In einer Ende 2022 veröffentlichten Studie des Soziologen Dr. Ansgar Hudde vom Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Universität zu Köln wurde der Vergleich zwischen Deutschland und den Niederlanden bezüglich der Nutzung des Fahrrads als Fortbewegungsmittel untersucht. Es ging vor allem um das Fahren in der Stadt, doch die Ergebnisse sind auch darüber hinausgehend aufschlussreich. Es zeigte sich, dass in Deutschland deutlich mehr Menschen in der kalten Jahreszeit das Rad in den Keller stellen als im Nachbarland. Und dies liegt nicht etwa daran, dass bei uns das Wetter schlechter wäre, sondern Deutsche reagieren viel empfindlicher auf Dunkelheit und Kälte.
Schon wenn das Thermometer unter 15 Grad sinkt, geht die Radnutzung in Deutschland zurück, während sie in den Niederlanden dann fast konstant bleibt. Das Ganze ist laut dem Studienleiter eine Frage der “Mobilitätskultur”, aber – damit vermutlich zusammenhängend – wohl auch eine der Mentalität. Die Rede von einer “Radsaison”, die im Frühjahr und Sommer liegt, impliziert, dass man außerhalb dieser nicht Rad fährt. Nun, wir wollen uns dieses Denkmuster nicht zu eigen machen – ganz im Gegenteil: Jeder Monat ist ein Radfahrmonat – auch Dezember und Januar. In dieser Zeit ist es genauso gesund wie sonst – und es kann ebenso viel Spaß machen.
Selbstverständlich müssen Biker im Winter das ein oder andere beachten. Es geht um die Bekleidung, die geeignet ist für die tieferen Temperaturen und vor Regen und Wind schützt. Es geht natürlich auch um die Beleuchtung und die Sichtbarkeit im Allgemeinen. Diese Aspekte behandeln wir auch in MYBIKE immer wieder.
Aber das Thema Radfahren im Winter hat auch in der Rubrik Reise seinen Platz. Wir möchten beispielhaft einige Regionen vorstellen, die sich für ausgedehnte Touren auch im Dezember und Januar eignen. Jetzt denken manche von Ihnen vielleicht an Mallorca oder ähnliche Fernziele. Bei diesen stellt sich aber die Frage des Radtransports, die nicht so einfach zu lösen ist, aber dazu später mehr.
Bei dem Großteil der Reiseziele stellen wir einige von Deutschland einigermaßen gut per Auto oder auch mit der Bahn erreichbare Ziele mit dazugehörigen praktischen Infos vor, wo das Klima eher mild ist. Das Nachbarland Niederlande ist übrigens auch vertreten. Außerdem haben wir noch einen ganz speziellen Tipp... Ein Vorteil ist, dass es im Winter fast überall ruhiger und angenehmer zu radeln ist. Selbstverständlich braucht es eine gewisse Widerstandsfähigkeit und - siehe oben - die passende Ausrüstung. Ist dies gegeben, steht dem Spaß nichts mehr im Weg!
Im allmählich ausklingenden Jahr 2023 feiert der Bodensee-Radweg sein 40-jähriges Bestehen. 300 Kilometer ist der Weg lang, macht in der Schweiz sogar einen Abstecher zum Rheinfall nach Schaffhausen. Er verläuft fast überall sehr nah am See, ist daher meist entspannt zu fahren. Die Beschilderung ist einheitlich: ein Radler mit blauem Hinterrad. 2015 erhielt der Bodenseeradweg die Vier-Sterne-Zertifizierung des ADFC. Er führt durch drei Länder – über 170 Kilometer des Bodensees liegen in Deutschland, knapp 30 in Österreich und über 70 in der Schweiz.
