​Unten ohneSollten wir für den Radsport die Beine rasieren?

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​Unten ohne: Sollten wir für den Radsport die Beine rasieren?Foto: iStock/David Petrus Ibars
Sollten wir für den Radsport die Beine rasieren?
​Rasierte Beine gelten im Rennradsport als klares Zeichen für ambitioniertes Training und die besondere Hingabe zum Hobby. Warum glatte Waden für viele Rennradfahrer dazugehören und unrasiertes Beinwerk sogar Profis wie Primož Roglič zum Gesprächsthema macht. Ein augenzwinkernder Blick auf Körperpflege, Leistungsdenken und die ungeschriebenen Regeln der Rennrad-Szene.

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Autor: David Korsten

Es gibt zwei ziemlich verlässliche Indizien – oder Warnsignale? – dafür, dass Radfahrerinnen, besonders aber männliche Rennradfahrer, das sportliche Hobby ernst nehmen. Sogar sehr ernst. Erstes Indiz: Training nach strukturiertem Plan (mit Eskalationsoption Trainingscamp im Frühjahr auf Mallorca). Zweites Indiz: rasierte Beine. Solche sieht man außerhalb des Radsports bei Männern eher selten. Bei ihren Liebsten und im (noch) nicht dem Rennrad verfallenen Bekanntenkreis sorgt es meist für eine Mischung aus Stirnrunzeln und Belustigung, wenn plötzlich die unteren Gliedmaßen haarlos daherkommen.

Aus Sicht der Rennradfahrer ist der Wunsch nach glattem Arbeitsgerät – haptisch dem liebevoll gepflegten Rahmenmaterial nicht unähnlich – jedoch nachvollziehbar. Denn im Profipeloton sind die muskulösen Beine fast durchgängig glattrasiert. Mit unrasierten Waden wird man rasch zum Gesprächsthema in den sozialen Medien (bzw. der Rennrad-Subszene). So etwa der slowenische Radrennfahrer Primož Roglič, Sieger großer Rundfahrten, der 2023 und 2025 mit unrasierten Beinen in die Saison startete.

An Profis wie Roglič orientieren sich die Hobbysportlerinnen und -sportler – immerhin schielen sie oft auch bei den eigenen Wattwerten nach oben. Warum dann nicht auch in ästhetischen Fragen den Idolen nacheifern?

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Ästhetik: Check! Aber was ist mit dem Luftwiderstand?

Aber geht es nur um Ästhetik? Nein, sagen Befürwortende der Beinrasur, und führen die aerodynamischen Vorteile glatter Beine ins Feld. Wissenschaftliche Argumente bietet eine Untersuchung, die ein US-amerikanischer Radhersteller im Jahr 2014 durchgeführt hat und auf die seither häufig referenziert wird: Die Morgan Hill Wind Tunnel Study ergab, dass rasierte Beine tatsächlich Watt-Ersparnisse bringen. Gemessen wurde bei 45 Kilometern pro Stunde Geschwindigkeit. Entsprechender Zeitvorteil beim Triathleten Jesse Thomas: 79 Sekunden auf 40 Kilometer. Bei fünf weiteren Sportlern waren ebenfalls Verbesserungen messbar, sie sparten 50 bis 82 Sekunden im selben Setting. Ein ähnlicher Einzelversuch des kanadischen Triathleten Lionel Sanders im Jahr 2024 kam zu ähnlichen Ergebnissen.

Glatte Sache also? Nicht so schnell. Denn die „Studien“ hatten nur wenige Teilnehmende. Streng wissenschaftlich und peer-reviewt waren die Versuche also nicht. Und selbst wenn glatte Haut an den Beinen messbar mehr Speed bringt – ist das für Hobbyathletinnen und -athleten wirklich relevant? Schließlich sind sie nicht dauerhaft bei 45 km/h unterwegs. Andere Faktoren bringen deutlich mehr: angefangen bei der Sitzposition über Helmform und aerodynamische Kleidung bis hin zu Beweglichkeit, Atmung und Erholung. Und ein paar Kilo weniger auf den Hüften zeigen sich eventuell auch in Watt-pro-Kilo und Geschwindigkeitswerten. Auszuschließen ist das nicht.

Massagen sind mit glatten Beinen angenehmer

Und was sagen die Profis selbst? Eine Befragung unter britischen Athleten ergab folgendes Bild: Ihr Top-Grund für haarlose Beine waren angenehmere Massagen. Profis erhalten bis zu 25 Beinbehandlungen im Monat. Mag schon sein, dass es mit mehr Haaren auch mehr ziept. Fraglich ist aber auch hier, welche Rolle dieser Aspekt fürs Hobbypeloton spielt.

