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Hausbesuch bei Trickstuff in Freiburg

Ewig bremst am längsten

  • Andreas Kern
 • Publiziert vor 2 Monaten

Hausbesuch bei Trickstuff. Klaus Liedler und seine Mitarbeiter bauen nicht nur die leichtesten und stärksten Stopper der Welt, sondern auch die nachhaltigsten.

Biken an sich ist umweltfreundlich. Doch wie sieht es mit der Herstellung oder bei der Wiederverwertung von Mountainbikes und Zubehör aus? Um uns als Magazin dem Thema Nachhaltigkeit anzunehmen, haben wir die RIDE-GREEN-Kampagne ins Leben gerufen. Gemeinsam mit Partnern aus der Industrie versuchen wir, ein möglichst nachhaltiges Mountainbike zu bauen. Beim Thema Bremsen führt kein Weg an Trickstuff vorbei. Die Freiburger unterstützen unser Projekt mit einer federleichten Piccola Carbon. Beim Hausbesuch in Freiburg erfahren wir, weshalb Trickstuff-Chef Klaus Liedler trotz aller ökologischer Bemühungen bei der Bremsenproduktion in einem Dilemma steckt.

Wie auf einem Altar liegen die Einzelteile der Piccola ausgebreitet auf einer klinisch reinen Arbeitsfläche. Fein säuberlich angerichtet, wie es sich für kehrwochenerprobte Badener gehört. Klaus Liedler, Chef von Trickstuff in Freiburg, ist sichtlich stolz auf sein kleines Heiligtum. Besser: auf das, was sein Kollege Jan Borghoff da in der nächsten Stunde aus den 66 Einzelteilen entstehen lassen wird: die leichteste hydraulische Scheibenbremse der Welt. Ein filigranes Wunderwerk. 158 Gramm. Bärenstark. Gebaut für die Ewigkeit.

Ride Green: Trickstuff - die wohl härtesten Bremsen der Welt

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Was erst mal nach purem Marketing-Versprechen klingt, lässt sich im Falle von Trickstuff mit Fakten belegen. Für die Lang­lebigkeit zum Beispiel sprechen die hochwertigen Bauteile und die extrem penible Verarbeitung. Die Frästeile entstehen aus Flugzeugaluminium der höchsten Festigkeitsklasse. Gefertigt werden sie mit den geringstmöglichen Toleranzen. Der Hebel ist spiel-, reibungs- und verschleißfrei mit vier austauschbaren Kugellagern gelagert. Die Edelstahlkolben können weder verkanten noch brechen. Diese Bremse ist unkaputtbar, alles andere als Einweg. 900 Euro muss man für so ein Wunderwerk der Technik hinlegen. Und dennoch stehen Kunden, die sich für eine Bremse von Trickstuff entscheiden, auf einer langen Warteliste. Es scheint so, als hätte dieses Geschäftsmodell Erfolg.

Neu kaufen statt reparieren – während sich diese Mentalität mehr und mehr in der Gesellschaft etabliert, geht Trickstuff einen ganz eigenen Weg. Denn, wer sich eine Trickstuff-Bremse leistet, der lacht noch Jahre später über die Tränen, die ihm einst der Anschaffungspreis in die Augen gedrückt hat. „Bei uns bekommst du jedes Ersatzteil, auch wenn deine Bremse 20 Jahre alt ist“, sagt Liedler und zeigt auf die gelben Schütten mit tausenden winzigen Schräubchen, Dichtungen und Seegerringen. Wie zum Beweis kramt Kollege Mo Duscheleit eine Bremse, massiv wie ein Wurfanker, aus einer Holzbox. „Die hier ist gut über 15 Jahre alt, haben wir eben repariert, jetzt ist sie wie neu.“

