MTB-Kultroute im TessinRoute 66 - die Lugano Legende

Nathalie Schneitter

 · 10.06.2026

Echtes Gipfelglück erleben Mountainbiker nicht oft. Auf der Route 66 sind es gleich drei.
Foto: Sebastian Doerk

Zwischen Luganer See und Lago Maggiore türmen sich die Tessiner Panorama-Gipfel – verbunden durch die "Route 66" für Mountainbiker. Ein dreitägiges Enduro-Abenteuer auf legendären Trails.

​Die erste Bahn auf den Monte Brè fährt erst um neun. Das hätten wir online natürlich leicht in Erfahrung bringen können. Gerade wollen wir die Wartezeit mit einem Kaffee in Lugano überbrücken, da entdeckt Regina einen weiteren wichtigen, aber kleingedruckten Hinweis auf der Homepage der historischen Standseilbahn: Die Bike-Mitnahme ist erst ab der zweiten Sektion möglich. So beginnt der erste Tag unserer Tour ganz unerwartet mit einem Warm-up. Bei wolkenlosem Himmel ist das nicht die größte Strafe. Die Frage ist nur, ob unser Akku-Management dann noch so funktioniert, wie wir es geplant haben. Denn die Route 66 durch den Schweizer Kanton Tessin ist eigentlich für vier Tage ausgelegt und wir haben uns mit dem E-MTB drei Tage vorgenommen. Es sind zwar nur 100 Höhenmeter, die wir bis zur zweiten Bahn-Sektion nach Suvigliana selbst hochkurbeln müssen, aber die Steigungsprozente haben es in sich.

Die "Route 66" steht schon länger auf unserer Bucket-List. Aber nicht das Original in den USA, wo die legendäre, erste durchgehend asphaltierte Straßenverbindung zwischen Chicago und Los Angeles den gleichen Namen trägt. Wir haben uns vielmehr das nicht asphaltierte Schweizer Pendent im Tessin vorgenommen. Eine 123 Kilometer lange Route, die bereits vor Jahren speziell für Mountainbiker als Mehrtagestour mit der Nummer 66 ausgeschildert wurde: von Lugano im großen Bogen über die Panorama-Gipfel zwischen Luganer See und Lago Maggiore bis nach Ponte Tresa. 4136 Höhenmeter sollen sich auf dem Weg über Monte Brè, Monte Bar und Monte Tamaro ansammeln. Aber auch entsprechend viele Panoramen über die berühmten Seen und in die Berner- und Walliser Alpen. Wir werden in Hütten übernachten und die schönsten, aber wohl auch sehr anspruchsvolle Trails des Tessins kennenlernen, heißt es in der Beschreibung der Tour.

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Hochalpenfeeling und mediterrane Leichtigkeit

Das macht es für uns ein bisschen spannend, denn meine Bike-Freundin Regina ist eine absolute Kanone, wenn’s bergab geht – routiniert im Bikepark, sicher auf schnellen Linien. Ich hingegen mag technische Uphills und dieses Flow-Gefühl, wenn ein verblockter Kletter-Trail plötzlich rund läuft. Auf jeden Fall aber lieben wir es beide, unbekanntes Terrain zu entdecken, und deshalb haben wir uns für den italienisch-sprachigen Teil der Schweiz entschieden. Raus aus dem Alltag, rein ins südliche Urlaubsflair. Dass wir uns auf dieser Tour fürs E-MTB entschieden haben, sollte sich noch als goldrichtig herausstellen.

Als wir vor die Bahnstation in Suvigliana rollen, reicht die Zeit gerade noch für den Ticketkauf, da zuckelt die erste Standseilbahn des Tages auch schon aus dem Tal herauf. 500 Höhenmeter wird sie uns zum Monte Brè hinauf abnehmen. Viel schneller als mit den Bikes sind wir damit zwar nicht, aber bei drei Metern pro Sekunde kann der Blick in Ruhe über den Luganer See gleiten: Silbrig funkelnd wie ein Fjord verzweigt er seine Arme gen Süden um die grünen Bergflanken herum.

