, dass meine Kette mir sagt, wenn sie anfängt, diese Kassette abzunutzen.
Auch im Profi-Mountainbike-Sport ist das Thema noch weniger verbreitet als im Road-Bereich. Woran liegt es?
Letztes Jahr ist das Trek-Mountainbike-Team zu uns gekommen, um Schmiermittel zu kaufen, und jetzt sind wir offizieller Lieferant für sie. Auch das Orbea-Weltcup-Mountainbike-Team ist auf uns zugekommen. Es tut sich also was in diesem Bereich.
Man muss aber auch bedenken, dass es einige Marken mit sehr traditionellen Produkten gibt, die, offen gesagt, nicht so gut funktionieren, aber die im Mountainbike-Marketing sehr fest verankert sind. Und leider funktioniert Marketing einfach verdammt gut.
Denn wenn man sich die Daten ansieht, ist das Produkt einfach nicht schnell. Es hält nicht lange, es ist kein optimales Produkt. Ich würde also sagen, dass wir auf der Marketingseite weniger effektiv sind. Ich habe kein riesiges Marketingbudget. Wir geben vielleicht ein Viertel dessen, was wir für die technische Entwicklung ausgeben, für Marketing aus.
Die Kosten für heutige Komponenten sind enorm. Sram bietet eine Kassette für 700 Euro an, da möchte ich, dass meine Kette mir sagt, wenn sie anfängt, diese Kassette abzunutzen.
Gibt es deiner Meinung nach eine Mountainbike-Kategorie, in der das Wachsen der Kette nicht sinnvoll ist?
Nein, ich denke, Heißwachs ist immer noch das Beste. Tropfwachs ist die Nummer zwei. Und alles andere liegt weit abgeschlagen auf Platz drei. Nur für sehr, sehr lange Distanzen empfehlen wir unser Synergetic Lube auf Ölbasis als Ergänzung zum Wachs.
Einer unserer Kunden hat gerade ein 800-Kilometer-Gravel-Event absolviert. Und er sagte: „Aber das Wachs hat nur für 600 oder 700 Kilometer gereicht.“ Trotzdem empfehle ich dann, fahr mit Wachs, weil es den Schmutz abweist und sauber bleibt. Fahr damit, bis du es hören kannst und gib dann Öl drauf.
Das ist definitiv besser als die gesamte Strecke zu ölen, weil ab der ersten Minute Schmutz auf das Öl gelangt. Und das Öl vermischt den Schmutz mit der Kette. Das Wachs hingegen wird langsam aus dem Inneren der Kette herausgedrückt. Man könnte sagen, dass das Wachs die Kette selbst schützt.
Es ist ähnlich, als wenn man sich schneidet: Man weiß, dass es eigentlich ein bisschen bluten muss, um den Schmutz, aus der Wunde herauszudrücken. Das ist mit Wachs genauso. Der Schmutz gelangt in die Kette hinein, aber das Wachs drückt ihn wieder heraus, und so bleibt die Kette innen sehr, sehr sauber.
Warum empfiehlst du dann Öl statt Flüssigwachs?
Weil das Flüssigwachs aushärten muss. Es braucht vielleicht vier bis acht Stunden Trocknungszeit, um optimal wirken zu können. Für unterwegs ist es daher nicht so gut geeignet.
Würdest du Wachs für jede Bike-Kategorie empfehlen?
Oh ja, ich habe erst letztens dieses Bild auf Instagram von Sram gesehen. Schau dir das an (Josh zeigt ein Bild von einem völlig verdreckten Cyclocross-Rad mit strahlend sauberer Kette). Die Leute fragen uns, ob Wachs im Schlamm funktioniert. Schau dir die Kette an. Das ist verrückt, oder? Der Fahrer hat die Kette nicht einfach mal schnell gereinigt. Er ist mitten in einem Cyclocross-Rennen. Das Wachs ist so viel besser darin, den Schlamm abzuweisen, als Öl.
Das Wachs ist wie eine Warnleuchte beim Motor, die dir sagt, wenn etwas nicht stimmt, bevor der Motor kaputt geht. Man muss das Kettengeräusch als eine Funktion betrachten, die einem langfristig Geld für Ersatzteile spart.
Mountainbiken bedeutet genau das: Staub und Schlamm. Viele denken, wenn es schlammig ist, wenn es nass ist, funktioniert das Wachs nicht wirklich. Was ist das größte Missverständnis über Kettenwachs unter diesen harten Bedingungen?
