Steht ultimativ hoch im Federweg! Hat den dicken Drop einfach weggeschluckt... Ist sie zu hart, bist du zu langsam.
Wie wir gute Federgabeln beschreiben, ihre Leistung loben, das sagt auch viel über uns als Mountainbiker aus. Klar: Mountainbiken ist immer abfahrtslastiger und schneller geworden. Und ich persönlich möchte den Überrolleffekt von 29 Zoll, flache Lenkwinkel und lange Teleskopstützen auf dem Trail auch nicht mehr missen. Aber spätestens seit dem Debüt von 38er Standrohren sind wir zumindest in Bezug auf Federgabeln vielleicht etwas über das Ziel hinausgeschossen.
Was ich damit meine: Wir, also Tester und Konstrukteure, haben uns vielleicht ein bisschen zu sehr an den Extremen orientiert. Es ist völlig berechtigt, dass Hersteller die Grenzen ausloten. Dass also Fox dem Brutalo-Racer Richie Rude meistens als erstem eine neue Enduro-Gabel ins Bike steckt.
Und dass Trick-Master Brandon Semenuk 2021 für Aufsehen sorgte, weil er bei der Red Bull Rampage mit einer Singlecrown-Gabel von Rockshox an den Start ging. Nur haben Tailwhips über 10-Meter-Drops und 40 km/h und mehr auf fiesen Enduro-Trails mit der Realität der meisten Biker eben nur noch wenig zu tun. Von Fahrtechnik und Fitness der Profis ganz zu schweigen.
Als Resultat sind Federgabeln immer straffer, sportlicher und auch steifer geworden. Was auch in Bezug auf E-Bikes Sinn ergäbe, so die Meinung der Konstrukteure. Die dicke Federgabel-Klasse mit 38-Millimeter-Standrohren ist dafür ein Paradebeispiel.
Nur liegen eben auch die Nachteile auf der Hand. Das Mehrgewicht kann man vielleicht noch verkraften. Gerade beim E-Bike. Dass sich gerade viele Top-Federgabeln auf dem Trail zunehmend straff anfühlten und der Federweg bei moderater Touren-Pace immer schwerer nutzbar war, ist dagegen ein echtes No-Go. Vielleicht auch eines, das wir als Tester in der Vergangenheit noch zu wenig kritisiert haben. Randbemerkung: Für die günstigeren Fox-Performance-Gabeln oder auch günstige Zebs und Lyriks galt das zum Glück nie in dem Extrem, hier gab´s dafür andere Kritikpunkte.
Nichts für Touren-Fahrer: Bei moderatem Tempo haben sich viele dicke Top-Gabeln zunehmend straff angefühlt.
Das ist kein Mimimi-Problem allein wegen zu geringen Komforts. Denn ein Mangel an Komfort zieht auf dem Trail echte Probleme nach sich, die über ein leichtes Unwohlsein deutlich hinaus gehen. Gerade auf langen Abfahrten verkrampfen die Arme. Den Fingern fehlt die Kraft, um dosiert zu bremsen und die Fahrposition leidet bedenklich. Statt aktiv im Rad zu stehen erwischt man sich immer mehr in der Passagier-Rolle. Tief in den Knien abgehockt über der Hinterachse sind Stürze in schwerem Gelände nur eine Frage der Zeit.
Allerdings: Das Umdenken hat schon begonnen. Gerade im letzten großen Vergleichstest konnte die neue Upside-Down-Gabel Podium auch bei uns den Testsieg davontragen. Das Argument für den Testsieg: Unter anderem mehr Traktion und mehr Komfort. Danach kam die ebenfalls komfortable Zeb, die sportliche Fox Factory 38 zum Schluss.
Und auch mit der neuen 36 (hier im Dauertest) hat Fox im letzten Jahr schon Anzeichen einer Trendwende gezeigt. Weniger straff in der Dämpfung, auch für leichtere Fahrer wie unseren begeisterten Dauertester besser anpassbar.
Mit der neuen 38 (hier der Fahreindruck) und noch viel deutlicher mit den neuen Rockshox-Parts setzen beide Federgabel-Giganten offenbar jetzt neue Prioritäten. Komfort und Traktion stehen wieder vor Kontrolle und Gegenhalt, überspitzt formuliert.
Die neue Marschrichtung kommt nicht von ungefähr. Während die Gabeln der großen Federgabel-Hersteller auf die Bedürfnisse von Profis und Racern zugeschnitten wurden, haben andere seit Jahren gezeigt, wie es anders geht.
Das Paradebeispiel ist Intend. Die Freiburger Edel-Schmiede hat konsequent auf Upside-Down gesetzt. Die geringe Verdrehsteifigkeit und die moderate Druckstufen-Dämpfung wurde von Konstrukteuren der großen Fahrwerks-Firmen jahrelang belächelt.