Zahlreiche schöne Städte und Orte lohnen einen Besuch, wie die Inseln Reichenau und Mainau, das direkt an die Schweiz grenzende Konstanz oder Stein am Rhein am Ausfluss des Rheins aus dem Bodensee mit seiner pittoresken Altstadt. Bei guter Sicht lassen sich von manchem Punkt aus Bergzüge der Alpen erspähen. Die auch im Winter verkehrenden Fähren laden zu Abkürzungen ein. Das Klima am größten Binnensee Deutschlands ist relativ mild, sodass man auch im Winter gute Chancen hat, nicht zu frieren. Berüchtigt ist allerdings der Bodenseenebel – etwas Glück muss man eben auch haben.
Blumeninsel Mainau (bis 7.1.2024 “Christmas Garden” mit anheimelnden Lichtinstallationen und anderen Highlights), Klosterinsel Reichenau, Burg Meersburg, Pfahlbaumuseum Unteruhldingen (im Winter nur für Gruppen nach Anmeldung geöffnet), Zeppelinmuseum Friedrichshafen, Wallfahrtskirche Birnau, Weihnachtsmärkte u. a. in Konstanz, Friedrichshafen, Überlingen
Zahlreiche Unterkünfte, etwa in Volkach und Dettelbach:
Der größte See Italiens galt bisher vor allem als Revier für Mountainbiker, die im gebirgigen Areal rund um den See auf ihre Kosten kommen. Doch zurzeit wird an einer kompletten Seeumrundung auch für Tourenfahrer gearbeitet. Bis 2026 soll ein großer Teil vollendet sein, einige Teilstücke sind schon fertig. Seit 2018 ist ein circa zwei Kilometer langer spektakulärer Radweg von Capo Reamol bis Limone am Westufer befahrbar, teilweise über dem Wasser und nah an schroffen Klippen. Im Winter können Sie diese Passage besser fahren als im Sommer, wenn die Massen sich dort drängeln.
Eine Verbindung nach Riva del Garda soll ebenfalls 2026 hergestellt sein. Auch schon nutzbar ist der Radweg von Brenzone nach Malcesine. Er schlängelt sich direkt am Wasser entlang. Den breiten asphaltierten Weg teilen sich Radfahrer und Fußgänger. Die Schönheit des Sees mit attraktiven Zielen auch abseits der Radrouten sowie die typisch italienische Lebensart lässt sich auch im Winter genießen. Sommerlich warm wird es zwar nicht, aber das submediterrane Klima ist mild. Ein Hinweis: Fahren Sie nicht mit dem Rad durch die Tunnel entlang des Sees! Diese sind eng, schwer einzusehen und stark befahren.
“Hängender” Radweg zwischen Limone und Capo Reamol, Altstadt des nahegelegenen Verona mit altrömischem Amphitheater, Wasserkraftwerk Riva del Garda, Museumsanwesen Vittoriale degli Italiani in Gardone Riviera am Westufer mit Ausstellungsräumen, Parkanlage und Amphitheater, Wasserburg Scaligerburg in Sirmione am Südufer, Varone-Wasserfall bei Riva del Garda (in einer Grotte gelegen, im Winter nur am Wochenende geöffnet)
Mit spektakulären, zerklüfteten Küstenabschnitten, romantischen Fischereihäfen, sehenswerten Städten und hügeligen Landschaften bietet die Bretagne eine riesige Vielfalt an Reizen. Diese lassen sich dank insgesamt 2000 Kilometern Radwege perfekt per Bike entdecken, auch wenn an einem kompletten Bretagne-Radrundweg gerade gearbeitet wird. Zu den Highlights zählen Routen entlang ehemaliger Bahntrassen, die in autofreie “Voie Verte”-Radwege umgewandelt wurden, zum Beispiel die Radwanderwege V6 von Carhaix nach Saint-Méen-le-Grand oder V7 von Roscoff nach Concarneau.
