Mit dem Bike zur Wand Mit dem Bike zur Wand Mit dem Bike zur Wand

Alpen-Expedition von Stefan Glowacz

Mit dem Bike zur Wand

  • Laurin Lehner
  • Stefan Loibl
 • Publiziert vor einem Monat

Stefan Glowacz ist Profi-Abenteurer. Im Sommer will der Oberbayer in den Alpen drei Erstbesteigungen wagen. Für maximale Nachhaltigkeit reist er mit dem Mountainbike zur Wand.

Auf Expedition gehen, aber nicht an den höchsten Bergen der Welt im Himalaya, sondern möglichst nachhaltig vor der Haustüre: Das haben sich Profi-Kletterer und Abenteurer Stefan Glowacz (56) und sein Partner Philipp Hans vorgenommen. Sie starten im Sommer 2021 auf ihre dreimonatige „Wallride“-Expedition durch die Alpen und wollen drei Erstbesteigungen an hohen Wänden im gesamten Alpenraum realisieren. Die Strecke vom Startpunkt am Starnberger See bis zu den Wandfüßen und wieder zurück wollen die beiden aus eigener Muskelkraft mit dem Mountainbike zurücklegen. Ganz nach dem Vorbild der Alpen-Kletterpioniere vor 100 Jahren, die ihre Gipfel in den Alpen auch mit dem Fahrrad ansteuerten. Heute heißt das Bikepacking. Die Kletterziele heißen Cimon del Froppa in den Dolomiten, das Wetterhorn im Berner Oberland in der Schweiz und die Aiguille Dibona in den französischen Alpen. 3500 Kilometer und rund 55000 Höhenmeter stehen für Glowacz mit dem Bike auf dem Plan. Die Expedition startet am 25. Juni 2021 und soll etwa drei Monate dauern. Wir haben mit Glowacz im Vorfeld über seine auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Alpen-Expedition gesprochen.

Moritz Attenberger Die Route zu den Orten, an denen Stefan und sein Partner Philipp ihre Erstbesteigungen wagen wollen, plante Bike-Urgestein Peter Brodschelm.

Moritz Attenberger Ohne Gepäck hat Stefan Glowacz sichtlich Spaß auf dem Bike. Mit der kompletten Kletterausrüstung über Alpenpässe und Trails zu kurbeln, dürfte jedoch ein hartes Stück Arbeit werden.

Glowacz: „Der limitierende Faktor soll die eigene Leistungsfähigkeit sein.“

BIKE: Wie schwer ist es als Profi-Abenteurer das Thema CO2 und Beruf unter einen Hut zu bekommen? Schließlich warten die meisten Abenteuer weit entfernt, oft nur mit dem Flugzeug erreichbar.

Stefan Glowacz: Ich versuche aus Überzeugung bereits seit vielen Jahren, das Thema Nachhaltigkeit in meine Expeditionen zu integrieren. Unter dem Motto „by fair means“ reduzieren mein Team und ich die technischen Errungenschaften zur Fortbewegung – wie das Flugzeug, Hubschrauber, Motorschlitten oder Motorboot – auf ein Minimum. Vom letzten Zivilisationspunkt aus versuchen wir immer aus eigener Kraft mit Schlitten, Skiern, Snowkites oder auch dem Seekajak an eine entlegene Wand zu gelangen und nach einer erfolgreichen Erstbegehung genauso wieder zurückzukehren. Mein Bestreben in Zukunft ist ist jedoch, nachhaltige Expeditionen bereits von der Haustüre aus zu beginnen. Bei der letzten Unternehmung nach Grönland verwendeten wir für die Anreise nur ein Elektrofahrzeug, die Bahn und ein Segelschiff. Das nächste Unternehmen findet ausschließlich von der Haustüre aus mit dem Mountainbike zur Fortbewegung statt.

Warum ist dir das Thema seit ein paar Jahren so wichtig?

Für mich ist das Thema Nachhaltigkeit seit meiner frühesten Kindheit eine Selbstverständlichkeit. So bin ich von meinen Eltern in den Bergen erzogen worden und stelle rückblickend fest, dass die Menschen nur überzeugt werden können, sich aktiv am Umweltschutz zu beteiligen, wenn sie die Natur, im wahrsten Sinne des Wortes „begreifen“ können und dürfen. Mit großem Aufwand werden wir in Zukunft versuchen, die Welt zu „retten“. Aber in Wahrheit geht es ja nur um unsere eigene Rettung. Das größte Übel für diesen Planeten sind wir, die Menschen.