Ich denke, ein Missverständnis, das wir immer wieder hören, ist, dass Wasser das Wachs abwäscht. Man kann eine gewachste Kette in Wasser legen und schütteln, und es passiert nichts, genauso wie wenn man eine Kerze in Wasser legt, da passiert auch nichts.
Wasser wäscht Wachs nicht ab. Was passiert ist, dass Schmutz und Staub im Wasser das Wachs mit der Zeit abnutzen. Das große Missverständnis ist, dass das bei einem Schmiermittel auf Ölbasis oder einem Trockenschmiermittel nicht passiert.
Wenn wir uns die Reibungswerte der Tests von Zero Friction Cycling ansehen, sind wir mit Silca Hotmelt nach 6000 Kilometern mit Sand und Regen bei einem Verschleißwert von 0,27. Und dann gibt es einige dieser Trockenschmierstoffe, die sind schon nach 1000 Kilometern bei einem Wert von 0,3 – im Trockenen und ohne Schmutz wohlgemerkt. Die haben mehr Verschleiß im sauberen Zustand als wir bei 6000 Kilometern im Schlamm hatten! Das ist verrückt, oder?
Viele Mountainbiker akzeptieren hohen Verschleiß fast als ein Naturgesetz. Wie viel davon ist lässt sich wirklich nicht vermeiden und wie viel ist einfach schlechte Schmierung?
Oh, ich denke, es ist absolut vermeidbar. Ich würde sagen, in einer perfekten Welt, wenn man seine Kette vor jeder Fahrt mit heißem Wachs behandeln könnte, hätte man null Verschleiß. Man hätte überhaupt keinen Verschleiß.
Klar, das ist für die meisten Leute etwas zu optimistisch. Ich selber fahre mit einem E-Bike zur Arbeit, einem 500-Watt-Canyon-Bosch-E-Bike, jeden Tag, egal ob Regen, Schnee oder sonstiges Wetter. Inzwischen habe ich etwa 5000 Kilometer drauf, und der Antrieb ist perfekt, die Kette hat keinen Verschleiß.
In einer perfekten Welt, wenn man seine Kette vor jeder Fahrt mit heißem Wachs behandeln könnte, hätte man null Verschleiß.
Wir verwenden bei unserer Schmierstofftechnologie Wolframdisulfid als Zusatz, das sich in das Metall der Kette einbettet. Wir nennen dieses Phänomen „Layering Up”. Wolfram ist viel, viel härter als Stahl und viel gleitfähiger als Teflon. Es verändert die Oberfläche des Metalls so, dass sie viel härter und zugleich viel glatter ist. Und sie ist dadurch viel verschleißfester. Wir sprechen hier von einer vier- bis fünfmal höheren Verschleißrate als bei Stahl und einer wesentlich besseren als bei Aluminium.
Stell dir vor, du kaufst eine Packung Eier. Die Wolframkugeln sind wie die Eier: Sie füllen die kleinen Hohlräume im Metall aus, wie die Eier die Lücken in der Packung. Dadurch hast du eine viel bessere Oberfläche. Der Vorteil der sehr fortschrittlichen, modernen Wachse besteht darin, dass Sie eben auch die Oberfläche der Kette verändern.
Sogar Kerzenwachs, also einfaches Paraffin ist immer noch besser als die meisten Nassschmierstoffe. Das ist wirklich interessant.
Wenn man sich den Antrieb über, sagen wir, zwei Jahre ansieht, wie verändert Kettenwachs realistisch gesehen die Kostenrechnung?
Eine Sram-Kette kostet heute 200 Euro. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber jetzt haben wir eine Kette, die 200 Euro kostet, und eine Kassette für 700 Euro. Das ist absolut verrückt. Tausend Euro für eine T-Typ-Schaltung. Und ich denke, im Vergleich dazu kann man mit ein wenig Zeit und Mühe mit Wachs eine Menge Geld sparen.
Zero Friction Cycling hat einen Kostenrechner auf der Grundlage eines 500-Dollar-Antriebsstrangs erstellt. Die gehen also von 500 Dollar für die Kette, die Kassette und das Kettenblatt aus, zuzüglich der Kosten für das Schmiermittel. Unser Wachs ist nicht billig, aber es kostet nur 95 Dollar pro 5000 Kilometer. Bei einem Schmiermittel wie Squirt liegt man bei 600 Dollar pro 5000 Kilometer. Man spart also 10 Dollar beim Schmiermittel, gibt aber 500 Dollar mehr aus für Ersatzteile.