Auch an einigen Kanälen lässt es sich wunderbar fahren, am Nantes-Brest-Kanal zum Beispiel führt der Fernradweg La Vélodyssée entlang. Oder radeln Sie an der Küste von Morlaix bis Saint-Brieuc von Bucht zu Bucht. Unterwegs lohnen sich viele Stopps angesichts der landschaftlichen, historischen und kulturellen Sehenswürdigkeiten. Rau ist es in der Bretagne wegen des allgegenwärtigen Windes zwar selbst im Sommer teilweise, aber dank des Golfstromes, der das Klima prägt, auch im Winter mild. Im Januar werden durchschnittlich immerhin über acht Grad erreicht.
Steinreihen von Carnac, Bucht von Morlaix, Rosa Granitfelsen an der Nordküste zwischen Paimpol und Trébeurden, Bucht von Saint-Brieuc und Paimpol, Pont-Aven (“Dorf der Maler”), Altstadt von Rennes, Insel Belle-Ile-en-Mer, Kathedrale Saint-Corentin in Quimper, Burg Fougères.
Das Gütezeichen “Accueil Vélo” entspricht “Bett + Bike” in Deutschland, zu finden unter: https://de.francevelotourisme.com/accueil-velo/unterkunft
Hier haben wir einen etwas speziellen Tipp für Sie. Statt in Regionen das Radvergnügen zu suchen, wo es mutmaßlich eher selten schneit, mögen manche gerade das Abenteuer Radfahren auf Schnee. Fatbikes, also kurz gesagt Mountainbikes mit besonders dicken Reifen (bis zu 4,8 Zoll breit), sind gemacht für ungewöhnliche Untergründe. Sie wirken wie Schneeschuhe für die Räder.
Da so ein Gefährt die wenigsten Biker selbst besitzen, haben sich manche Regionen entschieden, sie einfach zu verleihen. In der Schweiz richten sich mehrere Destinationen auf diesen besonderen Spaß aus. Das Winterbiken ist dabei teilweise auf Wanderwegen erlaubt, und auch Abfahrten mit richtig Tempo sind möglich. Also, falls es mal richtig Action sein darf: Nichts wie los!
www.myswitzerland.com
Der “hintere Winkel” heißt Achterhoek übersetzt. Wenn man allerdings aus Nordrhein-Westfalen ins Nachbarland reist, kommt man durch diese Region als erste. Charakteristisch für diesen Teil der niederländischen Provinz Gelderland sind die Bauernhöfe, die Wiesen und Felder, die Schlösser, Burgen und Herrenhäuser sowie die gemütlichen Kleinstädte, darunter Bronkhorst (in der Gemeinde Bronckhorst), die mit rund 100 Einwohnern kleinste des Landes überhaupt. Wie zum Beispiel auch Bredevoort verzaubert es mit seinen verwinkelten Gassen, dem Kopfsteinpflaster, verzierten Häuschen und mittelalterlichen Kirchenbauten.
Die Region ist perfekt für erlebnisreiche Radtouren. Die Landgüter-und-Schlösser-Route führt über 43 Kilometer zu vielen Sehenswürdigkeiten wie Bronkhorst, das Schloss Suideras, die Martinskirche im Dorf Baak oder die Schlösser Vorden und Hackfort. Die Niederlande sind bekannt für ihre fahrradfreundliche Kultur; auch im recht ländlichen Achterhoek ist man als Radler hier gut aufgehoben. Und auf dem – weitestgehend – “platten Land” sind die Winter normalerweise nicht sonderlich streng. Vor Regen ist man hier übrigens auch im Sommer nie gefeit.
Bronkhorst (kleinstes Dorf der Niederlande), Museum Villa Mondriaan (zum Künstler Piet Mondrian), Schloss Huis Berg in ’s-Heerenberg, Landgut Hackfort in Vorden
Verleih, Reparaturen und Co.: An größeren Bahnhöfen und in fast jedem Ort. Wo “Fietsers Welkom!” (Radfahrer willkommen!) angezeigt ist, gibt es zumindest passendes Werkzeug und Fahrradpumpen. Ladestationen sind weit verbreitet.