Oben angekommen, empfängt uns der erste "Route 66"-Wegweiser und wir blicken damit in die erste kernige Trail-Abfahrt der Tour: Ruppig, steinig, steil – zumindest soweit wir den Pfad bis zu seiner ersten Kehre einsehen können. Insgesamt soll sich das Abenteuer in den nächsten Tagen irgendwo zwischen Hochalpen-Feeling und mediterraner Leichtigkeit entfalten, hatten wir im Vorfeld gelesen. Tatsächlich fängt die Abfahrt vom Monte Brè hinunter direkt mit einer guten Mischung an: Der erste hochalpine Trail-Schüttler mündet in einen Schotterweg, der entspannt durch einen Kastanienwald kurvt. Mittags rollen wir an einem Grotto vorbei, in dem wir uns und den Akkus die erste Ladung gönnen. Unsere goldene Regel: früh genug laden, damit wir immer mit Spaß fahren können und nirgends mit leerer Batterie stehen bleiben.

Mit 80 Prozent Akku gestärkt geht's weiter Richtung Capanna del Pairolo, wo uns schon bald wieder Kaffee und Kuchen locken. Direkt vor der Hütte steht außerdem eine Ladestation bereit – es wäre ja fahrlässig dieses Angebot nicht zu nutzen. Nur der Verlockung, hier bereits die erste Übernachtung einzulegen, widerstehen wir. Das Panorama von hier oben ist zwar grandios, die Stimmung im Haus sehr entspannt, aber wenn wir unseren Plan einhalten wollen, müssen wir noch ein paar Kilometer machen.

Der Höhentrail entlang der Grenze

Vielleicht sagt uns aber auch unser Trail-Instinkt, dass der spektakulärste Abschnitt der Etappe erst noch vor uns liegt. Auf einem recht knackigen Uphill-Trail erreichen wir einen Höhenweg. Oder besser gesagt: einen Singletrail wie aus dem Bilderbuch. Ohne seine Höhenlinie nennenswert zu verlassen, quert er den Wiesenhang schier endlos. Schade, dass das Rifugio San Lucio heute Ruhetag hat, ansonsten hätten wir hier an der schweizerisch-italienischen Grenze sicher nochmal eine Rast eingelegt. Aber wir halten trotzdem immer mal wieder an, weil die Aussicht von hier oben einfach zu grandios ist. Der Höhentrail wellt sich zwar nur leicht im Auf und Ab, überrascht aber auch mal mit engen Kurven und kurzen verblockten Stellen.

Die letzten Stunden dieses Tages fühlen sich magisch an. Das Licht wird weicher, die Stimmung goldener, der Sonnenuntergang episch. Nach rund 1800 Höhenmetern – viele davon auf Trails – kommen wir um 20 Uhr, ziemlich platt, aber glücklich in der Capanna Monte Bar an. Duschen und umziehen? Keine Zeit. Der Hüttenwirt winkt uns energisch an den Tisch: Letzter Slot fürs Abendessen, danach ist die Küche zu. Okay, duschen können wir ja später noch.

Monte Bar & Monte Tamaro

Am nächsten Morgen scheucht uns der Wecker bereits um 5:30 Uhr aus dem Bett. Der Sonnenaufgang oben am Monte Bar sei zu gut, um ihn zu verschlafen, hatte uns der Wirt gestern Abend noch empfohlen – und er hatte recht. Um acht Uhr sind wir zurück in der Hütte und sitzen bald seelig vor einem großen Honigbrot und einem starken Kaffee. Bereit für Etappe 2.

Die startet mit einer langen Traverse nach Rivera hinunter. Wieder muss man sich entscheiden: Panorama über den See bestaunen oder auf die knackige Abfahrt konzentrieren. Die 1400 Höhenmeter, die wir uns gestern noch in die Beine gedrückt haben, rasseln nun sehr spaßig durchs Fahrwerk: Erst felsig und steinig, am Ende wieder sanft und soft durch Birken- und Kastanienwälder. Soweit das Aufwärmprogramm, denn auch heute steht noch einiges an Arbeit an, denn mit dem Monte Tamaro steht ein echter Klassiker auf dem Programm. Rivera und der Monte Tamaro waren 2003 Austragungsort der MTB-Weltmeisterschaften – entsprechend bekannt ist das Gebiet bis heute in der Community. Bevor wir aber den langen Aufstieg in Angriff nehmen, stärken wir uns im Grotto al Ceneri Monte. Super Essen, herzlicher Empfang, Akkus wieder randvoll – was will man mehr? Nur den Limoncello nach dem Essen lehnen wir dankend ab. Das Likörchen passt nicht so recht zu den 1300 Höhenmetern, die sich nun vor uns stapeln.

