MTB-Legende Regina Stiefl

Regina Stiefl

  • Björn Scheele
 • Publiziert vor 12 Jahren

Sie gewann den Worldcup und räkelte sich im Playboy: Regina Stiefl war Deutschlands erfolgreichste Mountainbikerin im Downhill.

Die Studiolichter brannten, die Stoppelfrisur saß: Günther Jauch hatte sich extra hübsch gemacht, der Moderator des Aktuellen Sportstudios. Mit blauem Blazer, weißem Hemd und beiger Buntfaltenhose. Jauch holte tief Luft, schaute auf seinen kleinen Spickzettel und sprach in die Kamera. “Die beste deutsche Mountainbikerin ist heute bei uns. Es ist Regina Stiefl. Herzlich willkommen”. Das Publikum klatschte und stampfte auf den Boden des öffentlich-rechtlichen Studios. Dann steuerte Stiefl ihr Bike durch das Spalier der Gäste die Treppen hinunter. Die blonde Mähne wippte bei jeder Stufe – immer stärker, bis ihr der letzte Treppenabsatz den Auftritt versaute. Sie stürzte, schoss Kopfüber in Richtung Kamera. Die beste deutsche Mountainbikerin, zweifache Worldcup-Gewinnerin im Downhill, lag auf dem Studioboden. Regina Stiefl konnte es besser, doch ihr Fernsehauftritt am 23. September 1994 brannte sich in die Köpfe der Zuschauer. Sie rückte das Bike in die deutsche Öffentlichkeit – es wurde der Sport, bei dem man Treppen hinunterfuhr und sich dann ablegte.

Die Downhill-Karriere der Grainauerin begann auf Ski: In der Abfahrt rangierte sie in oberen Platzierungen, bis sie ihre erste Babypause einlegte. Die Sportkarriere schien zu Ende, doch Stiefl schmiedete neue Pläne, suchte nach Herausforderungen. 1987 wechselte sie von der Piste auf den Trail. Regina Stiefl begann Cross- Country-Rennen zu fahren. Aus dem Nichts heraus sammelte sie Sieg für Sieg – nur eine Herzmuskelentzündung und eine Knie-OP konnten sie stoppen. Sie sattelte wieder auf das Abfahrtsgeschäft um – Mountainbike Downhill hieß die neue Leidenschaft. Aus dieser Entscheidung wuchs ein Dauerduell: Regina Stiefl versus Missy Giove. 1993 und 1995 schnappte sich die Deutsche den Worldcup – eine Medaille bei Weltmeisterschaften blieb ihr jedoch verwehrt. Die Deutsche dominierte zusammen mit der Amerikanerin das Renngeschehen.

Vermummt und schnell: Regina Stiefl dominierte Anfang der Neunziger die Downhill-Szene im Mountainbiken.

Wenn sich Regina Stiefl heute ihre überragenden Resultate anschaut, hat sie nur eine Erklärung: “Die Leistungsdichte von damals ist nicht mit der heutigen zu vergleichen.” Es hätte so weitergehen können. 1996 bekam sie ein neues Bike von American Eagle und das Umfeld wurde professioneller. Doch der Erfolg blieb aus, der Sponsor zahlte nicht mehr und die Frustration wuchs. Am Ende des Jahres zog die Mountainbikerin einen Schlussstrich. “Nach dieser verkorksten Saison, da hat es einfach keinen Spaß mehr gemacht. Aber es war auch genug Zeit da, etwas völlig Neues zu machen”, erklärt Stiefl ihren damaligen Entschluss. Es folgte eine Radikalkur. Aus der blonden Dauerwelle raspelte ihr Friseur einen schwarzgefärbten Kurzhaarschnitt. Anstatt auf Bike-Fotos um die Ecke zu preschen, wechselte sie das Hochglanzmagazin: 1998 räkelte sie sich im Playboy. Mit Ricky von Tic Tac Toe teilte sie sich die Nackedei-Seiten der Zeitschrift.

Die beste deutsche Mountainbikerin verschwand so schnell aus der Bike-Szene, wie sie gekommen war. Ihr kurzer Comeback-Versuch 1998 verpuffte mit zweitklassigen Worldcup-Resultaten. 1999 wurde Regina Stiefl in die MTB Hall of Fame aufgenommen. Heute arbeitet die 42-Jährige erfolgreich als Stylistin: “Ein toller Beruf, der mir viel Kreativität abverlangt.” Aber Stiefls Bike-Karriere lebt im Internet weiter. Um die 5/98-Ausgabe des Playboys überschlagen sich die Gebote bei Ebay. Und wer will, kann Regina Stiefl im Aktuellen Sportstudio wieder stürzen sehen – auf Youtube . Aber bitte ohne zu lachen.

Themen: Hall of FameLegendePortraitRegina StieflWorldcup


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