Der neue DJI-Motor Avinox M1 ist eine große Nummer. Und das zurecht. Mit einer Spitzenleistung von 1000 Watt und mächtig Drehmoment stellt er die etablierte Konkurrenz in den Schatten. Und das sind keine Fabelwerte. Im großen BIKE-Test lieferte der Motor auch auf dem Prüfstand und im Praxistest ein neues Level an E-Bike-Schub.
Das alleine wäre aber noch kein riesiges Thema. Was den Avinox-Motor so spannend macht: Trotz seiner extremen Power ist er zugleich leichter und kleiner als die Konkurrenz von Bosch und Shimano. Seitdem das Amflow PL erste Tests durchlaufen hat, hält sich damit in Foren und Gesprächen unter E-Bikern eine Meinung hartnäckig: Light-E-MTBs haben ausgedient, denn die neuen DJI-Bikes sind genauso leicht - aber ohne Power-Einbußen. Ein genauer Blick zeigt jedoch, dass diese These nicht ganz passt.
Auslöser der Diskussion ist das Amflow PL Carbon. Das Versprechen der Chinesen bei der Vorstellung auf der Eurobike 2024: 19,2 Kilo mit 600er-Akku und bärenstarken 1000 Watt Spitzenleistung. Und das in einem echten Trail- bis All-Mountain-Paket und mit solider Ausstattung.
Das ist ein Wert, der zu Recht für Aufsehen sorgt. Denn durchschnittliche Light-E-MTBs sind kaum leichter - mit kleinerem Akku und deutlich weniger Motor-Power. An der Waage im BIKE-Testlabor landet das Amflow PL Carbon Pro in Größe L bei 19,75 Kilo. Das ist immer noch richtig stark.
Das “Problem” an der Sache: Das Amflow ist bisher ein Einzelfall. Und das ist weniger eine Überraschung, als vielmehr logisch. Denn das DJI-System ist zwar leicht - aber nicht so leicht, dass derart drastische Gewichtseinsparungen zu Bosch- oder Shimano-Bikes realistisch sind.
Rechnet man die Gewichte von Motor und Akku zusammen, landet das Avinox-System bei 5,5 (600 Wh) bzw. 6,35 Kilo. Bei Boschs CX sind es 5,9 bzw. 6,8 Kilo. Rein auf das Motorsystem bezogen, ist der Unterschied von gut 400 Gramm absolut relevant, und ein dicker Pluspunkt für DJI. Auf das Komplettgewicht eines Bikes bezogen, macht das aber keinen so eklatanten Unterschied, wie es die plakative Gewichtsangabe des Amflow PL Carbon vermuten lassen würde.
Zum Vergleich: Ein TQ HPR60 Light-Antrieb landet mit 580er-Akku bei 4,6 Kilo und damit knapp ein Kilo unter dem DJI Avinox. Der Shimano-Antrieb im Rotwild R.EX ist mit 820 Wh und in Summe 6,25 kg sogar leichter als das DJI-System mit 800er-Akku.
Inzwischen konnten wir einige E-MTBs mit DJI Avinox an die Waage im BIKE Testlabor hängen. Und die Werte stützen das Rechenbeispiel aus dem obigen Absatz.
Das sind allesamt sehr gute Gewichte für Power-E-Bikes mit 800 Wattstunden. Allerdings greifen alle genannten Kandidaten auch eher zu leichten Parts und kommen mit teuren Carbonlaufrädern. Dicke Downhill-Schlappen oder 38er-Gabeln sucht man vergebens.
Trotzdem würden alle Bikes auch mit dem leichteren 600er-Akku deutlich über 20 Kilo bleiben. Avinox-Bikes mit unter 20 Kilo? Das bleibt in der Praxis die absolute Ausnahme. Und bei solider Auslegung unrealistisch.
Ebenfalls auffällig: Fast alle DJI-Bikes kommen mit dem 800er-Akku. Das macht auch Sinn, denn wer die hohe Power des Avinox-Motors nutzt, saugt die Batterie zügig leer.
Der DJI Avinox hat nicht nur eine neue Leistungsdimension offenbart, sondern auch die Hersteller dazu gebracht, wieder mehr aufs Gewicht ihrer E-MTBs zu achten. Und das ist gut so! Viel E-Power bei geringem Gewicht, so lautet die gelungene Devise in den meisten Entwicklungsabteilungen. Wunder kann aber auch der aktuelle DJI-Antrieb in Sachen Gewicht nicht vollbringen. Die sehr optimistischen Gewichtsangaben, mit denen einige Hersteller ihre neuen Avinox-Bikes anpreisen, sind durchaus mit Vorsicht zu genießen.

Redakteur CvD