Laurin Lehner
· 25.04.2026
Ich bin BIKE-Redakteur und Gelegenheits-Gravelbiker. Kürzlich baten mich die Kollegen von TOUR, als Rennrad-Model einzuspringen.
Kein Problem: Ein Tag draußen an der frischen Luft ist ohnehin besser als im Büro – also sagte ich zu. Die Tage vergingen, das Fotoshooting rückte näher. Ich wurde eingekleidet, wie es sich gehört, in fein abgestimmter Rennrad-Kleidung. TOUR-Kollege Jens gab mir letzte Instruktionen und erwähnte beiläufig: „Beine sind eh rasiert, oder?“
Nein. Natürlich nicht. Warum auch.
Dann fiel dieser Satz, der in solchen Situationen zuverlässig kommt: „Das machen wir immer so.“ Kann schon sein, dachte ich. Aber ich hatte wenig Lust auf Rasurpflicht: „Geht das nicht auch ohne?“, fragte ich Jens. Jens blieb hart. Es sei eben so, schon immer gewesen.
Also tat ich, was Kinder tun, wenn das eine Elternteil nein sagt: Ich fragte das andere. In diesem Fall Wolfgang, TOUR-Bild-Redakteur. Doch auch er blieb standhaft. Alle blieben standhaft.
Da stellte sich mir die Frage: Warum eigentlich?
Ich verstehe, das ist ein Rennradler-Ding – doch warum geht’s nicht auch ohne rasierte Beine. Schließlich leben wir in Zeiten, da geht alles: Mann und Mann, Frau und Frau, nicht Binäre, Agender oder Transgender. Frauen, die Bundesliga-Mannschaften coachen und Männer, die zu Hause das Kind betreuen, während die Frau Karriere macht. Why not! Ich finds gut.
Kürzlich las ich von Sven Liebich – ein verurteilter Rechtsextremist, der zu einer Freiheitsstrafe verdonnert wurde – im Männerknast natürlich. Da hatte Liebich offenbar keinen Bock drauf – was ich voll nachvollziehen kann. Also beantragte er einen neuen Vornamen und Geschlechterwechsel (Das kann man übrigens mehrmals machen). So zumindest wurde es in manchen Medien dargestellt. Sven heißt mittlerweile Marla-Svenja Liebich – den Schnauzer hat er behalten. Das ist kein Witz. Identität ist also offenbar verhandelbar geworden. Nur die Wade scheint noch unverhandelbar. …
Zurück zum Thema.
Warum also nicht auch Rennradfahren mit Behaarung? Mein Kumpel Jörg nennt das „die letzte Bastion der Roadies“. Das sei eben immer so gewesen und bleibe so. Wieder so ein Satz, der sich als Argument versteht, aber keins ist.
Ein anderer Rennradfreund versucht es später bei einem gemeinsamen Bier mit Logik: Rasierte Beine seien besser für Massagen, außerdem heilten Verletzungen schneller.
Ich muss auflachen. Massagen? Verletzungen? Wie oft lässt sich ein Hobby-Rennradfahrer bitte denn massieren!? Und was für Verletzungen hat er, beim auf dem Asphalt dahinkurbeln? Nee, sorry - das mag vielleicht für Mathieu van der Poel gelten, aber nicht für Klaus auf der Olympiastraße nach Starnberg.
Ich recherchiere weiter: Eine Studie von Specialized hat im Windkanal einen aerodynamischen Vorteil festgestellt – rund 70 Sekunden auf 40 Kilometer. Beeindruckend, dachte ich. Oder auch nicht, je nachdem, wie oft man im Alltag gegen die Uhr fährt.
Historisch lässt sich das Ganze bis zur Tour de France zurückverfolgen, die es seit 1903 gibt. Bereits in den 1930er-Jahren begannen erste Fahrer angeblich mit der Rasur – tatsächlich aus hygienischen und medizinischen Gründen. In den 1960ern- bis in die 1980ern setzte sie sich dann im Feld endgültig durch, heißt es.
Fun Fact: Bereits in der ägyptischen Antike, circa 10.000 v. Chr. galten haarlose Körper als Schönheitsideal und Königinnen und auch Könige enthaarten sich. Auch Kleopatra soll vollständig rasiert gewesen sein. Doch jetzt zurück zum Thema.
Mein Roadie-Kollege versucht es ein letztes Mal. „Du bist doch Mountainbiker“, sagte er.
„Ja“, sage ich.
Roadie-Kollege: „Ihr gebt hunderte Euro aus, für Klamotten wie Troy Lee Design und Co. Lästert, wenn Biker sich zu bunt anziehen, das Visier zu hoch eingestellt haben oder eine Goggle mit einem Openface-Helm kombinieren – das ist doch das gleiche in Grün! Ein Statement eben mit Zugehörigkeits-Sinn.“
Ich sage nichts mehr. Der Kollege hat einen Punkt. Ich aber auch: Mein Appell: Im Radsport muss alles erlaubt sein: Mountainbiker in Papageien-Outfits, Goggle mit Openface-Helm und pelzige Haare beim Rennradfahren.
Ich bin harmoniebedüftig - daher beuge ich mich am nächsten Tag dem Rasur-Diktat der TOUR-Kollegen – im Badezimmer, mit dem Rasierer meiner Freundin. Zack. Der erste Schnitt. Dann der zweite. Dann der dritte.
Und während ich da stehe, blutend und ein bisschen beleidigt von der eigenen Inkonsequenz, hoffte ich nun auf die angeblich bessere Wundheilung - schließlich sind die Haare jetzt weg.
Wie seht ihr das? Ich freu mich auf eure Kommentare. Gerne per Mail an: L.Lehner@bike-magazin.de - Betreff: Rasur - Pflicht unter Roadies

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