Der Hub Line ist eine sinnvolle und vermutlich preisattraktive Ergänzung des Bosch Portfolios. Er funktioniert solide und bietet eine hohe Spitzenleistung, gute Reichweite und wenig Tretwiderstand, vor allem das ausgereifte Bosch Ökosystem macht ihn attraktiv. Gemessen an den tollen Mittelmotoren von Bosch hätten wir uns bei Fahrgefühl und Geräuschkulisse aber noch mehr versprochen. - Adrian Kaether, Redakteur Test & Technik
Während sich in der Welt der Mittelmotoren die Hersteller mit immer wilderen Leistungsdaten und immer innovativerer Technik - Stichwort Gobao und Avinox eCVT - ein Wettrüsten par excellence liefern, geht ausgerechnet Bosch den umgekehrten Weg.
Wie keine andere Firma stand Bosch eBike Systems lange Synonym für den Mittelmotor. Jetzt ergänzen die Schwaben ihre Produktpalette erstmals um einen Motor in der Hinterradnabe, den Hub Line. Warum? Das wird natürlich so genau nicht verraten. Unsere Vermutung: Nabenmotoren sind eben an bestimmten Rädern doch gefragt. Sie fallen optisch wenig auf und sind leichter zu integrieren und vermutlich auch günstiger als zum Beispiel Boschs sportiver Light Motor Performance Line SX (hier im Test).
Typisch Nabenmotor: Der Bosch Hub Line liefert nur ein überschaubares Drehmoment aber eine recht hohe Spitzenleistung. Das Gewicht ist marktüblich und ungefähr auf einem Niveau mit günstigen Nabenmotoren wie den verbreiteten Varianten von Bafang. Edle Nabenmotoren an sportiven Gravelbikes wie der X.20 von Mahle stechen den Bosch bei Gewicht und Drehmoment deutlich aus, bringen dafür aber weniger Spitzenleistung. Hier die Fakten zum Hub Line im Überblick:
Als Teil von Boschs Motorensystem ist auch der Hub Line Nabenmotor voll in die Bosch Welt eingebunden. Das heißt: Prinzipiell funktioniert der Motor mit allen Bosch Akkus und Displays im smarten System. Von der minimalistischen System Controller Mini Remote Lösung bis zum großen Kiox Display.
Über die Bedienteile lässt sich der Motor mit der eBike Flow App verbinden für Navigation, Aktivitäten-Tracking und sogar GPS und Diebstahlschutz. Letzteres braucht aber erstens das zusätzliche Connect Modul und zweitens ein kostenpflichtiges Flow+ Abo für 5 Euro im Monat oder 40 Euro im Jahr. Der Range Extender Powermore 250 (469 Euro) kann ebenfalls mit dem Hub Line Motor kombiniert werden.
Bei den Mittelmotoren ist Bosch trotz des Konkurrenzdrucks durch DJI und Co. in einer Disziplin immer noch ganz vorne mit dabei: Beim Fahrgefühl. Kann man das so auch auf den Hub Line Motor übertragen? Leider nur zum Teil. Grundsätzlich gut ist das schnelle Ansprechen des Motors im Antritt und auch auf Veränderungen im Pedalinput reagiert der Motor ordentlich. Eine deutliche Verzögerung wie bei vielen günstigen Nabenmotoren nahmen wir in der Praxis nicht wahr. Bei ausgeschalteter Unterstützung und über 25 km/h verspricht Bosch ein vollständiges Entkoppeln des Motors und das fühlt sich auch in der Praxis so an.
Allerdings kann auch Boschs Hub Line das generell etwas indirekte Fahrgefühl vieler Nabenmotoren nicht abschütteln. Bei niedriger Unterstützung fällt das noch nicht so stark auf, wer den Auto oder Turbo Modus einlegt, fühlt sich aber eher durch einen starken Rückenwind oder eine unsichtbare Hand angeschoben, als selbst maßgeblich am Vortrieb beteiligt. Das ist bei guten Mittelmotoren auch bei Boschs SX und CX deutlich besser gelöst. Sie binden den Fahrer aktiver ein.
Technisch ist das auch logisch weil der Mittelmotor die Kraft direkt auf die Kette oder den Riemen gibt, während der Heckmotor keine unmittelbare Verbindung zum Antriebsstrang hat. Gut für den Verschleiß von Kette und Riemen, schlecht fürs Fahrgefühl. Wie deutlich man diese Entkopplung beim Hub Line spürt, ist dennoch auffällig. Die hohe Leistung ist dagegen ein klares Plus und stellt sicher, dass dem Hub Line nicht so schnell die Puste ausgeht wie vielen anderen Nabenmotoren. Steile Wege im urbanen Bereich gelingen damit gut, auch wenn die Steigfähigkeit nicht an die eines über eine Kettenschaltung übersetzten Mittelmotors heran reicht.
Auch bei der Reichweite kann der Hub Line punkten, ebenfalls eine traditionelle Stärke von Bosch. Mit unserem zugegeben sehr leichten und schnellen Roadlite:On Testbike von Canyon mit schnellen Gravel Reifen genehmigt sich der Hub Line auf über 50 Kilometern im Stadtbetrieb kaum eine halbe Akkuladung. Das lässt auf mindestens 80, eher 100 Kilometer Reichweite bei mittlerer Unterstützung schließen. Für den kleinen 360er Akku ist das ein exzellenter Wert, zumal das Rad zwar leicht und schnell ist, als Singlespeed dem Motor am Ampelstart aber besonders viel abverlangt.
Das geringe Antriebsgeräusch ist neben der schlanken Optik ein großer Vorteil vieler Nabenmotoren. Leider gehört der Bosch nicht zu dieser attraktiven Flüsterklasse. Der kräftige und offenbar auch effiziente Hub Line säuselt im Betrieb nicht laut aber immer wahrnehmbar, auch bei niedriger Unterstützung. An der 25 km/h Grenze ist das ständige Ein- und Aussteigen des Motors besonders deutlich zu hören und stört das minimalistische Fahrgefühl, auf das viele Urban-Bikes mit Nabenmotoren sonst zielen. Schade: So leise wie der Boschs Top-Motor CX mittlerweile im Fahrbetrieb ist, hätten wir uns hier mehr versprochen.

Redakteur
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.