Moderne Antriebe wie Sram Transmission oder Shimano XTR haben extrem geringe Toleranzen. Ist das ein Argument für oder gegen Kettenwachs?
Es ist absolut ein Argument dafür. Ich denke, es ist eine Kombination aus mehreren Faktoren. Eines der Dinge, die den Leuten auffallen, wenn sie Kettenwachs verwenden, ist das Schaltverhalten der Kette. Je enger die Toleranz oder je enger der Abstand der Ritzel, desto schneller reagiert die Kette. Eine neue Kette fühlt sich an, als würde sie ohne jede Verzögerung schalten. Weil Wachs die Toleranzen zwischen Kette und Ritzeln ausfüllt, bekommt man jedes Mal, wenn man die Kette neu wachst, dieses schöne Gefühl, das Schalten geht so schnell und geschmeidig. Viele unserer Kunden, und vor allem die Profi-Fahrer, sind fast ein wenig süchtig danach. Sie sagen: „Ich kann es spüren.“
Zusätzlich verhinderst du auch den Verschleiß, weil das Wachs in die Seitenplatten eindringt. Genauso wie sich die Kettenlänge nicht verändert, verändert sich auch das seitliche Spiel nicht. Und das hält Tausende und Abertausende von Kilometern.
Warum hat sich das Kettenwachs dann bisher im Gelände noch nicht durchgesetzt?
Mit Kettenwachs ist es wie mit den Carbonrädern. Es hat Jahre gedauert. Wir haben versucht, den Leuten Carbonräder zu verkaufen, und niemand wollte sie. Sie sehen blöd aus, sie funktionieren nicht, die Profis fahren sie nicht. Wir haben Jahre damit verbracht. Aber dann haben wir jemanden gefunden, der sie ausprobiert hat, und der kam mit einem breiten Lächeln zurück. Wenn man sich die Daten angesehen hat, wow, das war unglaublich. Und heute sieht man das Ergebnis: Wer fährt denn heute noch keine Carbonräder? Niemand, oder? Ich habe jahrelang den Leuten gesagt: „Das ist die richtige Antwort. Das ist die Zukunft.“ Und es hat sich als richtig erwiesen.
Wir müssen also das Schmier-Verhalten dahingehend ändern, dass man das Schmiermittel nach der Fahrt aufträgt. Auf diese Weise hat es über Nacht Zeit zum Trocknen und ist für die nächste Fahrt bereit.
Kettenwachs ist wahrscheinlich die zäheste Technologie, die ich je gesehen habe. Aber wenn jemand einmal damit angefangen hat, gibt es kein Zurück mehr. Es ist leise, und wow, die Kette ist so sauber. Wenn man sein Fahrrad wäscht, dauert das jetzt nur noch drei Minuten, weil nicht mehr alles vollgespritzt ist.
Ich sage es nur ungern, aber COVID war für das Kettenwachs fantastisch, weil die World-Tour-Teams aufgrund der Lieferengpässe nur hundert Ketten pro Jahr bekommen haben. Während COVID haben wir sechs World-Tour-Teams gewonnen, weil die nicht genügend Ketten hatten. Also haben sie angefangen, die Ketten zu wachsen, weil sie sich dann kaum mehr abnutzen, die Fahrräder sind sauberer, die Mechaniker brauchen weniger Zeit.
Ich denke also, dass man gerade beim Mountainbike einfach diese Hürde überwinden und die Leute dafür begeistern muss. Sobald ein paar Leute in einer Region oder einem Fahrradladen damit anfangen, kommen meiner Erfahrung nach auch alle anderen dazu. Denn diese Leute hören nicht auf, darüber zu reden.
Was ist deiner Meinung nach der häufigste Fehler, den Mountainbiker machen, wenn sie auf Wachs umsteigen?
Ich würde sagen, die Kette nicht vollständig zu reinigen. Sehr oft fängt es aber bei Mountainbikes, mehr noch als bei Rennrädern oder Gravelbikes, auch mit der Verwendung einer gebrauchten Kette zusammen. Dann startet man mit einer Kette, die viel schwieriger vollständig zu reinigen ist. Bei einer fabrikneuen Kette dauert es 10 bis 15 Minuten, man spült sie einmal ab, schüttelt sie, und alles Fett ist draußen. Bei einer gebrauchten Mountainbike-Kette kann es zwei, drei, vier Spülungen dauern, bis der ganze Schmutz wirklich draußen ist.
