Berlin Hauptbahnhof, Gleis 1, Abfahrt 7:15 Uhr: Die Türen schließen, Falträder und Taschen sind im Abteil verstaut. Geplante Ankunft in Prag in vier Stunden. Die Sonne blinzelt durchs Fenster und ich blinzle Alex an. Vorfreude in seinem Gesicht. Wir gönnen uns eine kleine Auszeit in der Stadt, die zu den meistbesuchten der Welt gehört. Gespannt sind wir auf all das, was jährlich neun Millionen Touristen in die Metropole zieht.
Pünktlich – die Deutsche Bahn kann es also doch noch – erreichen wir das Ziel. Kurze Orientierung und schon sitzen wir auf den Falträdern. Auf zum Mosaic House. Alex hat die Wahl getroffen, und das aus gutem Grund. Es bewirbt sich als Bike-Hotel, bietet den Gästen eine kostenfreie Velonutzung sowie einen Fahrradabstellraum. Schon nach wenigen Metern wird uns klar, wer kein Kopfsteinpflaster mag, der hat in Prag verloren. Kurz stellt sich mir die Frage: Sollte ich mir die Hotelräder mal anschauen? Vielleicht haben sie breite Reifen und ein gutes Profil? Aber nein, Challenge accepted. Ich werde in den kommenden Tagen per Faltrad die Stadt der hundert Türme erkunden. Kurzer Stopp-over im Hotel. Dann steuern wir das BIKE7 an, ein hippes Café an der Moldau. Einst Fahrradwerkstatt, trifft man sich hier heute auf Wein oder Bier. Einzig die Retro-Rahmen an der Wand und ein wenig Bike-Interieur erinnern noch an die guten alten Zeiten. Mittlerweile haben wir späten Nachmittag: tiefstehende Sonne, ein kühles Getränk und entspannte Atmosphäre. Neben mir höre ich sagen: „So lasse ich mir das Leben gefallen.“ Alex hat den Urlaubsmodus eingeschaltet. Doch morgen geht’s los. Prag, wir kommen.
Und das zu Dritt. Wir treffen Miro, der etwas außerhalb wohnt und schon einige Fahrradkilometer in den Beinen hat, an der Karlsbrücke. Mit ihm wollen wir eintauchen in den bunten Mix der Stadt, ein Gemisch aus alter Kultur, moderner Dynamik und bewegter Geschichte. Natürlich per Velo. Er hat uns eine Tour zusammengestellt. Wendepunkt das Schloss Troja, ein kleines Juwel, touristisch unbekannt und abseits des Zentrums gelegen. Die Hinfahrt verläuft entspannt an der Moldau entlang. Ein Radweg, der für gute Laune sorgt. Asphaltiert, perfekt ausgeschildert und mit Blick aufs Wasser. Nach 10 Kilometern Ankunft am Torbogen. Dahinter ein kleines, verträumtes Schloss. Sofort spulen sich vor meinem Auge diverse Märchenfilme ab. Doch Miro holt mich rasch in die Realität zurück. Keine Filmkulisse, dafür aber eine Galerie und eine nahegelegene Weinkellerei gibt’s hier zu besichtigen. Unser Rückweg ins Zentrum bietet Geschichtliches sowie viel Grün zugleich. Volle Punktzahl für den heimischen Guide. Die Route hätten wir allein nie gefunden. Zuerst durchqueren die Parks Stromovka und Letná. Beide befinden sich auf einem Plateau. Immer wieder halten wir an. Nein, der Grund sind keine platten Reifen, sondern der Blick auf die Stadt.
Jeder neue Aussichtspunkt toppt gefühlt den vorherigen. Dann der nächste Clou. Wir fahren über den Königlichen Garten die Prager Burg von hinten an. Der Vorteil: Kein Kopfsteinpflaster, keine Menschenmassen. Bei der regulären Auffahrt sähe das anders aus. Speziell kurz vor 12 Uhr mittags, wenn am Hauptportal die Wachablösung stattfindet, pilgern hunderte Touristen auf den Berg. Für uns geht’s oben angekommen direkt wieder hinunter. Kurzer Abstecher zur John Lennon Gedenkmauer, eine Streetart- und Graffiti-Wand, die seit 1960 mit Liebesgedichten und politischen Statements, zumeist gegen das kommunistische Regime gerichtet, beschrieben wurde. Mika fängt an zu erzählen.
