Exklusiv-Interview: Mathieu van der Poel

Mathieu van der Poel: "Ich bin kein Grübler."

  • Laurin Lehner
 • Publiziert vor 5 Monaten

Die Coronakrise hat auch den Master-Plan von Ausnahmetalent Mathieu van der Poel (25) durchkreuzt. Im Exklusiv-Interview spricht er über den geplatzten Traum vom Olympia-Gold und seine Zukunftspläne.

Das Ausnahmetalent Mathieu van der Poel (25) hatte sich 2020 viel vorgenommen. Doch die Coronakrise hat seinen Master-Plan durchkreuzt. Im Exklusiv-Interview spricht er über den geplatzten Traum vom Olympia-Gold und seine Zukunftspläne.

„Ich habe Respekt vor meinen Konkurrenten. Nino Schurter war der härteste Brocken. Ich habe lange gebraucht, bis ich ihn besiegt habe.“ Mathieu van der Poel

Geschafft: Mathieu van der Poel holt 2019 in Nové Město seinen ersten XCO Weltcupsieg – mit einem Vorsprung von 19 Sekunden vor dem Zweitplatzierten Nino Schurter.


BIKE: Mathieu, Du sitzt aktuell zu Hause in Belgien fest, auch dort gibt es Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen wegen der Coronapandemie. Hast Du bereits den Lagerkoller?

MATHIEU VAN DER POEL: Nein, überhaupt nicht. Ich wohne auf dem Land, kann also entspannt biken. Trotzdem ist die Situation nicht einfach. Ich bereite mich schon so lange auf diese Saison vor. Ich wollte alles geben, bei der Weltmeisterschaft und bei der Olympiade. Jetzt sitze ich hier zu Hause, und meine großen Ziele lösen sich in Luft auf. Die dumme Sache ist: Man kann selbst nichts dagegen tun.


Siehst Du auch etwas Positives an der aktuellen Situation? Endlich mal Zeit, statt strikter Terminplan?

Ich mag mein eng getaktetes Leben. Ich liebe es, an Rennen teilzunehmen und zu wissen, schon am nächstes Wochenende muss ich wieder fit sein. Doch ja, so einfach mal zu Hause zu sein und Zeit mit der Freundin zu verbringen, ist auch schön. Das war’s dann aber schon mit den Vorteilen der aktuellen Situation.


Zu viel Zeit kann einen auch zum Grübeln bringen. Bist Du ein Mensch, der viel in Frage stellt oder zweifelt?

Null, ich bin kein Grübler. Zum Glück. Meine Rennkarriere gibt mir den Halt, den ich brauche. Zudem bin ich noch zu jung und zielstrebig, um irgendwelche Dinge in Frage zu stellen. Ich glaube, das betrifft eher Sportler, die den Biss verloren haben.


Olympia verschoben, der Worldcup und die Weltmeisterschaft in der Schwebe. Worauf bereitest Du Dich jetzt eigentlich vor?

Ich versuche, fit zu bleiben und Spaß zu haben. Denn es ist wie Du sagst: Ich weiß nicht, worauf ich mich konkret vorbereiten soll. Ich stehe um 7:30 Uhr auf, frühstücke und lege dann direkt mit meinem Training los. Das zieht sich. Nachmittags spiele ich Videospiele oder gucke Netflix-Serien, aktuell gerade Haus des Geldes – super spannend.


Aus sicheren Quellen wissen wir, dass Du ziemlich lange auf dem Hinterrad fahren kannst. Stimmt das?

(Lacht). Ja, so lange, bis ich einen Krampf in den Armen bekomme. Vielleicht fünf Minuten lang.


Gibt es andere Freestyle-Manöver, die Dich reizen?

Klar, ein schöner Whip zum Beispiel. Ich glaube, solche Freestyle-Manöver machen nicht nur Spaß, sondern machen den Sport attraktiver. Schau’ Dir Nino Schurters Whip an, die Leute lieben solche Stunts. Es gibt da noch einen anderen Fahrer, ich glaube in der U23, er streckt während der Sprünge die Hände nach hinten. So einen No-Hander würde ich auch gerne können.


Aha, Dir gefällt also Ninos Whip.

Er kann sich definitiv sehen lassen, doch es geht noch besser. So ein No-Hander ist noch cooler.


Bist Du jemand, der über WhatsApp mit anderen Mountainbike-Profis textet? Beispielsweise mit Nino über die aktuelle Situation?

Nein, das juckt mich nicht. Ich komme zwar mit den meisten Fahrern klar, doch ich würde niemanden als Freund bezeichnen. Ich glaube, das ist ohnehin schwer – zumindest unter den Top-10-Fahrern. Jeder kämpft für sich, das verlangt Abstand.


Weil die meisten wichtigen Rennen abgesagt wurden, hast Du angekündigt, bei der Tour de France starten zu wollen. Hast Du die Mountainbike-Saison bereits abgehakt?