Für optimale Ergebnisse und Zufriedenheit empfehlen wir auf jeden Fall eine neue Kette. Fangt mit dem Wachsen an, bevor die Kette jemals gefahren wurde. Wenn die Kette schon gefahren wurde, muss man sie wirklich wiederholt reinigen, bis die Flüssigkeit völlig klar und sauber ist, und dann mit dem Wachsen beginnen.
Ein weiterer Punkt ist, dass der Verschleiß der Kette sehr unlinear ist. Alle Ketten haben eine Art Beschichtung, die viel härter als der Stahl selbst ist. Es dauert zwar lange, bis diese Beschichtung abgenutzt ist, aber sobald man einmal durch ist, ist das darunter liegende Metall viel weicher und dann beschleunigt sich der Verschleiß. Wenn man die Kette schon 500 Kilometer im Gelände mit Öl oder Werksfett gefahren ist, hat man wahrscheinlich die harte Beschichtung schon durchbrochen. Wenn du also mit einer Kette startest, die vom Verschleißgrad her schon bei 0,2 ist, wird die Kette auch mit Wachs keine 10000 Kilometer halten, weil eben Metall auf Metall statt Beschichtung auf Beschichtung trifft.
Wenn jemand nach nur wenigen Fahrten sagt, meine Kette klingt trocken, ist das ein Anwendungsfehler oder ein falsches Erwartungsbild?
Es ist wahrscheinlich kein Anwendungsfehler. Das Wachs löst sich an der Außenseite der Kette zuerst ab, weil es vom Staub und Schmutz abgescheuert wird. Und das ist es, was man hört. Aber das Wachs an der Außenseite ist nicht das Schmiermittel der Kette. Es ist das Innere. Es ist diese Verbindung zwischen Nieten und Buchsen tief in der Kette. Dort findet die eigentliche Schmierung statt. An unserer Testmaschine befindet sich ein Mikrofon und normalerweise fängt die Kette irgendwo nach 10 bis 20 Stunden an Geräusche zu machen. Aber die Daten zeigen ganz klar, dass das Kettenwachs weiter wirkt. Es gibt normalerweise eine Einlaufphase von ein oder zwei Stunden, bevor das Schmiermittel wirklich zu wirken beginnt. Es gibt einen optimalen Zeitraum, in dem es wirkt, und in diesem optimalen Zeitraum beginnt man es zu hören, obwohl technisch gesehen die Effizienz noch da ist. Dein Ohr sagt: „Mmm, es wird langsam laut.“ Aber bis das Wachs anfängt, am Bolzen im Inneren der Kette zu versagen, das ist normalerweise Stunden, nachdem man angefangen hat, es zu hören.
Gibt es Unterschiede in der Handhabung von Kettenwachs und Kettenöl?
Ich würde sagen, das ist das andere wahrscheinlich größte Problem. Wir brauchen eine Verhaltensveränderung bei der Anwendung. Das Problem mit dem Flüssigwachs ist, dass es trocknen muss. Es ist also keine schnelle Lösung, bei der man es einfach aufträgt und dann losfährt. Die Leute sind das aber so gewohnt. Sie kaufen also das Tropfwachs, verhalten sich genauso wie beim Öl, aber das Wachs kann nie so aushärten, dass es funktioniert. Und dann sagen sie: „Oh, nach einer Stunde wird es laut.“ Wir müssen also das Schmier-Verhalten dahingehend ändern, dass man das Schmiermittel nach der Fahrt aufträgt. Auf diese Weise hat es über Nacht Zeit zum Trocknen und ist für die nächste Fahrt bereit. Wenn man sich dieses Verhalten angewöhnt, erzielt man viel bessere Ergebnisse.
Eine andere Sache, die meiner Meinung nach wichtig ist, dass man das Wachs auch über die Ritzel verteilt. Nach einigen Kilometern stellt man in der Regel fest, dass der Antrieb leiser und effizienter in den häufig benutzten Gängen wird. Deshalb empfehlen wir unter anderem Flüssigwachs, selbst wenn man eigentlich Heißwachs verwendet. Wenn man bei der Montage der Kette etwas Flüssigwachs darauf gibt und dann die Kassette hoch- und runterschaltet, wird die Kassette quasi beschichtet und das macht die Sache wirklich merklich leiser.