Andreas Kern Trickstuff-Firmenchef Klaus Liedler

Wie die drei Clegs von Dirtjumper Rob J Heran. Die Cleg wurde vom ehemaligen BIKE-Mitarbeiter Christopher Hug Anfang der Zweitausender Jahre entwickelt. Die Urmutter aller Trickstuff-Stopper. Heran bekam damals von Hug drei Prototypen zum Testen. Die hat er heute noch. „Die sind so gut, die schmeiße ich doch nicht weg!“, sagt der Mann, den jeder nur als Rob J kennt. Erst kürzlich haben die Trickstuff-Jungs die alten Dinger von ihrer Staubschicht befreit, ihnen neue Dichtungen und neues Öl spendiert. „Jetzt bremsen sie wieder wie am ersten Tag!“, freut sich der Münchner Bike-Profi. Dass die Trickstuff-Bremsen so lange halten, wird von ihren Besitzern extrem geschätzt. „Kaum eine unserer Bremsen bleibt am Bike, wenn es verkauft wird. Sie wandert so gut wie immer ans neue Rad“, sagt Liedler. „Selbst unsere Profi-Downhiller Mick und Tracey Hannah oder die Athertons fahren mit drei Jahre alten Bremsen.“ Nachhaltigkeit à la Liedler ist, was ein Biker-Leben lang hält. Oder eben länger.

Für Klaus Liedler waren Umweltschutz und Nachhaltigkeit schon immer mehr als ein hippes PR-Rauschen. Die Trickstuffler kommen allesamt mit dem Rad zur Arbeit. Liedler mit einem Cannondale. Seine Gazelle hängt inzwischen im „Wohnzimmer“ im eben neu bezogenen Firmengebäude im Süden Freiburgs. Bunt beklebte Trickstuff-Firmenwagen? Fehlanzeige. „Wir machen Car-Sharing – in Freiburg nennt sich das Grüne Flotte.“ Den Littfass-Benz als Statussymbol? „Braucht bei uns keiner,“ sagt Liedler.

„Ich wurde ganz einfach zum Umweltschutz erzogen“, erzählt er stattdessen. „Meine Mutter, eine echte Schwarzwälderin, war sparsam und hat mich Respekt vor der Natur gelehrt. Ich habe die erste und die zweite Ölkrise und das Waldsterben Mitte der achtziger Jahre erlebt. Das prägt.“ Später wurde Liedler Wirtschaftsingenieur, war im Bereich Technik-Dokumentation und Technik-Werbung unterwegs – und immer schon ein angefressener Radsportler. Heute gibt es wohl keine Handvoll Menschen in Deutschland, die sich mit Bremsen so gut auskennen, wie er. Klaus Liedler ist ein wandelndes Lexikon und kennt jedes Modell der letzten 20 Jahre in- und auswendig.

Kurze Geschichtsstunde: Michael Habighorst gründete Trickstuff 2004 und beglückte die Bike-Welt mit durchdachten, federleichten und sexy Kleinteilen. Als Habighorst 2009 seine Firma verkaufen wollte, übernahm Liedler. „Weil mich die völlig neue Tätigkeit reizte und herausforderte.“ 2009 hatte er einen Angestellten. Heute sind es 27. Und wer Trickstuff sagt, meint die mit den Bremsen. „Erste Prio: Funktion und Zuverlässigkeit. Zweite erste Prio: Nachhaltigkeit“, so das Mantra vom Chef.

Andreas Kern Made in Germany: Die Piccola ist sündhaft teuer, aber eine Investition in die Zukunft. Und eine Augen- & Handschmeichlerin.

Aber zurück zur entscheidenden Frage: Warum soll man 900 Euro investieren, wenn es doch funktionierende Konkurrenzprodukte für die Hälfte des Preises gibt?