Die Auffahrt startet mit Asphalt und wechselt bald auf Schotterweg. Doch die anfänglich sortierten Kiesel verwandeln sich bald in Schotter von der üblen Sorte: grobkantig, unberechenbar locker, ausgewaschen und das Ganze in einen heftigen Steigungsgrad drapiert. Ohne E-Anschub und viel Konzentration keine Chance. So bekommen wir gar nicht mit, dass es irgendwie dunkler geworden ist. Doch wir haben Glück: Der Weltuntergang startet, in dem Moment, als wir die sichere Capanna Monte Tamaro erreichen. Kaum haben wir die Tür hinter uns zugezogen, schüttet es draußen aus Kübeln. Drinnen ist es dafür jetzt umso gemütlicher. Der Hüttenwirt hantiert in der Küche bereits mit den lokalen Zutaten von Freunden: Den Käse liefert der Nachbar, die Wurst ist vom Jäger. Zur Begrüßung bekommen wir ein Plättli hingestellt, das warme Essen kommt später. Während es draußen blitzt und donnert, haben wir noch Zeit für eine Dusche, danach spielen wir Karten.

Trotz Hochsaison ist es erstaunlich ruhig. Fast nur Frauen heute. Manche sind mit der Gondel auf den Monte Tamaro gekommen. Das hätten wir natürlich auch machen können, aber dann hätte womöglich das Essen nicht so gut geschmeckt.

Von der Föhre bis zum Palmenufer

Der letzte Tag beginnt mit einem Knall: Der Trail-Einstieg direkt ab der Hütte ist hochalpin, exponiert, technisch anspruchsvoll. Dazu hängen noch einige Wolken in den Felsen, die das Ganze sehr mystisch untermalen. Fahrfehler darf man sich hier keine erlauben. Ein paar flowige Kehren als Aufwärmprogramm wären jetzt gut, aber: Fehlanzeige. Etwas ungelenk stolpern wir in die ersten stufigen Herausforderungen und wechseln bald von der Nord- in die Südflanke des langen Bergrückens und der Trail nimmt Fahrt auf. Erst klackern wieder Felsen und Geröll unter den Reifen, im lichten Föhrenwald greifen erste Wurzeln über den Weg. Dann tauchen wieder Kastanien auf, Buchen – und am Ende sogar Palmen! Diese Trailabfahrt ist wahrlich eine Reise durch sämtliche Klimazonen der Schweiz. Das war aber noch nicht alles für heute.

Die dritte Etappe nach Ponte Tresa ist mit 54 Kilometern zwar die längste der drei Tage, höhenmetermäßig aber die leichteste. Dafür fordern die vielen Trails ordentlich Konzentration. In Arosio gönnen wir uns einen Cappuccino – und obwohl es noch Vormittag ist, sind wir bereits ziemlich durch. Wir beschließen daher, den Monte Lema auszulassen und den leichteren Weg über die kleineren Hügel zum Luganer See ins Visier zu nehmen. Auch hier gibt es in Sachen Trails noch einiges zu tun. Als wir schließlich in Ponte Tresa ankommen, könnten wir mit dem Zug zum Ausgangspunkt zurückfahren, aber wir haben noch Akku mit dem es sich entspannt auf dem Radweg nach Lugano zurückpedalieren lässt. Genug Zeit und Raum, um die vielen Eindrücke dieses Trips nochmal einzusortieren. Drei Tage voller Trailvielfalt, Landschaftskino, Begegnungen und viel Grund zum Lachen. In den Hütten haben wir spannende Gespräche mit Wanderern geführt. Und wieder einmal zeigt sich: Mit gegenseitigem Respekt klappt das Miteinander auf den Trails. Darauf ein Gelato!

Das muss man wissen

​Die 120 Kilometer lange Route 66 ist präzise ausgeschildert, das Tessiner Wetter ist das sonnigste der Schweiz und es gibt genügend Hütten für Einkehr, Akku-Ladung und individuelle Etappenplanung.

​Die Route 66

Die mehrtägige Route in den Luganer Bergen wurde schon vor vielen Jahren ausgeschildert und lange Zeit unter Enduro-Fahrern als Geheimtipp gehandelt. Doch irgendwann sprach sich herum, dass auf diesen Trails zwischen Luganer See und Lago Maggiore auch ein Weltmeister wie Nino Schurter gern herumturnt. Mittlerweile gilt die Tour als Klassiker für Trail-Freunde. Manche hängen am vierten Tag noch den Monte Lema dran, um alle Tessiner Klassiker-Gipfel zu integrieren, andere versuchen die Route in zwei Tagen zu machen. Am besten aber ist es, sich für das grandiose Gipfelpanorama und die technisch anspruchsvollen Trails genügend Zeit zu lassen. Die Reisekosten muss man auf diesem Trip in der Schweiz natürlich etwas höher einplanen. Für die Hüttenübernachtung mit Halbpension sind knapp über 100 Euro fällig.