Für dein neuestes Projekt in den Alpen setzt du aufs Mountainbike. Wie transportiert ihr die ganze Kletterausrüstung, Zelt etc.?

Wir haben jetzt mal fast die gesamte Produktpalette von unserem Ausrüster Ortlieb bestellt, um herauszufinden, wie wir die Ausrüstung auf und am Rad verstauen und transportieren können. Wir fahren ja nicht gemütlich auf normalen Straßen in den Tälern zu den Wänden, sondern wollen so viel wie möglich auf Trails und über die Berge fahren. Daher kommen wir um einen Anhänger nicht herum. Wir werden uns auf das Minimum reduzieren müssen und wenn wir dann immer noch vor einem Haufen Ausrüstung stehen, den wir nicht unterbringen können, reduzieren wir eben noch einmal.

Wie schwer wird das Gepäck sein, das du auf dem Bike transportieren musst?

Da kommen sicher 30 Kilogramm pro Rad zusammen. Aber ich tröste mich mit dem naiven Gedanken, dass ich selber ja nur 68 Kilo wiege und mit dem Ninja Warrior Philipp Hans unterwegs bin, dem ich locker mal zehn Kilo mehr aufs Rad packen kann. Titel verpflichten.

Warum habt ihr es euch nicht leichter gemacht und ein E-MTB gewählt – das ist im Verhältnis immer noch sehr umweltverträglich.

Als wir bei unserer letzten Grönland-Expedition mit einem Elektroauto nach Schottland zu unserem Segelschiff reisten, wurden wir nach wenigen hundert Kilometern zu Sklaven der katastrophalen Ladeinfrastruktur. Der limitierende Faktor bei unserem aktuellen Unternehmen soll in jedem Fall die eigene Leistungsfähigkeit sein, und nicht die Technik des Transportmittels.

Worin siehst du neben der Kletterei bei dem Projekt die größte Herausforderung?

Bei den 3500 Kilometern und vor allem den etwa 55000 Höhenmetern. Peter Brodschelm hat uns die Etappen zwischen den Wänden geplant. Er ist ein absoluter Profi bezüglich Mountainbike-Touren und MTB-Alpenüberquerungen. Und wenn so eine Instanz meint, dass wir uns da aber sauber was vorgenommen haben, dann wird der Respekt, aber auch die Zweifel von Tag zu Tag größer, je näher der Abreisetermin rückt.

Was werden Bike-technisch die größten Herausforderungen sein?

Wie gesagt, wir haben Peter Brodschelm für diesen Bereich gewinnen können. Er kennt die jeweiligen Streckenabschnitte und ebenso die Herausforderungen. Er hat uns gleich mal ein Fahrtechnik-Training mit ihm in seinem Bikepark am Samerberg wärmstens ans Herz gelegt. Das haben wir natürlich durchgezogen. Aber bei so verrückten und ambitionierten Zielen halte ich es immer mit dem Rat unseres Skippers der Grönland-Expedition Wolf Kloss und der eigenen Erfahrung: „Seid einfach guter Dinge und rechnet mit dem Schlimmsten.“ Wir sind immer guter Dinge und rechnen auch mit dem Schlimmsten. Am Ende wird es aber immer viel, viel schlimmer.

Moritz Attenberger Ursprünglich wollten Glowacz und Hans auf einen zusätzlichen Anhänger verzichten. Doch alleine in Taschen am Bike lässt sich die viele Kletterausrüstung nicht transportieren.

Moritz Attenberger Stefan Glowacz ist Profi-Abenteurer und am Starnberger See zu Hause. Im Sommer will der Oberbayer in den Alpen drei Erstbesteigungen wagen. Für maximale Nachhaltigkeit reist er mit dem Bike von Wand zu Wand.

Themen: AbenteuerAlpenAlpen-DurchquerungBIKE 8/2021InterviewKletternPeter BrodschelmRed BullRoute


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