Schurter: „Werfe meinen Plan nicht über den Haufen.“

Ludwig Döhl

 · 29.06.2021

Schurter: „Werfe meinen Plan nicht über den Haufen.“Foto: Daniel Geiger

Olympiasieger, Weltmeister, Worldcup- und Cape-Epic-Sieger: Nino Schurter hat im MTB-Rennsport alles erreicht. Im Interview spricht der 35-Jährige über die neuen Multitalente, seine Motivation und Olympia.

Nino Schurter (35) sitzt entspannt mit einem Cappuccino an der Hotelbar in Leogang. Wenige Tage bevor der Schweizer sein neues Wettkampf-Bike, das er auch bei Olympia in Tokio nutzt, erstmals im Renneinsatz bei einem Worldcup fahren wird. Wir haben mit ihm während der Präsentation des neuen Scott Spark gesprochen.

BIKE: Nino, du warst die letzten Jahre der dominierende Fahrer, aber dir fehlt noch ein Sieg im Worldcup, um Julien Absalons Bestmarke von 33 Worldcup-Siegen zu knacken. Ausgerechnet jetzt kommt ein ganzer Schwung junger Fahrer, der dich in Schach hält. Momentan sieht es nicht so aus als würdest du Absalons Rekord zeitnah brechen können. Nervt dich das?

Nino Schurter: Absolut nicht. Im Gegenteil. Die starke Konkurrenz im Worldcup-Feld dieses Jahr motiviert. Meine Karriere war bislang immer geprägt von starker Konkurrenz. Kulhavy, Absalon, van der Poel waren für mich immer Gegner, die mich auch motiviert haben, noch mehr aus mir heraus zu holen. Und so ist das auch aktuell.

Die neuen Multitalente wie Pidcock und van der Poel stehlen dir gerade etwas die Show. Im Winter fahren sie Cyclocross-Wettkämpfe auf höchstem Level, im Frühjahr gewinnen sie die Klassiker auf der Straße. Dann mischen sie noch schnell den MTB-Worldcup auf, bevor sie wie im Fall van der Poel an der Tour de France teilnehmen. Dagegen wirkt dein Programm mit ein paar Worldcups und den Olympischen Spielen ja fast entspannt. Von außen betrachtet fragt man sich, wie man als Sportler so ein Pensum auf Weltklasse-Niveau abspulen kann?

Schmunzelt. Wie die Jungs das machen, weiß auch ich nicht. Ich könnte so ein Programm auf alle Fälle nicht abspulen. Aber ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ein van der Poel das Programm, das er aktuell durchzieht, nicht auf ewig aushält. Ich bin schon ziemlich lange im Worldcup-Business dabei und wenn ich dabei etwas gelernt habe, ist es, dass mein Körper auch gewisse Ruhephasen braucht. Jeder Körper ist anders, aber ich denke auch bei van der Poel wird irgendwann der Zeitpunkt kommen, wo er sich auf eine Sportart fokussieren muss. Die Leistung, die er in den letzten Jahren gezeigt hat, war extrem, das möchte ich gar nicht schmälern. Mit Pidcock kommt jetzt ein zweiter ganz junger Fahrer mit ähnlichem Allround-Talent durch. Ich glaube aber nicht, dass Fahrer, die in mehreren Disziplinen auf Weltklasse-Niveau fahren, in Zukunft ein flächendeckendes Phänomen darstellen. Das sind Ausnahmesportler, die ihr Talent wirklich auch voll ausschöpfen.

Was geht einem Nino Schurter durch den Kopf, wenn er Pidcock und van der Poel im TV sieht, wie sie Straßen- und Cyclocross-Rennen fahren und gewinnen?

Ich gönn' den Jungs ihren Erfolg in allen Disziplinen. Ich bin ihnen da überhaupt nicht neidisch. Wenn ich mir solche Rennen ansehe, dann kann es passieren, dass ich danach den Fernseher ausschalte und mit meiner Tochter zum Spielen gehe, ohne groß über van der Poel oder Pidcock nachzudenken. Vielleicht ist meine Familie auch ein Faktor, warum ich die Sachen lockerer sehe als die jüngste Generation der Allrounder. Wenn Pidcock und van der Poel mal eine Familie haben, werden sie sicher auch das ein oder andere Wochenende zu Hause genießen wollen. Momentan sind die Jungs noch in einem anderen Lebensabschnitt und da ist es völlig verständlich, dass sie alles aus ihrem Talent rausholen wollen. Ich will das auch, aber um eine Bestleistung auf der Rennstrecke abzuliefern, muss ich eben auch ein erfülltes Privatleben führen und mir meine Ruhephasen nehmen.

  Nino Schurter hat eine Tochter, hier noch als Baby in Schuhen mit Regenbogenstreifen.Foto: Henri Lesewitz
Nino Schurter hat eine Tochter, hier noch als Baby in Schuhen mit Regenbogenstreifen.

Der Straßenradsport hat noch eine viel größere Fangemeinde als der MTB-Worldcup. Glaubst du, dass Fahrer wie van der Poel oder Pidcock den Mountainbike-Sport auch in der öffentlichen Wahrnehmung auf das nächste Level heben werden?

Klar, die Jungs geben unserem Sport nochmal eine andere Aufmerksamkeit. Man muss aber auch sagen, dass die Entwicklung des Sports in den letzten Jahren ohnehin brillant war. Die Red Bull TV-Übertragungen sind super und werden gut angenommen. Der Outdoor-Sport generell boomt. Die Fanzahlen für den Rennsport steigen. Ich denke, wir können in eine gute Zukunft blicken. Der nächste Schritt für den Rennsport wird sein, dass branchenfremde Sponsoren in den Worldcup einsteigen. Van der Poel und Pidcock setzen da mit ihren Teams sicher schon die richtigen Zeichen.

