Was „Nüchterntraining" wirklich bedeutet, erklärt uns Sport-Ernährungsberaterin Katja Mangold. Nüchterntraining ist ein Schlagwort im Training. Es wird oft gleichgesetzt mit „ohne Frühstück losfahren". Aber das ist eine Vereinfachung, die in die Irre führt. Entscheidend ist hier nicht, ob der Magen leer ist, sondern wie voll die Glykogenspeicher in der Muskulatur sind.
Zur Erläuterung: Die Muskeln speichern in ihren Zellen Energie aus unserer Nahrung. Die kommt in Form von Kohlenhydraten in den Verdauungstrakt und wird als Glucose im Körper verteilt, etwa für die Aktivität der Muskulatur. In der Leber und in den Muskeln kann sie wiederum als Glykogen (so der Name für den gespeicherten Zucker) gespeichert werden.
Zur Unterscheidung:
Leberglykogen: Dieser Speicher dient als Puffer für den Blutzuckerspiegel und versorgt vor allem das Gehirn. Über Nacht leert sich dieser Speicher teilweise, um den Blutzucker stabil zu halten.
Muskelglykogen: Dieser Speicher ist exklusiv für die arbeitende Muskulatur da. Er kann nicht zurück in den Blutkreislauf abgegeben werden. Die Muskulatur kann die gespeicherte Energie bei Bedarf nutzen. Beim Nüchterntraining greift man in dieses Speichern und Freigeben ein. Echtes „Nüchterntraining“ im Sinne der Sportwissenschaft findet erst statt, wenn auch die Depots im Muskel reduziert sind.
Das Konzept dahinter heißt in der Sportwissenschaft „Train Low, Compete High" – trainiere mit niedrigen Kohlenhydratreserven, aber gehe mit vollen Speichern in den Wettkampf. Wie niedrig die Speicher am Morgen sind, hängt von mehreren Faktoren ab:
„Nüchterntraining" heißt hier also genauer: niedrige Glykogenspeicher – nicht leerer Magen.
Bei Training mit entleerten Glykogenspeichern muss der Körper auf die Fettreserven zurückgreifen, um Energie zu erzeugen und diese den Muskeln zur Verfügung zu stellen. In einer vielzitierten Studie mit gut trainierten Radsportlern stieg die Fettverbrennung in der „Low"-Gruppe signifikant an. Die Kontrollgruppe, die mit vollen Speichern trainierte, zeigte diese Anpassung nicht. Was allerdings immer wichtig ist: Die Leistungsfähigkeit und der Output – etwa in Watt – bei solchen Trainingseinheiten sinken. Das ist ebenfalls wissenschaftlich belegt. Für intensives Training ist diese Art des Energiemanagements daher nicht geeignet. Also: Hier geht es in erster Linie um einen Anpassung im Stoffwechsel bei recht niedriger Leistung. Geht es um die Leistungssteigerung, dann ist wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge der Train-Low-Ansatz sogar kontraproduktiv.
Die Theorie hinter dem Konzept: Ein Stoffwechsel, der flexibel zwischen Fett und Kohlenhydraten wechseln kann, hat bei langen Ausdauerbelastungen Vorteile. Hier werden allerdings anerkannte wissenschaftliche Fakten für eine Schlussfolgerung genutzt, die wiederum nicht bewiesen ist. Die Hypothese: Wer bei moderater Belastung mehr Fett verbrennt, spart bei den begrenzten Glykogenreserven – und kommt auf langen Touren oder in Marathons weniger schnell in den „Hungerast". Doch gerade mit Blick auf Freizeitsportler gibt es hier keine klare Evidenz. Wichtig auch: Es geht nicht um Gewichtsreduktion. Mehr Fettverbrennung im Training bedeutet nicht automatisch mehr Gewichtsverlust über 24 Stunden, da der Körper den Rest des Tages kompensiert.