Klar ist eine Trickstuff-Bremse sauteuer. Doch berücksichtigt man die extrem lange Nutzungsdauer, die Zuverlässigkeit und die Reparaturfähigkeit, dann relativiert sich der hohe Anschaffungspreis. Und schließlich werden die Bremsen extrem aufwändig und nur in kleiner Stückzahl gefertigt, größtenteils hier in Deutschland. Die Frästeile aus 7075er-Alu kommen von Partnern im Schwarzwald und in Bayern. Die Carbon-Hebel sind Made in München. Die kurzen Wege verbessern auch die CO²-Bilanz. Schnell wird klar, dass jedes Exemplar etwas Besonderes ist. „Wir streben dieses Jahr 3000 Bremsen-Sets an. Fünfzehn Prozent werden an Profi- und Elite-Rennsportler verkauft“, verrät Liedler. „Wir wollen, dass jede Bremse von einem Mechaniker zusammengeschraubt wird und nicht von jemandem, dem es herzlich egal ist, ob er einen Kühlschrank oder eine Bremse zusammenspaxt“, fährt der Firmenchef fort. Statt Fließbandfertigung gibt’s in Pfaffenweiler Qualitätskontrollen nach jedem Arbeitsschritt. Und in der Mittagspause Eis am Stiel für alle.

Auch bei den Produktionsabfällen nimmt Trickstuff eine Vorreiterrolle ein. „Bei der manuellen Montage hier bei uns entstehen erst gar keine Abfälle“, sagt Liedler. „Abfall bei der spanabhebenden Fertigung minimieren die Betriebe schon aus Kostengründen. Verbleibende Späne werden recycelt. Beim Versand der Frästeile vom Fertiger, Eloxierer oder Laser-Beschrifter werden wiederverwendbare Pendelverpackungen eingesetzt. Die Bremsen verschicken wir nicht in Plastik, sondern in Holzkisten an unsere Kunden.“ Aber natürlich ist auch bei Trickstuff noch Luft nach oben. Die Scheiben und Beläge kommen immer noch aus Fernost. Hier sticht die Qualität die Nachhaltigkeit leider aus. „Derartig hochwertige Produkte sind in Europa aktuell schlicht nicht erhältlich. Dennoch wollen wir eines Tages sagen können: Alles Made in Europe!“ Bei der Bremsflüssigkeit setzt Trickstuff schon seit Längerem auf Pflanzenöl von Danico Biotech ( >> zum RIDE-GREEN-Hausbesuch ). „Damit könnte ich auch meinen Salat anmachen“, schmunzelt Liedler. „Der würde nur nicht so gut schmecken wie mit kaltgepresstem Olivenöl.“

Und was ist mit dem Abrieb von Bremsbelägen? Ist der nicht hochgradig giftig und schädigt die Natur? „Vor Jahrzehnten gab es eine berechtigte Asbest-Diskussion. In heutigen Bremsbelägen sind diese Stoffe tabu – genauso wie Kupfer und Blei“, kommentiert der Trickstuff-Chef. „Ich kenne keine Untersuchung, die eine signifikante und relevante Umweltgefährdung durch Bremsbelagsstaub im Wald aufzeigen würde.“

Am Ende stecken aber selbst die badischen Tüftler in der ökologischen Zwickmühle. Thema Eloxieren. Bei Frästeilen ist diese Behandlung der Kernpunkt ihrer Haltbarkeit. „Ohne Eloxieren könnten wir weniger schädlich produzieren – müssten das Teil aber mit Sicherheit in ein paar Jahren erneuern. Ein Dilemma, das wir heute noch nicht lösen können“, gesteht der Trickstuff-Chef und hebt mit einem kaum hörbaren Seufzen die Piccola vom Tisch, die sein Kollege Jan Borghoff gerade aus ihren 66 Einzelteilen entstehen lassen hat. Liedler ist gerade mal ein Jahr jünger. Doch sein Ziel, eine vollständig ökologische Bremse zu fertigen, das will er auf jeden Fall noch im Lauf seines Berufslebens miterleben können.

Neben Trickstuff nehmen auch Syntace (siehe BIKE 8/21), Danico Biotech , Canyon , Schwalbe und Sram an unserer RIDE-GREEN-Kampagne teil. In der BIKE-Ausgabe BIKE 11/2021 checken wir bei einem Hausbesuch, wie Schwalbe versucht, möglichst umweltfreundlich Reifen und Schläuche zu produzieren.

Gehört zur Artikelstrecke:

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