Viele Mountainbiker wollen keinen Kochtopf in der Garage haben. Wo ist Flüssigwachs eine sinnvolle Lösung und wo ist es nur ein fauler Kompromiss?
Tropfwachs ist eine großartige Lösung. Man muss es nur häufiger anwenden. Man tauscht also die Anwendungshäufigkeit gegen Benutzerfreundlichkeit ein. Unser Tropfwachs und das Heißwachs sind an sich dasselbe Produkt. Das eine ist nur in Flüssigkeit emulgiert. Aber ja, was die Effizienz, die Sauberkeit angeht, das ist alles dasselbe.
Mit dem Flüssigwachs kommt man schon zu 99 Prozent ans Ziel, wenn man aufmerksam ist und es richtig macht.
Beim Mountainbike ist das Flüssigwachs vielleicht sogar einfacher, weil man technisch gesehen sein Mountainbike nach jeder Fahrt reinigen sollte. Die Leute tun das nicht, aber technisch gesehen sollte man es wirklich nach jeder Fahrt reinigen, und wenn man das macht, dann ist das Flüssigwachs viel einfacher. Weil es gleiche chemische Zusammensetzung hat, kann man es bei Bedarf auch immer als Backup über das Heißwachs auftragen. Also ja, ich halte Tropfwachs nicht für einen Kompromiss. Man muss es einfach etwas anders anwenden. Es ist so, als ob man einen Ferrari fährt. Da muss man auch öfter das Öl wechseln, als wenn man einen Toyota hat.
Gibt es Anwendungsfälle für Mountainbiker, bei denen du sagen würdest, dass Heißwachsen übertrieben ist?
Das würde ich nicht sagen. Ich verstehe, dass es für manche Leute eine Frage der Zeit und Mühe ist, und wenn man in einer kleinen Wohnung lebt, ist es einfach ein weiteres Gerät, das herumsteht und Platz wegnimmt. Ich würde sagen, wenn ich in einer Wohnung leben würde und wenig Platz hätte, würde ich einfach Flüssigwachs verwenden. Aber wenn man Platz hat und man bereit ist, die Zeit zu investieren, ist Heißwachs wahrscheinlich die ultimative Lösung. Aber mit dem Flüssigwachs kommt man schon zu 99 Prozent ans Ziel, wenn man aufmerksam ist und es richtig macht.
Hält Flüssigwachs genauso lange wie Heißwachs?
Viele denken, dass das Flüssigwachs vielleicht nicht so lange hält wie das Heißwachs. Daher verwenden sie lieber Trockenschmierstoffe. Tatsache ist aber, die haben eine deutlich kürzere Lebensdauer. Sie zerfallen sehr früh.
Das ist eine Lüge, die die Industrie all die Jahre über Reinigungs- und Schmiermittel erzählt hat, und wegen der die Leute denken: „Oh, ich reinige meine Kette sogar, wenn ich sie schmiere.“ Ich kenne viele Leute, die immer noch Trockenschmierstoffe verwenden und das einfach bei jeder Fahrt machen. Das gleicht zwar die extrem schlechte Leistung dieser Mittel ein wenig aus, aber die Realität sieht so aus, dass die Wirkung dieser Produkte schockierend ist. Die Schmierung ist schon in der ersten Stunde völlig weg. Einer dieser Trockenschmierstoffe ist das schlechteste Schmiermittel, das wir je getestet haben. Die Einlaufzeit beträgt bei unserem Test 30 Minuten. Es steigt also 30 Minuten lang an und nach einer Stunde fällt es bereits wieder ab. Es zeigt einen totalen Zusammenbruch. Auch das Wachs zersetzt sich, aber viel langsamer.
Ich kenne viele Leute, die immer noch Trockenschmierstoffe verwenden, aber die Realität sieht so aus, dass die Wirkung dieser Produkte schockierend ist.
Kettenwachs wird oft als umweltfreundlicher beschrieben, aber stimmt das wirklich oder ist es nur weniger sichtbar als schwarzes Öl?