Andere Athleten geben zu: Es sei eine Art Initiationsritus in den Sport, das Signal „Du gehörst ab jetzt dazu“. Die Tradition ist lang: Fotos aus den Anfangsjahren der Tour de France im frühen 20. Jahrhundert zeigen, dass sich viele der Athleten schon damals die Beine rasierten. Und wissenschaftliche (oder zumindest so anmutende) Windkanaltests gab es damals definitiv noch nicht.

Medizinisches Argument „Wundheilung“ auf dem Prüfstand

Eines der häufigsten genannten und medizinisch anmutenden Argumente für die Beinrasur ist die angeblich bessere Wundheilung, etwa bei den häufig vorkommenden Schürfwunden (Stichwort: „Tapete ab“). Was ist dran? Nicht viel, sagt Swen Malte John, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Interdisziplinäre Dermatologische Prävention und Rehabilitation an der Universität Osnabrück. John ist selbst begeisterter Radsportler und war Team-Dermatologe des einstigen Tour-de-France-Teams Columbia-High Road, davor T-Mobile.

„Radsportspezifische Verletzungen an den Beinen lassen sich mit modernen Hydrokolloidverbänden sehr wirkungsvoll behandeln.“ Diese Verbände bestehen aus einer äußeren keim- und wasserdichten Schicht. Im Inneren des Verbands wirken Hydrokolloide – eine Gruppe von Polysacchariden und Proteinen, die bei Kontakt mit Wasser eine Art Gel bilden und die Wundheilung begünstigen. Ob die Beine rasiert oder unrasiert sind, spiele dabei kaum eine Rolle. Für die Rasurverfechter heißt das: Selbst das populärste medizinische Argument hält der Prüfung nicht stand.

Dermatologe John gibt zu bedenken: Jede Rasur verursacht Mikroläsionen, kleinste Verletzungen. Diese begünstigen, dass bakterielle Erreger wie Staphylococcus aureus in die Haut gelangen und Entzündungen verursachen können – kleinere, aber durchaus auch größere wie die Follikulitis, eine Entzündung am Haarbalg. Aus solchen Irritationen können sich Furunkel oder gar Abszesse, also Eiteransammlungen, entwickeln. Spätestens dann ist der Gang in die Fachpraxis angezeigt, sagt Mediziner Swen Malte John. Das geschehe aber meist ohnehin, Abszesse sind sehr schmerzhaft.

Nass, Waxing, Epilieren – da gibt es Auswirkungen

Unterschiede bei den Rasurmethoden gebe es durchaus, empfehlen mag der Dermatologe aber keine. Die Nassrasur sei für die Haut am schädlichsten, gefolgt vom Waxing und Epilieren. „Wer sich unbedingt rasieren möchte, sollte das wenigstens elektrisch tun.“ Balsam nach der Rasur könne zwar Linderung verschaffen, berge aber andere Risiken. Insbesondere bestehe die Gefahr, dass sich bei regelmäßiger Verwendung Kontaktallergien entwickeln. „Die Körperhaare, die wir evolutionär noch behalten haben, erfüllen Funktionen“, ergänzt John. „Sie begünstigen den Schweißtransport und können an bestimmten Stellen, etwa im Intimbereich, Reibung reduzieren und so die Entstehung von Entzündungsprozessen vermeiden helfen.“

Zu bedenken gibt John noch etwas: Wer die Körperhaare rasiert, entfernt damit auch einen – geringen natürlichen – Schutz vor UV-Strahlung. Denn wer viel im Freien ohne entsprechenden Sonnenschutz unterwegs ist, hat ein erhöhtes Hautkrebsrisiko. Sportlerinnen und Sportler sollten daher nicht nur, aber vor allem in den Sommermonaten möglichst morgens oder am späten Nachmittag im Freien trainieren. Zwischen 11 und 16 Uhr sei, so Experte John, die Hautkrebs begünstigende UV-B-Strahlung am höchsten, unabhängig von der Temperatur. „Wir haben eine Sinneswahrnehmung für die Temperatur, aber nicht für die UV-Belastung.“ Sonnencremes mit Lichtschutzfaktor 50 seien daher dringend geboten – reichlich aufgetragen, und zwar bevor es nach draußen geht – und danach mindestens alle zwei Stunden nachcremen, bei starkem Schwitzen öfter.

Was also tun? Eine Frage des Geschmacks

Sollten sich Radsportlerinnen und -radsportler nun die Beine rasieren oder nicht? Aus medizinischer Sicht: eher nicht. Aus ästhetischer, kultureller und sozialer Sicht: schon eher. Es bleibt wohl eine Frage der persönlichen Präferenz, des Fahrgefühls, des individuellen Geschmacks. Als solche sollten Hobbysportlerinnen und -sportler sie auch behandeln – im Bewusstsein darüber, dass auch die unrasierten Vereinskameraden gute Argumente für ihre Entscheidung haben.

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