Doch der Erfolg gibt Intend recht. Sicher auch wegen des Exotik-Faktors und der ungewöhnlichen Optik, aber noch mehr der komfortablen Funktion sind viele Biker mit dickem Budget mittlerweile auf Gabeln aus der Feder von Cornelius Kapfinger unterwegs.
Die Probleme Armpump, mangelnder Komfort, Federwegsnutzung - die gibt es hier fast nicht. Auch wer moderat fährt, bringt eine Intend noch gut in den Arbeitsbereich und nutzt den gesamten Federweg. Die geringe Verdrehsteifigkeit ist in Anliegern im Bikepark spürbar. Dass sich die Gabel deshalb ein bisschen wie von selbst ihren Weg durch Wurzelteppiche sucht, empfanden wir im Test aber sogar als angenehm.
Und auch der kurze Ausflug von WP ins MTB-Federgabel-Business zeigte ähnliche, ungewöhnliche Ansätze. Mit einer Art Blow-Off-Ventil, Cone-Valve genannt, entschärften die WP-Gabeln (hier im Test) schnelle harte Schläge auf die Gabel spürbar. Das Resultat war ein deutliches Plus an Komfort gegenüber klassischen Federgabeln derselben Zeit von Fox und Rockshox.
Ein Mehrwert, den zumindest die zwei Federgabel-Giganten offenbar lange unterschätzt haben. Beide steuern jetzt nach: Fox setzt auf mehr Luftvolumen für eine linearere Federkennlinie und auf größere Bohrungen in der Dämpfung für mehr Öldurchfluss.
Noch radikaler geht Rockshox vor. Hier ist von der neuen, noch lineareren Luftfeder über die ganze Konstruktion alles auf minimalste Reibung und maximalen Komfort ausgelegt, der sich dann nur noch über die Druckstufe feinjustieren lassen soll.
Doch bevor jetzt Euphorie folgt, bleibt noch ein Hinweis auf den Angstgegner schlechthin. Denn was nützt die beste Gabel, wenn am Ende die Serienstreuung zuschlägt. Das ist bei Federgabeln ein besonders großes Problem, gerade bei konventioneller Right-Side-Up-Bauweise.
Laufen Stand- und Tauchrohre nicht parallel oder passen die Toleranzen nicht, macht Reibung im System selbst die beste Konstruktion zunichte. Das kennen wir auch von nagelneuen Testbikes aus unseren Testalltag zur Genüge. Kein gewohntes Setup funktioniert mehr, alles fühlt sich überdämpft und einfach nur besch*ssen an. Selbst harte Kompromisse beim Setup, wie etwa besonders hoher Luftdruck, damit die Gabel wenigstens schnell genug ausfedert, helfen in der Regel kaum weiter.
Günstige Gabeln sind davon am öftesten davon betroffen, aber nicht nur. Auch der extrem straffe Charakter der ersten Zeb mit Charger 3, die wir damals im Test hatten, ist offenbar auf Serienstreuung zurückzuführen. Bleibt also abzuwarten, ob sich der sehr positive erste Eindruck, gerade bei den neuen Rockshox-Parts auch in einer entsprechenden Performance in Stückzahl niederschlägt. Wenn ja, dann dürften die nächsten Monate rein aus technischer Sicht die besten und komfortabelsten und fluffigsten in der Geschichte des Mountainbikes werden.
Zwar war es beeindruckend, wie kontrolliert und lässig dicke Gabeln wie Zeb und 38 in der Vergangenheit auch grobe Einschläge weggeschluckt haben. Doch ideale Bedingungen auf hammerharten Trails und mit fitten, schnellen Fahrern am Steuer sind zu sehr in den Fokus gerückt.
Gerade wegen des etwas höheren Komforts auf langen Abfahrten bin ich privat schon länger Fan der kleineren All Mountain Gabeln Fox 36 und Lyrik, weil sie aus meiner Sicht den besseren Kompromiss bieten. Gutes Gewicht, nicht zu steif und oft auch eine etwas weichere Druckstufe.
Das findet man jetzt in viel mehr Gabeln so wieder. Auch für die meisten Touren-Biker dürfte die neue Ausrichtung auf gesteigerten Fahrkomfort ein dickes Plus sein. Leichten Fahren und damit auch Fahrerinnen kommt die Trendwende besonders zugute. Sie haben sich bislang besonders schwer getan, ein passendes Setup zu finden.
Das Schöne daran: Fox und Rockshox schaffen nach unseren ersten Tests offenbar den Spagat zwischen Kontrolle und Komfort, ohne für schnelle und harte Einsätze zu viel Reserven preiszugeben. Wir sind schon gespannt, wie sich die Gabeln dieser neuen Ära im direkten Duell schlagen werden.

Redakteur