Geringere Trainingsqualität: Wer mit leeren Speichern trainiert, kann weniger Leistung abrufen. Das ist bei lockeren Grundlageneinheiten kein Problem – aber wer die Intensität nicht konsequent niedrig hält, trainiert in einem Niemandsland: zu hart für Regeneration, zu schwach für einen echten Trainingsreiz. Auf dieses „sinnlose“ Training haben wir schon mehrmals hingewiesen, etwa bei der Polarisierung des Trainings.
Erhöhte Stressreaktion: Training mit niedrigen Glykogenspeichern erhöht die Cortisolausschüttung. Cortisol ist ein Stresshormon – in Maßen normal, dauerhaft zu viel ausgeschüttet problematisch. Beispielsweise droht der wichtige Erholungseffekt verlorenzugehen. Wer ohnehin viel Alltagsstress hat (und welcher berufstätige Hobbyradsportler hat das nicht?), sollte mit zusätzlichen Stressreizen vorsichtig sein.
Immunsystem: Wer häufiger mit wenig verfügbarer Energie trainiert, kann damit auch sein Immunsystem anfälliger für Infekte machen. Gelegentlicher Energiemangel ist aber nicht automatisch kritisch fürs Immunsystem.
Diesen Zusammenhang betonen Praktiker aus dem Sport besonders, er ist noch eine unterschätzte Gefahr: Frauen reagieren empfindlicher auf niedrige Energieverfügbarkeit als Männer. Die Forschung zeigt, dass bereits kurzfristige Phasen mit zu geringer Energiezufuhr bei Sportlerinnen hormonelle Kaskaden auslösen können: erhöhte Cortisolwerte, schlechtere Schilddrüsenfunktion, Störungen des Menstruationszyklus. Das bedeutet nicht, dass Frauen kein Nüchterntraining machen dürfen.
Aber:
Die Einheiten sollten noch kürzer und lockerer sein
Die Häufigkeit sollte sehr niedrig sein
Bei Zyklusunregelmäßigkeiten sofort aufhören und ärztlichen Rat einholen
Im Zweifel: lieber nach einem kohlenhydratarmen Frühstück trainieren als komplett nüchtern
Nüchterntraining ist kein Universalwerkzeug, es fehlen allgemeingültige Erkenntnisse. Es könnte sich eignen für und wird deshalb gerade genutzt für:
Es eignet sich nicht für:
Unsere Praxisberaterin Katja Mangold hat ein typisches „Train Low"-zusammengestellt:
Normale Trainingseinheit am Abend (z. B. 60–90 Minuten locker oder moderat)
Abendessen kohlenhydratreduziert: Gemüse, Fisch oder Fleisch, Salat, Hülsenfrüchte – kein Pasta, kein Reis, kein Brot
Optional – kohlenhydratarmes Frühstück (Rührei, Avocado, Quark, Nüsse). Kaffee ist erlaubt und liefert sogar einen zusätzlichen Stimulus für die Fettoxidation. Alternativ: komplett nüchtern, wenn du das verträgst
Locker! Zone 1–2, Grundlagentempo
Kurz: 45–60 Minuten reichen völlig
Trittfrequenz moderat, kein Druck, keine Anstiege im Vollgas
Danach
Zeitnah essen – innerhalb von 30 bis 60 Minuten
Jetzt bewusst Kohlenhydrate: Müsli mit Obst, Brot mit Honig, Porridge
Dazu Proteine: Joghurt, Ei, Proteinshake
Ausreichend trinken
Häufigkeit: Maximal einmal pro Woche, nicht an aufeinanderfolgenden Tagen.
Nüchterntraining ist kein Wundermittel und kein Ersatz für regelmäßiges Training mit ausreichender Energieversorgung. Kurzfristig kann es weniger Leistung bedeuten, den Blutzucker nach unten treiben. Achtung ist wegen möglicher Energie- oder Nährstoff-Unterversorgung geboten. Wer es beim lockeren Grundlagentraining einsetzt, erhofft sich davon ggf. Fortschritte – und kann es ausprobieren. Wer aber lange Touren ohne Kohlenhydrate fährt, ungeplant auf diese Energie verzichtet oder das sehr oft macht, begibt sich sogar in Gefahren.

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