Wir merken sofort, dass ihn all die Szenen und Geschehnisse, die sich einst hier abgespielt haben, noch heute bewegen. Nur wenige Minuten gefahren, stehen wir mitten auf Kampa, einer künstlich angelegten Insel in der Moldau. Erst spät bewohnbar gemacht, hat sie mittlerweile schon den einen oder anderen Staatsgast beherbergt. Auch Elisabeth II. nächtigte hier. Ein beschauliches Plätzchen ganz nah am Trubel des Zentrums. Der letzte Abschnitt unserer Tour ist nur noch ein Katzensprung. Schon stehen wir an dem Punkt, wo heute Vormittag unsere Tour begonnen hat. Was für ein Auftakt, wie viele Eindrücke und Bilder an nur einem Tag. So einiges links und rechts der Route hat Eindruck hinterlassen und ruft nach mehr. Wie soll das alles in die verbleibenden achtundvierzig Stunden passen? Die Köpfe werden zusammengesteckt, dann die Entscheidung.
Bereit für Geschichtliches nehmen wir an Tag zwei den Altstädter Ring ins Visier. Wir fahren erneut zur Karlsbrücke und stürzen uns ins Getümmel. Schnell wird klar, mit den Rädern haben wir hier keinen Spaß. Glück gehabt, das Fahrradschloss ist dabei. Wir tauchen ein in das Herzstück der Altstadt. Mit dem Strom an Menschen ziehen wir vorbei an der astronomischen Uhr, den gotischen Fassaden, kleinen Cafés und der Teynkirche. Nepp bleibt auf diesem Weg leider nicht aus. Als unser Flüssigkeitshaushalt bei nahezu Null steht, biegen wir in eine Seitenstraße ein. Was für ein Wunder. Kaum haben wir den Touristenpfad verlassen, regulieren sich die Preise. Zwei Stühle vor einer kleinen Bar. Perfekt, die gehören uns. Angebot des Tages: hausgemachte Limonade. Kaum auf dem Tisch, hat Alex sie auch schon ausgetrunken. „Also mir reicht‘s!“, verkündet er. Meint er die Limonade? Fragend schaue ich ihn an. Nein, das fruchtig-süße Getränk ist nicht gemeint, sondern der Ausflug ins meistbesuchte Viertel Prags. Erholung steht jetzt auf dem Programm. Wir brauchen Raum für uns und finden diesen auf der Moldau. Nur wenige Radminuten erreichen wir den Bootsverleih. Ein Ruderboot kommt gerade zur Station zurück. Wir packen die Falträder hinein, nehmen die Ruder in die Hände und schon geht’s los. Das perfekte Kontrastprogramm zum Vormittag.
Die letzten 24 Stunden stehen ganz im Zeichen von Kunst und Moderne. Dafür fahren wir nach Holesovice. Das ehemalige Arbeiterviertel ist mittlerweile ein angesagtes Szenerevier und hat sich dennoch seinen Anti-Glamour-Charme bewährt. Was uns hier, etwas außerhalb des Touristenzentrums auffällt: Immer mehr Prager nutzen das Fahrrad. Die Stadt hat in den letzten Jahren gezielt in die Infrastruktur investiert. Alte Straßen wurden fahrradfreundlich umgestaltet. An vielen Ampeln stellen wir uns direkt in den ausgewiesenen Fahrradblock, von welchem aus wir vor den Autos starten dürfen. Gegen Mittag erreichen wir das DOX, ein Zentrum für zeitgenössischen Kunst und dazu noch die größte Kunsthalle des Landes. Wir besuchen die Ausstellungen in den sechs Hallen, die chillige Terrasse am Café und steigen hinauf auf das Dach des ehemaligen Fabrikgebäudes, wo sich heute ein Luftschiff befindet. Nur fünf Querstraßen entfernt stoßen wir anschließend auf den Vnitroblock.