Olympia ist verschoben, und ob die Weltmeisterschaft stattfindet, ist auch fraglich. Gold bei Olympia und das Regenbogen-Jersey waren mein großes Ziel. Jetzt brauche ich ein Neues. Die Idee mit der Tour de France kam eher aus der Not heraus. Es ist das einzige wichtige Rennen, das noch nicht abgesagt wurde (Stand 16. April / Anm. d. Red.). Die ideale Möglichkeit für meine Premiere bei der Tour de France. Mein Team und ich stehen in Kontakt mit der Orga, doch noch ist alles in der Schwebe.


Olympia findet nun 2021 statt. Verschiebst Du Deine MTB-Ziele um ein Jahr, oder startest Du nächstes Jahr nur noch auf dem Cyclocross- und Rennrad, wie Du ursprünglich geplant hast?

Ich wünschte, ich könnte Euch das sagen. Doch aktuell weiß ich einfach zu wenig. Wann ist die Krise zu Ende? Welche Rennen finden unter welchen Bedingungen statt? Da schwebt überall ein großes Fragezeichen drüber. Sobald ich mehr weiß, will ich mit meinem Team einen neuen Plan schmieden.


Manche behaupten, dass Du im Mountainbiken nur Titel sammeln willst und Dich dann wieder voll auf die Straße fokussierst?

Vielleicht war das so mal der Plan. Mittlerweile ist mir die Disziplin Mountainbike ans Herz gewachsen.


Mountainbiken ist doch viel geiler.

(Lacht). Mountainbiken hat definitiv seinen Reiz, auch weil es so abwechslungsreich ist.

"Letztes Jahr habe ich die vielleicht schwerste Entscheidung treffen müssen: XCO-WM oder Straßen-WM. Ich wählte zweiteres und kam mit nichts nach hause. Manchmal hadere ich noch mit der Entscheidung." Mathieu van der Poel


Hardcore-Mountainbiker sagen, Rennradfahrer hätten einen Stock im Arsch. Ist da ein Fünkchen Wahrheit dran?

Finde ich gar nicht. Auch hier gibt es lockere, nette Typen. Vielleicht scheint es so, weil bei Straßenrennen die Fahrer sich eher im Kreis ihres Teams bewegen. Mountainbiker sind Individualisten und erscheinen vielleicht nur lockerer.

Quarantäneprogramm: strampeln auf der Rolle im eigenem Garten.


Du hast in einem Interview gesagt, Dein Plan für Deine MTB-Ziele 2020 haben vier Jahre Vorbereitung gekostet. Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Ich musste erst mal UCI-Punkte sammeln, um mich in eine gute Startposition zu bringen. Da sind die Regeln knallhart. Die Shorttrack-Disziplin hat mir in die Karten gespielt, da konnte ich schnell gute Resultate einfahren und damit auch Punkte. Außerdem musste ich meine Mountainbike-Fähigkeiten ausbauen. Seit letztem Jahr gewinne ich auch Rennen, das hilft mir mental. Wer sich Gold bei der Olympiade als Ziel setzt, braucht gute Argumente.


Du giltst als Meisterstratege. Deine Ansage, Olympia und die WM gewinnen zu wollen, wirkt eher großkotzig. Das erzeugt doch nur unnötig Druck.

Ich mache das bewusst. Ich setze mir gerne hohe Ziele. Der Druck, den ich selbst erzeuge, ist ohnehin höher als der von außen. Zudem erwarten die Leute um mich herum schon mein ganzes Leben lang Leistung von mir. Ich kenne das. Das ist eine Sache des Selbstvertrauens. Wenn du nicht selbst dran glaubst, dann mag so eine Aussage kontraproduktiv sein. In meinem Fall nicht.


Viele Sportler setzen auf Mental-Trainer. Du auch?

Nein, doch ich halte es nicht grundsätzlich für Quatsch. Würde ich ein Defizit spüren, dann hätte ich kein Problem damit, mir Hilfe zu holen. Doch ich habe mein Team und meine Familie, das reicht. Außerdem bin ich kein Typ, der viel quatschen muss. Ich mache das mit mir selbst aus.


Du strotzt vor Selbstbewusstsein. Gibt es auch Situationen, in denen ein van der Poel unsicher ist?

(Pause) Nein, da fällt mir keine ein.


Es muss doch Dinge geben, die Du so gar nicht kannst?

Ich bin ein schlechter Sänger, und tanzen kann ich auch nicht. Ich habe einfach kein Taktgefühl.

Schnellschüsse – Mathieu van der Poel


Bester Sport neben dem Radsport: Enduro (Motorrad)


Größter Traum: in MTB, Straße und Cyclocross Weltmeister werden.


Welcher Moment hat Dir das letzte Mal Angst gemacht: Als ich mit meiner Freundin zusammengezogen bin.


Mit welcher Angewohnheit solltest Du aufhören: Fingernägel kauen.


Dein Lieblingsmotto: Du musst es so arg wollen wie den nächsten Atemzug.


Mit wem würdest Du gerne für einen Monat tauschen: Christiano Ronaldo


Was macht Dich aggressiv: Wenn ich bei Fortnite verliere (Computerspiel).


Was verpasst im Leben bisher?: Ich hätte gerne mehr Zeit mit Familie, Freundin und Freunden verbracht.

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