​Die Tour

Die Tessiner MTB-Route 66 führt von Lugano im großen Bogen von Ost nach West über die aussichtsreichsten Gipfel zwischen Luganer See und Lago Maggiore. Die Trail-Abfahrten sind lang und nur mit sicherer Fahrtechnik für hochalpines Gelände zu empfehlen. Für die langen und teils steilen Auffahrten eignet sich in jedem Fall ein E-MTB, allerdings sollte man den Akkuschub auch in leicht verblocktem Gelände einzusetzen wissen, sonst wird man einige Passagen schieben müssen. Die Route ist mit roten Wegweisen ausgeschildert und zwar nur in eine (sinnvolle) Richtung.

Die gesamte Original-Route 66 hat 120 Kilometer, 4500 Höhenmeter und 6000 Tiefenmeter und ist ursprünglich in vier Tagestappen vorgesehen:

  • Etappe 1: Lugano - Pairolo, 23 km / 1350 hm / 900 tm
  • Etappe 2: Pairolo - Rivera, 31 km / 860 hm / 1750 tm
  • Etappe 3: Rivera - Miglieglia, 39 km / 1900 hm / 1700 tm
  • Etappe 4: Miglieglia - Ponte Tresa, 28 km / 420 hm / 1700 tm

Nathalie und Regina haben die Tour mit ihrer E-MTB-Erfahrung in 3 Etappen aufgeteilt – mit Hütteneinkehr: straffes Programm.

Die Tour in 3 Etappen

  • Tag 1: Lugano – Monte Brè – Capanna del Pairolo – Capanna Monte Bar (38 km/1800 hm) •
  • Tag 2: Capanna Monte Bar – Rivera – Capanna Monte Tamaro (29 km/1470 hm)
  • Tag 3: Capanna Monte Tamaro – Ponte Tresa – Lugano (54 km/ 1030 hm)

Schwierigkeitsgrad

Auf dieser Tour warten lange Tretpassagen und einige wirklich tiefschwarze Trail-Abschnitte: technisch hochalpin-anspruchsvoll und teilweise ausgesetzt. Im Zweifel steigt man an solchen Stellen besser ab und schiebt.

Akku-Management

Ein E-MTB ist die bessere Wahl, weil es einige Rampen und auch mal ein Stück Singletrail bergauf zu bezwingen gibt. Ohne Motor müsste man hier in jedem Fall schieben. Solche Passagen kosten natürlich Strom und wenn man mit dem Akku nicht knausern möchte, sollte man unterwegs ein- bis zweimal nachladen.

Infos zur Strecke

schweizmobil.ch/de/mountainbikeland/route-66

Anreise - so kommt man hin

Eine direkte Zugverbindung von Deutschland nach Lugano gibt es leider nicht. Die schnellste Verbindung von München nach Lugano dauert 5:40 Stunden, mit einem Mal umsteigen in Zürich.

Mit dem Auto braucht man für die 420 Kilometer lange Strecke ohne viel Verkehr knapp fünf Stunden, muss aber Autobahn-Maut in Österreich und die Vignette in der Schweiz einplanen.

Beste Tourenzeit

Von Juni bis Oktober: In dieser Zeit sind die Gipfel schneefrei und die Hütten für Einkehr und Übernachtung geöffnet. Vor der Tour aber unbedingt auf auf eventuelle Ruhetage checken!

Übernachten

Auf der dreitägigen Tour haben wir zwei Mal in Hütten übernachtet. Jeweils mit Dusche und gutem Essen am Abend und zum Frühstück:

Etappe 1: Capanna Monte Bar im Val Colla (auch übernachtung im Doppelzimmer möglich, geöffnet: 1.5.-8.11., Info: capannamontebar.casticino.ch

Etappe 2: Capanna Monte Tamaro (1867 m) im Valle del Trodo mit Blick auf den Lago Maggiore. Geöffnet von Mitte Juni bis Anfang Oktober, Info: sac-cas.ch

Ausrüstungstipps

  • Hüttenschlafsack für Hüttenübernachtungen mitbringen
  • Regenschutz & warme Kleidung sind auch im Hochsommer ein Muss (hochalpines Gelände!)
  • Ladegerät und Adapter für E-Bike-Akku nicht vergessen
  • Hütten unbedingt vor Antritt der Tour reservieren. In der Region sind im Sommer auch viele Wanderer auf Hüttentour unterwegs.

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