In den Niederlanden bieten Adressen mit dem Gütezeichen “Fietsers Welkom!” (Radfahrer willkommen!) Fahrradfahrern einen zusätzlichen Fahrrad-Service.
Die südlichste Region Spaniens bietet vielfältige Landschaften zwischen dem Atlantik (Costa del Sol) und dem Gebirge Sierra Nevada. Bei Marbella gibt es flache Touren entlang der Küste. Ein schönes Radtourenerlebnis bieten auch die “Vias verdes” (Grüne Wege), die entlang alter Eisenbahntrassen verlaufen. In den tieferen Lagen herrscht ein angenehm mildes mediterranes Klima, die Temperaturen können selbst im kältesten Monat Januar auf fast 20 Grad Celsius steigen. Und es gibt bis zu 320 Sonnentage.
Per Flugzeug: Direktverbindungen nach Malaga, Sevilla, Granada und Jerez de la Frontera. Gut ausgebautes Busnetz. Über das nationale spanische Eisenbahnnetz (RENFE) sind viele Ortschaften gut erreichbar. Über evtl. Fahrradmitnahme vorab informieren: www.renfe.com/es/en/renfe-group/sustainable-transport/train-bike
Nationalpark Doñana an der Atlantikküste, die Städte Granada (Alhambra) Córdoba (Mezquita), Málaga, Sevilla (Königspalast, Kathedrale) oder Marbella, die “Weißen Dörfer” im Landesinneren wie Frigiliana, Casares u. a.
Vor allem in den Städten gibt es gute Möglichkeiten zur Radausleihe, z. B.:
Mallorca, Gran Canaria, vielleicht Lanzarote? Es gibt Traumziele für Radtourenfans, wo es auch im Winter noch mild ist, viele Sonnenstunden locken und man wunderbar Rad fahren kann. Aber: Leider kommt man dort nur per Flugreise hin. Radmitnahme ist dabei möglich, aber kompliziert. Einige wichtige Aspekte fassen wir hier kurz zusammen.
Mitnahme fast unmöglich. Einige Gesellschaften erlauben die Mitführung eines Akkus bis 160 Wattstunden Kapazität (sehr gering) – und dann speziell verpackt und deklariert. Mit einem recht kostspieligen Transportkoffer können Akkus in einem Frachtflugzeug verschickt werden. Eine andere Lösung wäre, den Akku zu entnehmen und am Urlaubsort einen passenden zu leihen. Falls der Akku nicht entnehmbar ist, kann das Rad auf keinen Fall mitgenommen werden.
Die Mitnahme ist unterschiedlich geregelt. Bei manchen Airlines zählt es zum Aufgabegepäck, das im Ticketpreis inbegriffen ist, bei anderen als Sportgepäck, das extra kostet; bei Interkontinentalflügen können über 200 Euro fällig werden. Man sollte auch frühzeitig checken, ob bei einem Flug noch Platz fürs Rad ist. Falls ja, muss das Rad für die Mitnahme “verkleinert” werden, also Pedale, Sattel oder Vorderrad abgenommen oder – wie auch der Lenker – in die platzsparendste Position gestellt werden. Die genauen Bestimmungen unterscheiden sich je nach Airline.
Das Rad muss dann verpackt werden, hier gibt es Varianten von Karton (billig!) bis zu speziellen Taschen oder Koffer (teurer). Trotzdem kann es zu Schäden kommen. Deshalb empfiehlt es sich, eventuell eine Transportversicherung abzuschließen, da die Airlines nur bis zu einer bestimmten Grenze haften. Schon diese Kurzbetrachtung zeigt, wie komplex die Sache ist. Andere Aspekte wie die Anfahrt zum Flughafen oder der Zusammenbau des Bikes am Zielort kommen hinzu. Das ist sicher nicht jedermanns Sache. Wer sich also auch eine Tour mit “Fremdrad” vorstellen kann, für den ist Leihe vor Ort die bessere Alternative.