Du hast in deinem Leben alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Der Worldcup-Auftakt 2021 in Albstadt, Nove Mesto und Leogang lief für einen Sportler deiner Klasse nicht ideal. Wie willst du dich motivieren, jetzt noch einmal alles aus deinem Körper herauszuholen und den Sprung aufs Podest zu schaffen?

Nur weil ich jetzt bei drei Rennen nicht ganz oben auf dem Podest war, werde ich nicht komplett nervös. Ich habe mittlerweile so viel Erfahrung, dass ich weiß, dass es nur ganz wenig braucht, um von meiner aktuellen Position wieder ganz nach vorne zu kommen. Ich werde jetzt nicht hektisch mein Training umwerfen. Klar ist: Das wird nicht leicht werden. Ich werde ja auch nicht jünger. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich im Laufe der Saison wieder zu meiner Bestform zurückfinden werde. Meine Erfolge in der Vergangenheit geben mir da eine gewisse Zuversicht im Hinblick auf die Olympischen Spiele.

  Kein Einstand nach Maß auf dem neuen Bike beim <a href="https://www.bike-magazin.de/mtb_news/events_rennen/rennbericht-xc-worldcup-leogang-2021" target="_blank" rel="noopener noreferrer nofollow">Leogang-Worldcup</a> : Nach einem verkorksten Short-Track-Rennen reichte es für Nino Schurter auch im XCO nur zu Platz zehn.Foto: Moritz Ablinger
Kein Einstand nach Maß auf dem neuen Bike beim Leogang-Worldcup : Nach einem verkorksten Short-Track-Rennen reichte es für Nino Schurter auch im XCO nur zu Platz zehn.

Du wirst also jetzt keine extra Trainingseinheiten wie Rocky Balboa einlegen, um wieder ganz oben auf dem Podest zu stehen?

Schmunzelt erneut. Ich bin jetzt seit 15 Jahren Profi. Ich weiß, welche Trainingseinheiten für mich funktionieren und welche nicht. Und wie gesagt, ich weiß auch, dass es nur winzige Kleinigkeiten sind, die am Ende den Unterschied zwischen Platz zehn und dem Sieg ausmachen. Ich arbeite an diesen Kleinigkeiten. Ich war in Albstadt Zweiter. Da hat nur ganz wenig zum Sieg gefehlt. Meine generelle Form stimmt. Ich habe einen Plan und den werfe ich wegen einem mittelmäßigen Rennen nicht über den Haufen.

Wie sieht dein Plan bis zu den Olympischen Spielen in Tokio aus?

Nach dem Worldcup in Leogang gehe ich für drei Wochen ins Höhentrainingslager. Ich habe zu Hause eine Höhenkammer, in der ich jetzt die nächsten drei Wochen auf einem simulierten Höhenniveau schlafe. Dann kommt der Worldcup in Les Gets und anschließend werde ich in einem Trainingslager versuchen, mich an die Hitze zu gewöhnen, die es aller Voraussicht nach in Tokio geben wird. Vor den Olympischen Spielen in Rio habe ich ein ähnliches Programm durchgezogen und das hat funktioniert.

  Neben dem Training in der Höhe und auf dem Rad ist für Schurter Athletiktraining ein wichtiger Baustein.Foto: Joel Cabello
Neben dem Training in der Höhe und auf dem Rad ist für Schurter Athletiktraining ein wichtiger Baustein.

Sprechen wir über die generelle Entwicklung des Sports. Rennstrecken werden immer extremer. Dein Sponsor Scott hat jetzt ein Racefully mit 120 Millimeter Federweg gezeigt, um diesem Trend gerecht zu werden. Sind die Strecken mittlerweile sogar schon zu technisch?

Ich denke, es ist wichtig bei der Entwicklung des Sports nicht das Maß zu verlieren. Die Zuschauer wollen spektakuläre Szenen. Die wollen auch mal einen Sturz sehen. Das ist verständlich und alle Fahrer sind bereit, in den technischen Passagen etwas zu riskieren. Wenn es aber irgendwann vor lauter Schlüsselstellen nur noch um die Skills auf dem Bike geht und nicht mehr darum, wer denn der kompletteste Fahrer ist, dann wäre das übertrieben. Cross Country muss ein Sport bleiben, in dem der kompletteste Fahrer gewinnt. Die Physis ist ein wichtiger Aspekt, der niemals in den Hintergrund geraten darf. Aktuell sehe ich da aber keine Probleme. Über die unterschiedlichen Charaktere der aktuellen Worldcup-Strecken sind wirklich absolute Allrounder gefragt.

Früher warst du der technisch überlegene Fahrer. Heute bieten dir die Konkurrenten bergab die Stirn. Musst du jetzt mehr riskieren, um wieder ganz oben auf dem Podest zu stehen?

Man gewinnt kein Rennen in der Abfahrt. Ich für meinen Teil weiß, wie viel ich in den Schlüsselstellen riskieren kann, ohne zu stürzen und ich denke, auch die Konkurrenten wissen das. Wenn ich das Limit überschreite, sehe ich auch ein erhöhtes Risiko von Defekten. Wie gesagt, im Cross Country gewinnt der kompletteste Fahrer, weshalb ich mich nicht nur auf die Abfahrt konzentriere und bergab niemals ganz ans Limit gehe.

Nino, danke dir für deine Antworten und viel Erfolg im weiteren Saisonverlauf.

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