Die meisten Kettenwachse bestehen aus Paraffin. Tatsächlich verwenden wir eine Mischung aus Paraffin und synthetischem Wachs. Aber das von uns verwendete synthetische Wachs ist ein biologisch abbaubares Produkt. Das Thema Umwelt ist immer schwierig. Es ist insofern umweltfreundlicher, als es ein sicheres Produkt ist. Ich meine, unser Kettenwachs kann man essen.
Das Basis-Silica-Wachs könnte man essen, ohne dass es einem schadet. Der Wolframdisulfid-Zusatz ist vom Bureau of Land Management und von der FDA zugelassen, er ist unbedenklich bei zufälligem Kontakt mit Lebensmitteln, und das Schöne an diesem Produkt ist, dass es bioneutral ist, das heißt, wenn man es isst, bleibt es nicht im Körper, es schadet einem nicht, es geht einfach durch den Körper hindurch.
Kauft kein Trockenschmiermittel, denn es ist giftig. Es ist krebserregend. Es ist schrecklich für die Umwelt.
Das eigentliche Problem sind die Trockenschmierstoffe, wie White Lightning oder Muck-Off Dry. Die sind wie eine Umweltgranate. Wenn man sich ansieht, was White Lightning und Finish Line Dry sind, dann ist das PTFE und vielleicht auch PFOA, auf jeden Fall aber mehrere fluorierte, furchtbar giftige, krebserregende Chemikalien.
Typischerweise bestehen sie zu 10 bis 15 Prozent aus PFAS-Material. Und dann ist da noch der Trägerstoff, den sie brauchen, um in die Kette einzudringen. Das ist in der Regel Pentan oder Heptan, die aus Sicht der Treibhausgase etwa zehnmal schlimmer sind als CO2. Sie sind giftig, sie sind brennbar. Wenn man sich die Rückseite eines Trockenschmiermittels ansieht, findet man dort etwa 17 Warnhinweise. Nicht einatmen, nicht in Brand setzen, nicht in den Müll werfen.
Das ist ein Thema, zu dem ich mich sehr deutlich geäußert habe: Kauft kein Trockenschmiermittel, denn es ist giftig. Es ist krebserregend. Es ist schrecklich für die Umwelt. Und ich glaube, was die Leute nicht bedenken, ist: Man kauft eine Flasche Schmiermittel, man trägt es auf das Fahrrad auf, es tropft herunter, es landet in der Umwelt. Das ist ein Problem.
Aber das eigentliche Problem ist der ganze chemische Industriekomplex, der hinter diesem Produkt steht. Wenn man 100 Gramm PFAS hat, hatte man zuvor Kiloweise Vorprodukte. Und die gelangen in die Wassersysteme, das ist schrecklich. Ihr müsst nicht meine Produkte kaufen, aber kauft keine Trockenschmierstoffe.
Wenn du einem skeptischen Mountainbiker einen einzigen Ratschlag geben könntest, bevor er Kettenwachs ausprobiert, welcher wäre das?
Ich würde sagen: Wenn du es ausprobieren möchtest, aber nicht bereit bist, es zu 100 Prozent richtig zu machen, versuche es erst gar nicht. Es ist wie bei allem, was sich zu tun lohnt: Es gibt 100 Möglichkeiten, es falsch zu machen, und eine Möglichkeit, es richtig zu machen. Wenn man schon mit der Erwartung einer schlechten Erfahrung daran geht und sich nicht die Mühe macht, die Kette richtig zu entfetten, kann es eigentlich nur schiefgehen. Wenn du nicht bereit bist, eine brandneue Kette zu kaufen, um anzufangen, ist es vielleicht nichts für dich. 99 Prozent der Leute, die es zum ersten Mal ausprobieren und es richtig gemacht haben, wollen nicht mehr zurückgehen. Keiner von ihnen geht zurück.
Ich würde sagen: Wenn du es ausprobieren möchtest, aber nicht bereit bist, es zu 100 Prozent richtig zu machen, versuche es erst gar nicht.
Gibt es auch eine leichtere Option für den Einstieg ins Kette wachsen?
Eine andere Möglichkeit, um mit dem Wachsen zu beginnen wäre noch, einfach eine vorgewachste Kette zu kaufen. Wir verkaufen die, Ceramic Speed verkauft sie - es gibt ein Dutzend Unternehmen da draußen. Wenn du dir unsicher bist, beginne einfach mit einer vorgewachsten Kette. Ich denke, damit ist einem fast garantiert das beste, optimale Erlebnis sicher.