Eigentlich schon dem Abriss geweiht, entstand in dieser Ruine ein Gesellschafts- und Erlebniszentrum mit Cafés, Galerien und kleinen Shops. Doch als Konsumtempel möchte die einstige Lagerhalle ganz und gar nicht verstanden werden. Für den perfekten Ausklang dieses Tages und unserer Zeit in Prag kehren wir abends ins Café Letka ein. Ich bin sofort verliebt. Das Café gab es bereits zu Zeiten der Monarchie, danach war es lange geschlossen. Jetzt wiedereröffnet, spiegeln die verschiedenen Stilelemente die Geschichte des Hauses. Wir entscheiden uns für ein leckeres Graubrot-Sandwiche, eine Rosmarin-Limonade und einen Cappuccino. Die Bohnen dafür stammen aus der Berliner Kaffeerösterei Five Elephants. Ist das ein Zeichen an uns? Die Heimat ruft. Unser Fazit: Prag auf dem Fahrrad zu erleben, ist wie ein Geschichtsbuch zu durchblättern, nur dass die Seiten voller Leben, Kunst, Kontrasten und Bewegung sind. Die Mischung aus Tradition und Moderne, gepaart mit einem immer besser werdenden Rad-Netz und Verleihmöglichkeiten, macht die goldene Stadt zum perfekten Ziel für urbane Entdecker auf zwei Rädern. Hier kann man nicht nur fahren, hier kann man erleben. Und genau das macht die Stadt so besonders.
Eine abwechslungsreiche Radtour startet an der Karlsbrücke, führt über die Moldau zum Schloss Troja. Durch den grünen Stromovka-Park geht es weiter in den Letná-Park mit Blick über Prag. Danach zur Prager Burg, ein Highlight der Stadt. Rückweg über die idyllische Insel Kampa zur Karlsbrücke. Die Route verläuft überwiegend auf Radwegen und verbindet Sehenswürdigkeiten, Natur und städtisches Flair. Ideal, um Prag aktiv und entspannt zu entdecken.
Streckeninfos: ca. 20 km Länge, leichte Anstiege
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Mit dem Zug reist man in ca. 4,5 Stunden direkt von Berlin nach Prag.
Geeignete Monate, um Prag zu erkunden, sind Mai bis Juni sowie September.
Karlsbrücke – Eine der ältesten Steinbrücken Europas. Gesäumt von Heiligenfiguren bietet sie beeindruckende Blicke über die Moldau. Fußgängerzone, aber mit dem Rad gut erreichbar.
Prager Burg – Größtes zusammenhängendes Burgareal der Welt. Historische Gebäude, der St.-Veits-Dom und prächtige Gärten machen sie zum Highlight jeder Tour.
Altstädter Ring – Herzstück der Altstadt mit der berühmten astronomischen Uhr. Cafés, Gaukler und gotische Fassaden sorgen für ein lebendiges Stadtbild.
Letná-Park – Beliebter Treffpunkt mit weitem Blick über die Stadt. Perfekt für eine Picknickpause. Breite Wege laden zum entspannten Radeln ein.
DOX – Das Zentrum für zeitgenössische Kunst in Prag ist ein innovativer Kulturraum, der zeitgenössische Kunst, Design, Architektur und gesellschaftliche Themen in spannenden Ausstellungen und Veranstaltungen vereint.
Prag bietet zahlreiche Optionen: Rekola (Sharing-Bikes via App, pinke Räder), Nextbike, sowie klassische Verleiher wie Okolo oder City Bike Prague, welche E-Bikes und Tourenräder anbieten.
Mosaic House, s.r.o. Odboru 4, 120 00 Prag. Das MOSAIC HOUSE in Prag ist ein stilvolles Designhotel mit besonderem Charme und als fahrradfreundliche Unterkunft zertifiziert. Es bietet einen Abstellraum für Fahrräder an. Gäste können zudem kostenfrei Hotel-Fahrräder nutzen. www.mosaichouse.com
Cafe Letka, Letohradská 44, 170 00 Praha 7-Letná
Stilvolles Café mit Vintage-Charme, hervorragendem Kaffee und gemütlicher Atmosphäre. Ideal für Frühstück oder eine entspannte Pause.
Biergarten Letná-Schlösschen, Letenské sady 341, 170 00 Praha 7-Letná
Beliebter Biergarten mit herrlichem Blick über Prag. Traditionelles Bier und entspannte Atmosphäre mitten im Letná-Park.
Restaurant Orlík, Masarykovo nábř. 2018, 120 00 Nové Město
Klassisch-tschechische Küche mit Blick auf die Moldau. Kein Schnickschnack, sondern authentisch und zentral in Nové Město gelegen.
Vnitroblock, Tusarova 791/31, 170 00 Praha 7-Holešovice
Kreativer Treffpunkt mit Cafés, Shops und Galerien in urbanem Industrie-Ambiente. Ein Hotspot der Prager Szene in Holešovice.
Café Bike7, New Town, 128 00 Prag
Ehemalige Fahrradwerkstatt, heute stylische Bar mit gemütlichem Flair. Perfekt für Drinks und entspannte Abende am Ufer der Moldau